Durchbruch bei Stalingrad von Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach

Wer liest denn heute noch Romane über die Schlacht bei Stalingrad? Welchen Leser kann ein Ereignis noch hinter dem Bücher-Ofen hervorlocken, das nun seit über siebzig Jahren Geschichte ist, und das von einer Vielzahl renommierter Autoren in jeder Facette aller möglichen Details literarisch aufgearbeitet wurde? Wer ist bei der Flut der monatlichen Neuerscheinungen noch geneigt, sich erneut oder erstmalig in den Kessel der Großstadt an der Wolga zu begeben?

Ich! Ganz klar: Ich bin bereit und gewillt, mich lesend in den Kessel zu begeben und ein ganz besonderes Buch in den endlos scheinenden Kanon meiner Lektüre Gegen das Vergessen einzureihen. Woran das liegt, kann ich leicht erklären. Zu viele einzigartige Fakten sind mit der Entstehungsgeschichte des Romans Durchbruch bei Stalingradvon Heinrich Gerlach (erschienen bei Galiani Berlin) verbunden und machen nicht nur neugierig, sondern versprechen einen ungetrübten Blick auf das grauenvolle Szenario einer eingeschlossenen Armee im Todeskampf.

Darüber hinaus wirft ein solcher historischer Stoff gerade in der heutigen Zeit viele Fragen auf, denen man sich von allen Seiten nähern sollte. Da wandern braune Horden mit rechtsradikalem Gedankengut am Mai-Feiertag durch Plauen und skandieren „Heil Hitler“, zeigen stolz den Nazi-Gruß und benehmen sich, als würden sie diese guten alten Zeiten heraufbeschwören. Da ziehen also wieder einmal Menschen durch unsere Städte, getragen vom Glauben, dass sie etwas Besseres sind und, dass sie sich das Recht anmaßen können, andere aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Religion anzufeinden und auszugrenzen.

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach

Lest doch mal, wie menschenverachtend die Diktatur des Dritten Reichs mit den eigenen „Auserwählten“ umgegangen ist. Haltet Euch doch selbst mal vor Augen, wie schnell die „Sieg-Heil-Rufe“ denjenigen im Halse stecken blieben, die im angeblich aufopferungsvollen Kampf für ihr weit entferntes Vaterland plötzlich die Kehrseite aller Medaillen kennenlernten, die ihnen in den Todeskessel nachgeschickt wurden. Statt der so dringend nötigen Verpflegung wurden kistenweise Eiserne Kreuze abgeworfen.

Und dies mit apokalyptischen Befehlen versehen: „Kapitulation ausgeschlossen. Truppe verteidigt bis zum Letzten“. Und während nun 300000 Soldaten im Kessel von Stalingrad ihrem drohenden Untergang entgegenblickten wurden zuhause im Reich die Legenden vom heldenhaften Opfergang erfunden, um das Volk bei der Stange zu halten und den selbst verursachten Zweiten Weltkrieg auf der Zeitachse zu strecken.

Ja. All jene, die heute diesen alten Legenden vertrauen, sollten ein solches Buch lesen. Sie sollten gerade dieses Buch lesen, da es ohne jede Glorifizierung die brutale Innenansicht einer Schlacht liefert, die im kollektiven Gedächtnis nur noch als tapferer und verzweifelter Kampf einer ganzen Wehrmachtsarmee verankert ist. Die Legende scheint tatsächlich bis in unsere Zeit zu tragen und die ewig Gestrigen dürften in eisige Schockstarre verfallen, wie ebenjener Diktator, dessen Namen sie so sehnsuchtsvoll und lauthals durch unsere Straßen rufen, auch mit ihnen verfahren wäre. Lest…

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach

Und glaubt, was ihr lest. Denn Heinrich Gerlach wusste, wovon er schrieb, wusste wie er es schreiben sollte und gehörte selbst zu einer Generation verblendeter und um ihre Jugend betrogener Menschen, die der Ideologie und dem Wahn der einzig wertvollen Rasse verfallen war. Wenn Heinrich Gerlach die heutigen Rufe vernehmen würde, ich denke es würde ihm den Magen umdrehen. Denn genau aus diesem Grunde schrieb er. Diese innere Motivation trieb ihn an, ein Zeitzeugnis zu hinterlassen, das in der Lage ist Augen zu öffnen.

Heinrich Gerlach war dabei. Als junger Offizier war er Teil der todbringenden Armee, die in Russland einfiel, um dort den ideologisch eingeforderten Lebensraum zu erobern. Heinrich Gerlach war Teil dieser 6. Armee, die nach blitzartigem Vormarsch durch die weiten des Landes schließlich an der Wolga angelangte und dort im Winter des Jahres 1942 von der Roten Armee eingekesselt wurde. Heinrich Gerlach war einer von diesen 300000 Soldaten, die im Eis von Russland verheizt werden sollten.

Heinrich Gerlach überlebte die Kesselschlacht von Stalingrad und ging 1943 mit den wenigen Überlebenden in eine Gefangenschaft, die als Feigheit bezeichnet wurde. Überleben war ein Tabu. Die Kapitulation war unehrenhaft. Gefangenschaft undenkbar. Man hatte zu fallen, oder sich selbst zu erschießen, wenn man den Mumm dazu hatte. Alles andere war mehr als inakzeptabel. 1943 ging Gerlach in Kriegsefangenschaft. Eine Gefangenschaft, die weit über das Kriegsende hinaus andauern sollte. Erst 1950 kehrte er in ein völlig verändertes Deutschland zurück. Nur wenigen Überlebenden war dies vergönnt.

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach

Um sich von der Last des Erlebten zu befreien, hatte er noch in der Gefangenschaft mit dem Schreiben begonnen. Gerlach verfasst keinen Tatsachenbericht. Er versuchte, einen Roman zu schreiben, um aus der Distanz das wahre Grauen zu beschreiben und damit den gefallenen und erfrorenen Kameraden nicht persönlich zu nahe zu treten. Der Blickwinkel durch die Perspektive seines Alter Egos, des jungen Oberleutnants Breuer, ermöglichte ihm die präzise Schilderung der Qualen, der puren Verzweiflung und aller menschlichen Abgründe, die er am eigenen Leibe erleben musste.

Sein Blick ist fokussiert auf die Schlacht um Stalingrad. Der Weg dorthin wird kaum thematisiert. Er beschränkt sich auf den Schmelztiegel des menschlichen Grauens, in dem er selbst bis zum Rand des erträglichen in der Kälte des russischen Winters gegart wurde. Seine Beschreibungen sind ebenso realistisch wie drastisch. Er lässt absolut nichts aus. Die Gratwanderung zwischen Selbsterhaltungstrieb, militärischer Treue und Unglauben in Anbetracht der versagenden Führung hinterlässt tiefe Spuren in ihm. Es sind keine Menschen mehr, die er hier beim Kampf mit sich selbst beschreibt. Es sind Tiere, die um ihr Überleben kämpfen. Und es sind Schweine, die in der Verantwortung stehen und sich aus dieser herausstehlen.

Der Kampf bis zum letzten Mann endete beim einfachen Soldaten. Generale waren damit nicht gemeint. Die Führung war damit nicht gemeint. Kanonenfutter war anders definiert. Hier ist es ein wahrer Antikriegsroman, der in seinem Aufbau und seiner Dramaturgie zeitlos mahnendes Beispiel für fatalen Kadavergehorsam und falsche Treue ist. Wer dieses Buch emotionslos liest, dem ist nicht mehr zu helfen. Wer hier nicht versteht, was es bedeutet, wertlos zu sein, der wird nie verstehen!

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach

Ich habe Heinrich Gerlachs Roman „Durchbruch bei Stalingrad mit den mir zur Verfügung stehenden sekundären Quellen verglichen. Walter Kempowskis „Echolot stellt für mich eine der wichtigsten Sammlungen an Zeitzeugnissen dar, derer man sich hier bedienen kann. Alle Seiten kommen zu Wort. Jeder Seite wird Rechnung getragen und im Abgleich zwischen originalen Quellen und Roman erschließt sich die Dramatik einer aussichtslosen Situation in aller Tiefe.

Lesenswert. Auch – und gerade – heute noch. Dieser Roman hat eine besondere Geschichte. Gerlach musste das Manuskript in Russland zurücklassen, als er in Freiheit entlassen wurde. Er versuchte es unter Hypnose zu rekonstruieren und unter dem Titel Die verratene Armee wurde der Roman Ende der 1950er Jahre zum Bestseller in Deutschland. Nun wurde das Original des Manuskripts in russischen Archiven gefunden und kehrt nach über 70-jähriger Gefangenschaft zurück. So nah am Geschehen schrieb kein anderer Autor. So authentisch verlor kein Berichterstatter aus dem Krieg seinen Glauben an die fatale braune Ideologie.

Und doch darf eines nicht aufkommen. Mitleid mit den Eingeschlossenen. Hier hilft der gezielte Blick in Victor Klemperers Tagebücher „Ich will Zeugnis ablegen bis zuletzt„, in denen der verfolgte jüdische Professor in Dresden genau in diesen Tagen beschreibt, welche Konsequenzen es für ihn hat, wenn der Krieg noch länger dauert. Die Transporte für die Deportation der jüdischen Bewohner Dresdens standen bereit. Jeder einzelne Schuss an den Fronten erhöhte die Lebensgefahr, jeder Tag, den der Krieg länger dauerte war ein Tag zu viel. Daran sollten wir immer denken. Lesend.

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach

Nach Stalingrad sollte der Zweite Weltkrieg noch mehr als zwei Jahre andauern. Victor Klemperer überlebte. Heinrich Gerlach überlebte. Aber er erlebte die Rückkehr seines Manuskripts nicht mehr. Gottlob auch nicht die Schreie auf den Straßen. Lasst euch warnen… Lest…

durchbruch bei stalingrad_heinrich gerlach_astrolibrium_4

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Durchbruch bei Stalingrad” von Heinrich Gerlach in Verbindung stehen.

Durchbruch bei Stalingrad - Heinrich Gerlach - Die Bücherkette

Durchbruch bei Stalingrad – Heinrich Gerlach – Die Bücherkette

Advertisements

9 Gedanken zu „Durchbruch bei Stalingrad von Heinrich Gerlach

  1. Pingback: Astrolibrium: Heinrich Gerlach „Durchbruch bei Stalingrad“ – Buchhandlung Calliebe

  2. Pingback: [Graphic Novel] Drei Steine von Nils Oskamp | AstroLibrium

  3. Stalingrad. Wieder einmal führst du mich zurück in eine Lesephase, die einstmals und zeitweilig sehr bestimmend war. Vor einigen Wochen sah ich das Buch in einer Buchhandlung, erinnerte mich an deinen Post und schmöckerte im Nachwort. Das der Initiativzünder.
    Meine Vergleiche werden anders aussehen, denn das Rezipieren der Geschichte wie des Romans steht im Kontext wohl ganz anderer Bücher als bei dir. Aber das wirst du demnächst dann nachlesen können.
    Fazit ist aber bereits jetzt: Es ist wohl der stärkste und eindringlichste Stalingradtext, den ich je las.

  4. Pingback: „Mein Leutnant“ von Daniil Granin (аниил Гранин) | AstroLibrium

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s