Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Also für mich liegt der Fall klar auf der Hand! Eines Tages wird es soweit sein, ich schneide mir an einer scharfkantigen Seite eines Romans die Pulsadern auf, werde von einem Lesezeichen überrollt oder von einer tonnenschweren Enzyklopädie erschlagen. Sei`s drum. Schön war die Zeit. Abmarsch ins neue Leben danach, oder in eine ganz neue Daseinsform im Paradies. „Wolke Sieben“ mit Harfe und gutem Buch. Das ist Fakt. Fehlt nur noch die schnelle Aufnahmeformalität an der Himmelspforte und schon wird man eingekleidet mit Flügelchen und hat seine himmlische Ruhe.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre - Rezension zum Hören zum Hören

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre – Rezension fürs Ohr – Ein Klick genügt

Das ist jedenfalls der Plan. Und da ich in meinem ganzen Leben nur Gutes vollbracht habe, immer brav zu meinen Nächsten war und niemandem ein Haar gekrümmt habe, ist der Einlass ins Paradies so gut wie gebongt. Andere mögliche Alternativen, wie ein lausiges Fegefeuer oder gar der Höllenschlund kommen für mich nicht in Betracht. Also wirklich. Wieso auch? Da gibt es schon ein paar Gestalten, die ich am Heiligen Petrus viel eher verzweifeln sehe. Aber ich? Nein… Kein Gedanke.

So denkt auch der gute Simon Laroche, als es ihn im zarten Alter von gerade einmal 50 Jahren plötzlich dahinrafft und er sich an der Himmelstür wiederfindet. Dem kurzen Erstaunen über das eigene Ableben folgt bereits die fundamentale Erkenntnis, durch diesen finalen Schritt von allem Irdischen befreit zu sein und quasi körperlos als gute Seele weiter existieren zu können. Der Himmel rief und Simon war da. Ein bisschen früh für seinen Geschmack, aber besser jetzt, als nie.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Was ihn dann im „Vorzimmer zum Paradies“ jedoch erwartet, macht ihn ein wenig sprachlos. Es ist nicht gerade so, wie er sich das alles vorgestellt hatte. Gut, er ist tot und insofern ist er schon erleichtert, dass es überhaupt ein Leben danach zu geben scheint. Von einer großen hässlichen Wartehalle jedoch war in der Bibel nicht die Rede.

„Trotzdem erinnerte mich der Ort, an dem ich erwacht war, in nichts an den watteweichen Weg unter endlosem azurblauem Himmel, den ich erwartet hatte und an dessen Ende mich ein Komitee aus Erzengeln hätte in Empfang nehmen sollen.“

Simon scheint geradewegs in der irdischen Bürokratie angekommen zu sein. Er wird registriert, erhält eine Wartenummer und muss danach bei seinem zuständigen Sachbearbeiter einen Fragebogen ausfüllen. Ganz banale Fragen über seine Herkunft, den Ort seiner Geburt und den seines Todes, sowie seine sexuelle Orientierung. Und letztlich gilt es auf der Rückseite einige Angaben zu ergänzen, die in keiner Weise auf ihn zutreffen.

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

„Waren Sie aktiv an einem Völkermord beteiligt?“
„Haben Sie je die Existenz des Klimawandels geleugnet?
„Waren Sie der sexuellen Belästigung angeklagt?“
„Wurden Sie der Pädophilie beschuldigt?“

Na, Gelächter aber auch. Die Fragen sind schnell beantwortet und gerade für Simon ist es als ehemaliger Vorsitzender der „Ethik-Kommission für öffentliche Freiheit“ der französischen Regierung völlig unproblematisch, all diese Punkte wahrheitsgemäß zu verneinen. Reine Formsache. Was sonst? Er bereitet sich auf eine kurze Wartezeit vor, bis es dann endgültig auf die Reise zur letzten Station seines Daseins geht. Ab in den Himmel.

Doch weit gefehlt. Mit dem harmlosen Fragebogen fängt der Ärger im Vorzimmer zum Paradies erst richtig an und Simon gerät in die Mühlen des „Jüngsten Gerichts“. Statt seine Himmelsampel auf Grün zu schalten, findet er sich einem Anwalt gegenüber, der ihm nun versichert, alles für ihn zu unternehmen, obwohl der Fall ziemlich kompliziert sei und er sich nicht allzu große Hoffnungen machen dürfe. Hier läuft etwas ganz und gar falsch im Himmel. Davon ist Simon Laroche fest überzeugt, denn er hat alle Fragen wahrheitsgemäß beantwortet und auch die Fragen auf der Rückseite verneint! Was auch sonst?

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Aber genau da liegt sein Problem. Genau hier setzt die peinliche Untersuchung im „Vorzimmer zum Paradies“ an und Simon Laroche wird mit den Verfehlungen seines Lebens konfrontiert, wobei es wohl nur darum geht, dass er auf der Rückseite dieses Fragebogens zu den Themen „Pädophilie, Völkermord, Klimawandel und sexuelle Belästigung“ ein paar falsche Angaben gemacht haben soll. Als er nach den griffigen Beweisen für die Zweifel an seinen Aussagen fragt, beginnt sein Weltbild zu kippen und damit rückt auch das Himmelsbild für ihn in weite Ferne. Die Antwort seines Anwalts ist beängstigend:

„Das geht Sie zwar nichts an, aber mir liegen die detaillierten Aufzeichnungen Ihres Browserbetreibers vor. Der „Allerhöchste“ nimmt solche Dinge nicht auf die leichte Schulter. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt hier einige E-Mails von Ihnen… Vor allem über, ich zitiere: „Die Invasion der Zigeuner“. Haben Sie das vergessen?“

Simon fällt es wie Schuppen von den gebrochenen Augen. Der Heilige Petrus nutzt die Cloud. Der Himmel ist im Besitz aller Daten, die zu Lebzeiten mit ihm in Verbindung gebracht werden konnten. Und da ist die blöde „Zigeuner-Mail“ noch recht harmlos. Viel schwerer wiegt Simons obsessive „Recherche“ nach einer gewissen Natascha, deren Bilder nur auf einschlägigen Seiten zu finden sind. Ob sie volljährig war? Diese Frage hatte er sich nie gestellt. Bis jetzt!

„Im Gegensatz zum katholischen Glauben, bei dem der Sündenzähler auf null zurückgesetzt werden konnte, war der Glaube an die Vernichtung von Daten reine Illusion.“

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

Benoît Duteurtre entwirft in seinem Roman „Vorzimmer zum Paradies(Eichborn) eine morbid-fantastische Utopie eines Himmels, der sich zum wahren Schrecken der Menschheit verändert hat. Dabei greift er auf sozial-politische Themen zurück, die auch am himmlischen Paradies nicht gänzlich spurlos vorübergegangen sind. Datenschutz, Privatsphäre, Emanzipation, Überbevölkerung, Bürokratisierung und der Umgang mit persönlicher Verantwortung. Dies sind nur einige Aspekte, die dieser intelligente Roman aufgreift und in seinen Handlungsfäden zu einer Datenflut der Verfehlungen kumuliert.

Dabei ist es nur allzu klar, dass der Schwerpunkt des Romans im Rückblick auf das gelebte Leben des Simon Laroche liegt. Hier werden wir alle fündig auf der Suche nach den großen Verfehlungen, den kleinen Missverständnissen und der Mücke, die plötzlich zum Elefanten mutiert und auf diese Art und Weise das ganze Leben verändert. Was Medien auf Erden verursachen, bleibt dann auch dem Himmel nicht verborgen.

Das „Vorzimmer zum Paradies“ ist das WikiLeaks unter den Romanen und Benoît Duteurtre ist der Whistleblower des Allmächtigen.

Am Ende wird klar, dass unser eigener Weg unter Berücksichtigung der Transparenz im Datenaustausch zwischen Himmel und Erde definitiv nicht ins Paradies führen wird. In einem Leben, in dem wir selbst bei Facebook auf jeglichen Schutz der Privatsphäre verzichten ist es nur logisch, dass wir beim „Jüngsten Gericht“ mit Fakten konfrontiert werden, die uns auf dem direkten Weg in die Hölle führen.

Aber so ganz unter uns gesagt…! Seit dem Lesen dieses Romans freue ich mich ein wenig darauf. Warum? Na lest mal schön selbst. Es ist sehr erhellend.

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7 Gedanken zu „Vorzimmer zum Paradies von Benoît Duteurtre

  1. Pingback: Von Hühnern, Versuchsküchen und neuer Lektüre | Die Zaunreiterin

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