Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick – Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Totgesagte lesen länger. So oder so ähnlich könnte man alle Versuche beschreiben, das Genre Western abzuschreiben. Dabei erfreut sich genau diese eigene Welt der Literatur einer ganz besonderen Beliebtheit, was sich am großen Erfolg neuer Romane deutlich ablesen lässt. Und nicht nur hier brilliert das Genre, auch im Kino kommen die Zuschauer kaum noch aus dem Sattel, wenn es darum geht, Filmen wie The Revenant, Django Unchained oder The Hateful Eight die Referenz zu erweisen. Ein Erfolg, der auch in der Literatur weite Kreise zieht.

John Williams hat mit „Butcher`s Crossing den Abgesang auf die Büffeljagd in unser Abenteuerherz gepflanzt und Joe R. Lansdale wusste mit Das Dickicht nicht nur seine Leser zu überzeugen. Auch hier steht die Verfilmung an und wird für Furore sorgen. Was macht den Western in unserer Zeit so beliebt? Ein Genre, das noch vor 30 Jahren in Groschenromanen und Endlos-Fortsetzungen aus seiner Hüfte schoss. Zane Grey hat hier sicherlich die tiefsten Spuren in der Prärie hinterlassen und auch Jack London hat seine Lagerfeuer im Leser entfacht. Und natürlich ist es die gute Western-Tradition eines Karl May, der dieses Genre in Deutschland salonfähig geschrieben hat.

Als Trivialliteratur werden Western oftmals bezeichnet. Zugänglich und einfach zu erfassen. Leicht verständlich, unterhaltend und schön. Wenig anspruchsvolle Literatur, die durch simple Konstruktion und eher eindimensionale Charakterzeichnung zu einem wilden Ritt durch den stereotypen Wilden Westen einlädt. Dabei haben die Helden in ihrer schwarz-weiß-Zeichnung oft etwas liebenswert Naives an sich und das Böse ist deutlich und weithin erkennbar. Man erwarte hier keine Überraschungen. Einfach soll es schon sein und im finalen Showdown bleiben am Ende weder die Augen trocken, noch Fragen offen. Das sind Western.. Yihaaaa….

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Und nicht zuletzt sind es die wahren Helden der Pionierzeit, die man schöner gar nicht hätte erfinden können. Legenden ihrer Zeit, die bis heute überdauert haben. Billly the Kid, Buffalo Bill, Wild Bill Hickock und Calamity Jane, Whyatt Earp und Doc Holiday. Wer kennt sie nicht und bei wem klingen nicht die Geschichten nach, die von ihnen erzählen? Unsere Jugend ist geprägt von diesen Charakteren und wie oft sind wir in der Vergangenheit schon nach Dodge City, Santa Fe oder nach Deadwood gereist. Von Besuchen auf der Bonderosa Ranch einmal ganz abgesehen.

Und nun ist es wieder soweit. Es zieht mich in den Wilden Westen und mein Pferd kann es schon gar nicht mehr erwarten, mit mir gemeinsam aufzubrechen. Die Sachen sind schnell gepackt. Man braucht nicht viel in diesen Tagen. Die Satteltaschen bieten gerade einmal Platz für ein paar Konserven, eine Decke und Munition. Und die werde ich noch brauchen, denn (um es mit den Worten von David Foster Wallace zu sagen), hier wartet eine absolute Unterhaltungspatrone darauf, von mir abgefeuert zu werden. Auf nach Deadwood. Zurück in die Zeit kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale, erschienen im Tropen Verlag, ist mein gebundener Reiseführer und South Dakota heißt mein Ziel. Die Goldgräber haben weite Landstriche erobert und ihre tiefen Spuren hinterlassen. Kleine Städte sind aus dem Boden geschossen und die wildesten Gesellen versuchen hier ihr Glück zu machen, indem sie entweder Gold finden oder einen Kontrahenten in Grund und Boden schießen. Kein leichtes Leben also. Nicht für die harten Männer und schon gar nicht für das zarte Geschlecht, wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass die hier lebenden Frauen nicht besonders zart besaitet waren.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Joe R. Lansdale erfüllt mit seinem klassischen Western alle Kriterien, die seinen Roman zu einem besonderen Genuss für Freunde dieses Genres machen. Und doch übertrifft er die Erwartungen erneut deutlich, da seine Geschichte viel mehr beinhaltet, als man erwarten dürfte. Seine Romane entfalten ihre Dimension nicht nur beim Lesen, sondern beinhalten Botschaften aus einer längst vergangenen Zeit, die gerade heute von Bedeutung sind. Nicht ohne Grund erzählt er uns die Geschichte von Deadwood Dick, einem der wenigen schwarzen Cowboys, die ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen haben.

Hinter dem legendären Spitznamen verbirgt sich Nat Love, ein ehemaliger Sklave, der nach seiner Befreiung einen einzigen, aber umso verhängnisvolleren Fehler begeht. Er schaut einer weißen Lady auf den Allerwertesten. Soweit, so gut. Wäre da nicht die Lady, die gar nicht damenhaft behauptet, allein durch den Blick eines Schwarzen quasi vergewaltigt worden zu sein und wäre nicht ihr rassistischer Ehemann, der dem jungen Schwarzen ewige Rache schwört. Hier nimmt die Handlung Fahrt auf, denn dem armen Kerl bleibt nur die Flucht.

Während sich der wütende Mob zuerst an seinem Vater vergreift und alles zerstört, was nicht niet- und nagelfest ist, ahnt der Junge schon, dass dieser rassistische Zorn ihn lebenslang begleiten wird. Also nichts wie weg. Seine Flucht führt ihn auf eine Farm und zu einem Menschen, der ihm in seinen letzten Lebensstunden alles beibringt, was man zum Überleben braucht. Eine schicksalhafte Begegnung. Ausgestattet mit Waffen, Pferden und guten Ratschlägen geht die wilde Flucht weiter und führt den Ex-Sklaven in die Stadt der Legenden vom leichten Reichtum. Deadwood.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Der Western-Liebhaber bekommt, was er erwartet. Indianer, die es gar nicht gerne sehen, dass man ihr Land ungestraft betritt. Wilde Gefechte der Kavallerie, der sich Nat Love für kurze Zeit anschließt, legendäre Westernhelden, die seinen Weg kreuzen und, wie sollte es anders sein, eine erste Liebe in unmöglichen Zeiten. Win Finn erobert das Herz des jungen Mannes, der sich in Deadwood einen bleibenden Namen gemacht hat.

Wer konnte schon von sich behaupten, einigen chinesischen Prostituierten und Wild Bill Hickock persönlich die Haut gerettet zu haben? Wer konnte es mit Calamity Jane aufnehmen und wem war es zu Lebzeiten vergönnt, in Deadwood zu einer legendären Figur zu werden? Nat Love hat dies geschafft und spätestens als sich ein Romanautor an seine Fersen heftet, wird sein Name im ganzen Land zur Legende.

Doch wäre dies kein Western, wenn die Vergangenheit ruhen würde. Dieser eine Blick auf den Hintern einer Weißen holt ihn auch in Deadwood ein. Allerdings nicht so, wie Nat es erwartet hatte. Wachsam hatte er immer damit gerechnet, dass ihn der Hass auch hier einholen würde. Ihm war immer klar, dass sein Leben keinen Cent wert wäre, wenn er hier als Schwarzer ins Visier eines weißen Rächers käme. Als Win Finn jedoch spurlos verschwindet, ahnt er, dass man ihn an seiner verwundbarsten Stelle treffen will.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Western sind nicht für ihre Happy Ends bekannt. Western enden oft tragisch, blutig und doch darf sich der strahlende Held darauf freuen, wenn auch verletzt an Leib und Seele, in den Sonnenuntergang zu reiten. Ob Joe R. Lansdale auch hier den dunklen Erwartungen gerecht wird, sollte man selbst erlesen. Für Spannung ist gesorgt, derbe Szenen und wilde Romantik gehen Hand in Hand mit den Schießereien, ohne die man einfach nicht leben kann. Deadwood ist hier der Maßstab der Dinge. Das durfte man in der gleichnamigen HBO-Serie bereits bewundern.

Und doch bleibt mehr hängen, als in anderen Western. Die Ausgangssituation eines Blickes auf einen weißen Damenhintern wiederholte sich einige Jahrzehnte später in Harper Lees Klassiker Wer die Nachtigall stört und zeigt, wie sehr der Rassenhass auch Jahre nach Abschaffung der Sklaverei noch im Land of the Free verankert war. Und so setzt sich die Geschichte fort. Ta-Nehisi Coates schrieb mit Zwischen mir und der Welt ein Buch, das sehr deutlich zeigt, welche Konsequenzen das Menschenbild von einst auf die heutige Zeit im modernen Amerika hat.

Deadwood Dick wäre auch heute noch unbewaffnet eine gute Zielscheibe. Seine Hautfarbe würde schon ausreichen. Der Blick auf einen weißen Hintern wäre hier eher zufälliges Beiwerk, um ihn in Lebensgefahr zu bringen. Die Wahrscheinlichkeit, in den USA durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten dunkelhäutigen Männern sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Belegt wurde dies durch eine Studie, die in diesem Jahr mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde.

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale

Nat Love würde wohl auch noch heute „Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick“ führen. Seine größten Gegner wären leichter zu erkennen, als damals im Wilden Westen. Sie trügen Uniform.

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Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick von Joe R. Lansdale- Die Bücherkette

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4 Gedanken zu „Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick – Joe R. Lansdale

  1. Seit ich INTO THE WEST , die Miniserie von Steven Spielberg gesehen habe, hat sich meine Anschauung etwas geändert. Mal abgesehen, dass es ein paar zeitlose tolle Filme gibt, kann ich dem klassischen Western nichts mehr abgewinnen. BUTCH & CASSEDY (?), DIE GLORREICHEN Sieben, HIGH NOON, aner die FORD-Filme usw usw…
    Django Unchained ist ja letztlich sogar kritisch…
    Und Karl May, da lese ich nur noch die tatsächliche Trivialliteratur, die Kolportage Romane.
    Aber ich bin eben Indianer geprägt… Anti Karl May und pro Spielberg…

    • Indianerprägung ist was Tolles,aber ich liebe das Genre,weil es mich in eine Zeit bringt, die meine Jugend geprägt hat.

      Schau Dir „The Revenant“an… den wirst du mit deiner Prägung sicher mögen…

  2. Pingback: ASTROLIBRIUM: Joe R. Lansdale „Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick“ – Buchhandlung Calliebe

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