„Tewje, der Milchmann“ von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Scholem Alejchem wurde 1859 in Kiew geboren. Seinen Lebensweg kann man nicht linear verfolgen. Auf der Flucht vor Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung begann eine wahre Odyssee, die ihn quer durch Europa führte, bevor er schließlich New York erreichte. Mehrmals versuchte er dort sesshaft zu werden. Mit Unterbrechungen lebte der jüdische Schriftsteller von 1907 bis zu seinem Tod am 16. Mai 1916 in Brooklyn. Scholem Alejchem wurde zu einer der wichtigsten Stimmen seiner Zeit und verfasste seine Erzählungen und Romane fast ausschließlich in jiddischer Sprache. Wenn man in diesen Tagen von einem Kultautor sprechen wollte, dann traf dies auf ihn zu.

Als er im Mai 1916 beigestetzt wurde hatten alle jüdischen Geschäfte in New York geschlossen und mehr als 150000 Menschen begleiteten seinen Sarg auf dem letzten Weg zum Friedhof von Brooklyn. In seiner recht kurzen Schaffenszeit in New York hatte er sich zum literarischen Sprachrohr seiner jüdischen Gemeinde entwickelt. Seine politischen Schriften und Bücher haben bis in die heutige Zeit nichts an ihrer zeitlosen Brisanz eingebüßt, und letztlich ist Scholem Alejchem auch nichtjüdischen Menschen immer noch ein Begriff, auch wenn man seine Bücher nicht gelesen hat. Das Musical Anatevka entstand Mitte der 1960er Jahre und das Lied „Wenn ich einmal reich wär“ kennt man noch heute.

Tewje, der Milchmann” lieferte den Grundstock für dieses Musical. “Fiddler on the Roof” lehnt sich an die zwischen 1894 und 1916 entstandenen Erzählungen an und hat diesen ganz einfachen jüdischen Milchmann weltberühmt gemacht. Doch was bedeutet dieser Roman aus heutiger Sicht. Welche Relevanz hat dieses Buch, wenn man einmal davon absieht, dass es zur Vorlage für ein Broadway Musical wurde? Was war dafür verantwortlich, dass in New York das öffentliche Leben zum Stillstand kam, als der Sarg von Scholem Alejchem durch die Straßen von Brooklyn gefahren wurde?

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Ich wollte mich diesem Schriftsteller nähern und entdeckte auf der Buchmesse die Neuausgabe von “Tewje, der Milchmann” beim Manesse Verlag. Tage später saß ich da und wollte mir kaum trauen, als ich nach wenigen Stunden ein grandios übersetztes klassisches Werk der jiddischen Literatur verlassen hatte und zu dem Entschluss kam:

“Ich bin zu gering für dieses Buch!”

Ich vermag dieses Buch nicht einzuordnen, bin kein Literaturwissenschaftler, kein Gelehrter und ganz bestimmt auch kein Schriftkundiger der jiddischen Sprache. Ich lebe nicht im jüdischen Glauben, weiß nur wenig über Riten, Traditionen und den Talmud. Ich kenne zwar das Musical „Anatevka“, aber das schwebt eher an der Oberfläche, weil „Tewje, der Milchmann“ überhaupt nichts musicalhaftes an sich hat. Warum also sollte man dieses Buch lesen? Wem es empfehlen und wo liegt seine Bedeutung für das 21. Jahrhundert? Hilft es beim Verständnis von jüdischen Fluchtbewegungen vor mehr als 100Jahren? Oder zeigt es uns das Damoklesschwert, das sich immer weiter senkte, bis es im Nazi-Deutschland so viele jüdische Leben auslöschte?

„… und es kann auch… vorkommen, dass ein Stern pfeilgeschwind vorüberfliegt und doch für eine Sekunde einen grünen Schweif hinter sich lässt. Dann ist ein Sternchen gefallen und mit ihm das Glück eines Menschen. Denn so viele Sterne so viele Schicksale… jüdische Schicksale… Wenn es nur nicht mein finsterer Stern ist.“

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Ja, dieser Aspekt ist entscheidend in seinem Text, aber da ist noch mehr. Wo wurde ich von Scholem Alejchem gepackt, gefesselt und fasziniert? Was ist mit mir in diesem Buch passiert?

Was hat mich zum dem Entschluss gebracht, dass auch ich seinem Trauerzug in Brooklyn gefolgt wäre? Ja, ich bin ganz fest davon überzeugt, dass an diesem Tagein großer Schriftsteller zur letzten Ruhe geleitet wurde. Ich wäre gerne dabeigewesen. Mit den anderen 150000 Menschen. Egal welchen Glaubens oder politischer Anschauung. Einfach nur dabei sein, wenn Scholem Alejchem ein letztes Mal für Erstaunen sorgt. Diesmal nicht mit seinen Worten. Denn ich habe eine Dimension gefunden, die mich an dieses Buch fesselt. Zeitlos, emotional und in jeder Hinsicht relevant.

Warum? Weil ich „Tewje, der Milchmann“ als Vater las und von Kapitel zu Kapitel mehr von dieser Welt der jüdischen Väter dieser Zeit verstand. Fühlte, wie sich Verluste langsam anbahnen, sich zunehmend Raum verschaffen und schließlich ausufern. Weil ich beginne zu verstehen, was Verlust bedeutet, wenn sich Töchter abwenden, wenn sie selbst entscheiden wollen. Wenn sie schleichend aber resolut mit den Traditionen ihres Glaubens brechen und ihrer eigenen Wege gehen. Hier war ich Wort für Wort und Satz für Satz bei Tewje, dessen sieben Töchter ihm nicht nur Freude bereiten.

Und das in einer Zeit, in der sie die eigentlichen Hoffnungsträger der gesamten Familie sind. Sie stellen die einzige Möglichkeit dar, durch reiche Heirat das Schicksal des Elternhauses zu verändern, und einer nicht gut betuchten Familie den Weg in eine bessere Zukunft zu weisen. Tewje vertraut seine Lebensgeschichte einem Schriftsteller an, den er scheinbar nur zufällig auf seinen Wegen trifft. Bei jeder dieser Begegnungen weiß er Neues zu berichten und jede dieser kleinen Geschichten führt dazu, dass sich durch den Chronisten das Familienschicksal Tewjes erschließt.

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Der Schriftsteller und Chronist ist natürlich Scholem Alejchem. Dieser Kunstgriff, seinen eigentlichen Protagonisten als Erzähler einzusetzen, der an jeder nur denkbaren Stelle darauf besteht, man möge doch bitte aus seinem Leid kein Buch machen, lässt diese Texte authentisch erscheinen. Fast beiläufig zeichnet Scholem die Worte Tewjes auf, und Erzählung für Erzählung entsteht ein Buch, das viel über das jüdische Leben in Russland zu berichten weiß. Und natürlich erfahren wir, was es für Tewje bedeutet, fünf seiner geliebten Töchter auf unterschiedliche Art und Weise zu verlieren. Hier werden Hochzeiten zu den Tiefpunkten des Lebens.

So gut er diese Hochzeiten auch plant, so perfekt sie vermittelt werden und so wenig, wie er selbst darüber nachdenkt, was seine Töchter von ihren zukünftigen Ehemännern halten, so schief geht jeder gute Plan. Zwei seiner Töchter verlieben sich kurz vor der lukrativen Hochzeit und ziehen mit armen Schluckern oder politisch Verbannten ihrer Wege. Ein Arrangement scheint fast zu gelingen, doch zieht in allerletzter Sekunde die reiche Familie des Bräutigams die Reißleine und treibt Tewjes Tochter Sprinze in den Selbstmord. Nur eine Tochter lässt ich vermitteln, wie es das Brauchtum verlangt. Doch um welchen Preis? Denn Bejlke ist alles, nur nicht glücklich. Eine Vernunftehe ohne Liebe. Fremdbestimmt.

Als sich Chava in einen Christen verliebt, wird deutlich, was Glaube und Tradition aus Tejwe gemacht haben. Die Summe der Verluste führt letztlich dazu, dass er seine Chava verstößt. Ihr Name wird aus der Familiengeschichte getilgt, er darf nicht mehr erwähnt werden und man trauert um sie, als sei sie gestorben. Größer kann eine Schmach nicht sein. Und doch kommt es noch schlimmer. Der Hass auf die Juden greift um sich und Pogrome gehören schon bald zur Tagesordnung. Als man ihn am Ende des Dorfes verweist, er heimatlos wird und mit seinen sieben Sachen in die Flucht getrieben wird, erlebt er die große Überraschung seines Lebens. Denn eines seiner Mädchen kommt nach Hause, um ihm zu folgen.

Emotionaler kann man nicht schreiben. Tiefer kann das Glück eines Vaters nicht erzählt werden und trauriger kann der Verlust der Heimat nicht sein.

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Scholem Alejchem schrieb ein wundervolles Buch über einen Milchmann, der jedem Leser ans Herz wachsen muss. Tewje steht für alle Werte, die ein treusorgender Vater verkörpert. Die Liebe zu seinen Töchtern lässt ihn zu gewieften Tricks greifen, die ihnen ein halbwegs selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Bauernschläue könnte man das nennen. Tewje ist ein Schlitzohr und schafft es durch ständige Wiederholungen und das Zitieren von Talmud-Texten sein Gegenüber im Gespräch fast um den Verstand zu bringen. Und doch ist er auch jener moderne Hiob, mit dem sein Gott nur zu spielen scheint. Und wenn Tewje alles verliert, sein jüdischer Humor bleibt ihm treu.

„Wisst Ihr was, Herr Scholem Alejchem? Lasst uns besser von etwas Fröhlichem sprechen. Was hört man denn Neues bezüglich der Cholera in Odessa?“

Ich bin zu gering für dieses Buch. Theoretisch vermag ich nicht, es zu fassen. Verlangt das nicht von mir. Ich habe Tewje, der Milchmann von der ersten bis zur letzten Seite geliebt und hatte das Gefühl, einen frischen Text vor Augen zu haben. Am Ende des Buches jedoch beschäftigt mich der Gedanke, wie viele jüdische Autoren nie geschrieben haben. Wie viele Stimmen nie zu Wort kamen. Wie viele Geschichten nie erzählt werden konnten. Wie viel Humor sich niemals entfalten durfte. Wie viel Kummer sprachlos blieb. Weil in Deutschland so viele Sterne gefallen sind. Damals, als der Todesstern regierte.

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem

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13 Gedanken zu „„Tewje, der Milchmann“ von Scholem Alejchem

  1. Ich werde es nicht lesen, aber ich wollte deine Worte lesen – verinnerlicht.

    Was für ein Satz: “Ich bin zu gering für dieses Buch!”

    16. Mai – Brooklyn – oh, da kommt persönliche Gänsehaut auf. Denke an die Messe, denke an viele Worte und an dem Tag durfte ich das Licht der Welt erblicken.

    • Das magische Datum ist mir bei der Recherche sehr bewusst geworden.

      Ein toller Moment beim Bloggertreffen, als wir dieses – und nicht nur dieses Buch fanden – ich bin auf deine Worte zu deinem Buch gespannt.

      Und ja – für dieses Buch hier bin ich zu gering…

      • Ja – echt magisch – aber das passiert uns immer – so ist es eben. Du kannst meine Meinung schon lesen – komm mal rüber. Grins.

        Ich glaube ich bin auch zu gering. Tapfere Worte. Danke.
        Ja – wir finden die Bücher und sie uns, mit uns.

  2. Nein, du bist nicht zu gering für dieses Buch, du nimmst die Worte im Herzen auf und trägst sie weiter. Gerade dies ist so wichtig. Der letzte Absatz zeigt das für mich ganz deutlich. Und deine Größe zeigt sich genau in diesem Satz…
    Ich weiß nicht, ob ich mich je an dieses Buch heran wage, doch nun habe ich zumindest eine Ahnung, wohin es mich führen würde…

  3. Guten Abend
    Was für eine gelungene Buchvorstellung. Es hat mir viel Freude bereitet, sie zu lesen. Danke dafür. Mich reizt die Thematik in vielerlei Schichten und die Aussicht auf etwas, für dass man zu gering wäre. Eine Herausforderung quasi. Ein Autor bzw. Buch, das in meinem Sichtfeld bleiben wird.
    Einen schönen Abend wünsche ich.
    buchkauz

    • Ich liebe diese Herausforderungen, ich liebe Texte weit ab vom Mainstream, ich mag den verlegerischen Wagemut, die Erinnerung an diese wahren Klassiker am Leben zu halten. Das richtige buch für dein Sichtfeld. Ganz sicherlich.

  4. Natürlich kenne ich Tewje. Das Musical. Aber nicht die Vorlage. Und die muss ich mir nun merken. Übrigens habe ich eine Hör-CD mit jüdisch / jiddischen Geschichten, gelesen von Iris Berben und dazwischen Kletzmer von und mit Giora Feidman. Vielleicht erinnerst du dich an den sehr schönen Film JENSEITS DER STILLE, da spielt der Professor eine kleine Gastrolle mit seiner Klarinette. Giora kann man bestimmt hervorragend zu TEWJE hören.

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