„Siddhartha“ oder Wie ich Hermann Hesse neu entdeckte

Siddhartha von Hermann Hesse

Siddhartha von Hermann Hesse

„Nein, meinen Hesse les` ich nicht…
ich lese meinen Hesse nicht…!“

Frei nach dem Struwwelpeter hatte sich meine Sichtweise zu Hermann Hesse im Deutsch Leistungskurs vor gefühlten hundert Jahren manifestiert. Daran habe ich bis heute festgehalten. Allzu dominant war die Lehrmeinung meiner Pädagogen und die Deutungshoheit zu den großen klassischen Romanen lag ausschließlich in den Händen meiner Lehrer. Eigene Ansichten oder gar Interpretationen wurden vom Lehrplan schon im Keim erstickt und mein eigenes freies Lesen begann eigentlich erst lange, nachdem diese Schulzeit nicht mehr auf meine Bücher ausstrahlte, die mich durch mein Leben begleiten sollten.

Dieses Schicksal teilte der Literatur-Nobelpreisträger mit vielen seiner Kollegen. Günter Grass, Friedrich Schiller oder Thomas Mann hinterließen in dieser Zeit nur Spuren, die von Fremdbestimmung und Notendruck gekennzeichnet waren. Dabei lag es mir noch nie, meine Meinung bewerten, oder zensieren zu lassen. Meine Lesefreude unterlag zu vielen unberechenbaren Einflüssen von außen, und so unterschied sich die Literatur gar nicht mehr so sehr von Mathematik. Reines Formeldenken überlagerte die Bewunderung und das Staunen. Ich habe mich lange Zeit nicht von diesem literarischen Trauma erholt.

Siddhartha von Hermann Hesse

Siddhartha von Hermann Hesse

Als ich dann zu meinem Lesen fand, orientierte es sich nach vorne. Klassiker und längst erschienene Werke blieben unerlesen. Mein Fokus brannte für die neuen Bücher meines Lebens. Und da Günter Grass noch mehr als aktiv war, gehörte er zu den ganz wenigen Autoren, denen ich seit der Schule aus dem Weg ging, der mich mit seinem aktuellen Schreiben zurückeroberte. Hermann Hesse geriet in Vergessenheit. Für mich jedenfalls. Ich habe ihn seit der „Steppenwolf“-Pflichtlektüre nicht wiederentdeckt bis heute.

Beim Nicht-Lesen bin ich sehr konsequent! Würde ich es aber auch bleiben, wenn man versuchen würde, mich hörend zu verführen? Könnte ein Hörbuch jetzt ein Zugang für mich sein, eine längst verschlossene Tür erneut zu öffnen? Ich war skeptisch, als die Hörspielfassung von Hermann Hesses Siddhartha (Der Hörverlag) überraschend an das Tor meiner kleinen literarischen Sternwarte klopfte. Mein Lesen ist strukturiert in diesen Tagen, sehr ziegelrichtet und handverlesen ausgewählt. Und doch klingelten die Namen der Sprecher in meinen Ohren und ich wagte einen Hörversuch.

„Weich ist stärker als hart, Wasser stärker als Fels, Liebe stärker als Gewalt.“

Siddhartha von Hermann Hesse

Siddhartha von Hermann Hesse

Iris Berben, Ulrich Noethen, Hans-Michael Rehberg und viele weitere Sprecher ein Orchester und die wertige Aufmachung der vierstündige Hörbuch-Fassung hatten mich schnell in ihrem Griff. Ich hörte. Ich hörte aufmerksam. Ich hörte unentwegt. Verlorenes Staunen kam zurück und die Faszination für eine Erzählung, die eher einem indischen Schriftsteller zuzuordnen wäre, ließ mich wie in einer Oase entspannen. Zuerst war ich der Meinung, dass Iris Berben mir statt Siddhartha auch ein Kochbuch vorlesen könnte. So kraftvoll und verträumt interpretiert sie ihre Rolle als Erzählerin. Dann erschloss sich mir zusehends (oder zuhörends) der tiefe Inhalt dieses außergewöhnlichen Textes.

„Wertlos, so schien es ihm, wertlos und sinnlos hatte er sein Leben dahingeführt, nichts Lebendiges, nichts irgendwie Köstliches oder Behaltenswertes war ihm in Händen geblieben. Allein stand er und leer, wie ein Schiffbrüchiger am Ufer.“

Eigentlich habe ich es bei Siddhartha mit einer indischen Variante eines Coming- of-Age Romans zu tun. Sechshundert Jahre vor Christi Geburt angesiedelt, scheint Hermann Hesse mit seiner Erzählung auf Werte und Ideale hinführen zu wollen, die der Jugend seiner Zeit so unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg verlorengegangen zu sein schienen. Er konfrontiert uns mit dem jungen Brahmanen Siddhartha, der sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens begibt. Der Hinduismus in seinem Kastensystem ist hier ein wundervolles Bild für die hierarchische Struktur einer auf religiösen Grundfesten ruhenden Gesellschaft.

Siddhartha von Hermann Hesse

Siddhartha von Hermann Hesse

Rollenverständnis ist vorausgesetzt und ein Ausbruch aus der eigenen Kaste ist nicht vorgesehen. Als Siddhartha an der Seite seines besten Freundes Gowinda, von Zweifeln über ihren richtigen Weg geplagt, nach individuellen Zielen sucht, erntet er nur Unverständnis und findet wenig Unterstützung im religiösen Elternhaus. Der Weg der beiden Freunde führt sie zu Asketen, Bettlern und zu Buddha, der das Erwachen selbst erlebt hat und Schüler um sich schart. Siddhartha hört diesen Lehren zu, vergleicht sie, wägt ab und wendet sich ab, weil keine dieser Lehren ihn restlos überzeugt.

„Wissen kann man mitteilen, Weisheit aber nicht. Man kann sie finden, man kann sie leben, man kann von ihr getragen werden, man kann mit ihr Wunder tun, aber sagen und lehren kann man sie nicht.“

Die Wege Siddharthas und Gowindas trennen sich. Ihre Suche nach Erleuchtung ist keine gemeinsame Suche mehr. Allzu unterschiedlich sind die Erwartungen der beiden Freunde. Als Siddhartha der jungen Kurtisane Kamala begegnet, verändert sich seine Wahrnehmung für die Welt durch die Macht der Liebe. Hermann Hesse schließt die von ihm beschriebenen Kreise und entwirft ein Gleichnis vom wahren Wert der Erkenntnis. Ein Weg, dem man in seinen eigenen Gedanken folgen kann. Eine philosophische Tür zur Welt, die Hesse mit Weisheiten und klugen Diskursen öffnet. Ein erhellendes Werk, das manchmal ein wenig an die heutigen Lebensweisheiten von Paulo Coelho erinnert. Hier jedoch hat Hesse wohl den Weg des großen Wortakrobaten geebnet.

Siddhartha von Hermann Hesse

Siddhartha von Hermann Hesse

Es ist ein absoluter Genuss, die große Hörbuchproduktion Siddhartha erleben zu  dürfen. Atmosphärische Stimmung, punktgenau modulierte Stimmen und Hintergründe, die mehr als lebendig wirken, kleiden diese gelungene Adaption in ein Gewand, das an eine große Theaterinszenierung erinnert. Einzig die Musik ist an manchen Stellen eher gewöhnungsbedürftig, da sie zwar Spannung und kontemplative Elemente transportiert, in sich jedoch oftmals ein wenig unmelodisch daherkommt. Dies jedoch nur an wenigen Stellen der Hörspielfassung und natürlich nur aus meinem ganz subjektives Empfinden.

Abgerundet wird der Hörgenuss durch die fünfte CD dieser Box, in der Heinz-Dieter Sommer der Entstehung von Siddhartha in einem Bonus-Feature auf die Spur geht. Eine alles umfassende Edition, die hier für knapp 25 Euro mehr als fünf Stunden beste Unterhaltung und Information bietet. Meine Annäherung an Hesse ist gelungen. Lesend werde ich mich Siddhartha mit der goldigen Suhrkamp-Ausgabe widmen Und ganz auf mich gestellt bin ich ja auch nicht.

Julia von Ruby`s Cinnamon Dreams begleitet mich pädagogisch und motiviert schon jetzt durch Fleißkärtchen dazu, mich allumfassend mit Hermann Hesse zu beschäftigen. Die TV-Dokumentation zu seinem Leben und Schaffen mit dem Titel Der Weg nach innen war hier schon aufschlussreich. Man wird also noch von uns hören, wenn wir am Ende unsere Hörens erneut ins Lesen aufbrechen und nie wieder sagen werden:

„Nein, meinen Hesse les` ich nicht…
ich lese meinen Hesse nicht…!“

Siddhartha von Hermann Hesse

Siddhartha von Hermann Hesse

Mein Weg mit Hermann Hesse geht weiter: Folgt mir doch in seinen Garten!

Der Garten von Hermann Hesse

Der Garten von Hermann Hesse

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5 Gedanken zu „„Siddhartha“ oder Wie ich Hermann Hesse neu entdeckte

  1. Hermann Hesses Siddhartha habe ich Ende der Fünfzigerjahre gelesen. Durch ihn bin ich auf das wichtigste Werk des chinesischen Zenbuddhismus gestoßen. Hermann Hesse war verwandt und befreundet mit Wilhelm Gundert. Dieser übersetzte aus dem Chinesischen das „Bi-Yän-Lu“ (die Niederschrift von der Smaragdenen Felswand). Die drei Bände haben mich fast ein Jahrzehnt beschäftigt. Ein unerschöpfliches Werk, und für mich eine Quelle tiefsinnigen Humors.

  2. Pingback: ASTROLIBRIUM: Hermann Hesse „Siddhartha“ – Buchhandlung Calliebe

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