Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August – Oliver Hilmes

Berlin 1936 - Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes

Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes

Sportliche Großveranstaltungen sind immer NUR Sportereignisse. Hier trifft sich die Jugend der Welt zum Vergleich der rein sportlichen Begabung und der Wettkampf ist frei von allen politischen Ränkespielen, sozialen Benachteiligungen oder Fragen der Herkunft der einzelnen Sportler. Olympische Spiele folgen hier einer langen Tradition, die ihre Werte bis in unsere heutige Zeit retten konnte. Fairness, Gleichbehandlung und das Motto „Dabeisein ist alles“ prägen den olympischen Gedanken. Das war schon immer so.

Stopp. Was schreibe ich denn da? Hier ist mir in der Formulierung der Definition des Idealzustandes eines solchen Ereignisses wohl einiges durcheinander geraten. Denke ich an Olympische Spiele in Peking oder Winterspiele in Sotschi, dann erinnere ich mich weniger an sportliche Höchstleistungen, sondern eher daran, wie die jeweiligen Gastgeber diese Welt-Medien-Plattform genutzt haben, um sich selbst und die eigene politische Führung zu inszenieren. Hier tanzten Wölfe in Schafspelzen, die wie normale Sportanzüge wirken sollten.

Der Prototyp für eine solche Vergewaltigung der olympischen Idee wurde hier in Berlin erfunden. Vor fast genau achtzig Jahren versammelte sich die Jugend der Welt unter den Olympischen Ringen und feierte das große Fest der Völkerverständigung. Die Hauptstadt des Dritten Reichs war der Austragungsort und der August 1936 sollte in die Geschichte der olympischen Bewegung eingehen. Hier wurde das größte Sportereignis der Welt zum Potemkinschen Dorf zur Tarnung der nationalsozialistischen Ideologie. Die Olympischen Spiele 1936 dienten als Welt-Beruhigungspille, die man allen Gästen zu Schlucken gab, damit sich hinter den Kulissen der wahre Geist Adolf Hitlers entfalten konnte.

Und der hatte statt Weltjugendspielen eine ganz andere weltweite Veranstaltung im Sinn. Krieg.

Berlin 1936 - Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes - AstroLibrium

Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes – AstroLibrium

Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ von Oliver Hilmes, erschienen im Siedler Verlag, ist das Buch gewordene Gegengift für die Massen-Einschläferung durch Brot und Spiele, bunte Unterhaltung, farbenprächtiges Amüsement und die Vertuschung der wahren Absichten der braunen Machthaber. Hilmes legt dabei kein wissenschaftliches Sachbuch voller Daten und Fakten vor. Er befußnotet sein Schreiben nicht, scheut vor Überfrachtung zurück und präsentiert sich als Kollektor und Interpret unterschiedlicher Perspektiven, die dem Berlin der Olympischen Spiele die Maske vom falschen Antlitz reißen.

Es gibt nur ein Buch, das mit Berlin 1936 zu vergleichen ist. Auch wenn die beiden Zeitebenen sich grundlegend unterscheiden, so muss man deutlich konstatieren, dass Oliver Hilmes in seinem Buch in der Tradition eines Florian Illies erzählt, konstruiert, nuanciert schreibt und dem Leser alle Freiheiten einräumt, den Blick hinter die Fassade des Dritten Reichs selbst einordnen zu können. Dabei greift der Autor auf Tagebücher, Filme, Biografien, Wochenschauen und andere gesicherte Dokumente zurück, um das Leben der großen und kleinen Leute, der Opfer, Täter, ihrer Gäste und von Mitläufern in einem Mosaik zu verewigen, das seinesgleichen sucht.

Illies schrieb mit 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts einen multiperspektivischen Roman, der Europa am Vorabend des Ersten Weltkrieges zeigt. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit lavierte er sich durch die Lebenserinnerungen von Künstlern, Politikern und den vielen kleinen Randfiguren der Geschichte, die auf diese exorbitante Art und Weise zu einem Zeit-Orchester zusammengeführt wurden, dessen bedrohlicher Klang erst die Ouvertüre für die spätere Entwicklung Europas nach dem Weltenbrand darstellt.

Berlin 1936 - Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes

Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes

Oliver Hilmes scheint diesen Taktstock aufzunehmen. Er hat sein Orchester um sich geschart, viele Partituren eingesammelt und nun eine Symphonie komponiert, die jedem der Instrumente einen großen Auftritt auf der Bühne dieses Buches garantiert. Es sind die leisen Töne der verfolgten Geiger, die uns bewegen. Es sind die Kesselpauken der Diktatur, die aufschrecken und es sind die verführerischen Klänge von Flöten, die sich in der Hand von braunen Verführern einschmeicheln und rassistische Leitmotive hinter flüssigen Volksliedern verbergen.

Hitler, Goebbels und Göring sitzen im Orchestergraben und obwohl sie eigentlich die erste Geige spielen, sind sie wohl eher diejenigen an den Kesselpauken des Dritten Reichs, die nun sehr darauf bedacht sind, für ganz genau sechzehn Tage etwas leisere Töne anzustimmen. Und doch sind ihre öffentlichen Vorstellungen nicht so kryptisch, dass man ihnen nicht auf die Spur kommen würde. Hätte man genau hingeschaut, wäre man wachsam gewesen, hätte man die Zeichen richtig gedeutet, man hätte sehr schnell kapiert, dass hier etwas faul war im Reiche.

Oliver Hilmes hat die brillante Ouvertüre „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ von Florian Illies mit seiner furiosen Komposition „Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ vollendet. Er führt uns in den Winter des Jahrhunderts..

Oliver Hilmes greift auf einen reichhaltigen Stab von Augenzeugen zurück. Sein Dramatis Personae (also die Personen, die hier zu Wort kommen), entspricht in weiten Teilen dem internationalen Who is Who der politischen und gesellschaftlichen Szene, das sich anlässlich der Sommerspiele in Berlin versammelt hatte. Dabei konstruiert der Autor seine ganz persönlichen Recherche-Ergebnisse wie ein Tagebuch, in das sich die Hauptfiguren des Buches persönlich eintragen dürfen. Und dies in der Annahme, dass kein anderer Mensch jemals lesen würde, was sie heimlich zum Besten geben.

Berlin 1936 - Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes

Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes

Hätte man nämlich während des größten Sportfestes lesen dürfen, was Joseph Goebbels seinem Tagebuch anvertraute, dann wären einem die Olympischen Ringe wie Schuppen von den Augen gefallen. Hätte man geahnt, wie sehr jene Nazis vor Wut schäumten, als mit Jesse Owens ausgerechnet ein schwarzer Athlet einen Rekord nach dem anderen aufstellte, man hätte keine Fragen zur rassistischen Prägung der Diktatur gestellt und hätte man von den Verhaftungswellen, Selbstmorden und Verfolgungen in Berlin geahnt, die Kulisse der Friedensspiele wäre in sich zusammengebrochen.

Oliver Hilmes entlarvt die Blindheit derer, die hätten sehen müssen. Er legt seinen journalistisch empathischen Finger in jede offene Wunde, die schon während der Spiele gerissen wurde, und die in der nahen Zukunft hätte verhindert werden können. Typisch berlinerisch kommen so manche Anekdoten daher. Verballhornungen und Spitznamen hatten auch in diesen Tagen Hochkonjunktur. Wenn man der „Reichsgletscherspalte“ Leni Riefenstahl zum Beispiel rät, sie solle ihren Olympiafilm nur im Negativ betrachten, wenn sie weiße Sportler siegen sehen möchte, dann stiehlt sich dem Leser ein Lächeln ins Gesicht. Berlin bleibt Berlin.

Wenn man aber dann erlebt, wie die kleine Elisabeth an den Stadtrand vertrieben wird, und unter unmenschlichsten Bedingungen dazu verdammt ist, dem lebensfrohen Berlin aus der Ferne zuzuschauen, weil sie als Zigeunerin keinen Platz mehr hat, dann wird das Herz eng. Ebenso eng, wie zu erfahren, dass noch während diese Spiele im Gange sind, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, die Bauarbeiten am benachbarten Konzentrationslager Sachsenhausen mit Hochdruck vorangetrieben werden. Hätte man sehen wollen, man hätte sehen können.

Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes

Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes

Oliver Hilmes rekonstruiert in „Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“ nicht nur die Olympischen Spiele selbst. Er stellt Sichtweisen gegeneinander, die konträrer nicht sein könnten. Er begleitet uns auf dem Weg des Erkennens der Diktatur durch den US- Schriftsteller Thomas Wolfe, führt uns mit Helene Mayer zur Silbermedaille im Fechten und öffnet uns dann die Augen, dass die deutsche Halbjüdin erst auf starken Druck der Organisatoren der Spiele als einzige und damit als Alibi-Jüdin den Kader des Dritten Reichs vervollständigte. Die Machthaber spielten grandios auf ihrer Klaviatur der Lügen.

Man muss Hilmes lesen, wenn man verstehen will, welchen Stellenwert die Spiele in Berlin für die Etablierung des Deutschen Reiches hatten. Sie verschafften Adolf Hitler die Anerkennung in der Welt, die er sich erhoffte. Und sie verschafften ihm die Zeit, den zweiten Weltenbrand in aller Ruhe vorzubereiten. Die Weltgemeinschaft ließ sich an der Nase herumführen und spätestens der Blick nach Dresden zeigt, wie leicht doch alles zu durchschauen gewesen wäre. Hier schrieb der verfolgte Professor Victor Klemperer in sein Tagebuch:

Die Olympiade geht nächsten Sonntag zu Ende, der Parteitag der NSDAP kündigt sich an, eine Explosion steht vor der Tür, und es ist natürlich, dass man sich zuerst gegen die Juden abreagieren wird.

Wie Recht er doch hatte. Als der nationalsozialistische Maskenball endet, beginnt der weltweite Totentanz. Oliver Hilmes wirft vielleicht nur einen Blick zurück. Aber, wie ich schon immer sagte „Ohne Rückspiegel kann man nicht nach vorne fahren„. Genau hier liegt die wesentliche Leistung von „Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August“. Der Leser wird dazu verführt mit wachem Blick in die Zukunft zu schauen und darf dabei erahnen, dass die sportlichen Großereignisse unserer Zeit von falschen Melodien aus den Orchestergräben begleitet werden. Da Capo, Herr Hilmes. Diese Konzerte haben sie uns gottlob versaut. Mehr davon.

Berlin 1936 - Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes

Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August von Oliver Hilmes

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Berlin 1936” von Oliver Hilmes in tiefer Verbindung stehen. Zu meinen Artikeln über Florian Illies und Victor Klemperer bitte einfach die Namen anklicken.

Berlin 1936 - Sechzehn Tage im August - Die Bücherkette

Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August – Die Bücherkette

Ich werde Oliver Hilmes auf der Frankfurter Buchmesse zum Interview treffen. Es beschäftigen mich einige Fragen zu seiner Herangehensweise, der Methodik und auch zu der Sichtweise des Autors zur allgemeinen Instrumentalisierung Olympischer Spiele. Vielleicht kann ich Oliver Hilmes für Literatur Radio Bayern dazu verleiten, ein wenig darüber zu spekulieren, wie sich diese Spiele auf das heutige Berlin ausgewirkt haben.

Folgen Sie mir ins Interview mit Oliver Hilmes zu „Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August, an den Stand des Siedler Verlages.  Lesens- und hörenswert – Gegen das Vergessen.

Berlin 1936 - Sechzehn Tage im August - Das Interview mit Oliver Hilmes

Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August – Das Interview mit Oliver Hilmes

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7 Gedanken zu „Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August – Oliver Hilmes

  1. Ich bin sehr gespannt auf das Buch, das noch auf dem Stapel liegt, aber sicherlich in Kürze begonnen wird. Ich denke, diese Jahre zwischen Hitlers Machtergreifung und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges sind noch nicht so literarische „beackert“ wie die folgenden Jahre und deshalb sehr spannend. Da bleibt also Raum und Themen für weitere Bücher. Viele Grüße

    • Danke für deine Grüße und Gedanken…

      Es sind die Jahre vor dem Schrecken. Literarisches Niemandsland zumeist und doch so entscheidend, wenn man sich die Frage stellt, wie es so weit kommen konnte.

      Hier wurde kollektiv Chloroform verabreicht und es hat farbenblind gemacht. Zumindest für die Brauntöne.

      Manchmal denkt man heute, die Betäubung beginnt wieder zu wirken…

      • Wie Du es wieder toll auf den Punkt bringst….Allerdings sind die Weichen für Hitlers Aufstieg weit vor 1933 gestellt worden. Alles ist irgendwie zusammengekommen: der Großteil der Bevölkerung, die Industrie, das Beamtentum etc. Wer vorausgesehen und gewarnt hat, was da kommt, ist bereits geflohen, hat es erdulden müssen oder hat die Zeit nicht überlebt.

      • Wohl wahr… aber erst die Olympischen Spiele haben ihm im Ausland zu der Verschnaufpause verholfen, um unter dem Deckmantel der friedlichen Spiele den Krieg vorzubereiten.

        Putin und Co. haben viel gelernt aus dieser Beruhigungspille….

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