Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Ja, ich gestehe: Ich liebe Entwicklungsromane. Ich mag Geschichten, in denen sich der Protagonist im Laufe der Erzählung maßgeblich verändert, eine deutliche Wandlung erfährt und letztlich vielleicht sogar sein bisheriges Leben hinter sich lässt. So viele Beispiele könnte ich aufzählen, um die guten Entwicklungsgeschichten meines Lesens aufzuführen, die mich bewegt und berührt haben. Zuletzt hat Benedict Wells inVom Ende der Einsamkeit Maßstäbe gesetzt, wenn es darum geht, diesen Prozess des Reifens zu beschreiben. Und genau hier schwingt auch immer der Wunsch des Lesers mit, sich selbst in seiner eigenen, ganz realen Geschichte zu entwickeln.

Endlich erwachsen zu werden, den wahren Sinn des Lebens zu verstehen, am eigentlichen Point-of-no-Return eine Vollbremsung hinzulegen und dem Schicksal ein Schnäppchen zu schlagen. Wer will das nicht? Am Ende seines Weges für sich selbst erkennen, dass man seine eigene Richtung gefunden hat. Dies in Romanen erlesbar zu machen ist eine der größten Herausforderungen für jeden Autor. Die inneren Kämpfe seiner Hauptfigur müssen auch nach außen hin spürbar werden und das Wachsen oder Versagen bestimmen das gesamte Geschehen.

Von Eilis Lacey über Alva bis zu Sara Lindqvist reicht der Reigen der Figuren, die mich in den vergangenen Jahren geprägt haben. Ihre Entwicklung basiert auf der tiefen Einsicht, eigene Erlebnisse zu verarbeiten, Kraft und Energie daraus zu schöpfen und dadurch zu einer Persönlichkeit zu reifen, die für den Leser konturiert und greifbar wird. Entscheidend sind sowohl der beschriebene Abholpunkt als auch das erreichte Ziel in der jeweiligen Geschichte. Entwicklung ist kein passives „Sich-Treiben-Lassen“, sondern intensiv geprägt von aktiv erlangten Einsichten. Dann entwickle ich mich auch als Leser.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille“ von Peter Goldammer (Atlantik Verlag) hat wirklich alles, was ein solcher Entwicklungsroman braucht. Er ist zwischen zwei völlig diametralen Welten angesiedelt und wirft seine Protagonistin Thaïs Leblanc durch ein einschneidendes Erlebnis aus ihrem ganz normalen Alltag. Und nach nichts anderem strebt unsere gute Thaïs. Normalität bis zur Bedeutungslosigkeit. Alltäglicher geht es nicht.

Doch dieser Alltag bekommt einen unschönen Riss, als die Großmutter von Thaïs verstirbt. Und diese alte Dame war nun wirklich weit weg von jeder Vorstellung, die man von Normalität nur haben kann. Sie war ein Zirkusstar, die unvergleichliche Madame Leblanc, eine schillernde Persönlichkeit bis zuletzt, die sich nach dem Tod von Thaïs` Eltern um ihre kleine Enkelin gekümmert hat. Und nun scheint es so zu sein, als habe die Unvergleichliche ihren letzten Auftritt bis ins letzte Detail choreographiert.

Der Bestatter ist bestens instruiert, das Testament hat sich die Verschiedene auf den eigenen Körper geschrieben, und in ihr glitzerndes Zirkus-Kostüm gehüllt wird aus der Verblichenen eine fundamentale letzte Botschaft an die erwachsene Enkelin. Und aus diesem Vermächtnis erwächst der Startschuss für eine Reise, vor der sich Thaïs wohl ihr ganzes Leben gefürchtet hat und im guten Versteck der Normalität darauf hoffte, niemals entdeckt zu werden.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Und schon findet sich unsere Thaïs nicht mehr nur als um ihre einzige verbliebene leibliche Verwandte Trauernde, sondern auf dem Sprungbrett der Erkenntnis, was die Vergangenheit vor ihr verborgen hielt. Werden ihr nun alle Fragen beantwortet, die sich ihr nie gestellt haben? Kommt sie ihrer eigenen Vergangenheit auf die Spur und lüftet die verblichene Großmutter in einem großen Finale das große Geheimnis um die wahre Herkunft ihrer Enkelin?

Welchen Sinn sollte es sonst haben, dass Thaïs sich plötzlich von Zirkusmenschen umgeben sieht, die mit ihr gemeinsam das Anwesen der Großmutter erben? Welchen Sinn sollte es haben, dass die kleinen Fetzen von Erinnerungen auf einmal eine neue Bedeutung bekommen? Welchen Sinn sollte die ganze Geheimniskrämerei haben, die sie elternlos auf den Weg in ihr eigenes Leben losgelassen hatte?

Peter Goldammer erzählt versiert, blumig und unglaublich unterhaltend. Er nimmt im Verlauf der Handlung auch sprachlich Fahrt auf und entführt nicht nur seine Leser, sondern auch seine Protagonistin auf einen Roadtrip durch Frankreich. Eine Reise, die nicht nur durch den Weg bestimmt ist, sondern zur Challenge wird, an deren Ende sie vielleicht erfährt, wer sie wirklich ist.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Peter Goldammer geheimniskrämert ganz wunderbar. Er lässt Menschen in seinem Roman auftauchen, die nicht nur für sich stehen, sondern ganze Kulturen verkörpern. Zirkusmenschen und Zigeuner spannen behutsam ein neues Zelt über die Handlung des Romans. Sie errichten eine Manege und führen die Kunststücke auf, die sie bisher am Leben gehalten haben. Ein Zirkus der Überlebenskünstler, dessen Bilder uns Peter Goldammer ins Herz schreibt

Ich war tief im Roman verwoben, bin mit Thaïs durch Frankreich gehetzt, um ihr bei ihrer Suche zu helfen und wurde doch nicht warm mit dieser jungen Frau. Es war mir, als würde die Geschichte in aller Farbenfreude eine unglaubliche Entwicklung nehmen, die sich Thaïs selbst auf wundersame Weise verschließt. Ich fand nämlich keine der oben beschriebenen inneren Kämpfe, ich habe ihren Abholpunkt als kleine Verkäuferin in fester Beziehung als sehr schwammig empfunden. Ein blasses Bild, das nicht an ihr zerrt, keine Gewissenskonflikte auslöst und sie einfach treiben lässt.

Und genau so begegnete sie mir in der fortlaufenden Geschichte. Die Erkenntnis kommt zu ihr. Sie kommt nicht zur Erkenntnis. Thaïs ist mir bei der lebhaft erzählten Geschichte zu ruhig. Zu passiv und letztlich auch zu emotionslos. Ich hatte manchmal das Gefühl, sie rütteln und schütteln zu müssen, damit ich fühlen kann, was sie fühlt und ob sie fühlt. Subjektiv ist dieser Eindruck, das mit großer Sicherheit, aber ich lese subjektiv und ich hätte mir eine deutlich stärkere Protagonistin gewünscht. Emotionaler, zerrissener und eben eine, bei der man im Verhalten spürt, dass sie gerade dabei ist, sich ihr eigenes Leben zu erkämpfen.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Peter Goldammer gelingt es mit „Der Zirkus der Stille Bilder von einem fahrenden Volk zu vermitteln, die bar jeden Vorurteils sind. Political incorrect muss man kein schlechtes Gewissen haben, den Begriff Zigeuner zu lesen und zu verwenden. Er ist hier definitiv nicht abwertend gemeint, sondern beschreibt den kulturellen Hintergrund einer heimatlosen Minderheit am Rande der Gesellschaft. Ihr Umgang mit Trauer und Tod, ihre Fähigkeit, das Leben zu feiern und aus einem Wanderzirkus das ganze Leben zu machen, kommen hier zum Tragen. Wundervoll erzählt.

Das fehlende Konfliktpotenzial auf der Seite von Thaïs macht die Handlung für mich jedoch zu linear. An keiner Stelle muss man befürchten, dass sie plötzlich umkehrt, von ihrem eigentlichen Leben eingeholt wird, oder sich ganz bewusst entscheiden muss. Mir hat hier die Spannkraft bei der Flucht nach vorne gefehlt. Philosophisch gleicht Peter Goldammers Roman dieses Manko elegant aus. Ich wurde gut unterhalten und einige der Lebens- und Zirkusweisheiten, um die es hier im Kern geht, werden mich immer mit dem Buch verbinden.

„Fast hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass meine Trauerzeit so viel kürzer war als die eines Border Collie, aber ich war eben kein Hütehund – wahrscheinlich doch eher das Gegenteil: eine Rumtreiberin, wie meine Großmutter.“

Ich dachte beim Lesen oft an Katarina Bivald und ihren Roman Ein Buchladen zum Verlieben. Hier wird eine Protagonistin aus ihrem Leben geschleudert, weil sie ein unerwartetes Erbe antritt. Nichts bleibt hier unverändert, alles droht bis zuletzt auf der Kippe zustehen und niemand kommt unverändert aus dieser Geschichte heraus. Am Ende meiner erlesenen Tour de France mit einem unvergleichlichen Zirkus würde ich mir gerne einen Roman über die unvergleichliche Madame Leblanc wünschen. Was für eine Persönlichkeit, die sich aus meiner Sicht viel zu früh mit einem brillanten finalen Auftritt verabschiedet hatte. Diesen Roman dürfte mir Peter Goldammer auf meinen Leib schreiben. Wäre das eine Idee?

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer – AstroLibrium mit Border Collie

„Eine Manege ist ein Ort, der einem eine neue Welt eröffnet, weil man dort das absolute Staunen lernt…“

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Der Zirkus der Stille” von Peter Goldammer in Verbindung stehen. Auch im Archiv von AstroLibrium wird man fündig. Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern ist ein wunderbarer Roman über die Magie unter dem Zirkuszelt.

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer - Die Bücherkette

Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer – Die Bücherkette

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5 Gedanken zu „Der Zirkus der Stille von Peter Goldammer

  1. Pingback: ASTROLIBRIUM: Peter Goldammer „Der Zirkus der Stille“ – Buchhandlung Calliebe

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