„Montana“ von Smith Henderson (Fourth of July Creek)

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

Ärzte sind immer gesund, Psychologen haben keine Probleme und Sozialarbeiter kommen immer aus dem intaktesten Umfeld. Das ist doch die Ausgangslage, wenn man wieder einmal Hilfe sucht, einen Rat braucht oder jemandem seine Wehwehchen anvertraut. Oder? Haben wir schon mal darüber nachgedacht, wie es demjenigen geht, dessen Hilfe wir dringend benötigen? Kann es nicht sogar sein, dass ein solcher Beruf zum psychologischen Paradoxon wird, denn wie sagt man so schön: „Des Schusters Kinder haben die schlechtesten Schuhe“! 

Nichts könnte die Ausgangssituation in „Montana“ von Smith Henderson besser beschreiben. Der im Luchterhand Literaturverlag erschienene Roman aus der Feder eines Sozialarbeiters, Gefängniswärters und Werbetexters, der nun als Schriftsteller in Los Angeles lebt, hat unter dem Originaltitel Fourth of July Creek in den USA für Aufsehen gesorgt und wurde, wie passend, mit dem Montana Book Award 2014 und einigen Shortlist-Plätzen für weitere renommierte Literaturpreise gewürdigt.

Mit den Prädikaten „Ein verflucht großartiges Buch“ (Esquire) und „Ein einmaliger Roman voller Wärme und Herzlichkeit“ (New York Times) versehen, kommen auch wir endlich in den Genuss des von Walter Ahlers und Sabine Roth übersetzten Romans, der sich jeglicher Kategorisierung entzieht. Sozialkritisch ist er, sozialpolitisch sicherlich auch. Gesellschaftskritisch und historisch, da er in den 1980er Jahren spielt, auch. Es ist ein Beziehungs- und Entwicklungsroman, eine düstere Studie vom äußersten Rand der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft und die Blaupause eines Berufes, der in seiner psychologischen Wucht wohl selten so treffend skizziert wurde. Sozialarbeiter.

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

„Du bist jetzt schon am Limit, und die Zahl der Fälle wird ansteigen, wenn es auf Weihnachten zugeht bei den Armen, bei den aus der Bahn Geworfenen und Irren. Kinder warten mit Cops… auf dem Vordersitz von Streifenwagen, damit sie nicht völlig auskühlen, bis du kommst. Und du bringst diese Kinder ins Krisenzentrum in Kalispell. Wo es zu wenig Betten gibt. Du hast 24 Stunden, um einen Platz für sie zu finden.“

So liest sich die gefühlte Job-Descritpion des Sozialarbeiters Pete Snow. Und wir haben es hier nicht mit einem der sozialen Brennpunkte der USA in den frühen 1980er Jahren zu tun, wir befinden uns nicht in den unterprivilegierten Vororten von New York, Detroit oder Chicago, sondern mitten in der „Pampa“, in dem kleinen Kaff Tenmile im Nordwesten von Montana. Idylle jedoch sieht völlig anders aus und fühlt sich anders an. Denn während man in den Großstädten immer am Puls der Zeit arbeiten kann, vollzieht sich die Wucht des sozialen Absturzes auf dem Land in den Dörfern, Trailern, Farmen und halbfertigen Holzhütten am Rande der Wildnis.

Hier ist der Sozialarbeiter oftmals der letzte Vermittler zwischen den Cops und den Familien am Abgrund. Die Gratwanderung ist riskant und Pete Snow schwebt in einem Zustand zwischen Überforderung, Ratlosigkeit und Ohnmacht gegenüber den zu vielen Menschen, denen es zu helfen gilt. Dabei wird genau diese Hilfe aus Stolz verweigert, oder die Menschen sind schon so weit in ihren Frust, den Alkohol und die komplette Verweigerung jeder soziale Norm abgedriftet, dass sie schon wie lebende Zeitbomben wirken. Und ganz besonders die Jugendlichen ticken in ihrer Perspektivlosigkeit anders.

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

Smith Henderson lässt uns in diesen frustrierenden Alltag eintauchen. Mit einer sprachlichen Wucht, die in ihrer naturbelassenen Dynamik den Lebensheißhunger der Bedürftigen widerspiegelt, setzt er uns in Situationen aus, die mit normalem Verstand nicht zu bewältigen sind. Verstörend sind die unkalkulierbaren Verhaltensweisen und die Konflikte, die Pete zu lösen versucht. Sie entziehen sich in ihrer Dimension unserer Vorstellungskraft. Am Ende bleibt meist nur der Weg, die prügelnden Kinder von ihren prügelnden und besoffenen Eltern zu trennen, Pflegefamilien zu finden oder direkt den Jugendknast anzusteuern.

Frustlesen macht sich breit. Die Stimmung schwappt aus dem Buch heraus und man ist versucht, sich mit Pete Snow in eine Ecke zu hocken und sich einen Whiskey hinter die überforderte Binde zu kippen. Wutlesen treibt uns von Seite zu Seite, weil wir nicht fassen können, was sich hier an menschlichen Dramen abspielt! Spätestens als er den elfjährigen Benjamin Pearl aufgreift sind wir so intensiv in der Rolle des Sozialarbeiters verhaftet und gefangen, dass wir selbst die Gratwanderungen erleben, die Pete Snow zu zerreißen drohen. Dabei sind Frust- und Wutlesen die höchsten Ausprägungen von Lesegefühlen, die nicht viele Schriftsteller in mir erzeugen können.

Neben Benjamin begegnen wir auch seinem Vater Jeremiah. Einem Mann, der mir im Laufe meines Lesens so noch nicht untergekommen ist. Eine Mischung aus Eremit und paranoidem Revoluzzer, der sich mit seinem Sohn in der Wildnis versteckt hat, um dem Untergang der Welt wohl in der ersten Reihe beizuwohnen. Religiös fanatisch und voller verrückter Ideen, gepaart mit Verfolgungswahn verweigert Jeremiah jegliche Hilfe für sich selbst und seinen verwahrlosten Sohn. Pete Snow beißt auf echten Montana-Granit bei den beiden und schwebt dabei ständig in Gefahr, einfach über den Haufen geschossen zu werden.

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

So tief wir in die verschrobenen Ansichten eines Jeremiah Pearl blicken dürfen, so sehr entwickelt sich parallel dazu das Zerrbild der kollabierten Welt von Pete Snow. So sehr er auch helfen will, so intensiv er versucht, sich zu kümmern, so wenig ist ihm das in seinem eigenen Leben gelungen. Seine gescheiterte Ehe, seine Tochter auf der Flucht vor der Realität und sein Bruder, der von Gott und der Welt verfolgt wird, sind nur Symptome einer Krebsgeschwulst, die sich Normalität nennt. Erst als Pete Snow und Jeremiah Pearl in der Schnittmenge ihrer Probleme zueinander finden, wird aus dem Helfersyndrom des Sozialarbeiters mehr:

„Pearl riss Pete das Gewehr aus der Hand und wich zurück. Er und Pete sahen sich in die Augen, und mit diesem Blick nahm etwas zwischen ihnen Gestalt an. Etwas Echtes. Fast eine Art Verstehen.“ 

Die Lawine der Ereignisse rollt ungebremst auf Pete Snow zu. Zerrissen zwischen der hilflosen Suche nach seiner Tochter, der Versagensangst im Job und dem Gefühl, sein eigenes Leben verspielt zu haben, erlebt er das Amerika, dessen Probleme er zu beseitigen hoffte. Die Staatsmacht beginnt Jagd auf Jeremiah Pearl zu machen. Es ist die Zeit des Attentats auf Ronald Reagan. Es ist die Zeit des Kalten Krieges. Es ist die Zeit, im Land aufzuräumen. Und nicht nur mit den üblichen Verdächtigen, sondern auch mit den Menschen, die ihnen nahestehen. Pete Snow gerät ins Visier.

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

Smith Henderson gelingt mit Montana ein wuchtiges Debüt und ein großer Roman aus einem Guss. Ihm gelingt das Kunststück, in seinen Lesern Sympathie auch für die widersprüchlichsten Figuren seines Romans zu erzeugen. Er macht aus uns die wahren Sozialarbeiter des Lesens und spiegelt dabei die Fassade eines ganzen Landes. Pete Snow und Jeremiah Pearl. Ist es nicht auch Amerika, das nach außen als Weltpolizei und Hüter der demokratischen Moral in Erscheinung tritt und im Inneren die Suche nach den verlorenen Kindern längst aufgegeben hat?

Der literarische Kunstgriff Smith Hendersons, in einem parallelen Erzählstrang die Perspektive der ausgerissenen Tochter zu präsentieren ist so brillant konstruiert, dass man in jeder Zeile das Wort ausgerissen neu und intensiver versteht. Nichts bleibt hier am Stück, kein Mosaiksteinchen der Persönlichkeit seiner Protagonisten bleibt an seiner Stelle. Und mit jeder Seite entsteht so ein neues Bild. Scharf, gewagt, konturiert und von absolut brutaler Ehrlichkeit geprägt.

Wer hilft hier wem? Wer ist der wahre Außenseiter und wie kann man sich anmaßen, anderen Menschen eine Hilfe aufzudrängen, die mehr zerstört als heilt? Darf man sich auf das hohe Ross der sozialen Moral setzen, ohne den Sattel für dieses wilde Pferd zu haben? Mir werden die kalten Nächte in der Wildnis von Montana unvergessen bleiben. Ich habe gefühlt, gelitten, getobt und geflucht. Ich war trunken vor Glück, zugekifft und besoffen. Ich habe Orgasmen getankt, Schmerzen ertragen, Tränen getrunken und eine Schublade gefunden, in der ich die Liebe zu diesem Roman aufbewahren kann.

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

Wenn Smith Henderson über Liebe schreibt, bleibt das Herz des Lesers stehen:

„Sie sagt, sie hat eine Schublade für die Männer, die sie lieben kann. Und in dieser Schublade liegt er. Und wenn er zu ihr kommt, kann sie es kaum erwarten, die Schublade aufzuziehen und ihn herauszunehmen.“

Montana von Smith Henderson

Montana von Smith Henderson

Advertisements

5 Gedanken zu „„Montana“ von Smith Henderson (Fourth of July Creek)

  1. Rein beruflich hast Du meine Neugierde geweckt 😉 WIR sind hier absolut überzeugt, dass Sozialarbeiter in ganz vielen Fällen aus einer persönlichen Erfahrung heraus eben diesen Beruf ergreifen wollten. Um da zu helfen, wo sie selbst mal sehr alleine waren…. Ich bin keine Sozialarbeiterin, aber ein Teil meines Jobs hat sich in die Richtung entwickelt und von daher… Wandert dieses Buch auf meine WuLi! Danke!

    • Mit diesem besonderen Hintergrund ist es gerade für dich sicher ein unglaublich tiefes Lesen. Da würde mich deine Perspektive schon sehr interessieren.

      Ich denke, er schreibt dir in wesentlichen Teilen aus der Seele.

  2. Wow, diese Buch scheint großartig zu sein….
    Nur wie es aussieht bestätigt es mich in meinen NICHT-Berufswünschen. Sozialarbeiter wäre keine Arbeit für mich, da bin ich reichlich unsozial.

  3. Pingback: ASTROLIBRIUM: Smith Henderson „Montana“ – Buchhandlung Calliebe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s