Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten [Film und Buch]

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Es ist eine kleine und eng umrissene Welt, in die ich heute entführen möchte. Es ist eine Insel, die vom Grün dominiert wird, und auf der sich das Leben nicht so schnell verändert, wie in anderen Ländern. Ich möchte mit Euch einen kurzen Abstecher nach Irland machen, bevor wir dann gemeinsam in See stechen. Irland. Kaum ein anderes Land wird von seinen Menschen so patriotisch und aufrichtig verehrt. Kaum ein anderes Land wird in unzähligen Herzen in die ganze Welt getragen. Mit all seiner Farbe, seiner Musik und seinem Lebensgefühl.

(Weiterlesen oder hören… Sie haben die Wahl.)

Brooklyn - Film und Buch im Vergleich - Auch im Radio ...

Brooklyn – Film und Buch im Vergleich – Auch im Radio …

Denn aus kaum einem anderen Land wanderten im Lauf der Jahrhunderte so viele Menschen aus, um in Amerika ihr Glück zu suchen. Sie trugen Irland in ihrer Seele und prägten ganze Städte, während sie fernab der Heimat ein neues Land entstehen ließen. Weit entfernt von von Armut und Unterdrückung. Fernab von der Hoffnungslosigkeit und doch immer mit der grünen Insel verbunden. Heimat.

Eilis Lacey ist Irin. Sie lebt mit Mutter und Schwester in Enniscorthy. Klangvoll schön, aber ohne große Perspektive. Sie träumt davon, Buchhalterin in einem Büro zu werden, doch die Realität hält sie als Aushilfe hinter der Theke eines kleinen Ladens fest. Bis ihre Mutter und ihre Schwester, unterstützt von einem irischen Priester aus Brooklyn, beschließen, Eilis die große Chance auf ein neues Leben zu ermöglichen. Brooklyn. So weit entfernt und doch verheißungsvoll und faszinierend.

Es ist die Chance ihres Lebens. Brooklyn.

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Als Eilis 1952 an Bord eines Ozeandampfers geht, verlässt sie eine ganze Welt und folgt den Spuren abertausender Emigranten. Irland und ihre Familie im Herzen. Und die Sehnsucht nach dem Leben in einer Stadt, in der nicht jeder die eigene Tante kennt. Sie braucht ihren Freiraum, auch wenn er einen sehr hohen Preis fordert. Heimweh. Ihr neues Leben nimmt langsam Fahrt auf. Als Verkäuferin in einem Warenhaus bietet sich ihr die Chance, sich in Abendkursen weiterzubilden. Sie findet in ihrer Pension zaghaft Anschluss, verliebt sich in Tony Fiorello und seine italienische Familie, und wächst von Tag zu Tag mehr mit ihrer neuen Heimat zusammen.

Das Heimweh bleibt jedoch ständiger Wegbegleiter und, als würde ihr Irland immer wieder zart an dem unsichtbaren Band ziehen, das beide verbindet, verliert sie niemals den Kontakt in die geliebte Heimat. Briefe wandern über den Ozean. Leben verlaufen getrennt voneinander in völlig anderen Bahnen. Als ihre Schwester überraschend stirbt, beschließt Eilis für einen Monat nach Irland zurückzukehren. Nicht jedoch ohne zuvor Tony heimlich zu heiraten. Sie will ihm dadurch beweisen, dass sie zurückkehren wird.

Zur Beerdigung ihrer Schwester kommt sie zu spät. Ihre Vergangenheit holt sie ein. Aus dem großen Leben in Brooklyn wird für wenige Wochen wieder das ganz kleine beschauliche und behütete Leben an der Seite ihrer Mutter, die nichts mehr fürchtet, als Eilis wieder zu verlieren. Wer nun denkt, Irland würde sich leichten Herzens von seinen Kindern trennen, der erlebt nun, wie Enniscorthy den Kampf um die verlorene Tochter aufzunehmen beginnt. Ihre Abreise verschiebt sich. Mal ist es die Hochzeit ihrer besten Freundin, mal ist es ein neuer Job, der ihr angeboten wird und der sie fordert. Und dann ist es nicht zuletzt ihr Jugendfreund Jim Farrell, der sich in Eilis verliebt und sie nicht mehr gehen lassen möchte.

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Der klassische Gewissens- und Herzenskonflikt stürzt mit voller Wucht auf die jungen Frau ein. Die Heimat klammert, eine berufliche Selbstverwirklichung scheint möglich und zarte Gefühle ummanteln das neue Rundum-Wohlfühlpaket namens Irland. Doch in Brooklyn wartet Tony. Er schreibt ihr und hofft, dass Eilis den Weg zurück in ihr neues Zuhause findet. In ein Zuhause, das er mit eigenen Händen aufbauen wird. In einer neuen Welt, in einer Stadt, in der man frei sein kann und nicht jeder Schritt unter Beobachtung steht. Weit oder eng? Fern- oder Heimweh? „Eine Liebe zwischen zwei Welten“. Passender könnte ein Untertitel zu Brooklyn von Colm Tóibín nicht sein.

Eine einfache und kleine romantische Geschichte, könnte man vielleicht meinen. Eine klassische Herz-Schmerzgeschichte voller Klischees, könnte man denken. Ein rein emotionales Rührstück für Zwischendurch? Könnte man annehmen. Gäbe es da nicht einen irischen Autor, dem es gelingt, auch den leisesten Hauch von oberflächlichem Kitsch aus seiner Geschichte zu verbannen. Gäbe es da nicht jenen Colm Tóibín, der aus dieser Geschichte der Zerrissenheit das Portrait einer jungen Frau entstehen lässt, das berührt und mitreißt.

Und gäbe es da nicht einen Drehbuchautor. Einen mit ganz großem Namen. Nick Hornby. Gäbe es da nicht einen Schriftsteller, der diesen Roman für seine Verfilmung adaptierte. Jenen Nick Hornby, den die Faszination für die junge Eilis gepackt hatte und der sich auf die Fahne schrieb, ihr (noch mehr als im Buch) mit filmischen Mitteln Gehör zu verschaffen. Dazu hat er ihre individuelle Lautstärke erhöht, so formulierte er es in einem Interview. Hornby hat der Perspektive des Betrachters das Innenleben von Eilis eröffnet und ihr mit Gestik, Mimik und Worten in der Geschichte den Raum verschafft, den sie im Roman oft nur indirekt einnimmt.

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Und gäbe es da nicht die Schauspielerin Saoirse Ronan, die eine Eilis verkörpert, die in jeder Nuance ihres Blickes die Sehnsucht, das Heimweh und die Suche nach einem neuen Leben ins Herz des Betrachters trägt. Eine junge Schauspielerin, deren Entwicklung im Film an den Augen abzulesen ist. Deren Haltung sich verändert, die an sich und in sich wächst, sich behutsam an Neues herantastet und in magischen Szenen des Films, nur zu einer irischen Melodie die Augen schließen muss, um den Zuschauer zu Tränen zu rühren.

Und gäbe es da nicht die Verfilmung selbst. Einen Film, der mit Farben spielt und die Menschen im Vordergrund lässt. Einen Film, der nicht durch seine Sequenzen hetzt, sondern mit viel Tiefenschärfe Raum für Entwicklung gibt. Einen Film, der das Grün von Irland im Mantel von Eilis mit an Bord des Dampfers nimmt, und der diese Farbe in Brooklyn immer weiter verblassen lässt und es schließlich durch leuchtendes Blau und Gelb ersetzt. Ein szenisches Farbenspiel, das seinen Betrachter genau in dem Moment trifft, wenn Eilis in einem tiefen Sehnsuchtsmoment den Blick nach oben wendet und im grünen Blätterregen eines Baumes verharrt. Irland.

Drehbuchautor, Schauspielerin und Film sind in ihren Kategorien für drei Oscars nominiert. Und das aus gutem Grund. Das Bild von Saoirse Ronan als Eilis ziert das Buchcover der Neuauflage des Romans bei dtv. Der magische Blick lädt ein, mit ihr an Bord zu gehen. Ihr Gesicht ziert die Filmplakate in aller Welt und weckt Empathie mit einer jungen Frau, in der Stärke und Schwäche in einem charakterlich ausgewogenen Mix die wahre Persönlichkeit zeigen. Ein Film, der seiner Romanvorlage in besonderer Weise gerecht wird, weil eben ein Nick Hornby am Lautstärkeregler gedreht hat.

Am 16. Februar wurde „Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“ als bester britischer Film mit dem begehrten British Academy Film Award ausgezeichnet.

Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten von Colm Tóibín

Doch wie kann man sich der Geschichte am besten nähern? Lesen oder schauen? Wo sind die Unterschiede? Sind sie gravierend? Ich empfehle Euch den Film. Er ist ein Meisterwerk in seinen Bildern, den Farben, seinen Schauspielern und der feinfühligen Musik von Michael Brook. Ich empfehle den Film, weil Saoirse Ronan so sehr Eilis ist, wie man sie sich nur vorstellen kann. Ich empfehle ihn, weil er Szenen beinhaltet, die Stein aufweichen können. Wenn Eilis zum Beispiel bei einer Armenspeisung alte irische Einwanderer in Brooklyn bewirtet und man ihr zum Dank ein Volkslied singt. Ihr werdet diese Szene nicht mehr vergessen.

Und doch empfehle ich auch das Buch, denn im Film gelingt es nur, die Zuschauer mit eineinhalb Lieben zu konfrontieren. Jim Farrell ist nett und sympathisch, bleibt aber hinter dem in Brooklyn wartenden Tony zurück. Er ist im Film nicht die emotionale Konkurrenz für den Mann, den Eilis kurz zuvor geheiratet hat. Hier fehlt dem Film die Verlockung des Buches. Hier entfaltet dieser Roman das ganze Konfliktpotenzial einer Liebe zwischen zwei Welten und lässt die Romanze zwischen Eilis und Jim substanziell und gefährlich werden. Hier strömt das Buch eine melancholische Zerrissenheit aus, die nur durch eine Entscheidung von Eilis aufzulösen ist.

Und letztlich empfehle ich den Film, denn er geht am Ende dieser Geschichte einen Schritt weiter als das Buch. Er zeigt eine Szene, die wir uns lesend erträumen, sie aber nicht erlesen dürfen. Der Film öffnet einen letzten Vorhang, ohne den ich nicht leben möchte. Einfach schön. Denn Geschichten dürfen auch einfach schön sein, egal wie sie enden. Ich empfehle beides. Toll, gell? Ihr findet die Dialoge und Gefühle des Buches im Film wieder und seht eure Lesegefühle an der Leinwand zur Realität werden. Wenn dann die Musik Euer Lesen und Schauen umhüllt, dann seid Ihr angekommen. In Brooklyn. Erst dann wisst Ihr, was „Eine Liebe zwischen zwei Welten“ bedeutet. Und Ihr habt Eilis kennengelernt.

Das ist das größte Geschenk.

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Irland in meinem Lesen und Schreiben:

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18 Gedanken zu „Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten [Film und Buch]

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  2. Danke wirklich für die Rezension. Nach dem Film, der mich auf seine Art berührt hast, wie in der Rezension geschrieben, wollte ich auf das Buch eigentlich verzichten. Jetzt ist es wieder auf meiner Wunschliste

    • Ich mag das Buch nicht missen, obwohl der Film für sich ein fließend emotionaler Meilenstein ist. Das Buch verbirgt jedoch einige Schätze, die man gerne erleben möchte.

      Beide gehen Hand in Hand… und ich habe mit keinem Wort erwähnt, dass ich den Bruder von Eilis sehr mag… der lebt nur im Buch 😉 Neugierig?

      Danke für die lieben Worte…

      Casadh an Tsugain… ein unvergessenes Lied bei der Armenspeisung in Brooklyn…

  3. Ich weiß nicht, wie du das machst. Ich habe den Film gesehen. Aber ich habe ihn nicht so gesehen. Er ist jetzt grün und noch wärmer, als er schon war. Ich werde das Buch als bleibende Erinnerung ganz fest halten. Das was du hier schreibst ist Kunst. Dein Grün ist meine Sehnsucht. Danke.

    Die Elli

  4. Wer noch nicht seine Fühler nach diesem Buch ausgestreckt hat, dem bleibt nach diesem Artikel gar nichts anderes mehr übrig. Ich fühlte Irland, ich fühlte Brooklyn und noch so vieles mehr. Du verrätst viel und doch fast nichts… Es bleibt alles zum selbst Erkunden. Mit Film anschauen muss ich wahrscheinlich warten, bis es ihn auf DVD gibt, doch das Buch kommt sicher eher…

    • Liebe Anja, danke für diese liebe Rückkopplung. Ich werde auch mal warten bis die DVD kommt und ihn dann in Ruhe erneut schauen. Und es istwirklich ganz viel Spielraum zum Entdecken im Buch. Irland ist weitläufig und Brooklyn einfach gigantisch.

  5. Ein toller Artikel!
    Frauchen war schon mal in Brooklyn. Aber ich habe trotzdem auch Ahnung. Ich stamme ja auch Mühlhausen. Wusstest du, dass ein Herr Röbling an der Konstruktion der Brooklyn-Brige beteiligt war und zuuuuufällig aus der gleichen Stadt stammt?
    Ich glaube ich setze das Buch auf unsere Wunschliste.

  6. Eines Tages werde ich auch nach Irland reisen und mich in die Landschaften verlieben…in die Musik…die Kultur…das Essen…die Menschen 🙂 Eines Tages…

    Das Buch habe ich auch noch auf meinem SuB liegen und bin gespannt darauf.

    LG Eva

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