„Das Geheimnis meines Vaters“ von Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters - Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters – Xavier de Moulins

„Ein Vater hat zwei Leben. Sein eigenes
und das seines Sohnes.“ 

Jules Renard

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Mit einem treffenderen Zitat könnte der Roman „Das Geheimnis meines Vaters“ von Xavier de Moulins nicht beginnen. Gerade als Vater eines erwachsenen Sohnes kann ich diese Zeilen nicht nur nachvollziehen, ich versuche sie zu leben. Allein über dieses Zitat könnte man schon sehr viel schreiben. Über den Zugewinn an Leben und Inhalt durch dieses zweite Leben. Ebenso jedoch auch über den partiellen Verlust des eigenen Ichs, weil man am Leben seines Sohnes teilhaben möchte.

Das gehört zu den Unabwägbarkeiten des Lebens. Es ist mit nichts aufzuwiegen. Schlimm wäre nur, wenn diese wichtige zweite Waagschale leer wäre. Es gibt nicht viele Vater-Sohn-Geschichten. Häufiger stehen weibliche Protagonisten im Vordergrund und ich habe auf der Buchmesse in Leipzig lange gesucht, bis mir dieses Buch bei Lübbe vorgestellt wurde. Was habe ich nicht in den letzten Jahren über Mütter, Töchter und Väter gelesen. Ich war froh, am Ziel meiner Suche zu sein. Ein „Große-Jungs-Buch“…

Mit welcher Erwartungshaltung man als Vater in einen solchen Roman startet? Eigentlich recht einfach. Das Konfliktpotenzial ist von Natur aus angelegt. Selbst erlebte Themenfelder wie überzogener Erwartungsdruck, Vorbildversagen, Fremdbestimmung, fehlende Toleranz und Empathie bieten sich an. Mit Sicherheit auch die oftmals nicht vorhandene Fähigkeit, miteinander über Gefühle sprechen zu können. Von allem etwas sollte ich in diesem Roman finden, doch „Das Geheimnis meines Vaters“ hat diesen Beziehungskonflikt mit Elementen gefüllt, die ich so nicht auf der väterlichen Rechnung hatte.

Das Geheimnis meinses Vaters - Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters – Xavier de Moulins

„Ich hatte die Todesanzeige nach einem Muster aus dem Internet formuliert, weil ein mit Pathos gespickter Nachruf unter den gegebenen Umständen nicht gepasst hätte. Mein Vater bekam lediglich das… festgelegte Minimum. Wäre es einzig nach mir gegangen, hätte ich den Leichnam liebend gerne im nächsten Brunnenschacht entsorgt.“

Ups! Wie feinfühlig und wenig nachtragend eine solche Einleitung aus der Sicht des nicht sonderlich um seinen soeben verstorbenen Vater trauernden Immobilienmaklers Paul doch rüberkommt, wenn man sie genau liest. Da steht ein 40-jähriger Ehemann und selbst Vater zweier Kinder nicht gerade gebrochen vor dem Scherbenhaufen, den der tödliche Unfall seines Vaters hinterlassen hat.

Im November 2013 beginnt diese Geschichte mit ihrem eigentlichen Ende. Zwei gerissene Lungenflügel und vergebliche Rettungsversuche im Krankenhaus. Das Spiel ist aus für Jean-Paul. Was er zurücklässt ist ein ausgelebtes Leben und die Summe der ungeklärten Fragen über alle Faktoren, die seinen Charakter skizzieren könnten. Xavier de Moulins holt weit aus und blendet zurück. Zieht die Kamera auf und fokussiert die Kindheit und Jugend des jetzt vaterlosen Paul.

Das Geheimnis meinses Vaters - Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters – Xavier de Moulins

Eine anscheinend unbeschwerte Kindheit erleben wir mit dem 9-jährigen Steppke, dessen Leben der ständigen Überwachung untergeordnet ist. Allerdings eher liebevoll gemeint. Kein Schritt, kein Tritt bleibt unbeobachtet. Alles wird für die Nachwelt gefilmt. Kartonweise lässt sich sein Leben – oder das was seine Eltern dafür hielten – vorwärts und rückwärts abspulen.

Und genau wie dieser Lebensfilm läuft die große Vorstellung am Ende des Lebens seines Vaters im Kopf seines Sohnes ab. Wir erleben Phasen aufrichtiger Zuneigung, oberflächlicher Distanz, Vaterstolz und pubertärer Auflehnung. Wir werden Zeugen des Zerbrechens einer heilen Welt, als der Vater fremdgeht und alles in Frage stellt, was er selbst aufgebaut hat.

Wir lernen den einzigen wahren Freund an der Seite von Paul kennen. Oscar, liebevoll verschroben, auf der ewigen Sinnsuche in sich selbst und niemals die Basis dieser großen Jungenfreundschaft in Gefahr bringend. Seite an Seite gehen sie durch die kaum zu bewältigenden Krisen ihres Lebens. Seite an Seite verlieren sie sich nie aus den Augen. Rettungsanker auch in schwierigsten Zeiten.

Das Geheimnis meinses Vaters - Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters – Xavier de Moulins

Auch Ava kann daran nichts ändern. Ava! Allein der Name schillert im Roman, wenn man ihn nur flüchtig mit den Augenwinkeln berührt. Ava.. Pauls große Liebe, Ehefrau, Mutter seiner Kinder und angebetete Göttin im Himmel auf Erden. Ava… Was für eine Frau.

„Sechzehn Jahre, eine Ehe, zwei Kinder, eine Sternschnuppe, Rio, Bangkok, Jaisalmer, Texas, Arizona, New York, Teheran, Buenos Aires, Genf. Wir preschen voran wie Vollbluthengste. Der Tagesablauf wird von ihren Langstreckenflügen bestimmt. Ava Überschall. Sie ist meine Weltreise, mein fester Boden unter den Füßen, mein Düsenjet, Mach 3.“

Zwei Kinder entstehen im Überschalltempo. Eine eigene Familie, die vieles besser machen möchte als die vorherige Generation. Und jetzt? Nach dem Tod des Vaters? Was bleibt als bittere Erkenntnis? Paul muss hinter ihm aufräumen. Die Todesnachricht seiner Mutter, der damals verlassenen Ehefrau, überbringen. Daran zurückdenken, wie unberechenbar Vater wurde als er seine Familie verließ. Die Wunden betrachten, die seitdem in ihm klaffen.

Das Geheimnis meinses Vaters - Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters – Xavier de Moulins

Doch nur Oscar kann er in diesem Moment sagen, was ihn sprachlos und erniedrigt zurücklässt. Nur mit Oscar kann er darüber reden. Das Geheimnis meines Vaters ist, dass er nicht allein im Fahrzeug saß, als der Unfall geschah. Er ist zwar das einzige Todesopfer, aber zugleich hat er etwas umgebracht, das Vätern eigentlich heilig sein sollte.

Xavier de Moulins zeichnet ein angemessenes Psychogramm einer Vater-Sohn-Beziehung, die im Lauf der Jahre vielen Wechseln unterworfen war. Und doch ist es nicht stereotyp, was der Autor seinen Lesern hier unterbreitet. Die Geschichte schleicht langsam am Leser nach oben und im Moment der Erkenntnis greift sie fest zu, lässt nicht mehr locker und führt zum Zitat über den Brunnenschacht, das man nun mehr als gut nachempfinden kann.

Dabei macht es sich Xavier de Moulins nicht so leicht, die Schuld am Versagen der erwarteten Rollenbilder einseitig zu verteilen. „Das Geheimnis meines Vaters“ ist ein vielschichtiger Roman, der mit Sicherheit auch für Frauen interessant ist. Er verrät viel über das männliche Denken, Schutzreflexe, Neid und Eifersucht. Ein Roman, der mehr ist als eine Sternschnuppe. Und nicht zuletzt ist es ein Roman über eine wundervolle Freundschaft.

Das Geheimnis meinses Vaters - Xavier de Moulins

Das Geheimnis meinses Vaters – Xavier de Moulins

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2 Gedanken zu „„Das Geheimnis meines Vaters“ von Xavier de Moulins

  1. Mensch Arndt, das klingt ja mal wieder sehr interessant. Für mich hundertprozentig ein neues Terrain, aber doch sehr anziehend. Deine Worte machen mal wieder neugierig. Danke dafür du Wunschlistenexplosionator 😉 …

    P.S.: Ich mag den Namen Ava auch…er klingt schon so schön…

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