Frederick – Perikles Monioudis auf den Spuren von Fred Astaire

Frederick von Perikles Monioudis

Frederick von Perikles Monioudis

Wenn ihr mich in den letzten Wochen literarisch gesucht habt, dann war es recht einfach, mich zu finden. Es gibt eine Stadt, in der ich länger und ausgiebiger verweilte, als an anderen Leseorten dieses Jahres. Eine Stadt, in der ich mich sehr wohl gefühlt habe, und an die ich nun auch lesend nur mit den besten Erinnerungen zurückdenke. New York.

An der Seite von Colm Tóibín bereiste ich das „Brooklyn Mitte der 1950er Jahre, fand mich inmitten irischer Auswanderer wieder und genoss die Heimreise nach Irland, um einem jungen Mädchen zu folgen, das sich zwischen zwei Welten verloren hatte. Eilis Lacey ist mir nicht nur im Roman, sondern auch in der gleichnamigen Verfilmung ans Herz gewachsen. Vielleicht auch, weil ich kurz zuvor New York aus der Sicht von Catalin Dorian Florescu erlebt hatte.

Der Mann der das Glück bringt setzt wesentlich früher an, entführt mich in das New York der Vaudeville Theater zu Beginn des 20. Jahrhunderts und spannt dann seinen Bogen bis in unsere Zeit. Auch hier an der Seite von Auswanderern, neuen Bürgern des Landes und im hellen Licht der Fassaden einer aufstrebenden Unterhaltungskultur. Ich erlebte eine sich entwickelnde Stadt, die in der Lage war, Menschen und ihre Träume lebenslang an sich zu binden, oder sie für immer zu zerstören.

Frederick von Perikles Monioudis

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Und doch handelte es sich hier ausschließlich um fiktive Charaktere, denen ich in den „Big Apple“ folgte. Protagonisten, die in diesen Romanen stellvertretend für viele wahre Geschichten ihren eigenen Weg gingen und dabei ihre tiefen Spuren in meinem Lesen hinterließen. Es war an der Zeit, diese Metropole als einen anderen Erzählraum zu erleben. Jetzt, wo ich mich halbwegs gut auskannte durfte ich es wagen, einen der richtig großen Künstler dorthin zu begleiten. Meine Reiseunterlagen kamen diesmal von dtv und mein Reiseleiter trägt den klangvollen Namen Perikles Monioudis. Es geht nach New York. Erneut New York. Wer hätte das gedacht.

Frederick – Ein Buchtitel, der nicht automatisch auf seinen Protagonisten schließen lässt. Bis man sich das Cover einmal genauer anschaut und bereits in den Beinen, den Tanzschuhen und der eleganten Fußhaltung zu erkennen glaubt, um wen es hier geht. Fred Astaire, der größte Stepptänzer seiner Zeit, der noch heute mit dem klangvollen Namen seiner Tanzpartnerin Ginger Rogers assoziiert wird. Schon bevor ich die erste Zeile las, zog ich mir meine Tanzschuhe an, befestigte kleine Metallplättchen unter den Sohlen und war bereit, den Rhythmus von Perikles Monioudis aufzunehmen.

Fred Astaire. Ich war gespannt, denn ich wusste nichts über ihn. Wie so oft blieben nur ein paar Bilder, Tanz-Sequenzen und Fotos im Gedächtnis, aber Fakten, Lebensdaten oder tiefe Hintergründe? Fehlanzeige. Zu meiner Schande. Der Name klingt gewaltig in meinen Ohren, aber allzu konturiert ist dieser große Künstler nicht. Ich versprach mir viel, doch was dann auf mich wartete, war eben unerwartet. Perikles Monioudis entwirft auf der Grundlage einer wahren Lebensgeschichte ein fiktionales Gerüst für seine Sicht auf ein Leben. Eine fiktional ummantelte Biografie. Gewagt und, was soll ich sagen, mehr als gelungen.

Frederick von Perikles Monioudis

Frederick von Perikles Monioudis

Monioudis liefert in „Frederick“ alle Fakten, die man als interessierter Leser erfahren möchte, wenn man sich auf die Person Fred Astaire einlässt. Unglaublich viel Neues ist zu erlesen. Gut recherchiert, packend erzählt, als würde dieses Buch einem eigenen Tanz folgen. Mit Tempowechseln und -sprüngen werden Zeitebenen überschritten und schwerelos wie der Tänzer selbst fliegt man ein Stück voraus und wieder zurück. Und all dies, ohne den großen Zusammenhang auch nur an einer Stelle zu verlieren, denn diesen hämmert Monioudis seinem Leser mit dem unverkennbaren „Tappdance-Sound“ ins Blut.

Wer hätte schon gewusst, dass Fred Astaire bereits im Alter von nur 6 Jahren an der Seite seiner älteren Schwester für Begeisterungsstürme sorgte. Wo? Völlig klar: In den Vaudeville Theatern des prosperierenden New Yorks des Jahres 1905. Getrieben und motiviert von der Mutter sollten diese beiden Wunderkinder des Paartanzes die Bühnen erobern, der vaterlosen Familie ein Auskommen sichern und ihren Weg machen. Tanz war ihr Beruf. Ein harter Beruf voller Disziplin und Präzision. Allerdings war Frederick hier eher Staffage. Die eigentliche große Karriere hatte man für seine Schwester Adele vorgesehen.

Monioudis springt mit uns durch die Zeit, um zu verdeutlichen, warum es schließlich Fred Astaire war, der zu Weltruhm gelangte, und mit dem Stepptanz eine Kunstform zur Perfektion brachte, die heute noch mit seinem Namen in Verbindung steht. Wir erleben den Niedergang der Theater, das Aufkommen der Filmindustrie und wechseln von New York nach Hollywood. Erleben einen Tänzer, der im Kinofilm genau das erreichen kann, was ihm der Bühnentanz nicht ermöglichte. 100-prozentige Präzision. Von Einstellung zu Einstellung trieb er sich zur Höchstleistung. Das Ergebnis ist legendär.

Frederick von Perikles Monioudis

Frederick von Perikles Monioudis

Hier trennt sich schon bald der Weg der Geschwister. Da, wo seine Schwester die reine Bühnentänzerin war, erobert Fred Astaire eine neue und glanzvolle Welt für sich. Kreativ und innovativ wird er zum Meister eines Fachs, das mit ihm zur Blüte aufsteigt und mit seinem glanzvollen Abgang unwiederbringlich untergeht. Diesen Lebensweg muss man erlesen, um hinter die Kulissen dieser Weltkarriere schauen zu können, um den Menschen Astaire zu verstehen und seine Obsession zu fühlen, die auf jeder Seite aus dem Buch ragt, als würden uns die Sätze, Buchstaben und Kapitel selbst zum Tanz auffordern.

Perikles Monioudis geht auf der biographischen Tanzfläche einen großen Schritt weiter. Er bringt uns einen Menschen näher, dessen innere Motivation von außen nicht immer zu verstehen ist. Er schreibt uns einen Menschen ans Herz, der getrieben von Selbstzweifeln, verunsichert von purer Eitelkeit und aufgesaugt von einer schnelllebigen Filmindustrie bei jedem Tanz, jeder Einstellung und jeder Bewegung um das Überleben seiner Kunst zu kämpfen scheint. Monioudis verleiht dieser Verunsicherung und den Zweifeln eine Stimme, indem er eine fiktive Person in dieser Geschichte verankert, die Fred Astaire und seine Familie lebenslang begleitet.

In unterschiedliche Figuren schlüpft dieses Alter Ego. Es ist der Lebenszweifel, die Vision und der mephistophelische Ratgeber und das Orakel, das nichts Gutes verheißt. Ob Taxifahrer, Tanzlehrer, abgehalfterter Bühnenstar oder Botenjunge. Immer wieder erkennen wir die absolute Schwere, die als Kontrapunkt zu Astaires Leichtigkeit dessen Weg kreuzt und wie ein Memento Mori den Niedergang seiner Kunstform vorhersagt. Das Sterben der Schönheit und die endgültige Abkehr von jeglicher Eleganz. Wie der Sklave hinter dem römischen Kaiser flüstert diese ständig existente zweite Stimme die magischen Worte „Vergiss nicht, du bist sterblich“ dem unsterblichen Künstler beim Triumphzug ins Ohr.

Frederick von Perikles Monioudis

Frederick von Perikles Monioudis

Unglaublich, welche Wirkung Monioudis mit diesem Kunstgriff erzielt. Er schafft es, dem Leser ständig das Gefühl zu geben, dem Tänzer einen Schritt voraus zu sein. Und durch die empathische Annäherung an den Menschen Astaire bringt er uns dazu, immer wieder warten zu wollen, unser Tempo anzupassen und den großen Tänzer von einem Erfolg zum nächsten zu tragen. Wir kennen diese inneren Stimmen. Wir kennen diese Zweifel. Sie können Kraft verleihen und für Antrieb sorgen. Dieses Stilmittel bringt uns Fred Astaire näher, als es jede reine Biographie vermocht hätte.

Große Momente des Lesens durfte ich in meinem Herzen einschließen. Unvergesslich bleibt für mich jener eine Tag, an dem Frederick seine Schwester Adele zum ersten Mal zum Tanz bittet. Das erste Mal ohne Bühne. Der erste Tanz der einstigen Wunderkinder nur zum Spaß. Nur ein Tanz. Einfach so. Monioudis braucht keine großen Worte, um seine Leser hier zu Zeugen eines großen Moments jenseits des Tanzes als Profession werden zu lassen. Literatur ist es hier, was wir lesen dürfen. „Frederick“ unterhält, reißt mit, verleitet zur eigenen Recherche und kommt doch daher, als sei es auf seiner Zeitreise zufällig von jenem Zweifler auf unseren Schreibtisch gelegt worden. Und das mit den Worten: „Ich wusste es doch. Das Schöne vergeht.

Es ist literarisch, anspruchsvoll und ein wenig nostalgisch anmutend, wenn sich der Autor den Rechtschreibregeln unserer Zeit entzieht und einen Text präsentiert, der in dieser Form den Eindruck erweckt, vor langer Zeit geschrieben worden zu sein. Ich las schon ewig kein „daß“ mehr in einem Buch. Dieses Stilmittel macht Frederick zu einem authentischen und doch zeitgemäßen fiktional-biografischen Text, der Frederick gerecht wird. Ich werde Perikles Monioudis in Leipzig treffen und alle offenen Fragen für Literatur Radio Bayern aufs Parkett bringen. Ein Interview unter der Überschrift „Herr Monioudis, darf ich bitten?“ Ich freue mich sehr darauf und hoffe, ihr werdet uns dann zuhören. Hier geht es zum Interview…

Frederick von Perikles Monioudis - Das Interview

Frederick von Perikles Monioudis – Das Interview – Bald

Dank gilt an dieser Stelle „meiner“ Ginger Rogers. Ich las das Buch nicht alleine, tanzte nicht solo über die großen Bühnen dieser Welt und musste nicht einsam in den Schminkspiegel der großen Vaudeville Theater schauen. Julia hat dieses Pas-de-deux für mich zum unvergesslichen gemeinsamen Lesen verzaubert. Federleicht lag ihre Weitsicht vor mir und erhellend waren ihre Einsichten in die reale Welt des Theaters und der Bühne, weil sie diese so sehr Welt lebt. Wir genossen den großen Moment des einzigen Tanzes von Fred und Adele jenseits der großen Bühnen. Eines ersten Tanzes, der zugleich auch ihr letzter sein sollte.

Das unterscheidet uns. Julia, darf ich bitten? In Gedanken bist du in Leipzig dabei, wenn der Tanz mit Perikles Monioudis beginnt. Du führst mich ganz einfach. Das wird das Beste sein. Verneig.

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11 Gedanken zu „Frederick – Perikles Monioudis auf den Spuren von Fred Astaire

  1. Ein leises rhythmisches klappern, ein Glas Wein im Kerzenschein, Wärme nach einem eisigen Tag, aufatmen und innehalten -Entschleunigung. All das ist deine Rezension für mich! Es war mir eine Freude, mit dir das Parkett zu erobern, hinter die Kulissen zu schauen und Fred zu folgen und zu verfolgen auf seinem einzigartigen und nicht immer leichten Weg. Einzigartig und nicht immer leicht – haha irgendwo könnte es mein Weg sein, oder? Grins! Ein Gefühl der Schwere, das ich Fred fast körperlich nachfühlen kann, erlebe ich doch gerade momentan auch die Schwere der Erwartungen (anderer und an sich selbst), die einen manchmal zu Boden drücken wollen. Doch dann… Ein leiser Ton, eine Melodie, ein Rhythmus und die Welt kommt wieder ins Lot… When I begin the Beguine… 😉 let’s fall in Love with Mr. Astaire! Und merci, Perikles!!
    Und weh dir, wenn du mich in Leipzig aus dem Rampenlicht schubst 😉

  2. In den 80er Jahren habe ich so viele Filme mit ihm gesehen. Das war immer ein Fest. Nach der politischen Wende habe ich viele Klatsch- und Tratschzeitschriften gelesen. Ich kann mich nicht dran erinnern, etwas Privates über Fred Astaire gelesen zu haben. Vielleicht hat er es ja geschafft, sich dort rauszuhalten.
    Aber das Buch schnapp ich mir noch, allein schon, um anhand der Fotos Erinnerungen zu wecken.

    • Die Fotos habe ich aus Recherchezwecken ausgedruckt… Dieses Buch ist ein wundervoller literarischer Text, der deine Erinnerungen ans Tageslicht bringt,ohne ein Bild vor Augen zu haben. Und dann begiebst du dich auf die Suche nach Videos und Bildern. Ein komplexes Abenteuer.

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