„Eine treue Frau“ von Jane Gardam [Old Filth Trilogie 2]

Eine treue Frau - Jane Gardam - AstroLibrium

Eine treue Frau – Jane Gardam

„Jetzt ist es passiert“, „es ist geschehen“, „kühlen Kopf bewahren“, sagte die Seele zum Körper. Steif kniete er neben Betty nieder und sah sich selbst dort knien, ihre Hand nehmen, sie küssen und sie an sein Gesicht legen. Weder sein Körper noch seine Seele hatten den geringsten Zweifel, dass sie tot war. Weg. Passiert. Vergangen. Vorbei.“

Kein anderes Zitat beschreibt die Grundstimmung, die nach dem Lesen des ersten Bandes der Old-Filth-Trilogie von Jane Gardam zurückbleibt besser, als jenes. Kein anderes Zitat aus dem Auftaktband Ein untadeliger Mann bleibt so lange haften, wie dieses. Und kein anderes Zitat charakterisiert den trauernden Edward Feathers besser, als dieses. Am Ende einer langen gemeinsamen Ehe steht er nun vor seiner geliebten Betty, die im Garten des gemeinsamen Ruhesitzes Tulpen setzen wollte, als sie in sich zusamensank und verstarb.

„Weg. Passiert. Vergangen. Vorbei.“

Jane Gardam hat uns an der Seite eines untadeligen Mannes in den Kosmos des vergangenen British Commonwealth eintauchen lassen und in die großen Machtzentren eines Weltreichs entführt, das seither auf Rückzugsgefechte bedacht ist. Hongkong und London. Zwei Welten, kontrastreich, schillernd, farbenfroh und doch nur mit äußerster Disziplin und Härte zu bewahren. Hongkong als Kronkolonie zu behaupten ist die große Herausforderung für Edward Feathers, Kronrichter, verlängerter Arm der Majestät und royaler Jurist in Hongkong.

Eine treue Frau - Jane Gardam

Eine treue Frau – Jane Gardam

Untadelig musste man sein. Unbestechlich, unnahbar und versiert, wenn man die Rolle des höchsten Richters der Kronkolonie ausfüllen wollte. Edward Feathers passte genau in diese Rolle. Er sprach royales Recht in einem Kulturkreis, zu dem er ein ganz besonderes Verhältnis hatte. Er verurteilte zum Tode, er reformierte das Landrecht und am Ende seiner beruflichen Karriere zog er sich mit seiner Betty nach England zurück, nur um dort den größten Verlust seines Lebens zu erleiden. Betty.

„Weg. Passiert. Vergangen. Vorbei.“

Nach der Rückgabe Hongkongs an China 1997 und dem Rückzug aller Vertreter der britischen Staatsmacht aus der ehemaligen Kronkolonie ist dies nun der letzte Verlust, den er verkraften muss. Und das im wohlverdienten Ruhestand nach so vielen Jahren eines untadeligen Lebens. Sie fehlt ihm mit jeder Faser seines Herzens. Genau hier lag immer sein Hauptproblem. Bei all der Untadeligkeit konnte er genau dieses Herz nicht zeigen. Distanziert und geschäftsmäßig war seine Beziehung zu Betty. Erst nach ihrem Tod und am Ende des ersten Teils der Trilogie beginnt er sichtbar zu fühlen. Der ganz große Moment von „Ein untadeliger Mann.“

Um wen er jedoch trauert, das erschließt sich erst in der Fortsetzung, denn hier lässt uns Jane Gardam in die Gedanken- und Gefühlswelt von Betty Feathers schlüpfen. Sie kommt nun zu Wort. Ihr Leben an der Seite des distinguierten Richters konturiert sich von Seite zu Seite. Eine treue Frausteht nun dem „Untadeligen Mann“ zur Seite. Und hier erwartet uns die Aufklärung dessen, was wir schon seit dem ersten Buch zu wissen glaubten, es aber (ebenso wie Old Filth) niemals aussprechen wollten. Treue ist ein weit gefasstes Ideal und gerade in der Ehe mit Edward wurde diese Tugend auf den Prüfstand der Moralvorstellungen von Betty gestellt.

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Jane Gardam erzählt erneut eine brillant konstruierte Geschichte. Diesmal jedoch im Spiegel dessen, was sie ihren Lesern im ersten Teil der Trilogie anvertraut hat. Das grandiose Leseerlebnis basiert darauf, dass wir den handelnden Figuren immer einen Schritt voraus sind. Wir wissen mehr, haben hinter die Kulissen geschaut und gefühlt. Wir sind vielleicht sogar ein wenig parteiisch und voreingenommen, beginnen bereits zu urteilen und unsere vorgefasste Meinung bestätigt zu sehen.

Nein – Betty Feathers war alles andere als treu. Punkt. Basta! Wir wussten es. Wir haben es immer gewusst und hätten ihrem naiven Ehemann gewünscht, das untadelige Äußere nur einmal vergessen zu können, um Betty auf die Spur zu kommen. Alles ist mehr als klar. Aus ihrer Sicht werden wir Zeugen des ersten Kennenlernens der beiden. Aus ihrer Sicht erleben wir, was sie sich von dieser Beziehung verspricht und aus dem Mund ihrer besten Freundin vernehmen wir, wovor sich Becky am meisten fürchtet.

„Man sollte auch den Mond wollen. Lass dir keine Vierzig-Watt-Birne andrehen, nur weil sie hübsch aussieht. Du bleibst darauf sitzen, wenn sie ausgeht… und dann hockst du am Ende ewig im Dunkeln.“

War Edward Feathers der Mond? War das Leben an seiner Seite eine Erleuchtung? Oder war es sein Erzfeind, die schillernde Gestalt von Terry Veneering, der niemals erlöschen würde? War die Begegnung mit ihm in Hongkong die vielleicht letzte Chance für Betty, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben?

Eine treue Frau - Jane Gardam

Eine treue Frau – Jane Gardam

„Eine treue Frau“ hätte vielleicht anders gehandelt, sie hätte vielleicht anders gefühlt, anders gelebt. Zumindest, wenn wir Treue in unserem Wertesystem definieren. Jane Gardam macht es sich nicht so leicht. Sie greift tiefer, wirft alles in die Waagschale des Verstehens und wird sowohl Betty als auch ihrem untadeligen Ehemann gerecht. Wir beginnen zu verstehen, was es bedeutet, Lebensentscheidungen zu treffen und sie ein ganzes Leben lang konsequent vorzuleben, nachzuleben und sich selbst einzuleben.

Jane Gardam hat mich tief bewegt. Während der „Untadelige Mann“ an manchen Stellen eher nüchtern wirkte, das Leben von Old Filth in den Vordergrund rückte und man immer hoffte, den untadeligen Seiten mehr Emotion entlocken zu können, ist nun Eine treue Frau das passende Gegenstück. Das Yin und Yang dieser Trilogie. Das schlagende Herz im gemeinsamen Leben von zwei Menschen, deren Herzen eher eine Mördergrube, als ein offenes Buch war.

Wer den ersten Band gelesen hat, muss einfach weiterlesen. Wer Betty einmal im Garten ihr Leben aushauchen sah, der sollte in diesem Buch genau an diesen Ort in England zurückkehren. Am Ende eines fast ewig anmutenden gemeinsamen Lebens steht nicht mehr die Frage, was denn eigentlich Treue ist. Es bleibt die Botschaft, was es bedeutet, trotz der größten Verlockung des Herzens den Partner nicht verlassen zu haben, dem man sich versprochen hat.

Eine treue Frau - Jane Gardam

Eine treue Frau – Jane Gardam

Für mich ist es die Kunst im Leben, aus zwei 40-Watt-Birnen die Flutlichtanlage der gemeinsamen Liebe entstehen zu lassen. Treue relativiert sich. Versuchung und Sünde verlieren ihren Reiz. Die Tatsache, geblieben zu sein, obwohl man hätte gehen können ist die größte Triebfeder einer Partnerschaft. Und doch ist es immer wieder ein schmerzhafter Verlust, ein trauriges Lesen, Betty Feathers in ihrem blühenden Garten zu sehen und zu wissen, dass sie nicht mehr ist. Diesen Abschied nun bereits in zwei Büchern erlesen zu müssen, verbindet noch mehr mit ihr.

„Es ist ganz schön verrückt, dachte sie. Es ist zu spät. Ich kann ihn jetzt nicht mehr verlassen. Aber dann tat sie es. Eine Minute später ließ Filth den Blick von den Krähen wegwandern, in den Garten hinunter, und sah sie im Blumenbeet liegen, ganz besonders still….“

Fehlt nur noch das Ende. Fehlt der finale Band, der im Original bereits vorliegt. „Last Friends“. Letzte Freunde. Es musste so kommen, dass Jane Gardam die letzte Perspektive dieser großen Trilogie dem Mann überlässt, der hier stets als das Synonym für Versuchung auftaucht. Ein Mann, der es fast geschafft hätte, Edward und Betty zu trennen. Ein Mann der mit einer Perlenkette ein lebenslanges Band zum Herzen von Betty geknüpft hat. Ein mehr als würdiger Gegenspieler für Old Filth. Der finale Band gehört Terry Veneering… „Letzte Freunde(ET: 10. Oktober.2016)

Ich freue mich auf ihn… Und ich befürchte, erneut in diesem Garten zu stehen. Bei Betty…. Aber es sollte anders kommen

Eine treue Frau - Jane Gardam - Die Old-Filth-Trilogie - Letzte Freunde

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6 Gedanken zu „„Eine treue Frau“ von Jane Gardam [Old Filth Trilogie 2]

  1. Pingback: Ein untadeliger Mann von Jane Gardam | AstroLibrium

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  3. Das Buch klingt wahnsinnig interessant beziehungsweise die Trilogie… Ich persönliches würde es nie lesen, da ich emotional mit solchen Themen nicht wirklich klar komme. Aber ich denke, dass ich gerade ein sehr gutes Geschenk gefunden habe. Danke dafür!

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