Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm [Schwarberg]

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Nun heißt es sachlich zu bleiben. Schon nach diesen sechs einfachen Worten bricht das Schreiben. Pause. Emotionen ausblenden. Hilflosigkeit beiseiteschieben. Einfach nur schreiben. Rezensieren. So schwer kann das ja nicht sein. Schreiben. Buchtitel und Verlag erwähnen. Den Autor beim Namen nennen und mich einer Geschichte nähern, die mich ein paar Tage meines Lesens Gegen das Vergessen begleitet hat. Dass ich innerlich extrem aufgewühlt bin, tut nichts zur Sache. Dass ich zittere und mir nach jedem zweiten Wort die Tränen aus den Augen wischen muss – nicht relevant.

So wollte ich auch lesen. Nicht die erste wahre Geschichte über den Holocaust. Nein. Eine von inzwischen zahllosen Begegnungen mit Opfern, Zeitzeugen, Namen. Eine von den vielen unglaublichen Geschichten, die sich tatsächlich zugetragen haben. Und ich dachte, ich sei inzwischen abgehärtet, hätte aus der Tiefe der menschlichen Abgründe jede Schattenseite erlesen und gefühlt. Ich war der Meinung, auch in Begegnungen mit Überlebenden der Konzentrationslager das Ausmaß des Grauens erkannt zu haben.

Das mit dem Lesen hat nicht funktioniert. Ob es beim Schreiben besser wird? Ich weiß es nicht. Zwei Jahre habe ich auf die Neuauflage eines Buches aus dem Steidl Verlag gewartet. Zwei Jahre wusste ich eigentlich, was auf mich zukommt. Als ich nun in den ersten Seiten versank, brach eine weitere Welt in mir zusammen. Eine Welt, in der schon vieles Denkbar war, was einst in der Zeit der Nazi-Diktatur geschah. Absolut Unvorstellbares begleitet meinen Weg, wie man an der Anzahl meiner Artikel erkennen kann. Und doch stehe ich nun vor den Trümmern der letzten Illusion, wenn ich mich der Geschichte von zwanzig Kindern nähere.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm von Günther Schwarberg sollte in der Reihe Bücher über die grausamen Verbrechen von Medizinern gegen die Menschlichkeit einen weiteren Mosaikstein darstellen, mit dem man der Generation von heute die Augen öffnen kann, wenn es darum geht, rechtsradikale Gedankensamen zu entlarven und davor zu warnen, was geschehen kann, wenn erneut den alten braunen Ideologien gefolgt wird und man sich über seine Mitmenschen stellt. Wenn man andere aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe zu schlechteren Menschen erklärt.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Arzt. Stellen Sie sich vor, Sie möchten gerne Professor werden und überlegen sich nun, wie Sie eine wissenschaftliche Arbeit beginnen, die für diese Habilitation zwingend erforderlich ist. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein recht guter Arzt im Bereich der Behandlung von Tuberkulose und möchten nun mit Experimenten herausfinden, wie man diese Lungen-Infektionskrankheit verhindern oder heilen kann. Und stellen Sie sich nun vor, Sie würden dies gerne in Form von Menschenversuchen tun. Unvorstellbar? Nein. Nicht im Dritten Reich!

Hier waren Entrechtung und Entmenschlichung ideologische Grundsäulen. Hier konnte man sich austoben, wenn es darum ging, „unwertes Leben“ zu beseitigen, hier konnte man Teil einer Vernichtungsmaschine sein, die alles jüdische Leben auslöschen durfte. Hier war der Spielraum für Ärzte, wie Josef Mengele, Aribert Heim und Kurt Heißmeier so unerschöpflich, wie nie zuvor. In einem Land, in dem sogar Tiere besser geschützt waren als Juden, Sinti, Roma, Kriegsgefangene oder Schwerbehinderte, war die ethische Enthemmung so weit fortgeschritten, dass man schon gar nicht mehr von Menschenversuchen sprach, wenn man sich an Opfern des Regimes vergriff.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Und so ist es kein Wunder, dass es dem aufstrebenden Arzt Kurt Heißmeier aufgrund guter Kontakte zur SS recht einfach gelingt, seinen Traum von Menschenversuchen zu verwirklichen. Man richtet ihm ein Versuchslabor im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg ein und versorgt ihn mit russischen Kriegsgefangenen. Nur ist Heißmeier in medizinischer Sicht ein Stümper. Er infiziert Menschen mit Tuberkulose-Erregern um den Verlauf der Krankheit zu beobachten. Er infiziert Kranke und Gesunde. Er spielt mit diesen Leben. Als ihm das nicht reicht, fordert er zwanzig Kinder an.

Am 29. November 1944 kommt der Transport in Neuengamme an. Das Dritte Reich steht an vielen Fronten bereits vor dem Zusammenbruch, die Alliierten haben Teile von Frankreich befreit, die Rote Armee rückt vor. Die Nazis begannen Zug um Zug Spuren zu verwischen, und doch bleibt in Neuengamme Zeit genug für Menschenversuche an Kindern. Heißmeier infiziert die Kinder im Alter zwischen 5 und 12 Jahren mit Erregern der Lungenkrankheit, entfernt ihre Lymphdrüsen, fotografiert und notiert die Ergebnisse.

Zehn Mädchen. Zehn Jungen. Jüdische Kinder, die von ihren Eltern getrennt schon fast alle Abgründe erlebt haben, die Nazi-Deutschland zu bieten hatte. Dass es für sie nach Auschwitz noch eine Steigerung des Schreckens geben sollte, war unvorstellbar. Und doch erreichte das Grauen in der Nähe von Hamburg neue Dimensionen. Nur der Arzt denkt anders. Ihm läuft die Zeit davon. Ihm läuft der Krieg davon. Er bangt um die Früchte seiner Arbeit. Im April 1945 enden die Versuche. Britische Soldaten erreichen Norddeutschland. Die SS beschließt, alle Zeugen zu beseitigen. Ein letzter Transport steht den Kindern und ihren wenigen Betreuern bevor, die für sie sorgten. Das Ziel:

Eine Schule am Bullenhuser Damm.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Nun sollte man sich überlegen, ob man weiterlesen kann und möchte. Das gilt für diese Rezension. Das gilt für auch dieses Buch. Günther Schwarberg hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Weg der Kinder vom Bullenhuser Damm lückenlos aufzuklären. Er hat jahrelang recherchiert, um ihre Namen, ihre kurzen Lebensgeschichten und auch ihr Leiden für die Nachwelt festzuhalten. Er hat den Weg aller Täter dokumentiert, ist ihnen auf der Spur geblieben und hat die Ereignisse dieser letzten Kriegstage mit ihren Aussagen vor Gericht verglichen. Schwarberg zeigt hier schonungslos auf, mit welchem Selbstverständnis die Täter auf der Grundlage der Rassen-Ideologie handeln durften. Günther Schwarberg lässt in seiner Dokumentation nichts aus.

Nur so gelingt es, die unvorstellbare Unmenschlichkeit aufzuzeigen, die von den Tätern nicht so empfunden wurde, weil sie ihre Opfer nicht für Menschen hielten. So grausam es klingt, so grausam es ist, auch der Prozess gegen Kurt Heißmeier zeigt, dass es für ihn eine Selbstverständlichkeit war, Menschenversuche durchzuführen. Er betont das in seinen Aussagen, die im Buch nachzulesen sind. Das macht das Lesen sehr schwer. Das zieht dem Leser den Boden unter den Füßen weg. Das ist nicht leicht zu verkraften. Wut und Hilflosigkeit waren Wegbegleiter meines Lesens. Und Tränen.

Die Schule am Bullenhuser Damm ist die letzte Station für die zwanzig Kinder.

Die Schilderung der rekonstruierten Ereignisse und die Aussagen der Beteiligten vor Gericht ergeben ein vollständiges Bild, von dem ich mir wünschen würde, dass es mir erspart worden wäre. Ein Bild, das im Buch durch die unterschiedlichen Aussagen und Schilderungen so klar und greifbar wird, dass man kaum noch zur Ruhe kommt. Ein Bild, das zeigt, wozu Menschen fähig sind, die das Leben anderer als minderwertig oder unwert betrachten. Ein Bild das ich nie wieder vergessen werde.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Zitate aus den Aussagen der Täter:

Johann Frahm – SS-Unterscharführer im KZ Neuengamme

„Die Kinder mussten sich in einem Zimmer des Kellers ausziehen, wurden dann in ein anderes Zimmer geführt, wo sie von Dr. Trzebinski eine Injektion bekamen, so dass sie einschliefen. Diejenigen, die nach der Injektion noch Lebenszeichen von sich gaben, wurden in ein anderes Zimmer getragen. Es wurde ihnen ein Strick um den Hals gelegt, und sie wurden dann an Haken wie Bilder an der Wand aufgehängt.“

Dr. Alfred Trzebinski – SS-Hauptsturmführer und KZ-Arzt in Neuengamme

„In diese Schlinge hängte Frahm den schlafenden Jungen ein und hängte sich mit seinem ganzen Körpergewicht an den Körper des Jungen, damit die Schlinge sich zuzog.“

(Anm.: Die Kinder waren zu leicht für eine Strangulation durch Eigengewicht.)

„Ich kann mir keinen Vorwurf machen, daß ich den Kindern vor ihrer Hinrichtung eine barmherzige Morphiumspritze gemacht habe. Dies war im Gegenteil eine humane Tat, der ich mich nicht zu schämen brauche.“

Dr. Kurt Heißmeier

„Die Häftlinge des KZ-Lagers Neuengamme sowie die auf meine Veranlassung im Herbst dorthin verbrachten Kinder waren für mich nur Versuchsobjekte. Damals sind mir aber keinerlei Bedenken gekommen, was daraus zu erklären war, daß ich die Häftlinge, also auch die Kinder, nicht in dem Maße als vollwertige Menschen ansah.“

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Günther Schwarberg hat mit seinem Lebenswerk einen extrem wichtigen Beitrag „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust geleistet. Nicht allein das Buch Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm legt Zeugnis vom Schicksal der Menschen ab, die in die menschenverachtende Mordmaschinerie der Nazi-Diktatur gerieten, auch die Internetseite der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm ist unverzichtbar für das Gesamtverständnis der damaligen Ereignisse.

Die Geschichte darf sich nicht wiederholen. Wer sich selbst über andere Menschen stellt, muss davon ausgehen, dass er dem gezielten Morden Vorschub leistet. Wehret den Anfängen. Auch hier wird weiter Gegen das Vergessen geschrieben. Besuchen Sie meine literarische Welt des Gedenkens. Vergissmeinnicht.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

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7 Gedanken zu „Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm [Schwarberg]

  1. Danke für diese Worte zum Buch….ich muss mich erst einmal sammeln…

    Angeregt durch Deine Vorstellung des Buches bei unsrem Kurzbesuch in der Sternwarte, hatte ich einen sehr netten Kontakt mit dem Verlag, aber da werde ich ganz viel Kraft brauchen, wenn es eintrifft, um es zu lesen und dann die Worte zu finden, die den Kindern gerecht werden…

    • Du wirst diese Kraft haben, dann wirst du zweifeln, dann wirst du sie wieder aufbingen und dann werden alle Gefühle von dir Besitz ergreifen, die mich gepackt haben.

      Wut wird dominieren…

  2. Pingback: ASTROLIBRIUM: Günther Schwarberg „Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ – Buchhandlung Calliebe

  3. Pingback: 27.06.2016 Bei AstroLibrium | lesende Samtpfote

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