„Charlotte“ von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos – Charlotte Salomon und Raily

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang…
Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.
Aber wie?
Durfte ich selbst darin vorkommen?
Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
Welche Form sollte das Ganze annehmen?
Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz kam ich ins Stocken.

Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte ständig den Drang, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.

Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

David Foenkinos – Charlotte – DVA

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Wie sollte ich rezensieren, was er kaum niederschreiben konnte?
Wo sollte ich nach dem Lesen ansetzen?
Wie einen Roman, der aus bloßen Sätzen besteht, in meinem Stil besprechen?
Aus Sätzen, die durch Atempausen getrennt sind.
Um durchatmen zu können.
Durfte ich seinen Rhythmus zerstören?
Musste ich nicht selbst pausenlos durchatmen, um voran zu kommen?

Ist es nicht gerade dieser Rhythmus gewesen, der mich fesselte?
War es nicht dieser Zyklus aus Lesen und Atmen, der mich zu Charlotte führte?
Habe ich nicht die Beklemmung des Autors gespürt?
Hatte sie nicht in mir selbst Wurzeln geschlagen?
Ihre Atemlosigkeit und Angst in mich gekrallt?
Ich habe es gar nicht erst versucht, anders zu denken.
Ich begriff, dass ich diese Rezension genau so schreiben musste.

Charlotte Salomon.
Eine Heldin ist geboren.
Schreibt David Foenkinos in seinem Buch.
Ab dem 16. April 1917 durchschreit Charlotte jede Nacht.
Nicht einverstanden mit dem Licht der Welt.
Vielleicht weil sie als Neugeborenes schon ahnt…?

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Ihr Leben steht unter keinem guten Stern.
Mutter setzt dem ihren ein freiwilliges Ende.
Was man dem kleinen Mädchen verschweigt.
Grippe sei es gewesen. Lapidar erklärt.
Eine Wunde die nie heilt.
Der Vater in seiner Medizin versunken.
Flucht in den Beruf. Was sonst.
So schleppen sich die Jahre dahin.
In einer eigenen Welt.

Bis auch Charlotte eine findet, die für sie geschaffen scheint.
Charlotte zeichnet. Charlotte malt.
Sie lebt die Kunst. Sie ist begabt, wie keine Zweite.
Und das in einer Zeit, in der es doppelt schwierig wird.
Kunst wird entartet. Künstler verspottet und verboten. Verlacht. Verfolgt.
Seit 1933 bestimmt das Braune, welche Farben dominieren.
Und Charlotte Salomon ist Jüdin. Doppelt schwer.

Ihr Vater, frisch verliebt verkennt die Gefahr.
Und doch zieht sich das Leben enger um den Hals der jungen Frau.
Kultur und Kunst sind keine Fluchtburgen mehr.
Wenn Synagogen und Bücher brennen, dann brennen auch die Bilder.
Und wenn die Bilder brennen, gibt es keine Herzen mehr, die malen.
Charlotte kämpft um alles, was ihr lieb ist.
Sie liebt was in Gefahr ist.
Bis die Gefahr um sie herum sie zu verschlingen droht.

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Der Krieg bricht aus. Gewalt bricht los. Es bleibt die Flucht.
Nach Frankreich. 1939. Zu den Großeltern, die vorher gingen.
Doch Sicherheit ist ein trügerisches Gut. Die Grenzen fallen.
Die Nazis sind da. 1940. Und mit ihnen kommt der Tod.
Verfolgung. Internierung.
Großmutter suizidiert sich in die selbstbestimmte Rettung.
Charlotte wird inhaftiert.
Kommt zufällig frei mit ihrem alten Opa und versinkt im Chaos.

Therapie und Kunst.
Zwei mächtige Gesellen begleiten ihre Angst.
Im Verborgenen malt sie wie eine Besessene.
Ihr Leben. In zwei Jahren entstehen über tausend Bilder.
Stationen der Angst.
Bilder als innerer Widerstand gegen das Reich der tausend Jahre.
Ein Arzt an ihrer Seite.
Eine Liebe auf ihrem Schoß.
Freiheit durch Kunst.

Sie malt, um nicht verrückt zu werden in all dem Theater.
Malt gegen sich und die Welt an.
Malt um zu erinnern.
So wie sie damals schrie nach der Geburt, malt sie nun die Gewalt.
Leben? Oder Theater. So heißt der Zyklus ihrer Bilder.
Das Leben weicht dem Rassebild des Feindes. Endlösung.
26 Jahre alt und wissend was kommt, vertraut sie ihrem Arzt die Bilder an.
Mit Worten die mich weinen ließen:

C`est toute ma vie. Das ist mein ganzes Leben.

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos – Ein Stolperstein

Was folgt war klar. Zumindest ihr.
Verrat. 1943. Ein Zug. Eine ewige Fahrt.
Eingezwängt. Deportation.
Charlotte schwanger, der Mann ihrer Liebe an ihrer Seite.
Bis zum Schild.
Arbeit macht frei.
Bis zur Rampe.
Selektion.
Beruf? Zeichnerin, ihre Antwort.
Das sei kein Beruf, bekommt sie zu hören.
Aber schwanger. Das ist ein Argument für den Nazi.

Sie zur einen Seite. Ihre Liebe auf die andere. Getrennt.
Er zerbricht an Zwangsarbeit und stirbt drei Monate später.
Charlotte stirbt sofort.
Zu zweit.
Im Gas.


Was bleibt, sind ihre Bilder.
Was bleibt ist dieses Buch.
Was bleibt, ist es zu lesen.

Foenkinos gelingt ein Wunder.
In der Verknappung liegt die Magie, in jedem Wort sein Zauber.
In jedem Satz brilliert er durch seine Nähe zu Charlotte.
Er schreibt sie uns ins Herz und in den Verstand.
Nicht anders hätte er schreiben können. Nicht schreiben dürfen.
Ich verneige mich tief vor diesem Buch, vor jedem Wort.

Charlotte Salomon und Peggy Steike

Charlotte Salomon und Peggy Steike

„Charlotte“ zu lesen ist wie in eine Lawine aus Zeit zu geraten.
Mitgerissen zu werden ohne sich selbst retten zu können.
Zu versinken und gleichzeitig emporzustreben.
Die Erinnerung festzuhalten, ihre Bilder zu betrachten.
Es ist ihr ganzes Leben. Es liegt nun in unseren Händen.

Finis

Diese Worte mit Atempausen sind „meiner Charlotte“ gewidmet.
Die atemlos getrieben Gegen das Vergessen malt.
Die nachts in dunkler Zeit versinkt.
Die an Menschen erinnert, die vergessen werden sollten.
Peggy Steike.

Wenn sie mir den Koffer mit ihren Bildern anvertrauen würde.
Mit all den Opfern, die sie malte und deren Würde sie bewahrte.
Ich weiß, was sie zu sagen hätte:

Das ist ihr ganzes Leben.

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Das war noch nicht das Ende, weil es nie ein Ende geben wird.
Nicht zu Charlotte.

Es wird die Dimension jenseits des Lesens und Sehens folgen.
Charlotte wir hörbar. In allen Klangfarben dieser Welt.
Im Hörbuch aus dem Hause „Der Hörverlag“.
Und als Audio-Rezension bei Literatur Radio Bayern.

Wer ihr Herz und Augen geschenkt hat, sollte die Ohren folgen lassen.

T o be continued...

Mit einem Klick zu meiner Radio-Rezension… Charlotte

Ein gewichtiges PS: Julias „Charlotte“-Rezension auf „Ruby`s Cinnamon Dreams“ zu lesen ist für mich, wie nach Hause zu kommen. Sie wird dem Buch so gerecht. Eine weitere interessante Stimme zum Hörbuch findet man auf der Kleinen Bücherinsel von Simone. Lesenswert. Auch Eva hat Chalotte auf Scatty´s Bücherblog verewigt.

Ein Koffer mit dem Vermächtnis seiner Besitzerin… Die tragische Gemeinsamkeit Charlottes mit der jüdischen Schriftstellerin Irène Némirovsky

Irène Némirovsky - Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos

Irène Némirovsky – Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos