Irène Némirovsky – Die Biografie – Ein literarischer Aha-Effekt

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Biografien großer Schriftsteller kommen oft als eher faktisch orientierte Skizzen daher, die es zwar ermöglichen, wichtige Lebensstationen, Daten und Anekdoten des Beschriebenen in den Kontext seines Schaffens zu stellen, ansonsten aber eher blass und wenig konturiert bleiben. Dabei ist es gerade das wahre Leben, das seine tiefen Spuren im Schreiben hinterlässt. Besonders dann, wenn es gilt, das eigene Schaffen wie einen Code im Kampf gegen Unmenschlichkeit zu verwenden.

Irène Némirovsky galt als eine der großen Hoffnungen der europäischen Literatur. Die 1903 in Kiew als Tochter eines jüdischen Bankiers geborene Schriftstellerin wuchs in einem Umfeld auf, das sich nicht gerade durch Nestwärme auszeichnete. Die Eltern hatten andere Interessen, als sich um die Heranwachsende zu kümmern. Der Vater war von seinem Reichtum besessen, ihre Mutter nur davon, das Geld wieder auszugeben. Kindermädchen zogen Iréne groß.

Lebenslang begleitet von antisemitischen Anfeindungen in ihrer Heimat erfolgte die Flucht nach Paris. Die Zwanziger Jahre stellten den Wendepunkt im jungen Leben von Irène Némirovsky dar. Frankreich! Das junge Mädchen, das mit der französischen Sprache aufgewachsen war, französisch dachte und träumte, war endlich am Ziel. Sie begann im Alter von 18 Jahren zu schreiben, heiratete und wurde Mutter zweier Kinder.

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Ihr erster Roman „David Goulder“ machte sie mit einem Schlag bekannt. Es folgteDer Ball, der schon ein Jahr nach seinem Erscheinen im Jahr 1931 verfilmt wurde. Eine traumhafte Karriere zeichnete sich ab. Paris lag ihr zu Füßen und ihr Schreiben erreichte immer neue Höhen. Und doch gelang es ihr niemals, sich vom Status der Staatenlosigkeit zu befreien. Sie blieb die „fremde“ jüdische Schriftstellerin, auch als sie 1939 mit ihren beiden Töchtern zum katholischen Glauben konvertierte.

Es war zu spät. Viel zu spät.

Frankreich war nicht mehr das Land, in dem sie sicher war. Die große Liebe ihres Lebens stand schon an der Schwelle zum Zweiten Weltkrieg und beugte sich bereits dem Druck seiner Besatzer. Begriffe wie Holocaust und Shoa waren noch leere Worte, aber die immer weiter um sich greifende Ausgrenzung jüdischer Künstler vollzog sich nach einem ausgefeilten Plan. Irènes Schreiben veränderte sich. Es wurde gehetzt, sie schien bereits zu ahnen, was bald auf sie und ihre Familie zukommen sollte. Ihre Schrift wurde kleiner, Papiermangel dominierte ihre Arbeit an Manuskripten. Sie war innerlich schon seit der Machtergreifung der Nazis auf der Flucht.

Irène Némirovsky – Die Biografie“ von Olivier Philipponnat, erschienen im Knaus Verlag, widmet sich auf mehr als 500 Seiten dem Leben und Schaffen einer Autorin, deren Lebensweg in die Tumulte der Judenverfolgung in Frankreich mündet. Wenn man nun eine an Fakten orientierte Skizze ihres Lebens erwartet, wenn man denkt, das „Theorem“ einer Autorin, oder eine literaturwissenschaftliche Abhandlung vorzufinden, dann wird man von dieser Biografie aufs Positivste überrascht..

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Olivier Philipponnat öffnet die Tür zur Schatzklammer von Irène Némirovsky sehr behutsam und emotional. Seine Biografie beginnt an jenem Tag, an dem eigentlich alles endet. Er setzt genau dort ein, wo der Schmerz bereits ein Ausmaß erreicht hat, das es unmöglich macht, an ein normales Leben in Harmonie zu glauben. Philipponnat beginnt seine Retrospektive mit dem Tag der Deportation Irène Némirovskys nach Auschwitz.

16. Juli 1942

„Mein Geliebter, meine kleinen Herzliebsten,
ich glaube, daß wir heute abfahren. Mut und Hoffnung.
Ihr seid in meinem Herzen, meine Vielgeliebten.
Möge Gott uns allen helfen.“

Die Angst beginnt die Seele aufzufressen, während wir Zeugen des finalen Kapitels einer Lebensgeschichte werden, die uns fortan nicht mehr loslässt. Hier entfaltet diese Biografie ihre wahre Stärke. Sie geht nicht faktisch vor, sie ist nicht mit reinen Daten überfrachtet. Sie nähert sich dem Menschen Irène Némirovsky in aller Empathie und ergründet dabei Ursachen und Leitmotive für ihr späteres Schreiben.

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Es ist, als würden wir eine Insel betreten, von der wir nur die exotischsten Pflanzen kennen. Pflanzen, die in Form von Romanen und Kurzgeschichten begeistert haben, die aber losgelöst von den vielschichtigen Wurzeln einer Interpretation unterlagen, die nur lückenhaft sein konnte. Das Leben in der Ukraine, die Scheinwelt aus Reichtum und das offensichtliche Desinteresse der Eltern für ihre eigene Tochter, ihre Vereinsamung, Krankheiten, Wünsche und Visionen, der erste Kontakt zum Traumbild Frankreich und die allgegenwärtige Angst vor Pogromen stellen die wesentlichen Wegmarkierungen in Irènes Leben dar.

Sie halten Einzug in ihr späteres Schreiben. Nur, wenn man sich darauf einlässt, das Bild dieser Jugend zu betrachten, ist man in der Lage, das Gemälde zu verstehen, das in Frankreich gemalt und niemals vollendet wurde. Nur wenn man dieser Biografie folgt, versteht man die heillose Unrast und Hoffnungslosigkeit der Irène Némirovsky, die mit der Wucht ihrer Sprache gegen ihre Vergangenheit und für die Zukunft ankämpfte.

Worte als Waffen gegen die Mutter. Geschichten zur Bewältigung des Vergangenen. Novellen und Romane, die autobiografischer nicht sein könnten, um zu zeigen, wie das Leben verlaufen kann, wenn ungestillte Sehnsucht das Denken dominiert. Die Pariser Symphonieist die Kollektion von zehn wundervollen Kurzgeschichten, die für mich so sehr diese Sehnsuchtsmomente widerspiegeln. Mein Verständnis dieser Sammlung aus dem Hause Manesse hat sich durch das Lesen dieser Biografie grundlegend verändert.

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografievon Olivier Philipponnat hat mir einen neuen und unverzichtbaren Zugang zum Leben und Schaffen einer großen Schriftstellerin eröffnet. Im Lesen dieser emotionalen und absolut fundierten Retrospektive haben sich Kreise geschlossen und neue Lesefelder eröffnet. Auf besondere Einladung von Kristina werde ich Der Ball lesen, die wohl aufrichtige Abrechnung Irénes mit der schillernden Welt einer Bankiersfamilie, die sich in den höchsten Kreisen der Society etablieren möchte. Allerdings ohne die 14-jährige Tochter. Ihre Mutter scheut ihre Konkurrenz.

Zuletzt bleibt ein großer geschlossener Kreis jüdischer Kultur im Frankreich unter der NAZI-Herrschaft. Zuletzt bleiben Schicksale. Das von Irène Némirovsky, die wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Auschwitz völlig entkräftet im Krankenbau verstirbt. Das ihres Ehemannes, der alle Hebel in Bewegung setzt, um seine Frau zu retten und dabei selbst ins Visier der Schergen gerät. Nur kurze Zeit nach ihrem Tod betritt auch er die Rampe des Todes in Auschwitz. Zuletzt bleibt ein Koffer im Besitz der beiden Töchter. Sie überlebten dank der selbstlosen Hilfe mutiger Freunde. Sie bewahrten den Schatz, der Jahre später dazu führte, dass man sich an ihre Mutter erinnerte. Sie bewahrten ein Vermächtnis von dem ihre Mutter sagte:

„Trennt euch niemals von diesem Koffer,
denn er enthält das Manuskript eurer Mutter.“

Sein Inhalt war der unvollendete Roman Suite Francaise. Die äußerst gewagte und für die damalige Zeit lebensgefährliche Beschreibung der französischen Gesellschaft unter dem Joch der Nazi-Diktatur. Erst nach dem Tod ihrer Tochter Elisabeth wurde das Manuskript entdeckt, 2004 veröffentlicht und als literarische Sensation gefeiert. Auch von der jüdischen Künstlerin Charlotte Salomon blieb nur ein Koffer mit ihren Bildern.

Und es bleiben die Worte, mit denen Charlotte ihren Koffer weitergab, bevor sie in Auschwitz vergast wurde. Im fünften Monat schwanger mit ihrem ungeborenen Kind.

„C`est toute ma vie. Das ist mein ganzes Leben.“

Zwei Koffer. Zwei Vermächtnisse. Zwei Opfer des Holocaust. Zwei Frauen, die ihr Frankreich so sehr liebten. Zwei Frauen, die diese Liebe nicht überlebten.

Irène Némirovsky - Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos

Irène Némirovsky – Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos

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5 Gedanken zu „Irène Némirovsky – Die Biografie – Ein literarischer Aha-Effekt

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