Das Mädchen mit dem Fingerhut – Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Was macht aus einem Text ein absolut zeitlos relevantes Werk? Wodurch werden die Worte eines Schriftstellers zu einem Meilenstein der Literatur? Einerseits ist es die Relevanz eines Themas, andererseits ist es die Universalität der erzählten Geschichte, die aus einem Buch viel mehr als nur ein Buch machen.

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Und nicht zuletzt ist es das Gefühl des Lesers, etwas Einzigartiges vor Augen zu haben, etwas so Besonderes, dass man sich noch Jahre später an die Protagonisten, den situativen Kontext und die Handlungsfäden erinnern kann. Dies verleiht einem Text den Status eines Lebensbuches. All dies stellt sich in meinem Lesen oder Hören nicht sonderlich oft ein. Wenn es jedoch passiert, dann ist es als hätte man eine Goldader im Bergwerk der Literatur entdeckt.

Ich mag genau deshalb aus gutem Grunde schon jetzt betonen, dass ich „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ des österreichischen Autors Michael Köhlmeier für einen der wichtigsten deutschsprachigen Texte der letzten Jahre halte und ich werde auch erklären, warum dies für mich so ist. Ich möchte euch gerne mitnehmen in eine Geschichte, die märchen- und meisterhaft erzählt, zeitlos konstruiert und in einem polyglotten Erzählraum beheimatet ist. Und das, obwohl genau das Mädchen, von dem die Geschichte handelt alles hat, nur keine Heimat.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier – Hanser Literaturverlag

Ohne jegliche zeitliche Einordnung, ohne örtliche Präzisierung treffen wir ohne große Einleitung oder erklärende prologisierende Umwege auf ein Mädchen, das von einem „Onkel“ in einer Stadt, vor einem Laden, ausgesetzt wird. Hungrig, ausgezehrt, allein, aber gut instruiert, was sie tun soll, um von einem gewissen Bogdan etwas zu essen zu bekommen.

„Sie solle nicht sagen, dass sie Hunger habe. Sie solle gar nichts sagen. Er werde ihr zu essen geben, und es werde besser sein als alles, was sie in ihrem Leben gegessen habe. Im Laden stellte sie sich vor die Theke und verschränkte die Hände auf dem Rücken und sagte nichts. Sie schaute den Mann an, der hinter der Theke stand.“

Sechs Jahre ist sie alt, augenscheinlich fremd im Land und ganz sicher heimatlos. Erst später erfahren wir ihren Namen. Yiza, sagt sie, weil man sie so genannt hat. Sie versteht weder die Sprache der Menschen in der Stadt, noch kennt sie sich dort aus. Und als der „Onkel“ sie abends nicht mehr am Treffpunkt abholt ist Yiza auf sich selbst gestellt.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Hier beginnt die Odyssee eines kleinen hilflosen Mädchens, dem wir auf seinen Wegen und bei seiner Suche nach etwas zu essen folgen. Wir klettern mit Yiza in einen Container, ernähren uns von Abfall, landen mit ihr in einem Heim für heimatlose Kinder und treffen an ihrer Seite auf zwei Jungen, die das gleiche Schicksal teilen. Heimatlos und auf der Flucht. Hier verbinden sich ihre Wege. Gemeinsam fliehen sie aus dem Heim. Vor den unangenehmen unverständlichen Fragen der Beamten und letztlich auch aus Angst noch mehr zu verlieren. Abschiebung. Diese Drohung schwebt über ihnen.

Yiza, Schamhan und Arian sprechen unterschiedliche Sprachen, aber sie folgen einem einfachen Plan. Raus in die Welt. Ihren Instinkten folgen und vielleicht ein Haus finden, dessen Bewohner es gerade erst verlassen haben. Ein warmes Haus mit vollem Kühlschrank, mit Fernsehen und richtigen Betten. Einen sicheren und verborgenen Ort, an dem sie für sich selbst sorgen. Nur einen Fingerhut nimmt Yiza mit aus dem Heim. Sie trägt ihn auf dem verletzten Daumen, wie ein Schutzschild gegen alles Unheil der Welt.

Sie ist „Das Mädchen mit dem Fingerhut“. Sie ist das kleine Mädchen, das fortan mit seinen beiden Freunden durch die unwirtliche Natur flüchtet, um endlich einen Ort zu finden, an dem sie sicherer sind. Eine Illusion. Denn überall, wo Essen zu vermuten ist, wo Heizungen das Innere von Wohnungen mit Wärme erfüllen, überall da stoßen sie an Zäune – Grenzen – Mauern. Sie bleiben Flüchtende am Rande der Gesellschaft.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Hier muss man sich auf die Sprache von Michael Köhlmeier einlassen. Hier muss man sich ihm anvertrauen, so wie sich Yiza den größeren Jungs anvertraut. Hier muss man sich treiben lassen, denn Köhlmeier erklärt nicht, beschreibt nicht in stilvollendeter Prosa. Er begibt sich sprachlich auf die Ebene des reduzierten Erzählens. Er blendet Gefühle aus. Er wird zum Kriegsberichterstatter einer gemeinsamen Flucht.

Das Wunder, das er hierdurch beim Leser bewirkt, ist in seiner Tragweite enorm. Die Auslassung aller Emotionen und die neutral observierende, passive Begleitung der Kinder lösen im Leser aus, was den Kindern nicht widerfährt. Wir öffnen unsere Türen, lassen die Zäune und Mauern fallen und beobachten unseren Wohlstand aus der Sicht hungriger und ängstlicher Kinder auf der Flucht.

Hier graben sich die Worte und Sätze von Michael Köhlmeier in unser Bewusstes und Unterbewusstes ein. Hier setzt er Anker und die Widerhaken seiner Geschichte sind von erstaunlichem Ausmaß. Alles, was er nicht unmittelbar beschreibt, ruft er in uns wach. Beschützerinstinkt, Scham, Angst, Hass und Mitgefühl. Die Sprachlosigkeit und die hermetische Abschottung der Umwelt werden zu unseren Trutzburgen. Genau hier verstecken wir uns und wehe, wenn wir unser Türen wirklich öffnen. Wehe, denn so wird Rettung zum Selbstzweck und Integration führt zur Selbstaufgabe der Geretteten.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier – Der Hörverlag

Michael Köhlmeier hat mit „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ nicht nur einen Text zur aktuellen Flüchtlingssituation geschrieben. Er schrieb mehr. Wenn man dieses Buch vor bereits 10, 20 oder 30 Jahren hätte lesen können, es hätte tausend Bezüge für Ausgrenzung oder Heimatlosigkeit gegeben, die sich hier widerspiegeln. Würde man dieses Buch heute 20 Menschen aus 20 Ländern dieser Welt zu lesen geben, sie alle würden aktuelle Ereignisse mit diesem Text verknüpfen.

Und wenn man diese Geschichte in 20 Jahren liest, wird sie ebenso zeitlos sein. Sie wird nicht von der Balkanroute erzählen, sie wird nicht vergangen sein, sie beschreibt keine syrischen Flüchtlinge, sie wird erneut davon erzählen, was den Menschen in der Zukunft vor Augen liegt. Diese Zeitlosigkeit, dieses Polyglotte im Setting machen diesen Roman, der eigentlich keiner ist, zu einem weltbewegenden Text.

Yiza ist überall. Jedes Kind hat seine Verletzung und überall auf der Welt ist es nur ein Fingerhut, der das ganze Leben beschützt. Ein Minimum. Die Sprache von Köhlmeier wird seiner Idee gerecht. Es ist keine intellektuelle Parabel, die schwer zu greifen ist. Hier packt er selbst beherzt zu und zwischen jeder Zeile strahlt der Ruf „die Würde des Menschen ist unantastbar“ aus dem Buch heraus.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Wer gelesen hat, der möge dazu noch hören. Wer nicht gelesen hat, der kann dem Autor selbst lauschen, denn er vermag, was in diesem Falle keinem Hörbuchsprecher gelingen würde. Er nimmt in der ungekürzten Hörbuchfassung  von „Das Mädchen mit dem Fingerhutseinen selbst verfassten Rhythmus auf und führt uns unverfälscht und mit sonorer Stimme durch die Welt Yizas. Ich versank in seiner Stimme. Sie trägt seine Geschichte. Sie ist das I-Tüpfelchen auf einem Werk, das einfach gelesen und gehört werden muss.

Als ich dann das Buch erneut las, lag mir Köhlmeiers Stimme im Ohr. Das war mir wichtig. Er überträgt seine individuelle Geschwindigkeit auf mich. Er lässt mich spüren, wie er schrieb und er hinterlässt dabei ein bleibendes Zeugnis seiner Interpretation des eigenen Textes. Hier ist das Hörbuch eine Erfahrung mit ganz eigener Dimension. Es verleiht Yiza aus einer gefühllosen Perspektive alle Persönlichkeit dieser Welt.

Ich kann nur Buch und Hörbuch empfehlen. Ich kann beides ans Herz legen und dazu raten, sich dieses literarische Ereignis nicht entgehen zu lassen. Köhlmeier verändert seine Leser und Zuhörer. Und das in aller  Nachhaltigkeit. Ich wette darauf, dass dieses Buch noch in vielen Jahren vor unterschiedlichen aktuellen Hintergründen gelesen, gehört, geliebt, diskutiert und gehasst wird. Weil es uns der Mauern beraubt, uns Ausreden nimmt und Gefühle sät, wo nur Neid und Hass gedeihen sollten. Yiza….

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Ein besonderer Fund macht mich nachdenklich… Es ist, als würde das Gemälde den Kreis der Geschichte schließen… Meine Gedanken dazu… siehe hier

Das Mädchen mit dem Fingerhut.... Das Originalgemälde

Das Mädchen mit dem Fingerhut…. Das Originalgemälde

Neu bei AstroLibrium: Die Bücher, die mich beim Lesen von „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ erneut berührt haben, und die auf die unterschiedlichste Art und Weise mit diesem Werk verbunden sind.

Folgen Sie diesem Link zu den Artikeln dieser Bücherkette. 

"Das Mädchen mit dem Fingerhut" - Die Bücherkette auf AstroLibrium

„Das Mädchen mit dem Fingerhut“ – Die Bücherkette auf AstroLibrium

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7 Gedanken zu „Das Mädchen mit dem Fingerhut – Michael Köhlmeier

  1. Seit wir Dich ja auch stimmlich vernehmen dürfen 😉 Höre ich im Geiste immer Deine BuchbeSPRECHungen tatsächlich in gesprochener Form von Dir 🙂 Das war jetzt bei diesem Buch, dieser Geschichte wieder etwas besonderes, weil man merkt, dass Dir die Geschichte und das dahinter sehr am Herzen liegt!

    Ich finde auch die Buchkette sehr gut, da ist dann gleich die Frage nach dem, was es ähnliches gibt oder welche Bücher noch in eben diese Reihe passen, so schön beantwortet! Wieder eine tolle Idee, Mr. Rail!

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