Und was hat das mit mir zu tun – Sacha Batthyany

Und was hat das mit mir zu tun - Sacha Batthyany

Und was hat das mit mir zu tun – Sacha Batthyany

Manchmal überlagern sich das Lesen und das reale Leben. Manchmal kommt zur Deckung, was bisher niemals für deckungsgleich gehalten wurde und das Staunen über die selbst erlebten Wahrheiten weicht dem Zweifel, was war, gewesen ist und sein wird. Warum lese und schreibe ich beharrlich gegen das Vergessen des Holocaust an? Eine Frage, die ich gerade in dieser Woche in einem Interview ausführlich beantwortet habe. Kurz gesagt läuft es immer wieder auf die eine Aussage hinaus, dass man ohne Blick in den Rückspiegel nicht gut nach vorne fahren kann.

Was aber, wenn der Blick in den Rückspiegel eine Vergangenheit zeigt, die näher zu kommen scheint. Ein Zeitparadox, das versucht Kontakt aufzunehmen.

Unwahrscheinlich? Nein. Absolut nicht und eben das ist genau die Überlagerung, von der ich heute schreibe. Wenn also die politische Malerin Peggy Steike auf einem ihrer Gemälde aus ihrem Zyklus Holocaust mehr als zwanzig Opfer des Nationalsozialismus porträtiert, und diese Porträts mit Recherchen zu den einzelnen Schicksalen unterlegt, und es Schülern zeigt, um die Erinnerung an diese Opfer mit Leben zu füllen, dann ist dies ein Detail des Rückspiegels.

Wenn sie dann aber von einem Verwandten eines Opfers angeschrieben wird, der im Internet auf dieses eine Bild und ihre Mission aufmerksam wurde, und seinen Vater erkannt hat, mehr als bewegt realisiert, dass dieses einzelne Schicksal in Deutschland nicht vergessen wurde und fragt, ob es möglich sei, eine Kopie dieses Bildes in seiner schwedischen Wohnung aufhängen zu dürfen, dann wird Vergangenheitsbewältigung lebendig. Dann erhalten Opfer Würde, Identität und Geschichte zurück. Dann wird aus dem Erinnern ein ganz aktiver und vielschichtiger Prozess.

Und was hat das mit mir zu tun - Sacha Batthyany

Und was hat das mit mir zu tun – Sacha Batthyany

Wenn ich mit Peggy gemeinsam unterwegs bin, wenn wir Bücher und Bilder, Worte und Zeichenstifte vereinen, versuchen wir in der aktuellen Literatur Entsprechungen für unser Vorgehen zu finden. Spiegelungen unseres eigenen Spiegelns. Diese Bücher begleiten Vorträge und Seminare wie gute Weggefährten auf dem Weg in eine Zukunft, in der sich genau die von uns betrachtete Vergangenheit nicht mehr wiederholen darf. Es sind Bücher, die unsere Perspektiven verändern, erweitern, und vielleicht mit einem ganz normalen Rückspiegel einen mehrdimensionalen Panoramablick ermöglichen, den wir alleine nicht entwickeln könnten. Vergangenheit und Gegenwart bedingen sich. sie gehen Hand in Hand.

Welches aktuelle Buch könnte sich hier intensiver an unsere Seite stellen, als „Und was hat das mit mir zu tun – Ein Verbrechen im März 1945 – Die Geschichte meiner Familie“ von Sacha Batthyany?

Welches Buch könnte schon mit seiner ersten Frage besser zu dem passen, was wir seit Jahren zu beantworten versuchen? Welches Buch könnte eine bessere Brücke zwischen unserem eigenen Denken und Handeln und der Geschichte schlagen? Und wer glaubt nun noch an Zufall, wenn ich sage, dass ich dieses Buch las, als Peggy von der Vergangenheit eines Opfers des Holocausts eingeholt wurde? Es gibt keine Zufälle.

Aber was verbindet dieses Buch mit einer Mail aus Schweden? Weshalb geben sie sich die Hand und was macht diese Zeitgleichheit so besonders? Es ist die Relevanz des Erinnerns, die hier eine eigenständige Dimension bekommt. Die Fragestellung, ob wir an unserer Geschichte ganz alleine schreiben, oder ob unser Handeln durch Dinge bestimmt wird, die sich in der Vergangenheit ereignet haben. Dinge, die wir mit unseren Vorfahren gemeinsam haben, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung davon zu haben.

Und was hat das mit mir zu tun - Sacha Batthyany

Und was hat das mit mir zu tun – Sacha Batthyany

Mich hat ein Ring verändert, den meine Großeltern 1944 erhielten. Mir hat dieser Siegelring eine Richtung im Leben gewiesen, die mich auf die Suche nach Antworten bis heute antreibt. Auch Peggy Steike hat ihre ganz eigenen Beweggründe. Und Sacha Batthyany schreibt über genau diesen Kern der eigenen Motivation. Er nähert sich mit einer umfassenden Recherche den eigenen Wurzeln. Er greift Fragmente und Details seiner Familiengeschichte auf, um einem Massaker auf die Spur zu kommen, dessen Ursachen nie ganz geklärt wurden. Er deckt auf. Koste es, was es wollte. Auch den Ruf der Familie, wenn es sein muss.

Und während er recherchiert, bohrt und in die Abgründe seiner Vorfahren eintaucht wird ihm die Frage gestellt, die nicht nur den Buchtitel prägt, sondern fortan sein ganzes Streben. Was hat das eigentlich mit mir zu tun? Was hatte es mit ihm zu tun, dass auf dem österreichischen Landsitz seiner steinreichen Vorfahren am Ende des Zweiten Weltkrieges ein mehr als rauschendes Fest gefeiert wurde? Was hat es mit ihm zu tun, dass seine Großtante Gräfin Margit Thyssen-Batthyany in Rechnitz die Gastgeberin dieses Abgesangs auf den Krieg ist. Was interessiert es ihn, dass der Krieg an diesem Abend, dem 24. März 1945 bereits entschieden ist und die russische Armee bereits vor der Haustür steht?

Was interessiert es ihn, dass „seine“ liebe Familie hier gemeinsam mit einigen übrig gebliebenen Nazis den Schampus in Strömen fließen lässt und was hatte es mit ihm zu tun, dass diese verhängnisvolle Nacht als „Massaker von Rechnitz“ in die Geschichte eingeht? Gar nichts? Vielleicht geht es wirklich nur um Sacha Batthyany. Vielleicht geht es um seine Prägung, seine Erziehung, seine angeborenen Verhaltensweisen und das Verstehen des Lebensweges seiner gesamten Familie, wenn er sich recherchierend auf den Weg macht, um in den Aufzeichnungen und Tagebüchern seiner Vorfahren genau diesen Abend mitzuerleben.

Und was hat das mit mir zu tun - Sacha Batthyany

Und was hat das mit mir zu tun – Sacha Batthyany

Einen Abend in einem Schloss. Dem Hort des behüteten Aufwachsens der Sprosse der Thyssen-Batthyanys. Einem Ort, den der Krieg bisher nur tangiert hatte. Aber eben einen Ort des Mitlaufens, des Dabeiseins und des Augenschließens. Nichts wollte man wissen von Judenverfolgungen und Deportationen. Wenn man aber profitieren konnte, dann war man schon gerne mittendrin, statt nur dabei. Und genau in dieser einen Nacht erreicht das rauschende Fest seinen brutalen Höhepunkt mit der Erschießung von 180 jüdischen Zwangsarbeitern. Männer und Frauen. Jeder darf mal. Schießen. Schlagen. Morden. In diesen Tagen bleibt das unentdeckt. Spurlos verschwinden die Opfer.

Fast ungesühnt die Tat. Und doch lässt sie Sacha Batthyany keine Ruhe. Er wühlt sich durch das Mosaik der Lebensgeschichten seiner Großtante, seiner Großeltern und seiner Eltern. Er beginnt wiederkehrende Muster zu erkennen. Verhaltensmerkmale, die in Zeiten geprägt wurden, die Sacha selbst nie erlebte und seine Beschäftigung mit der Vergangenheit wird zu einer tiefen Betrachtung seiner eigentlichen Persönlichkeit. Und ganz am Rande stößt er auf die Tagebücher aus dieser Zeit. Tagebücher nicht nur aus der Feder seiner Großmutter, sondern auch geschrieben von einem jungen Mädchen, das den Holocaust überlebte. Ein jüdisches Mädchen, das den Ort und die Menschen kannte, an dem sich das Massaker ereignete. Agnes.

Und plötzlich beginnen die Tagebücher miteinander zu sprechen. Sie verweisen in ihren Inhalten aufeinander und Sacha Batthyany erkennt, dass er die losen Enden einer weiteren tragischen Geschichte entdeckt hat. Enden, die für die heute 93-jährige Agnes und ihre Familie alles verändern. Und so wird aus einer Recherche zum Massaker von Rechnitz eine komplexe Lebensreise. Sie wird zum Lebensweg durch den Holocaust, streift die Rampe in Auschwitz, begegnet dem Schrecken der Selektion, führt zu den Lagern des Gulags und endet in Buenos Aires. Und dabei haben all diese Orte einen gemeinsamen Ursprung: den Innenhof des Schlosses der Thyssen-Batthyanys. Es ist nicht mehr nur noch die Frage, was dies alles mit ihm zu tun hat. Die Frage ufert aus.

Und was hat das mit mir zu tun - Sacha Batthyany

Und was hat das mit mir zu tun – Sacha Batthyany

Und so wird auch in dieser wahren Geschichte eine Mail auf den Weg gebracht. Nach Buenos Aires. Auf der Suche nach jenem jüdischen Mädchen von einst, dessen Geschichte nun in den Händen von Sacha Batthyany liegt. Wie so viele Geschichten, die nun in seinen Händen liegen. Er verändert nicht nur die Geschichte und sich selbst. Er verändert auch das Leben von Mirta Kupferminc, einer argentinischen Malerin, die die Verluste ihres Lebens bildhaft verarbeitet, weil sie niemals Antworten auf die Fragen nach der Vergangenheit ihrer Großeltern erhielt. Agnes hatte diese Antworten nicht für ihre Tochter Mirta.

Zufall? Eine Mail? An einem Malerin? Die den Holocaust bildhaft erinnernd verarbeitet? Zufall? Ich glaube nicht daran. Ich werde dieses Buch mit Peggy Steike gemeinsam ein zweites Mal lesen. Und ich denke, wir werden dann wohl einen Moment brauchen, um all diese Fäden in unser gemeinsames Projekt einfließen zu lassen. Was das alles mit uns zu tun hat? Was es mit mir zu tun hat? Was es mit euch zu tun hat? Schaut in den Rückspiegel. Und dann schaut aufmerksam nach vorne.

Gut, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholt. Gut, dass Menschen nicht mehr wegen ihrer Herkunft oder Religion angefeindet werden. Gut, dass wir gelernt haben. Es wäre schier unerträglich, wenn es heute einen rechten Mob gäbe, der im Wissen um diese Vergangenheit Flüchtlingsheime anzündet und Menschen bedroht. Gut, dass dies in unserem Land der Geschichte angehört. Gut dass wir so viel gelernt haben. Es ist so beruhigend. Also muss man dieses Buch eigentlich nicht lesen. Es besteht kein Grund, den Blick zu schärfen. Was geht uns das eigentlich alles an?

Und was hat das mit mir zu tun - Sacha Batthyany

Und was hat das mit mir zu tun – Sacha Batthyany

Viele Fragen wirft das Buch auf, weil sich auch der Autor diesen Fragen stellt. Es geht ihm nicht darum zu urteilen, sondern zu überlegen, wie man selbst gehandelt hätte. Fragen, die aus dem Buch heraus ins Leben strahlen und zu verstörenden Einsichten führen. Wäre man selbst in der Lage gewesen, Juden zu verstecken? Hätte man alles in die Waagschale geworfen, die eigene Familie gefährdet, den Beruf riskiert und unter Lebensgefahr verfolgten Menschen Obdach gegeben? Und das im historischen Kontext des Dritten Reichs.

Sacha Batthyany beantwortet diese Frage mit einem „Nein“. Und so schmerzhaft die Erkenntnis am Ende des Tages auch ist, meine Antwort ähnelt der des Autors. Ein „Ja“ würde einer Lebenslüge gleichen, ich würde es mir zu leicht machen und dabei alles unberücksichtigt lassen, was diese Entscheidung in sich trägt. Nathan Englander ließ in einer seiner Kurzgeschichten jüdische Freunde das Anne-Frank-Spiel spielen. Sie sollten einfach ganz ehrlich überlegen, welchen ihrer Freunde sie für mehrere Jahre verstecken würden.

Die Antworten auf diese Frage waren auch bei Nathan Englander verstörend, aber auch ehrlich. Niemand hätte den Mut gehabt. Niemand hätte das gewagt. Also urteilen wir nicht vorschnell über die Vergangenheit. ABER: Allein die Tatsache, dass wir diese Frage gerne mit „Ja“ beantworten würden, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Denkt vielleicht einmal an diese Frage, wenn ihr in diesen Tagen den Film „Anne Frank“ im Kino anschaut und seid ehrlich zu euch selbst. Findet eure Antwort.

„Könntest du das, Juden verstecken?“

Danke für die Ehrlichkeit in einer Diskussion zu genau dieser Frage, Anita!

Nachtrag: Sacha Batthyany ist für den Schweizer Buchpreis 2016 nominiert, der am 13. November in Basel verliehen wird. Seine Buchpräsentation in Frankfurt entsprach der zeitlosen Relevanz dieser großen Geschichte. Mein Favorit. 

Und was hat das mit mir zu tun - Sacha Batthyany

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