Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

„Ich bin Ruth Swain,
kurz und gut, bettlägerig, hier,
in der Mansarde unter dem Regen,
am Rand, wo die Erzählerin hingehört,
zwischen dieser Welt und der kommenden.“

Rezension fürs Ohr - Sie können uns auch zuhören - Ein Klick genügt.

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Wenn ihr ein wenig leise seid, dann könnt ihr gerne Platz nehmen. Ruth geht es im Moment nicht sonderlich gut, aber das ist angesichts ihrer Erkrankung auch kein großes Wunder. Doch eine Swain lässt sich nicht unterkriegen. Das würde nicht zu den Swains passen. Nicht zu Irland. Nicht zu jenem Menschenschlag, für den Ruth steht und ganz besonders nicht zu ihr selbst.

Da hat sie schon ganz andere Dinge erlebt. Aber mit neunzehn Jahren hilflos ans Bett gefesselt zu sein, ist schon eine der brutalsten Prüfungen ihres Lebens. Andere wären da schon lange untergegangen. Untergetaucht. Andere junge Frauen hätten sich aufgegeben. Nicht jedoch Ruth Swain. Sie hat ihren eigenen Weg gefunden, gegen den Schmerz in ihrem Blut anzukämpfen. Man kann vielleicht ihren Körper festbinden, nicht jedoch ihre Fantasie und ihren wachen Verstand.

Nimm Platz. Ja, genau hier auf der Bettkante. Und bring Dir ein wenig Zeit mit, um Ruth dabei zuzuhören, wie sie ihr Leben erzählt. Nicht nur das ihre. Nimm Dir die Zeit, ihr zu folgen. Sie wird Dich fesseln, wie sie mich gefesselt hat. Sie wird dich entführen, wie sie mich entführt hat. Nach Irland. Zu ihren Vorfahren. Zum Beginn ihrer Reise und zum Zauber des Shannon. Alles entspringt dem Wasser. Alles strebt zurück ins Wasser und die Mansarde im Regen, ihr Himmelszimmer, ist der Ausgangspunkt für ihre ganz eigene Erzählung: Die Geschichte des Regens

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

„Ich weiß schon…, aber wenn man nur im Bett liegt und der Körper nirgends hin kann, macht sich irgendwann der Geist auf die Socken.“

Aus der Mitte entspringt ein Buch. So könnte man in Anlehnung an den gefühlvollen Film von Robert Redford fast sagen. Nur, dass bei dieser Geschichte niemand Regie führt, niemand das Ende kennt und wir alle in dieser Vorstellung unseren eigenen Platz finden müssen, um Ruth zu folgen. Es lohnt sich, wenn Du bereit bist, Dein Herz und all Deine Sinne zu öffnen. Du wirst von einem Fluss getragen, der Dir vieles näher bringt:

Ein unglaublich schönes Land mit seinen Menschen, seiner Stimmung, der Freiheit, die es auszeichnet, den Mythen und Strömungen der Flüsse. Seinen Lachsen, die den Bewohnern viel mehr bedeuten, als man leichthin glauben könnte. Seinem Wetter und seiner Geschichte. Die Geschichte des Regens ist zugleich die Geschichte Irlands, weil die Grüne Insel für alles steht, was diesen Menschen Heimat bedeutet. Dabei lebt die Geschichte in den Menschen. Sie lebt in Ruth. Sie gibt sie an uns weiter.

„Wir sind unsere Geschichten. Wir erzählen sie, um am Leben zu bleiben oder um die am Leben zu halten, die nur noch im Erzählen da sind. So kommt es mir zumindest vor, die ich schon ein Weilchen lebendig bin, Erzählerin und Erzählte. In Faha ist jeder eine lange Geschichte.“

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

„Meine Mutter ist nicht zu stoppen. Sie ist so eine Art Supermaschine, die es irgendwie schafft, sich um Nan und mich und das Haus zu kümmern und uns alle über Wasser zu halten. Sie ist alle Mann an Deck in einer Person, Mannschaft, Heizer, Chefstewardess, Käptn. Meine Mutter ist ein Wunder.“

Wir lernen nicht nur die Familie von Ruth Swain kennen, sie gibt auch das kollektive Gedächtnis weiter, das sie selbst zu der jungen Frau werden ließ, die sie heute ist. Ihre Vorfahren, der situative Kontext ihres Lebens und bestimmte Verhaltensmuster auf der väterlichen und mütterlichen Seite fügen sich in der Gegenwart zu einem Bild, dem wir kaum entfliehen können. Jede Entscheidung, jede Handlung, jedes Gefühl aus längst vergangener Zeit wird spürbar und die Grenzen der Zeit verwischen ihre Spuren.

Wenn Mütter immer „Wunder“ sind, weil sie es nie anders erlebt haben, wenn Brüder immer Zauberjungen sind, deren Verlust schwerer wiegt als das eigene Leben, und wenn die fast krankhafte Erwartungshaltung von Vätern gegenüber ihren Kindern sich von einer Generation auf die nächste vererbt, dann erkennt man schnell, welche Kriege sich im Inneren von Ruth Swain abspielen müssen.

Sie sitzt (liegt) zwischen den Stühlen ihrer Ahnen und betrachtet sich selbst, ihren eigenen Charakter, ihre Fähigkeit zu lieben und ihren Umgang mit Verlust. Sie gibt sich als ewig Suchende zu erkennen, die beim Versuch, aus alten Mustern auszubrechen von Tag zu Tag mehr an ihre Grenzen stößt. Und dabei ist sie körperlich am Ende und die bisher erlittenen Verluste sind irreversibel. Unheilbar. An beiden Ufern des Flusses. Das Wasser steigt beharrlich.

„Aeney war ein Zauberjunge. Ich wusste das… Manche Menschen sorgen einfach dafür, dass sich das Leben besser anfühlt. Manchen Menschen begegnet man und spürt, wie einem das Herz ein wenig aufgeht, so ein kleines Ach, weil sie etwas an sich haben, das heller oder zarter, etwas, das schöner oder besser ist als man selbst… Auf sonderbare Weise besser, weil man bis dahin noch nicht gemerkt hat, oder auch vergessen hat, dass Menschen so leuchten können.“

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Ihr Vater Virgil hinterließ ihr dreitausendneunhundertachtundfünfzig Bücher. „Ich werde sie alle lesen, weil ich ihn darin finden werde.“

Dabei verwundert es nicht, dass der Vater von Ruth Swain in dieser Geschichte die dominante Rolle einnimmt, die Väter im Leben ihrer Kinder einzunehmen pflegen. Seine Geschichte entwickelt sich zu einem Wildwasser-Seitenarm dieses Erzählflusses. Sein Leben, sein Streben, sein Versagen, sein Hoffen und seine Leidenschaften werden zu den großen Leitmotiven, die sich auf ganze Familien auswirken.

Seine Liebe zur Literatur, seine überbordende Bibliothek und die Lehren, die er selbst niemals aus Büchern ziehen konnte, stellen mit all den Worten und Gedichten, die er selbst verfasste, sein Vermächtnis dar. Nur hier kann Ruth versuchen, ihre Wahrheiten zu finden. Nur hier, eingebettet (im wahrsten Wortsinn) in eine Gemeinschaft aufrechter Iren, macht sie sich lesend, schreibend, erzählend und erinnernd auf die Suche nach ihrem Vater. Eine Suche, die uns bewegt, weil wir schnell erkennen, dass sie viel mehr finden wird, wenn sie nur in der Lage ist, zwischen den Zeilen zu lesen.

Und wenn sie es schafft, so lange am Leben zu bleiben, bis sich das neue Licht des neuen Tages im Strom ihrer Erinnerungen spiegelt und Wahrheiten enthüllt, die für Ruth schmerzhaft schön sind. Ich bleibe hier auf der Bettkante sitzen. Ich lasse sie auf diesem Weg nicht allein, denn es betrifft mich selbst, was sie mir erzählt. Es ist mehr als nur die Geschichte ihrer Familie. „Die Geschichte des Regens“ ist Metapher für das eigene Leben, denn jeder von uns hat sein Irland. Jeder lebt in seinem Faha. Und jeder steht vor einem Fluss, der mehr ist, als nur ein kleines Gewässer. Wem es gelingt, darüber zu schreiben, der verwandelt sich:

„Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat, doch es stimmt: Wann immer jemand Shakespeare liest, wird er zu Shakespeare. Das Gleiche gilt natürlich für Yeats. Das ist so. Ich schwör´s.

„Die Geschichte des Regens“ von Niall Williams (DVA) ist ein fulminanter, epischer und zutiefst poetischer Roman, in dem sich das Leben von Generationen wie ein Fluss auf seine Leser zubewegt. Er ist eine Liebeserklärung an die wahre Macht der Literatur, die Heimat Irland und an die tiefen Wurzeln, die mit dem Begriff Familie verbunden sind. Wenn sich Niall Williams in die Perspektive von Ruth schreibt, lässt er seine Leser zu gebannten Betrachtern, Zuhörern und Lesern ihres Lebens werden.

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Die Geschichte des Regens von Niall Williams

Wir lernen nicht nur Faha und seine Menschen kennen, wir folgen in unglaublich bildhaften Beschreibungen einem ganz eigenen Weg von Haus zu Haus. Von Fenster zu Fenster und nehmen die Familien wahr, die dort leben. Wahr nehmen. Ein wichtiges Wortspiel in diesem Zusammenhang. Mitmenschen „wahr zu nehmen“ ist nur eine der tragfähigen Botschaften dieses facettenreichen Romans, der die magische Energie der großen Erzähler ausstrahlt. Ein großer Roman, der sich aus meiner Sicht erfreulich vom Mainstream abhebt.

Eine Warnung zuletztDie Geschichte des Regens verursacht Folgekosten. Wer zuvor nicht „Große Erwartungen“ von Dickens gelesen hat, wird dieses Buch trotzdem lieben. Wer keine Werke von Stevenson oder Yeats in seinem Bücherregal findet, wird tief in diesem Roman versinken. Und trotzdem sollten wir vielleicht auf Ruth hören:

„… und ich wiederum habe beide Ausgaben zwei Mal gelesen und bin jedes Mal zu dem Schluss gekommen, dass die Großen Erwartungen das Größte sind. Falls Sie anderer Meinung sind, hören Sie hier auf, nehmen Sie sich das Buch und lesen Sie es noch einmal. Ich warte solange. Falls ich nicht sterbe.“

Es wird also wohl kaum gelingen, an einigen der Bücher, die hier eine wichtige Rolle spielen einfach so vorbeizugehen, ohne ihnen eine neue Heimat geben zu wollen. Unter meiner Kategorie Bücher über Bücher haben wir es hier mit einem extrem gefährlichen Roman mit großem Suchtpotenzial zu tun. Ich wollte das nur erwähnt haben… Man sollte wieder mehr Gedichte laut lesen, denn…

„Menschen, die auf diese Art Gedichte lesen werden besser, komplexer, liebevoll, leidenschaftlich, zornig, zart und poetisch, ausdrucksstärker und tiefgründiger, einfach um vieles edler.“

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7 Gedanken zu „Die Geschichte des Regens von Niall Williams

  1. Es war wieder ein Genuss, Deine Rezi zu lesen, lieber Arndt. Mach doch mal ein Buch draus, ich bin sicher die erste, die es kauft.
    Meine gelesenen Geschichten, die in Irland spielen, waren bisher welche a la Nora Roberts. Und bei ihr liest man tatsächlich heraus, wie sehr sie dieses Land liebt. Aber es sind leichte Liebesgeschichten, die mir mittlerweile nicht mehr so liegen.
    Ich freue mich also darauf, Ruth bald kennenzulernen.

  2. Oh, Du hast es schon gelesen!
    Damit wollte ich heute Abend beginnen. Daher habe ich Deine Rezension jetzt noch nicht gelesen, werde es aber nachdem ich das Buch beendet haben werde, nachholen!
    Grüße!
    Mina

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