[Graphic Novel] Drei Steine von Nils Oskamp

Drei Steine von Nils Oskamp

Drei Steine von Nils Oskamp

Wie wehrt man sich gegen rechtsradikale Gewalt? Wie geht man damit um, wenn man zur Zielscheibe wird? Wie lebt man damit, wenn sich an der eigenen Schule die Schlinge immer bedrohlicher um den Hals zu schließen scheint und niemand glauben möchte, dass man sich in Gefahr befindet? An wen können sich Jugendliche wenden, wenn ihnen das ideologische Wasser bis zum Halse steht und gibt es Wege aus dem Horror, der anscheinend nur Anpassung und Mitläufer erzeugen soll?

Fragen, die sich nicht nur junge Menschen stellen. Gerade auch Eltern und Freunde sind immer wieder ratlos und können nur hoffen, dass die jungen Menschen, die ihnen am Herzen liegen, nicht ins falsche Umfeld geraten. Und doch reduziert sich der eigene Einfluss und die Sorge endet nicht vor der eigenen Haustür. Mobbing und Gewalt sind mächtige Waffen zur Verunsicherung Heranwachsender und die Automatismen greifen noch heute. Man möchte dazugehören, nicht ausgegrenzt sein und einfach seine Ruhe haben.

Drei Steine von Nils Oskamp

Drei Steine von Nils Oskamp

Dafür ist man unter Umständen bereit, einige Kröten zu schlucken. Die fettesten von ihnen sind in der Rechten Szene zu finden. Sie bleiben nicht nur den Mitläufern und ihren braunen Freunden im Halse stecken, sie bedeuten auch, dass andere Menschen auf Kosten der Opportunität des Einzelnen selbst Opfer und Underdogs werden, ohne die eine Ideologie niemals auskommt. Das war immer so und das wird wohl immer so bleiben. Und genau an dieser Stelle setzen die Verführer an. Symbolträchtig und stark wirken sie nach außen. Geschlossen erscheinen ihre Reihen und Tradition wird ganz groß geschrieben. Dahinter steckt jedoch viel mehr, als es sich die Verführten auf den ersten Blick vorstellen können.

Ein ewiges Netzwerk der braunen Gedanken beschwört die Geister von gestern.

Nils Oskamp scheint einen Weg gefunden zu haben, gerade denjenigen zu helfen, die ins Visier der Neonazis von heute geraten. Einerseits, indem sie bedroht und attackiert werden und andererseits, indem sie deutlich Gefahr laufen, von der scheinbar verlockenden Idee der „einzig wahren Deutschen“ verführt zu werden. Oskamp geht einen modernen Weg, der sich schon auf den ersten Blick vom erhobenen Zeigefinger der Erwachsenen abhebt, die mahnen und meist äußerst textlastig mit Fakten um sich werfen. Er zeichnet seinen eigenen Weg in der Graphic Novel „Drei Steine nach.

Drei Steine von Nils Oskamp

Drei Steine von Nils Oskamp

Und dieser Weg hat es in sich. Ebenso sehr, wie es seine Geschichte in sich hat. Nils Oskamp schreibt und illustriert sich auf Augenhöhe mit den Jugendlichen von heute. Er bleibt hier lediglich in der Farbgebung seiner nuancierten Bilder farblos. Die Idee, diese Geschichte könnte in weiter Vergangenheit angesiedelt sein, stellt sich an keiner Stelle. „Drei Steine“ ist zeitlos und die Ausganssituation aus dem Gespräch zwischen Vater und Sohn, weckt die Nähe zum Verfasser. Nicht als Vaterfigur, eher als Erwachsener, der mit klarem Blick und äußerst selbstkritisch auf die eigene Schulzeit zurückblickt.

Diese Graphic Novel besticht nicht nur mit der Qualität der Illustrationen. Sie sind hier Botenstoff, Stilmittel und Denkanstoß zugleich. Und doch geben sie auch die klare Struktur vor, in der sich die Handlung vermittelt. Eine Schule, Nazi-Schmierereien und offen zur Schau getragene Gewalt stecken den Rahmen ab. Ein unsicherer Schüler, der sich mitzuteilen versucht, im Kleinen gegen die braune Symbolik der Mitschüler vorgeht und dabei doch an seine Grenzen stößt. Kein Verständnis bei Lehrern und Eltern. Und dies, während er immer weiter ins Visier der Neonazis gerät. Gewalt und offene Angriffe werden zu den Rahmenbedingungen des Schulalltag.

Drei Steine von Nils Oskamp

Drei Steine von Nils Oskamp

Der Blick des Schülers Oskamp schärft sich. Er beginnt hinter die Lügenkulissen der Nazis zu blicken, erkennt die alten abgedroschenen Märchen vom Führerglauben und durchschaut das Gefasel von der Legende von Stalingrad. Sein Schrecken wächst, als der Holocaust verleugnet wird. Mit Argumenten kann er den Radikalen nicht begegnen. Und Gewalt ist auch keine Alternative. Das steht für den Schüler fest. Auch wenn ein guter Freund versucht, ihm die „Sprache“ seiner Gegner beizubringen. Erst drei Steinen von einem jüdischen Friedhof gelingt, was bisher unmöglich schien.

Ein fulminanter Befreiungsschlag, der den jungen Menschen formt.

Hier werden aus drei Steinen die moralischen Grundsteine einer Persönlichkeit. In ihrer Symbolik gehen diese Steine unterschiedliche Wege mit ihrem Besitzer. Wege, die man in dieser Graphic Novel selbst erlesen und betrachten sollte. Das ist Comic-Kunst mit Tiefgang-Garantie. Wenn Mythen sterben erheben sich junge Menschen, wie Phoenix aus der Asche. Rückhalt, Einsicht und ein eigenes Wertesystem bedingen hier einen jungen Menschen, dem man gerne folgt, denn seine Botschaft kostet keine Opfer.

Drei Steine von Nils Oskamp

Drei Steine von Nils Oskamp

Nils Oskamp gelingt es, mit seiner Graphic Novel „Drei Steine“ aufzurütteln. Ich zweifle daran, dass es ihm gelingen wird, bereits überzeugte Nazis zu bekehren. Das ist nicht das Ziel dieser Streitschrift Gegen das Vergessen und für ein gemeinsames Leben frei von Vorurteilen. Die Automatismen ideologisch motivierter Gewalt werden enttarnt und sowohl junge als auch ältere Leser finden in diesem wertvollen Buch einen Kompass, an dem man sich ausrichten kann.

Genial, wie Nils Oskamp am Ende seines Buches die Bilder real werden lässt.

Drei Steine“ ist als 160-seitiges Hardcover bei Panini erschienen. Das Buch sollte in den Schulbuch-Kanon aufgenommen werden und genau da wirken, wo sich derzeit die Gewalt noch am Ehesten manifestiert und entwickelt. Dieser Meinung schließt sich auch die Amadeu Antonio Stiftung an und hat eine auf 96 Seiten gekürzte Softcover-Ausgabe veröffentlicht, die von Schulen und Lehrern kostenlos geordert werden kann. Darüber hinaus wird auf der WebSeite der Stiftung umfangreiches Unterrichtsmaterial angeboten. Wenn nicht jetzt, liebe Lehrer, wann denn dann?

Peggy Steike und ich werden „Drei Steine“ in den Kanon unserer Arbeit gegen das Vergessen aufnehmen. Ein wichtiges Buch, ein politisches Buch und weit mehr als ein Comic. Das sieht und fühlt man auf den ersten Blick. Wer die „Drei Steine“ liest und ihnen eine Chance gibt, der wird verstehen was ich meine, wenn ich sage, dass der vierte Stein bei uns Lesern liegt. Er ist der Werte-Joker unseres Lebens. Platziert ihn an der einzig richtigen Stelle, die verhindern kann, dass sich Vergangenheit wiederholt und der rassistische Stumpfsinn grassiert. In eurem Herzen.

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SchulausgabeHintergrundmaterialKomplette Graphic Novel von Panini

Gerade bei diesem Thema bin ich immer wieder dankbar, mich während des Lesens austauschen zu können. Ronja war auf diesem Leseweg mehr als wichtig und in ihrer Bücherstöberecke haben heute ganz besondere Worte ihren Weg in ihre Rezension gefunden. Hier könnt Ihr weiterlesen… Drei Steine bei Ronja. Ebenso wichtig ist der Aufruf von Anja in Zwiebelchens Plauderecke, vielstimmig zu bleiben.

Ich habe Nils Oskamp auf der Frankfurter Buchmesse zum Interview getroffen. Es war kein Gespräch, wie jedes andere. Zumindest konnte ich kein ungestörtes Interview führen, was den Rahmenbedingungen in der Messehalle geschuldet war. Wenn es sich nämlich herausstellt, dass der rechte Standnachbar der „Drei-Steine-Ausstellung“ ein RECHTER Nachbar ist, Signierstunden und Interviews stört, dann muss man reagieren und mitten im Interview die Location wechseln… Ein PodCast, der anschaulich beweist, was es heißt, sich zu engagieren… Hier geht`s lang

Das Buchmesseinterview mit Nils Oskamp

Das Buchmesseinterview mit Nils Oskamp

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20 Gedanken zu „[Graphic Novel] Drei Steine von Nils Oskamp

  1. Ich selber habe das Buch heute überraschend erhalten und bin sehr gespannt auf Nils Geschichte. Deine Rezension hat mich nur noch neugieriger gemacht.

    LG Eva

  2. So langsam sammeln sich die GN bei mir. Neben den bekannten Israel-Büchern stehen da noch SOPHIE SCHOLL und ANNE FRANK. Also auch bei mir wird es weiter gehen mit dem Schreiben gegen das Vergessen.
    Bei diesem Buch hier fange ich auch an zu überlegen…

  3. Meine Worte haben ihr Ende gefunden und ich konnte bei dir eintauchen… Ich war sehr froh, dass du dieses Buch auch erhalten hast… So war ich beim Lesen nicht ganz alleine und hatte das Gefühl, wenn ich fallen würde, könntest du mich auffangen.
    Solch ein Gefühl hatte Nils in seiner Jugend nicht… Was unglaublich schmerzhaft ist…
    Ich finde es schrecklich, wie präsent der Gedanke, etwas besonderes zu sein, nur aufgrund der „Rasse“, heute noch ist…

    Der vierte Stein liegt in meinem Herzen… und reale Steine liegen in Neuengamme und Bergen-Belsen… Auschwitz irgendwann… Schöner Brauch… Wichtig… Beeindruckend…

    • Das gegenseitige auffangen ist auch im Lesen ein wichtiger Punkt. Oft versinkt man zu tief in der Materie und findet kaum einen Anker, der Halt gibt.

      viele Geschichten verbinden uns seit Jahren. „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ war so eine, bei der ich drohte abzudriften, weil sie zu schmerzhaft war.

      „Drei Steine“ ist eine Initialzündung für den Geist. Danke für deinen vierten Stein und die steine, die noch folgen werden.

  4. Ich würde es unheimlich gerne meinem Geschichtslehrer empfehlen, auch wenn wir mit der NS-Zeit längst durch sind… Es war nie mein „Lieblingsgeschichtsthema“, aber ich denke ein solches Thema bekommt durch einen Grpahic Novel mehr Zugang für jüngere Menschen…

    Ich hätte noch zwei Empfehlungen:
    Also Orhan Pamuk, den du sicher kennst, er schreibt gegen das Vergessen des Armenier-Välkermordes und ein Frühling in Tschernobyl. Ein wunderbarer Comic über das Leben in der „Todeszone“ …

    • Beide Werke sind mir wohlbekannt. Unverzichtbare Lektüre auf diesen Wegen der Erinnerung.

      Und ja… eine Graphic Novel kann hier Wunder bewirken, weil sie eben mit einem sehr wirkungsvollen Stilmittel aufwartet und den Leser, besonders den jungen Leser, tief in die Geschichte zieht.

  5. Pingback: ASTROLIBRIUM: Nils Oskamp „Drei Steine“ – Buchhandlung Calliebe

  6. Pingback: Nils Oskamp „Drei Steine“ (Graphic Novel) | Das Niliversum

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