Das Lob der guten Buchhandlung [Ein besonderer Rollentausch]

Blogger und Buchhandel - Der Rollentausch

Blogger und Buchhandel – Der Rollentausch

„Das Lob der guten Buchhandlung“ ist ein zugleich bibliophiles als auch liebevolles Essay aus der Feder des britischen Schriftstellers Mark Forsyth, in dem er beschreibt, warum es unverzichtbar für einen Leser ist, Buchhandlungen aufzusuchen. Sein hierbei von Donald Rumsfeld entliehener Denkansatz besteht in wesentlichen Grundzügen aus einem didaktischen Dreiklang des Wissens und Nicht-Wissens, den er auf die Welt des Lesens anpasst.

Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Ich weiß sehr wohl, dass ich „Krieg und Frieden“ von Tolstoi gelesen habe, also muss ich nicht mehr gezielt nach diesem Buch Ausschau halten, da es für mich etwas bekanntes Bekanntes ist. Es gibt Dinge von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen. Ich weiß, dass ich „Shades of Grey“ nicht gelesen habe (was auch so bleiben wird) und demnach muss ich mich auch nicht auf die Suche nach dieser Trilogie begeben. Sie ist damit etwas bekanntes Unbekanntes für mich.

Aber es gibt auch unbekanntes Unbekanntes. Bücher, von denen wir nicht wissen, dass sie jemals geschrieben wurden und nach denen wir demnach auch vergeblich im Internet suchen würden, da wir ja überhaupt nicht wissen wonach wir suchen sollten. Und genau hier bringt Mark Forsyth unsere guten alten Buchhandlungen ins Spiel und schließt den Kreis des Lesens. Wenn nicht hier, wo denn dann finden, was wir gar nicht gesucht haben? Wo einem Buch über den Weg laufen, das uns magisch auflauert und zupackt, wenn wir es gar nicht erwarten?

Blogger und Buchhandel - Der Rollentausch

Blogger und Buchhandel – Der Rollentausch

Hier fesselt uns bereits „Das Lob der guten Buchhandlung“ als Paradox in sich, da wir ja gar nicht wussten, dass es dieses literarische Kleinod überhaupt gibt, bis es uns von einem guten Freund unerwartet überreicht wird. Unbekanntes Unbekanntes erobert unser bibliophiles Herz im Sturm und führt uns zielsicher zurück in die eigene Buchhandlung des Herzens, um zu finden, was es gar nicht geben kann. Ein Buch, das uns gefangen nimmt.

So und nicht anders fühlte ich mich bei meinem ersten Rollentausch, den ich mir im Rahmen der von Thomas Calliebe und mir ins Leben gerufenen Aktion Blogger & Buchhandel ausgedacht hatte. Blogger schlüpfen in die Rolle ihrer Buchhändlern und diese wiederum schreiben einen Blogartikel für ihren jeweiligen Tauschpartner. Gesagt, getan und mitten hinein in die Buchhandlung Lesezeichen Germering, die mich hier mit offenen Armen als bloggender Praktikant aufgenommen hat.

Buchhändlerin Katrin Schmidt hatte mich zwar vorgewarnt, aber der Verlockung des bibliophilen Essays folgend, musste ich als LiteraturBlogger doch zumindest einmal in meinem Leben Teil eines solchen Tempels der geheimen Wünsche werden und mir die Welt einer Buchhandlung von der anderen Seite des Büchertresens aus ansehen. Sie fühlen, schmecken und auch riechen. Und das am 5. Dezember, also einem langen Samstag in einer Tankstelle der Inspiration in bester Lage.

Blogger und Buchhandel - Der Rollentausch

Blogger und Buchhandel – Der Rollentausch

Erwarten Sie an dieser Stelle bitte nicht, dass ich Ihnen nun tiefe Einblicke in meine heldenhaften Leistungen an diesem Tag gewähre. Denken Sie bitte nicht, ich wäre nun in der Lage, auch nur einen leisen Hauch von dem zu beschreiben was den Alltag eines Buchhändlers ausmacht, oder mir erlauben, einige Momentaufnahmen zum Standard zu erheben. Denken Sie nur nicht, ich wäre jetzt in der Lage zu urteilen, zu werten oder zu kritisieren. Nein. Ich kann Sie nur an meinen Gefühlen teilhaben lassen, die mich durch diesen Tag begleitet haben. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Subjektiv und neutral. Und doch geprägt von meinen Vorstellungen, wie ich diesen Beruf leben würde.

„Das Lob der guten Buchhandlung“ ist viel mehr als ein Essay, denn es steht hier für mich sinnbildlich über diesem Tag. Angefangen mit der einzigartigen Atmosphäre, die mich beim Betreten der Buchhandlung faszinierte. Nicht als Kunde war ich nun hier. Ich fühlte mich, dem gesamten Team sei Dank, als Teil des Ganzen. Und da für mich alles neu war, stürzte ich mich gerne mitten ins Getümmel. Ein Abenteuer für einen Tag.

Hier sollte ich „meine“ Buchhandlung kurz beschreiben. Sie ist wunderschön. Das darf ich so sagen. Das Sortiment spiegelt meinen Geschmack in weiten Teilen wider, die Mischung aus Literatur und NonBook-Artikeln lässt das Gefühl eines bibliophilen Wunderlands entstehen und die kleinen Zettel mit den persönlichen Empfehlungen des Teams verleihen sehr vielen Büchern eine ganz persönliche Note. Und mitten im Laden thront die Burg der letzten Gefährten. Ein augenscheinlich uneinnehmbares Kastell, in dessen Innenhof das Team der Buchhandlung Lesezeichen Germering den Ansturm der lesehungrigen Kunden erwartet.

Blogger und Buchhandel - Der Rollentausch

Blogger und Buchhandel – Der Rollentausch

Umgeben von der Wand der abzuholenden Bücher, einem Kassentresen und einer Arbeitsfläche für zu verpackende Bücher verteidigt die ganze Truppe um Katrin Schmidt diese letzte aufrechte Bastion des besten Lesens. Niemals würde ich persönlich eine solche Trutzburg in einen Laden setzen. Verkaufsprofis würden dies als zu abwehrend und zu geschlossen bewerten. Offen sollen diese Servicebereiche sein. Zugänglich und aufgelockert. Keine Distanz soll aufkommen… Aber was war das hier?

Wenn man jedoch diese Trutzburg aufmerksam beobachtet, erschließt sich die unglaubliche Philosophie, die sich dahinter verbirgt. Es ist das wohl liebenswerteste und offenste Kastell, das ich je in Augenschein nehmen konnte. Jeder Blick wird erwidert, jeder kleinen Begrüßung folgt ein vielstimmiges Echo und da, wo sonst die Burgen über geschlossene und gut bewachte Zugbrücken verfügen, planen diese Buchhändlerinnen ihre gut gezielten und hilfsbereiten Ausfälle aus den offenen Toren ihres Kastells.

Wie bei einem geschützten Bienenschwarm sind sie immer dort zur Stelle, wo sich auch nur die kleinste Blüte einer Frage zu entfalten scheint. Ein letzter Posten bewacht die Kasse und berät von dort, während das Team mit bester Laune in den Tiefen des Ladens lacht, sucht, zur Hilfe eilt, unlösbare Fragen beantwortet, recherchiert und ganz nebenbei auch noch die Neuzugänge in den großen Regalen verteilt. Diese kleine Burg inmitten dieser Buchhandlung ist wie ein Wegweiser des Willkommens und hier wird gar nichts verteidigt. Hier wird erobert: Leserherzen.

Blogger und Buchhandel - Der Rollentausch

Blogger und Buchhandel – Der Rollentausch

Und genau diese zu erobernden Herzen haben es in sich. Viele Kunden betreten die Buchhandlung völlig zielorientiert, suchen nicht, lassen sich kaum inspirieren, sondern sind auf dem direkten Weg zu einem ganz gezielt ausgewählten Buch. Da bleibt wenig Zeit für Beratung, manchmal scheint sie auch nicht gewünscht. Zugreifen, bezahlen und ab geht die Post. Nur gut, dass der Weg nicht direkt zum Online-Giganten führt. Andere Kunden hingegen fordern den Buch-Therapeuten alles ab. Hier wird gesucht nach den perfekten Weihnachtsgeschenken für die ganze Familie. Nicht allzu dick, auch nicht zu dünn, bitte keine Buchreihe, ein wenig Fantasy, gut recherchiert, vielleicht in Dresden spielend und beste Unterhaltung soll es sein.

Und während ich noch im Geiste meinen Blog durchforste, beginnen die Quellen zu sprudeln. Gute Vorschläge mit Querverweisen werden unterbreitet, Bücherketten werden gezogen, frei nach dem Motto „Wer dies hier gelesen hat, wird auch jenes lieben“ und kulturelle Zusammenhänge werden ganz locker auf den Punkt gebracht. Ob Katrin Schmidt, ihre Kollegin Helen Hoff oder die anderen fleißigen Bücherbienen im Laden, sie alle verfügen über ein unglaublich vielschichtiges Spektrum an bibliophilem Wissen und Erfahrung, wer ihnen hier als Kunde gegenübersteht.

Und immer wenn ich staunend zuhöre und von meinem Praktikum erzähle höre ich den einen Satz: „Den Damen darf man blind vertrauen.“ Und parallel werden Bücher zu festlichen Geschenken, liebevolle Kleinigkeiten mutieren zu herzlichsten Mitbringseln und über allem schwingt die gute Laune mit. Die seltenen Minuten der Ruhe verbringt man an der Kaffeemaschine oder stärkt sich mit Schokolade. Wohl das Zaubermittel an solchen Tagen. Und ich? Ich staune.

Blogger und Buchhandel - Der Rollentausch

Blogger und Buchhandel – Der Rollentausch

Natürlich feiere auch ich mein kleines Bücherfest, wenn es mir gelingt das ein oder andere Buch zu empfehlen, Menschen anzustecken oder einfach neugierig zu machen. Natürlich freut es mich zu hören, dass mich Kunden als „gefährlich“ bezeichnen. Und ja, es ist ein Highlight, wenn mehrere Exemplare von S – Das Schiff des Theseus in Händen der werten Kundschaft den Buchladen verlassen. Besondere Momente gibt es viele. Den Kunden, der in Vorbereitung seines Besuches bei der Layers-Lesung von Ursula Poznanski gleich mehrere Exemplare zum Signieren erwirbt und mit einem Original-Autogramm von der Buchmesse nach Hause geht. Strahlend natürlich.

Hier rücken Blog und Buchhandel ganz eng zusammen. Hier zehre ich von meinem Erlebten, von der Detailtiefe meines Schreibens, von meinen Interviews und dem Lesen in meiner kleinen Sternwarte. Hier entstehen Synergien, die dem Kunden helfen, seinen Weg zu finden. Hier kommen auch erste Ideen für Projekte zur Welt, die wir uns auf die gegenseitigen Fahnen geschrieben haben. Bleibt gespannt. Es wird spielerisch schön.

Was bleibt als Fazit? Dank! Dank, dass ich dieses Tausch-Experiment wagen durfte, dass man mich so nahm, wie ich bin, dass ich Teil sein konnte und vieles sehen durfte, was doch immer verborgen ist. Dank für liebevolle Geschenke für das Kinderheim St. Alban und die dortige Lesenacht am 19. Dezember. Ich sehe die Augen der Kids schon jetzt leuchten. Und vielen Dank für das mir vermittelte Gefühl, ich hätte mich ganz gut geschlagen. (ich liebe diesen Facebook-Beitrag sehr) Und doch bleibt das letzte Wort dem Essay gewidmet. „Das Lob der guten Buchhandlung“ muss wohl in Germering geschrieben worden sein.

Ihr seid grandios,
Euer Raily

Blogger und Buchhandel - Der Rollentausch

Blogger und Buchhandel – Der Rollentausch

Advertisements

18 Gedanken zu „Das Lob der guten Buchhandlung [Ein besonderer Rollentausch]

  1. Welch wunderschöner Artikel, lieber Arndt! Ich bin immer wieder hin und weg von deiner Gabe, mit Worten spielerisch um dich zu werfen, um aus ihnen mitreißende, emotionale und einfach spürbare Texte zu verfassen. Ein wirklich grandioses Projekt, eine tolle Idee! Danke, dass du uns teilhaben lässt, du bibliophiler Lieblingsmensch, du! Fühl dich gedrückt!
    Liebe Blubbergrüße
    Anka

  2. Pingback: Mein Schaufenster ist der Spiegel Deines Lesens [Blogger-Aktion] | AstroLibrium

  3. Pingback: [Blogger & Buchhandel 2.0] – DER ROLLENTAUSCH | AstroLibrium

  4. Tankstelle der Inspiration…. wunderwunderbar!!! Ich sagte ja schon, ich habe ein Jahr lang in einer Bibliothek gearbeitet, das war schon toll ansich, wenn ich in der Ausleihe helfen durfte oder montags, wenn eigentlich geschlossen war, Bücher wieder einsortieren konnte, oder bei der Buchpflege helfen….auf alle Fälle was mit Büchern tun!
    Bei dem Anblick, wie Du da so rumwuselst, würd ich auch für mein Leben gern mit Dir tauschen 😉
    Danke für den schönen, persönlichen Bericht!
    Grüßle
    Bine

  5. LIeber Arndt,
    ich habe mich natürlich direkt gefreut, dass das Essay inzwischen auch Dir zuteil wurde. 🙂 Es gehört definitiv zu den kleinen Heftchen, die meine Bibliothek nicht mehr verlassen werden.

    Der Bericht „Aus dem Leben eines Ein-Tages-Buchhändlers“ finde ich auch äußerst gelungen. Es scheint Dir viel Freude bereitet zu haben.

    Grüße aus Groß-Gerau,
    Mina

  6. Hallöchen,

    Was für ein interessanter Post 🙂 Anka hat mich auf deinen Artikel aufmerksam gemacht.
    Von der Tauschgeschichte habe ich noch nicht gehört, aber ich finde sie wirklich großartig!
    Auf jeden Fall ist dein Post dazu super interessant zu lesen!

    Ich lasse dir liebe Grüße da und wünsche dir ein tolles Wochenende.

    Nadine ♥ misshappyreading

    • Herzlichen Dank Nadine… es hat so viel Spaß gemacht und der Rollentausch vollendet sich bald, weil meine Buchhändlerin nun einen BlogArtikel schreibt… Dann ist es ganz rund…

      Wird ganz bald zu lesen sein…

      Herzlichen Danke und Gruß an Anka…

  7. Pingback: Aus Liebe zum Buch – The bookstore strikes back | AstroLibrium

  8. Pingback: [Blogger & Buchhandel] – DER ROLLENTAUSCH – Teil 2 | AstroLibrium

  9. Pingback: 27.06.2016 Bei AstroLibrium | lesende Samtpfote

  10. Pingback: Advent, Advent, die literarische Sternwarte brennt… | AstroLibrium

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s