Der Nachlass Domenico Minettis von Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

„Gibt es ein Band zwischen den Zeiten?“

Eine Frage, mit der ich mich nicht nur literarisch oft beschäftige! Eine Frage, die für mich mit den Begriffen Familie und Herkunft, Heimat und Erbe verbunden ist. Eine Frage, die für mich beantwortbar ist, weil mein Stammbaum kein Geheimnis für mich ist. Was aber, wenn man entwurzelt ist, wenn die eigene Identität nicht mit einer Familie in Einklang zu bringen ist, weil man sie einfach nicht kennt. Wie viele Kinder sind in den großen und kleinen Kriegen von ihren Eltern getrennt worden? Wie viele Menschen fragen sich noch heute, warum sie so sind, wie sie sind.

Der Roman „Sonnenschein“ von Daša Drndić hat für mich Maßstäbe gesetzt. Wie nur kann man seine Identität finden, sein eigenes Leben führen, wenn man den Eltern im Krieg weggenommen wird, wenn man in Pflegefamilien groß wird und das Erbe, das man in sich trägt, nicht versteht oder zuordnen kann. Der Holocaust hat viele Kinder entwurzelt. Und ewig währt seitdem die Suche. Eltern suchen ihre Kinder und Kinder versuchen die Lücken in ihrer Vita zu schließen, um zu verstehen. Kein Phänomen aus der Vergangenheit. Auch eines, das heute Flüchtlingen droht. Kindern, die allein dort ankommen, wo eigentlich Familien ankommen sollten.

Wie sie sich in dreißig oder vierzig Jahren fühlen, wie sich ihre Kinder fühlen, das kann man heute nur erahnen. Wenn man es aber nicht nur ahnen, sondern auch fühlen möchte, dann kann man sich mit guten Büchern beschäftigen, die dieses Thema in den Mittelpunkt stellen. Ich war sehr gespannt auf ein Buch, das alles versprach, wenn der Klappentext zutreffen sollte. Ich wollte in eine Zeit eintauchen, die durch die Geschichte meiner Familie von unterschiedlichsten Erinnerungen geprägt ist. Der Erste Weltkrieg, ein Kriegsgefangenenlager und ein italienischer Soldat, dessen Vermächtnis die Zeit überdauert und eine Brücke zu einer Frau schlägt, die bis heute an den großen Fragen zu ihren Wurzeln gescheitert ist.

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis von Dietmar Gnedt, erschienen im Verlag Anton Pustet, sollte es sein. Ich wollte zum Nachlassverwalter eines italienischen Soldaten im Ersten Weltenbrand werden, dessen Spuren entdecken, Staub aufwirbeln und an der Seite seiner Enkelin der Frage nachgehen, wie sehr das Schicksal eines Einzelnen bis in unsere heutige Zeit nachwirken kann. Ich wollte lesend erleben, wie sich Kreise zum ersten Mal schließen und nachvollziehen können, wie sehr dieser Krieg das Gefüge der Welt aus den Angeln hob.

Konnte ein Roman das leisten? Ist eine Geschichte in der Lage, in einem Erzählraum von genau 158 Seiten diesen Kosmos greifbar zu machen? Was konnte mir der Autor über den Ersten Weltkrieg erzählen, was ich an der Seite von Ernst Jünger noch nicht erlesen hatte. Ich war mehr als gespannt, gerade weil ich im Laufe meines Lesens sehr viele Tagebücher, Erlebnisberichte und auch Romane über eine Zeit gelesen habe, die meine Großväter als kaiserliche Soldaten in Galizien und vor Verdun erlebt haben. Ich stehe im historischen Saft und war schon ein wenig skeptisch, ob dieser Roman in mir „zünden“ würde.

Zeitsprünge kennzeichnen den Weg durch diesen Roman. Im Hier und Jetzt starten wir fast banal im Versuch, aus einem alten Gemäuer einen modernen Reitstall werden zu lassen. Ein Gestüt, das man so noch nicht gesehen hat. Der perfekte Job für einen jungen Mann mit besten Referenzen. Karl von Rößnitz übernimmt. Es ist die Chance seines noch jungen Berufslebens und mit großen Problemen ist nicht zu rechnen. Das Areal ist perfekt, der Investor stellt Geld ohne Ende zur Verfügung und es ist nur eine Frage der Zeit, bis man auf dem Gelände eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers der k.u.k. Monarchie aus dem ersten Weltkrieg die ersten Pferde bewundern kann.

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

Wäre da nicht ein kleines Problem, an dem schon Karls Vorgänger gescheitert ist. Die letzte Mieterin im heruntergekommenen Hauptgebäude dieses Lagers, die nicht zu vertreiben ist. Sie lebt in der Kommandantur, als gelte es die Kommandantur mit allen Mitteln zu verteidigen. Kein Problem für den jungen und dynamischen Karl von Rößnitz. Kündigung schreiben, persönlich überreichen und gut ist. Das hatte er sich zumindest so gedacht. Denn schon der erste Satz der attraktiven 56-jährigen Rosa Luise Minetti verändert alles:

„Ich habe nichts Persönliches gegen Sie! Wenn Sie verstehen wollen, warum ich diese Wohnung nicht aufgeben kann, müssen Sie mir zuhören. Ich meine nicht ein paar Minuten, sondern ein paar Stunden. Aber wenn Sie sich die Zeit nehmen, werden Sie verstehen!“

Er nimmt sich diese Zeit. Auch wir als Leser sollten sie uns nehmen und Rosa unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Wir werden belohnt mit einer Geschichte, die uns in eine Zeit entführt, in der es in Europa noch nicht nach Krieg roch. Eine Zeit, in der sich die Großeltern von Rosa Luise Minetti kennen und lieben lernten. Im malerischen Bassano Veneto beginnt alles im Zauber einer gemeinsamen und glücklichen Zukunft. Als mit Vinzenco der viel geliebte Sohn von Domenico und Lina Minetti das Licht der Welt erblickt schreiben wir das Jahr 1912 und genau diese Welt könnte schöner nicht sein.

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

Dass Domenico Italiener und Lina Österreicherin ist, spielt noch keine Rolle. Noch nicht, aber im aufziehenden Kriegsfuror nur wenige Jahre später stehen sich 1914 die beiden Nachbarn an der gemeinsamen Grenze gegenüber. Domenico wird eingezogen und erlebt den Schrecken des Krieges in seiner pazifistischen Seele. Die Trennung von Frau und Kind lastet schwer auf seiner Seele und Nachrichten aus der Heimat sind rar. Die Wirren des wilden Schlachtens enden für Domenico Minetti in dem Lager, dessen baufällige Überreste 100 Jahre später zu einem Gestüt umfunktioniert werden sollen.

Und genau hier lebt jetzt seine Enkelin Rosa Luise Minetti, deren Lebensaufgabe es ist, den Weg ihres Großvaters zu rekonstruieren. Briefe und Erzählungen schließen erste Lücken, doch erst der Kontakt zu dem jungen Mann, der ihr eigentlich kündigen soll, bringt sie auf die richtige Spur. Ein katholisches Konvent, eine Bibliothek und die Tagebücher des besten Freundes ihres Großvaters öffnen die Tür zur Geschichte. Es ist die vorletzte Tür, die es zu öffnen gilt, wenn Rosa den Nachlass Domenico Minettis finden möchte.

Hier werden wir mit Rosa in die Vergangenheit katapultiert. Eine Vergangenheit der großen Liebe, der Trennung, des Verlustes und des Verrats. Bilder bleiben haften. Der Schwur der Minettis auf dem geteilten Hochzeitsfoto, sich immer zu lieben; die Angst Domenicos im Schützengraben; der Wahnsinn des Krieges; die kleinen Wunder dieser Tage; das Gefühl von Sehnsucht; der Hass beim Eintreffen schlechter Nachrichten von Zuhause; die Krankheit im Kriegsgefangenenlager und ein kleiner Hoffnungsschimmer in Gestalt einer jungen Frau. Bilder vermischen sich und werden zu einem Gemälde aus Zeit. Einem Gemälde, das Rosas Leben in völlig neuen Farben zeichnet..

Und nicht nur ihr Leben. Auch das ihres Vaters Vinzenz Köhlhauser.

Der Nachlass Domenico Minettis - Dietmar Gnedt

Der Nachlass Domenico Minettis – Dietmar Gnedt

Dietmar Gnedt braucht keine tausend Seiten um die Wucht von Ernst Jünger zu erreichen. Er braucht keine tausend Seiten, um eine Liebesgeschichte zu schreiben, die alle Zeiten überdauert. Er braucht keine tausend Seiten, um die Grenzen zwischen Rosa und Karl verschwinden zu lassen. Nein. Er braucht kaum zweihundert Seiten, um uns diese tief angelegte Geschichte zu erzählen. Und dabei lässt er keine Fragen offen, bietet seinen Lesern Raum für eigene Bilder und entwickelt ein Panoramabild, das von Seite zu Seite an Schärfe gewinnt.

Romantisch, brutal, verzweifelt, verspielt, verliebt und entsetzt. Hoffend, bangend und tobend. Schluchzend, lachend und staunend. Angeekelt, verletzt und euphorisch. All diese Stimmungsbilder habe ich auf diesen Seiten gefühlt. Ein Roman, der bis ins letzte Detail „funktioniert“. Seine Botschaft ist mehr als gewaltig und mündet in das einleitende Zitat dieser Rezension:

„Gibt es ein Band zwischen den Zeiten?“

Die klare Antwort lautet JA! Dietmar Gnedt erlaubt uns, dieses Band zu berühren, da er es greifbar macht. Er ermöglicht uns, auch jenseits des Romans nach den Bändern zu suchen, die unsere Vorfahren geknüpft haben. Der Nachlass Domenico Minettis ist der Nachlass aller verlorenen Generationen. Dietmar Gnedt gelingt, was ich vorher (auch angesichts des Umfangs seines Romans) nicht glauben wollte:

Meine persönliche Überraschung 2016. Ein großer Roman!

Der erste Weltenbrand bei AstroLibrium

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Mein Lieblingszitat, das nun im Tagebuch meines Lesens zu finden ist:

Der Nachlass Domenico Minettis - Mein Lieblingszitat

Der Nachlass Domenico Minettis – Mein Lieblingszitat

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Ein Gedanke zu „Der Nachlass Domenico Minettis von Dietmar Gnedt

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