„Bobby“ von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

„Er betrachtet sein Spiegelbild. Er sieht einen alten Mann. Einen alten Mann, der seinem Vater nicht gefolgt ist. Einen alten Mann, dessen Söhne ihm gefolgt sind: einer in ein anderes Leben, einer in die Kneipen, einer in die Flammen.“

Es ist dieser Blick in den Spiegel, der ein ganzes Buch charakterisiert. Der Blick eines Vaters, der in sich, für sich und mit sich allein zu verarbeiten versucht, was auch im Rückblick auf die Geschichte einer ganzen Familie nicht zu verarbeiten ist. Es sind diese bohrenden und ewig nagenden Wenns, die das Hirn zermartern. Es ist das ganz persönliche schlechte Gewissen, an einem bestimmten Tag eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Als Vater versagt zu haben.

„Gail erwacht mit durchstochenem Herzen, diesen wie jeden Tag.“

Es ist dieser Stich ins Herz, der eine trauernde Mutter ewig begleitet. Tag für Tag. Eine Wunde, die sich nicht schließen mag. Eine Narbe, die weithin sichtbar bleibt und ein tiefer Schmerz, der einfach nicht versiegen will. Es ist das Gefühl, dass etwas fehlt im Leben. Ein Gefühl, das sich an jedem Tag von neuem einstellt, wenn sie das Zimmer ihres Sohnes betritt. Nichts hat sie hier verändert. Alles ist so geblieben, wie er es einst zurückgelassen hat. Nicht nur die Basketball-Pokale ihres Sohnes sind noch an Ort und Stelle. Alles ist so, als wäre nichts passiert und er käme gleich wieder nach Hause.

„Bobby“

Bobby von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

„Ich bin ein Miststück, Bobby? Zigaretten schaden der Gesundheit? Leck mich, Bobby. Ich bin noch am Leben, und du bist mausetot, Bobby. In brennende Häuser laufen, das schadet der Gesundheit, Bobby. Fuck. Zigaretten sind super.“

Es ist diese selbstzerstörerische Wut einer Ehefrau, die sich an den letzten großen Krach mit ihrem Mann erinnert. An den Streit. An die Vorwürfe. An ihre Uneinsichtigkeit. Und alles nur wegen ein paar Zigaretten. Er hatte es gut mit ihr gemeint und sie hatte ihn provoziert. Gereizt und ihm den Zigarettenrauch ins Gesicht geblasen. Seine Worte hatten sie verletzt. „Du bist ein Miststück!“ Aber eigentlich hatte er es gut gemeint. Er konnte es nicht ertragen ihr dabei zuzusehen, wie sie das pure Gift inhalierte. Und dann dieser letzte Streit. Fünf Monate später war er tot.

„Bobby“ 

Dies sind nur drei Momentaufnahmen von Menschen, die Zurückblieben. Trauern, verarbeiten, vermissen, zerbrechen und trotzdem leben. So muss man wohl die letzten Jahre überschreiben, die sie durch einen gemeinsamen Verlust miteinander verbinden. Jahre, die ihre Spuren hinterlassen haben, während von demjenigen, der hier betrauert wird, keine einzige Spur zurückgeblieben ist. Mehr als neun Jahre sind vergangen, seit Bobby Amendolas in den Türmen des World Trade Centers ums Leben kam. Es war der 11. September 2001, und Bobby war einer der 343 Feuerwehrmänner, die bei den Anschlägen des Nine Eleven am Ground Zero zu tragischen Helden wurde.

„Bobby“

Bobby von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

Eddie Joyce erzählt in seinem Roman „Bobby“, erschienen bei DVA, nicht nur von diesen drei Menschen. Joyce greift weiter und gestaltet einen Erzählraum, in dem sich die vergangenen neun Jahre seit dem Kollaps der Zwillingstürme zu einem kollektiv zu durchlebenden „Danach“ verdichten. Es sind nicht nur die Eltern, aus deren Sicht das jetzige Leben betrachtet wird. Es sind ebenso Bobbys Brüder, die Schwiegereltern und natürlich seine Witwe, die in ihren persönlichen Trümmern Zuflucht gesucht haben. Und als wäre dies noch nicht genug, sind es auch die vaterlos aufwachsenden Kinder, deren Welt sich mit einem Schlag für immer veränderte.

Eddie Joyce erzählt hier nur vordergründig vom Umgang mit Verlust. Er verleiht diesem Thema eine besondere Dimension, indem er sehr weit in die Vergangenheit von Familien blickt, um ihre emotionalen Bindungen, kulturellen Hintergründe und sozialen Prägungen spürbar zu machen und auf diese Art und Weise zu erklären, welchen Riss der Tod eines geliebten Menschen im tektonischen Gefüge der Kontinentalplatten von Familien verursachen kann. Seine daraus abgeleiteten Katastrophen und Verwerfungen in der Zukunft werden nachvollziehbar und sind dabei so authentisch, dass man sich selbst als Angehöriger fühlt, dessen erster Gedanke am frühen Morgen lautet:

„Das muss ich Bobby erzählen.“

Die Welt von Bobbys Eltern ist die komplexe Welt ehemaliger Einwanderer. Durch ihre Hochzeit verbanden sich zwei Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Irische und italienische Stammbäume sind dafür verantwortlich, dass die Amendolas alles in sich vereinen, was man unter Leidenschaft, Familiensinn und Emotionalität zu verstehen hat. Eine explosive Mischung aus Tradition und Hingebung zieht sich durch die Geschichten der Familien, die durch diese Ehe zu einer Familie werden. Und nun ist neun Jahre nach den Anschlägen in New York kein Stein mehr auf dem anderen.

Erst recht nicht für ihre Schwiegertochter Tina. Bobbys Witwe.

Bobby von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

Als Tina kurz vor dem neunten Geburtstag von Bobby jun. zum ersten Mal seit dem Tod ihres Mannes einen zarten Schritt in ein neues Leben wagt und Gefühle für einen neuen Mann in ihrem Leben zulässt, droht die ohnehin schon aus der Balance geratene Familie erneut aus der Bahn geworfen zu werden. Sie sieht sich mit Fragen konfrontiert, die jeden Tag ihres Lebens als Witwe bestimmt haben. Darf man einen toten Helden betrügen? Darf man ein normales Leben führen, wenn der Ehemann in den Türmen des World Trade Centers das eigene Leben für alle geopfert hat.

Darf man ihm den Sohn wegnehmen, den er nie gesehen hat? Und darf man einfach so einen neuen Mann mitbringen, wenn man gemeinsam den Geburtstag des Jungen feiert, der nach seinem toten Vater benannt wurde? Wie reagieren die Brüder Bobbys, welche Risse entstehen in den Herzen seiner Eltern und was passiert mit den eigenen Gefühlen? Kann man mit schlechtem Gewissen lieben, oder muss man sich als Witwe eines verstorbenen New Yorker Firefighters bis ans Ende seiner Tage damit abfinden, dass mit seinem auch das eigene Leben endete?

Eddie Joyce erzählt eine bewegende Familiengeschichte. Er lässt uns in die Herzen und in die Psyche von Hinterbliebenen blicken, deren Leben anders verlaufen wäre. Er bringt uns Menschen nahe, die uns so sehr berühren, dass man das komplette Bild nur zusammensetzen kann, weil man selbst durch die wechselnden Perspektiven einen tiefen Einblick in den Schmerz, Selbstvorwurf und verlorene Träume erhält. Bobby steht über allem. Er ist in jedem Leben das seinen Tod überdauert hat präsent. Die Tatsache, dass er als Held gefeiert wird, macht es seinen Angehörigen nicht leichter, ihren Weg zu finden, ohne dabei die Erinnerung an Bobby zu verraten.

Bobby von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

Ich denke, wir alle haben in unserem Leben einen Tag erlebt, der uns vorkam, wie ein Anschlag auf alles, wofür wir stehen. Wir alle mussten mit Verlusten umgehen, die in jeder Hinsicht einschneidend waren. Man neigt in solchen Situationen oft dazu, die eigene Trauer über die der anderen Menschen zu stellen. Man versinkt sehr leicht in Selbstvorwürfen und Depression. Man denkt, das Leben geht nicht weiter. Wenn man dann einen Roman zu diesem Thema liest, hat man häufig das Gefühl, dass er zu kurz greift, zu oberflächlich bleibt und den einzelnen Charakteren nicht gerecht wird.

Eddie Joyce beweist mit „Bobby“, dass es anders geht. Er erweitert das Spektrum des Verlustes um die Dimension eines Helden, dessen Andenken nicht beschmutzt werden darf, den man nicht betrügen darf und der ewig unvergessen bleiben muss. Tief unter der Oberfläche aus Trauer und Leid verborgen brodeln die Vulkane derer, die ihr Leben noch vor sich haben. Erwarten Sie nicht, dass Sie an der Seite von Bobby den Tag der Anschläge erleben. Erwarten Sie keine Schilderung des Nine Eleven. Gehen Sie nicht davon aus, hier einen Roman über diese Anschläge zu lesen.

Wappnen Sie sich eher dafür, schon nach wenigen Seiten zur Familie zu gehören. Eddie Joyce schreibt im Wissen um das kollektive Gedächtnis an einen Tag, der sich auch in unsere Herzen eingebrannt hat. Er schreibt auf der Grundlage unseres Wissens um den hohen Stellenwert der New Yorker Firefighter. Er schreibt uns eine Geschichte ins Herz, die sich noch heute in vielen Familien abspielt. Ein großer Roman, der keine Spurenelemente von Pathos enthält. Ein hoffnungsvoller Roman über ein „Danach“, das man sich hart erkämpfen muss und eine Liebeserklärung an diejenigen, die auf ihre ganz individuelle Weise nicht vergessen wollen und können.

Bobby von Eddie Joyce

Bobby von Eddie Joyce

Mein besonderer Dank gilt Lili und Klaus Hamann, die mir für diesen Artikel Fotos aus New York zur Verfügung stellten, die 2011 dort entstanden sind. Sie ermöglichten mir tiefe Einblicke in das Leben in und außerhalb von Feuerwachen. Sie vermittelten mir ein Bild davon, wie gut dieser Roman ist. Ich sehe viele Bobbys auf diesen Bildern.

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Bobby” von Eddie Joyce in Verbindung stehen.

Bobby - Eddie Joyce - Die Bücherkette

Bobby – Eddie Joyce – Die Bücherkette

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5 Gedanken zu „„Bobby“ von Eddie Joyce

  1. An diesem Tag war ich erst 15 und werdende Mutter…ich war mir erst nicht sicher, was ich da im TV sah. Erst langsam wurde mir das Ausmaß klar. Danke dir für diese Rezension, zu einem sehr wichtigem Thema.

    LG Eva

  2. Beim Lesen sind mir die Tränen gekommen. Ernsthaft. Dieser Tag, der das Davor und das Danach voneinander trennt, hat auch in meinem Leben eine gsnz persönliche Bedeutung. Und deswegen nehmen mich solche Bücher wahrscheinlich auch so mit…
    Nichtsdestotrotz sehr behutsam vorgestellt!

  3. Pingback: ASTROLIBRIUM: Eddie Joyce „Bobby“ – Buchhandlung Calliebe

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