Satin Island von Tom McCarthy – Der große Bericht

Satin Island von Tom McCarthy

Satin Island von Tom McCarthy

Manchmal fühle ich mich beim Lesen so, als würde ich an einem der Seile einer chinesischen Glücksspielbude ziehen. Unzählige von ihnen hängen verlockend von der Decke und an ihrem Ende sind jede Menge Nieten und ein paar Gewinne befestigt. Das Glück regiert und nur der Zufall entscheidet über Sieg oder Verlust. Unkalkulierbar ist ein solches Glücksspiel, aber es kann süchtig machen.

In vielerlei Hinsicht erinnert mich der Roman „Satin Island“ von Tom McCarthy, erschienen bei DVA, an eine solche asiatische Spielbude. Nur sind es keine Seile, die von der Decke hängen, sondern endlos viele rote Fäden, die aus dem Roman hängen und vor mir liegen. Sie sind anscheinend an keiner Stelle miteinander verbunden und ebenso unkalkulierbar ist es, wohin es wohl führen kann, wenn man an einem von ihnen zieht. Nur eines steht fest. Es gibt ihn nicht: DEN roten Faden in der Story.

Geht das bei einem Roman? Ist Strukturlosigkeit das Mantra eines intellektuellen Buch-Ereignisses, oder steckt mehr dahinter? Fördert das fragmentarische Lesen die Lust an guter Unterhaltung oder neigt auch der standhafteste Leser angesichts einer scheinbar wirren Konstruktion zur Verzweiflung? Oder möchte uns Tom McCarthy mit wesentlich mehr konfrontieren? Nimmt er uns mit auf eine ganz besondere Reise nach „Satin Island“, indem er uns Schritt für Schritt Zusammenhänge erklärt, bis wir zur großen Erkenntnis kommen: Das hat nichts mit Glück zu tun!

Satin Island von Tom McCarthy

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Nein. Dieser Roman ist echt keine Glücksspielbude des guten Lesens, denn Tom McCarthy hat am Ende seiner roten Fäden, die wir zu erkennen glauben, keine Nieten befestigt. Egal, an welchem Ende man zieht, ein Gewinn ist garantiert. Bleibt nur noch herauszufinden, welcher der Handlungsfäden zum Hauptgewinn führt. Wenn man ihn findet, bedeutet das die Freie Auswahl für den Leser und schon ist man im Besitz der Deutungshoheit über einen virtuos konstruierten Roman, der sich jeder Kategorisierung entzieht.

Folgt mir einfach nach „Satin Island“. Ich habe mich mit einem Stadtplan und ein wenig Sekundärliteratur versorgt und bin für mich persönlich davon überzeugt, am Ende des Lesens einen Weg durch diesen Roman gefunden zu haben, der mich zu den Gewinnern des Lesens macht. Einige der roten Fäden werde ich euch vor Augen halten und ihr werdet schnell feststellen, wie süchtig es machen kann, seiner reinen Neugier zu folgen.

„Ich? Nennt mich U.“ – Mit diesen einfachen Worten stellt sich der fortan namenlose Protagonist nicht nur seinen Lesern, sondern allen Menschen vor, denen er in dieser Geschichte begegnet. Vielleicht entgeht dem Leser der deutschen Übersetzung bereits hier der erste Wortwitz des Wortjongleurs McCarthy, denn in der US-Fassung heißt es folgerichtig „Me? Call me U.“ (you), womit sich unsere Hauptfigur bereits sprachlich zum Spiegel seines jeweiligen Gegenübers erhebt… Und wohl auch zum Spiegel des Lesers selbst. Eine wundervolle „Ich bin Du“-Verzauberung, die bereits zu Beginn zum Nachdenken anregt.

Satin Island von Tom McCarthy

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Und dies bleibt nicht das einzige Spiel, das McCarthy mit seinen Lesern spielt. Denn „U.“ ist nicht wirklich der große Anheizer, wenn es darum geht, ihm in seine eigene Geschichte zu folgen. Allzu belanglos sei sie, völlig langweilig und für den Leser wenig relevant und die eigentlich wichtigen Dinge dürfe man aus rechtlichen Gründen sowieso nicht erzählen. Er müsse da völlig abstrakt bleiben und das ließe sich doch unmöglich vermitteln. Und gerade als man das Buch beiseitelegen möchte, legt er nach:

„Verstehen Sie mich nicht falsch: Das Projekt war wichtig.
Es wird unmittelbare Folgen für Sie gehabt haben;
tatsächlich gibt es wohl nicht einen einzigen Bereich
Ihres alltäglichen Lebens, den es nicht, auf die ein oder
andere Weise berührt, penetriert, verändert hätte, obwohl
sie sich dessen wahrscheinlich gar nicht bewusst sind.“

Volltreffer. Als könnte man jetzt noch mit dem Lesen aufhören, als wäre es jetzt noch möglich, nicht mehr über ein Projekt erfahren zu wollen, das uns penetriert hat… Was für eine Wortwahl, wenn man Desinteresse erzeugen möchte. Auf diese Finte falle ich nicht rein und lese. Ich lese und lese und lese. Und schon bin ich mittendrin in einer Firma, als deren Mitarbeiter sich „U.“ zu erkennen gibt.

Satin Island von Tom McCarthy

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Wieder eine Firma, denke ich mir. David Foster Wallace hat mich in Der bleiche König in alle Abgründe der Todeslangeweile der US-Steuerbehörde entführt und das war alles andere als langweilig. Dave Eggers hat mich im Der Circle umzingelt und mit einem fast utopisches Bild vom kleinen Mitarbeiter-Rädchen im großen Räderwerk eines Hightech-Unternehmens konfrontiert. Und zuletzt wurde ich bei Karl Wolfgang Flenders „Greenwash selbst zum Mitarbeiter einer Firma, die nichts anders verkauft als ein grünes Image. Koste es was es wolle – also die Umwelt natürlich.

Diese Firmen spuken in meinem Leserhirn umher, als ich vom großen Coup der Firma (und sie bleibt namenlos) erfahre, in der „U.“ beschäftigt ist. Und schon wird man verstehen, warum die oben aufgeführten „Firmenromane“ so wundervolle Zusatzdrogen zu dem hier zu konsumierenden utopisch fantastischen und doch so greifbaren Firmen-Stoff passen. Denn „U.“ ist der hausinterne Anthropologe einer weltweit operierenden Firma, die in der Unternehmensberatung mit Legenden, Image und Narrativen handelt.

Klingt das abstrus? Keineswegs. Die Firma wartet mit einer Dienstleistung auf, die von elementarer Bedeutung für den Markt ist. Sie wertet nicht die Qualität von Cornflakes auf, sie verdichtet die Philosophie des Frühstücks zu einer Botschaft, ohne die es gar keine Cornflakes geben kann. Indirekt wird der Widerhaken im Kunden gesetzt. Und das auf allen Ebenen. Städteplanung, Produktplacement und Lifestyle. Alles gehört ins narrative Portfolio der Firma und das geht nicht ohne einen eigenen Anthropologen.

Satin Island von Tom McCarthy

Satin Island von Tom McCarthy

„U.“ bringt durch seine Dossiers und Beobachtungen Bedeutung in diese Welt. Er studiert Verhaltensmuster, Riten und betreibt Feldforschung, um den Menschen das zu geben, was sie dringend brauchen. Er bringt die Welt zum Funktionieren, weil er sie vorher mit Sinn und Bedeutung ausgestattet hat. Er entledigt den Alltag von jeglicher Sinnlosigkeit. Und nun sitzt er vor einem leeren Blatt Papier, denn der neueste Auftrag verlangt alles von ihm ab. Den großen Bericht soll er schreiben. Den großen Bericht eines ganzen Zeitalters.

Und so begleiten wir dem Anthropologen „U.“ dabei, diesen großen Bericht zu verfassen. Ein neues Navigationssytem für die Menschheit, ein allgemeingültiges Werk aller Verhaltensweisen und Automatismen. Ein Buch jenseits aller Bücher, das in der Lage ist, diesem Zeitalter einen Namen zu geben, alles auf einen Nenner zu bringen. Und doch ist das Blatt noch leer. „U.“ tastet sich wie ein planlos Forschender in völligem Neuland in seine neue Aufgabe hinein. Keine Beobachtung ist irrelevant, jedes Bild wird Teil des Denkens und der Traum von einer Müllverbrennungsanlage auf einer Insel wird zur Initialzündung für den großen Bericht. Diese Vision verändert alles.

Anthropologen kenne ich aus Lily Kings „Euphoria und ich bin dankbar, dieses Buch gelesen zu haben, denn es hat mich für den Sprachwitz und die abstruse Idee McCarthy`s bestens gerüstet, denn alle roten Fäden führen auch in der Feldforschung zusammen, alles endet an einem Fixpunkt und auch Satin Island macht aus den Splittern aller Eindrücke ein Mosaik unserer Zeit. Diese Kulturanthropologie seziert den großen Nenner, unter dem wir leben. McCarthy stellt Philosophie und Bedeutung in Frage, ja selbst Identitäten werden zu Variablen. Konstanz wird erfunden. Konstruiert. Sinn ist käuflich. Dieses Buch auch. Sie werden brüllen vor Weinen.

Satin Island von Tom McCarthy

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Satin Island von Tom McCarthy - AstroLibrium - Die Bücherkette

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Ein Gedanke zu „Satin Island von Tom McCarthy – Der große Bericht

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