„Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

„Im Sommer 1948 starb mein Bruder Davy bei einem Unfall, für den ein Mann verantwortlich war, der lieber sein eigenes Leben geopfert hätte, als diesen zu verursachen.“

Es gibt Bücher, die man liest um zu erfahren, was passieren wird. Andere Bücher zwingen ihren Leser, alle Seiten zu inhalieren, um herauszufinden, wie etwas passiert ist. Die Perspektive ist entscheidend und Romane, die sich rückläufig entwickeln, haben einen eigenen literarischen Reiz, wie eine Retrograde Uhr, die entgegengesetzt dem Uhrzeigersinn läuft. Ich bezeichne solche Romane gerne als „Countdown-Stories“, da man ihr großes Geheimnis erst erfährt, wenn der Erzähler an einem Punkt weit in der Vergangenheit angelangt ist.

Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner, erschienen im DuMont Buchverlag, ist eine solche „Countdown-Story“, also eine Geschichte, in die man eintaucht, um zu erfahren, wie Davy Leibritzky starb, was zu seinem Unfall führte, und wie das Leben der Menschen verlaufen ist, die seither ohne Davy leben müssen. Fünfzig Jahre zählen wir auf dem Uhrwerk der Geschichte zurück, um letztlich den Juli 1948 zu erreichen, an dem die Geschichte einer Familie in zwei Teile gerissen wird.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Den Teil eines Lebens mit Davy und denjenigen eines Lebens nach seinem Tod. Seine Schwester Molly war 12, als Davy ums Leben kam. Sterben mit 8 Jahren heißt, ein ganzes Leben nicht leben zu dürfen. Der Tod eines Kindes reißt Wunden im Leben seiner Eltern, Geschwister und weiterer Verwandter, die niemals ganz heilen. Narben bleiben zurück. Narben, die bei jedem Stimmungsumschwung spürbar sind und an den Verlust eines geliebten Menschen erinnern.

Sich für Molly als Ich-Erzählerin zu entscheiden ist ein gewagter Schritt im ersten Roman von Elizabeth Poliner. Einerseits muss man der 12-jährigen Molly zutrauen, die Geschehnisse des Jahres 1948 präzise beobachtet zu haben, und andererseits musste es gelingen, dass der späteren Molly mit über sechzig Jahren der allwissende Rückblick aus der Sicht aller Beteiligten gelingt, um die Szenerie nicht eindimensional werden zu lassen.

Genau diese Gratwanderung zeichnet den Roman aus. Molly ist die stille und eher beobachtende Heranwachsende in einer Welt, in der sich alles um Themen dreht, die sie im eigentlichen Sinn noch nicht berühren. Wie von einem Dickicht beschützt, wirft sie die ersten Blicke auf Eifersucht, Untreue, Liebe, Freundschaft und Erfolgsdruck in den beruflichen Karrieren ihrer Verwandten. Dieser Sommer im Jahr 1948 hat Molly die Kindheit geraubt und sie mit einer sensiblen Wahrnehmung ausgestattet, die ihr diesen Rückblick auf die Geschichte ihrer Familie erst so richtig ermöglicht.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Und diese Geschichte hat es in sich. Molly Leibritzky scheint in einem Familienalbum zu blättern, so plastisch stehen ihr die Menschen vor Augen, die über Generationen hin das Leben der Leibritzkys in die Bahn gelenkt haben, auf der auch das Mollys Leben zu verlaufen scheint. Es ist eine große jüdische Familiengeschichte, die weit ausholt und in Zeitsprüngen verdeutlicht, wie sich Handlungen und Entscheidungen von einst auf das heutige Leben auswirken.

Molly weiß viel zu erzählen. Sie trägt das kollektive Gedächtnis dieser Familie im Blut und steht dabei doch nur erzählend im Mittelpunkt der Ereignisse. Hier trägt der Titel des Romans, der einem jüdischen Gebet entlehnt ist. Er steht als Synonym für alles, was wir aus der Erinnerung einer Frau erfahren, die im Rückblick einen Stammbaum über drei Generationen entstehen lässt.

„Du bist so nah, wie der Atem in uns.
Und doch so fern, wie der fernste Stern.“

Im Zentrum der Geschichte stehen drei Schwestern, die sinnbildlich für das fragile Gefüge der gesamten Familie stehen. Einer Familie, die aufgrund ihres Glaubens auch im Jahr 1948 noch ziemlich isoliert in der amerikanischen Gesellschaft auf sich selbst vertrauen muss, um zu überleben. Die Berichte über den Holocaust haben nicht dazu geführt, dass amerikanische Juden besser integriert sind. Sie leben, arbeiten, heiraten, beten und erziehen ihre Kinder in ihrer eigenen geschlossenen Welt.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Die Grenzen sind nicht fließend. Sie sind von Tradition und Glauben bestimmt. In diesen Grenzen bewegen sich Ada, Mollys Mutter, und ihre Schwestern Ivie und Bec, wie in einem Vakuum. Der Rhythmus des jüdischen Lebens gibt den Takt vor und die Rollen sind klar verteilt. Der kleine Wohlstand erlaubt es der Großfamilie, sich einmal im Jahr mit Kind und Kegel in einem Sommerhaus am Meer zu versammeln. Wäre da nicht ein alter Konflikt, der seit Jahren zwischen den Schwestern schwelt, man könnte diese Zeit als Idylle bezeichnen.

Adas Leben jedoch beruht auf einer Ehe, die erst möglich wurde durch Betrug an ihrer Schwester Ivie. Ein Betrug, der 1948 die ganze Familie überschattet und sich auch auf die Kinder übertragen hat. Hassliebe regiert. Das Katz- und Mausspiel beherrscht den Alltag. Die vorgespielte Harmonie ist brüchig und eine kleine Unwucht ist in der Lage, die scheinbare Harmonie implodieren zu lassen. Denn hätte nicht Ada ihrer Schwester Ivie den Freund ausgespannt und geheiratet, alles wäre wohl anders gekommen. Ivie hätte nicht Zuflucht in einer „Besser-den-als-keinen-Beziehung“ suchen müssen und Adas Kinder würden sie nicht täglich an dieses Drama erinnern.

Natürlich ist Davy der jüngste Sohn von Ada und natürlich ist sein Tod ein Schlag des Schicksals. Genugtuung für Ivie. Der Beweis, dass man Glück nicht stehlen sollte. Der Tod des Jungen wird zur Zerreißprobe. Im Auge des Orkans beobachtet Molly, wie die Fäden zu reißen beginnen, die alles verbinden sollten. Jeder gerät in den Mahlstrom der Gefühle. Die drei Schwestern selbst, ihre Kinder und Ehemänner. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Fünfzig Jahre später ist Mollys Rückblick auf diesen Sommer wie ein Spaziergang durch ein Minenfeld der verletzten Gefühle.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner ist kein tempogeladener Roman für mal eben zwischendurch. Dieser Erzählraum gleicht einem Fluss, der sich durch die Leben seiner Protagonisten mäandert. Hier ist kein Raum für Knalleffekte. Die Wirkung des Romans entsteht durch das Wissen, dass alles Glück nur unter Vorbehalt steht und sich jede Entscheidung von heute auf das Leben von morgen auswirken kann. Der Kosmos aus Religion, Menschen und Gesellschaft wird hier zu einem Familienbild verdichtet, auf dem wir als Leser hinter den lächelnden Menschen die traurige Wahrheit erkennen.

Dieser Roman ist wie das wahre Leben. Er hetzt nicht von Höhepunkt zu Höhepunkt, er benötigt keine Cliffhanger, keinen künstlichen Spannungsbogen. Elizabeth Poliner investiert viel in die Charakterzeichnung ihrer Romanfiguren. Sie wirken plastisch und selbst die kleinste „Nebenrolle“ wird von ihr ausgefeilt präsentiert. Wer das Gefühl hat, die Handlung käme nur sehr träge in Schwung, der sollte sich 422 Seiten Zeit nehmen und dem Roman die Chance geben, sein Familienpanorama zu entwerfen.

Wer den Film Aus der Mitte entspringt ein Fluss kennt, weiß was ihn hier erwartet. Dieser Roman ist aus meiner Sicht jedoch nicht verfilmbar, jedenfalls nicht als klassisch verkürztes Kinoformat. Er würde Stoff genug für eine Serie bieten, die in ihren Episoden das Leben der Leibritzkys in aller Tiefe beleuchten könnte. Mir ging das Buch nah. So nah, wie der Atem in uns, denn in jedem von uns schlummert eine Familiengeschichte, die für unser heutiges Leben prägend ist.

Zu den Leuchttürmen meines Lesens!

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

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2 Gedanken zu „„Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner

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