„Sag nicht, dass du Angst hast“ – Eine wahre Geschichte

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Ich hatte einen Blog in Afrika. Unter dieser Überschrift startete vor einigen Monaten meine Lesereise in den Dunklen Kontinent, dessen Bilder noch heute vom kolonialen Wahnsinn geprägt sind, den wir Europäer im Wettstreit um die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt verursacht haben. Der Kontrast zur romantisch verklärten Welt einer Tania Blixen oder ihrer Zeitgenossin Beryl Markham zu den Ureinwohnern von Kenia könnte schärfer nicht sein.

Eine gehörige Portion Alltagsrassismus schwingt mit, wenn wir zurückblicken und uns die Menschen vor Augen führen, um die es in den Büchern dieser beiden Frauen kaum, oder nur ganz am Rande ging. Der eigene Wohlstand, das eigene unbeschwerte Leben, Luxus und Safaris, sowie die eigenen Träume standen immer im Vordergrund. Dazu brauchte man „Personal“. Und erst wenn die Luft dünner wurde, war man geneigt, sich ein wenig für diese Menschen einzusetzen. Erst dann. Für sie:

Afrikaner. Menschen aus Eritrea, Somalia, Kenia, Simbabwe und Ghana, um nur einige Beispiele zu nennen. Menschen. deren Verarmung europäische Methode war, um einen ganzen Kontinent auszuschlachten. Menschen, die auch heute noch nicht ganz in ihrem Land zuhause sind. Geknechtet, missbraucht, versklavt und oft nur als touristische Dekoration wahrgenommen. Die Rassentrennung lässt immer noch grüßen. Mandela ist tot.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Die Dritte Welt ist schwarz. Auch heute noch. Eine Welt, in der wir unsere Kriege führten und die doch gefälligst dort bleiben soll, wo wir sie fein sauber zurückgelassen haben. Oder eben gar nicht fein sauber. Als globale Müllhalde dient sie noch immer, als Billig-Lohnland allemal und unsere solare Energie können wir auch noch dort gewinnen. Na, geht doch. Ausbeutung geht auch ohne selbst im Land zu sein. Kolonien 2.0.

Und wenn es die Menschen geschafft hatten, sich nach langen Konflikten von ihren weißen „Bwanas und Memsahibs“ zu befreien, dann traf sie auch schon die nächste Keule. Korrupteste Regierungen, Diktatoren mit unstillbarem Machthunger, fehlgeleitete Entwicklungshilfe, Naturkatastrophen oder zu guter Letzt radikal-islamistische Milizen auf dem brutalen Weg zur Festigung ihrer eigenen Absolutheitsansprüche entwickelten auf dem ganzen Kontinent einen Flächenbrand nach dem anderen.

Die Opfer? Zumeist namenlos. In den Medien nur als dunkle Masse zu erahnen. In der ewigen Todesspirale zwischen Armut und Krieg, zwischen religiöser Unterdrückung und Vertreibung gefangen. Und wenn sich genau diese Menschen dazu entschließen, ihre Heimat zu verlassen, werden sie unter der Überschrift „Wirtschaftsflüchtlinge“ genau in den Ländern gebrandmarkt, denen sie ihre Armut zu verdanken haben.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Reiche Wirtschaftsnationen, die ihren eigenen Wohlstand der Ausbeutung Afrikas zu verdanken haben, errichten hohe Mauern um ihren Reichtum. Die Geschichte treibt oft ihre eigenen Stilblüten. Von den Opfern wollen wir erst recht nichts wissen. Und vor der eigenen Haustür wollen wir sie schon gar nicht haben. Das wäre ja noch schöner. Und wenn es unbedingt sein muss, dann sollte es schon bitte das Problem derjenigen sein, die ganz nah dran wohnen. Italien, Lampedusa, Lesbos. Da ist es doch schön sicher.

Ich sehe nichts, ich höre nichts, ich sage nichts. Ein sehr gutes Mantra, solange die Flüchtlinge nicht ins eigene Land strömen. In der Masse erkennt man keine Gesichter. In den absoluten Zahlen gehen Schicksale unter und wenn diese verschwinden, ist es für Mitgefühl zu spät. Sinkende Flüchtlingsboote und ertrinkende Menschen lassen einen kalt. Solange, bis man beginnt, die Geschichten zu erzählen. Bis man diesen Menschen in die Augen schaut und ihnen zuhört. Zumindest denjenigen unter ihnen, die ihre Flucht überlebt haben.

Sag nicht, dass du Angst hast ist eine solche Geschichte. Sie ist wahr. Sie erhebt nicht den Anspruch, für alle Flüchtlinge sprechen zu wollen. Sie verallgemeinert nicht und schwimmt allein schon dadurch gegen den Strom der Pauschalisierung, der allen Flüchtlingen wie eine Welle aus Gift ins Gesicht spritzt. Giuseppe Catozzella hat eine solche Geschichte aufgearbeitet. Er hat in aller Tiefe recherchiert, Verwandte befragt und Spuren gesichtet. Er hat sich einem Mädchen genähert, das wir heute nicht mehr fragen können. Samia Yusuf Omar.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Samia kam 1991 in Somalia zur Welt. Ihr Vater war Gemüsehändler und die Familie lebte, besonders nach dem Tod des Vaters, in ärmsten Verhältnissen. Ausweglos und ohne Perspektive könnte man wohl sagen, nicht jedoch Samia, die über eine besondere Begabung verfügte. Sie konnte so schnell laufen, wie kein zweites junges Mädchen der Stadt. Genau hier sah sie ihre reale Fluchtmöglichkeit. Leichtathletin zu werden und für ihr Land zu laufen. Für die Frauen ihres Landes, denen doch so vieles nicht möglich ist.

Hartes Training, gute Freunde und Förderer ermöglichten ihr die Verwirklichung des Traums ihres Lebens. Den Start bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Alles schien wie ein Traum. Sie war Fahnenträgerin ihres Landes. Sie lief ihre Paradedistanz, die 200 Meter und wurde bejubelt. Allerdings nicht weil sie gewann. Sie war schneller als jemals zuvor und erreichte das Ziel doch nur weit abgeschlagen als Letzte ihres Vorlaufes. Dem Publikum war das nicht egal. Dabeisein ist alles… und dieser Kampf wurde mit Standing Ovations belohnt. (Hier das Video dieses Laufes)

Zu wenig für Samia. Sie wollte gewinnen. Sie wollte zeigen, zu was eine echte Somali in der Lage ist. Sie wollte erneut starten. 2012 – London – das war ihr Ziel. Doch das Land hatte sich sehr verändert. Laufende Frauen? Undenkbar unter dem aufziehenden Machteinfluss der radikal-islamistischen Miliz Al Shabaab. Es folgten Repressalien gegen Samia und ihre Familie. Es folgten vermummte Trainings unter der Burka. Und es wurde immer gefährlicher für eine junge Frau, die doch nur laufen wollte. Für sich selbst und ihr eigenes Land.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Es folgt die Flucht zu Verwandten nach Äthiopien. Es folgt das lange Warten, ob sie zumindest dort starten kann. London rückt näher. Sie muss zuschauen, wenn sich nicht schnell etwas tut. Ihr fehlen Papiere. Ihr fehlt alles. Verzweifelt entschließt sie sich, auf eigene Faust nach Europa zu kommen und vertraut sich Schleppern an. Samia wird zum Teil eines unendlichen Flüchtlingsstroms. Unterstützt nur noch von ihrer Familie und ihrer Schwester, die bereits in Skandinavien lebt. Als sich ihre Spur verliert, beginnt man zu recherchieren. Ihren Weg nachzuzeichnen. Einen Weg, der nicht nur ihrer ist. Es ist der Weg, den so viele Menschen nehmen, die dann völlig entkräftet an unseren Grenzen ankommen.

Giuseppe Catozzella hat diesen Weg in seinem Report „Sag nicht, dass du Angst hast“ nachgezeichnet. Man sollte hart im Nehmen sein, wenn man sich auf ihre Spur begibt. Man sollte leidensfähig sein, wenn man neben ihr auf dem offenen Jeep durch die Sahara fährt. Man sollte die Gefühle unterdrücken können, wenn man die ständigen Erpressungen der Schlepper erlebt. Und man sollte nicht zu nah am Wasser gebaut haben, wenn man vor Lampedusa ankommt. Einer Insel, die Samia niemals erreichte.

London 2012… Ihre Bahn blieb leer.

Nein. Dieses Buch ist kein Buch über alle Flüchtlinge dieser Welt. Nein. Nicht alle Flüchtlinge wollen zu Olympischen Spielen und nein, das ist nicht repräsentativ. Und es ist ja nur eine einzige Geschichte, werden einige sagen.

Verflucht nochmal JA. Es ist eine Geschichte. Es ist die Geschichte eines Traums. Es ist die Geschichte eines jungen Mädchens auf der Flucht vor religiöser Unterdrückung. Es ist nur eine von unzähligen Geschichten, die für Träume stehen. Nicht für Flucht. Sie stehen für Ziele und Möglichkeiten, die uns offen stehen. Träume zeichnen uns aus.

Ich hatte einen Blog in Afrika - AstroLibrium

Ich hatte einen Blog in Afrika – AstroLibrium – Ein Klick führt zur Lesereise

Begleitet Samia nur ein stückweit auf ihrem Weg und blickt den Menschen in den Rettungsbooten in die Augen. Sie sind nicht alle Läufer – wahrlich nicht. Aber sie sind auf der Suche nach ihren Träumen und einem Leben in Sicherheit. Und wir sollten beides nicht verwehren.

Eine zweite literarische Begegnung mit Samia machte mich erneut sprachlos.Der Traum von Olympia, eine Graphic Novel von Reinhard Kleist, Carlsen Verlag, nähert sich ihrer Geschichte auf ganz besondere Art und Weise… Hier weiterlesen.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Diese Rezension steht gegen jede Form der Verallgemeinerung. Sie stellt nur den Versuch dar, ebenso wie das Buch, das Augenmerk auf ein einzelnes Schicksal zu werfen. Ebenso wenig sind das Buch oder mein Artikel intellektuelle Freibriefe für Menschen, die in unserem Land Schutz suchen und die Gastfreundschaft oder Hilfsbereitschaft missbrauchen.

Differenziert möchte ich das kontroverse Thema reflektieren. Nicht vorverurteilen, nicht pauschal freisprechen. Geben wir jenen eine Chance, die es auch ehrlich mit uns meinen. Das ist die Herausforderung für die Zukunft. Das muss eine moderne Gesellschaft leisten können. Wir sind Teil dieser Zukunft.

Schaut Euch doch einfach an, wie diese Zukunft gestaltet werden kann. Yvonne hat diesem Thema auf ihrem LiteraturBlog Lesende Samtpfote ein eigenes Projekt gewidmet.

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11 Gedanken zu „„Sag nicht, dass du Angst hast“ – Eine wahre Geschichte

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  2. Schreiben gegen Verallgemeinerung!
    Das finden wir super und entspricht völlig unserem Weltbild. Wir möchten auch nicht nach den Taten anderer beurteilt werden und behandeln so auch unsere Mitmenschen. Es sind Mensche wie du und ich.

    Wir (und besonders Frauchen) sind absolut glücklich, dass du bei deinem Artikel an uns gedacht hast. Wir geben unser bestes, um bei der Integration zu helfen.
    Und im Moment sitzen wir auch fleißig am 1. Update, während das 2. schon in Arbeit ist. Und bald werden die Betroffenen bei uns auch selbst zu Wort kommen und Tipps für andere geben. Es bleibt spannend 🙂 Wir freuen uns über jedem, dem unser Projekt gefällt.

      • Und wir scheinen bei unseren Schülern damit Erfolg zu haben. Denn wenn dir eine Gruppe erwachsener Syrer voller Freude ein Weihnachtsgeschenk überreicht, dann haben sie eine deutsch Tradition adaptiert mit der Erklärung: „We just want to see you happy“. 😊

  3. „Ebenso wenig sind das Buch oder mein Artikel intellektuelle Freibriefe für Menschen, die in unserem Land Schutz suchen und die Gastfreundschaft oder Hilfsbereitschaft missbrauchen.“
    Du sprichst mir aus der Seele. Ich helfe gerne und freue mich, wenn es den hilfsbedürftigen Menschen besser geht, wenn sie Fuß fassen. Aber ich bin ebenso sehr entsetzt, in welchem Maß die Hilfsbereitschaft und Gutherzigkeit unseres Landes missbraucht wird.

    Deine Besprechung geht mal wieder sehr unter die Haut und Respekt, wenn man bei diesem Schicksal emotional nicht draufgeht…ich glaube, das übersteigt meine Vorstellungskraft und Ertragbarkeit. Danke, dass du es hier thematisierst!
    Nachdenkliche Lesegrüße, Heike

    • Danke für deine Worte. Wir müssen die Gratwanderung schaffen, denen zu helfen, die es brauchen und die zeigen was es ihnen bedeutet. Wer diese Hilfe nicht mag oder die Menschen des Landes in dem er Hilfe sucht mit Füßen tritt, der kann nicht nur gehen. Der hat hier nichts zu suchen.

      Schwer alles… und Samia hätte das nicht anders gesehen.

  4. Vielen Dank für Deine Buchbesprechung, ich habe das erste mal von Samia gehört, als Reinhard Kleist im TV sein Graphic Novel „Der Traum von Olympia“ vorgestellt hat.
    Hier vor Ort habe ich leider niemanden, mit dem ich über Politik oder aktuelle Geschehnisse diskutieren kann. Ich stehe mit meiner Meinung ziemlich allein da. Gerade was das Verallgemeinern betrifft.
    Gestern wurde mir sogar vorgehalten, ich hätte kein Mitgefühl für die Opfer von Köln und dass ich wie ein Politiker reden würde (was Gott verhüte). Nur weil ich der Meinung bin, dass man nicht alle Ausländer über einen Kamm scheren darf.

    • Die Graphic Novel habe ich schon gesehen. Aber ich empfand das Buch angemessen für dieses Thema. In Diskussionen ist es gerade schwer, differenziert argumentieren zu können. Entweder heißt es „Gutmensch“ oder es wird gleich radikal.

      Ausgewogen geht kaum noch. Jeder liegt in seinem Schützengraben und verteidigt extreme Positionen.

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