[Gegen das Vergessen] Fieber am Morgen von Péter Gárdos

Fieber am Morgen von Péter Gárdos

Fieber am Morgen von Péter Gárdos

„Es war ein verregneter Sommertag, an dem mein Vater mit dem Schiff nach Schweden gebracht wurde. Das Kriegsende lag kaum drei Wochen zurück…“

Wir befinden uns im Sommer des Jahres 1945 und das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete für unzählige Menschen den Aufbruch in eine neue Zeit. Siegreiche Soldaten kehrten nach Hause zurück, Familien fanden zueinander, Verluste wurden beklagt und ein erstes zartes Gefühl von Sicherheit machte sich dort breit, wo vor Wochen noch blindwütiges Chaos herrschte. Das nationalsozialistische Regime lag in Trümmern. Der laute Ruf nach Freiheit hatte auch die dunkelsten Ecken des ehemaligen Dritten Reichs vom endlosen Schrecken befreit.

Die Befreiung der Konzentrationslager brachte nun Menschen ans Tageslicht, die im Rassenwahn der besiegten Diktatur unsichtbar gemacht wurden. Die Überlebenden des Holocaust machten sich auf ihren Weg in eine ungewisse Zukunft. Von Freiheit konnte man jedoch angesichts ihres Zustands kaum reden. Am Ende des Totalverlusts ihrer Würde, ihrer Heimat und ihrer Unversehrtheit galt es, ihnen Schritt für Schritt auf dem Weg in ein neues, ein zweites Leben, zu helfen. Für viele von ihnen führte dieser direkte Weg aus den Todeslagern in die Sammel- und Krankenlager der Länder, die zu ihrer Aufnahme bereit waren. Wie Schweden.

So lernen wir Miklós kennen. 25 Jahre. Ungar. Jude. Vor seiner Deportation Dichter und Journalist. Überlebender des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Körpergewicht am Tag seiner Befreiung: Neunundzwanzig Kilogramm. Zahnlos. Fiebrig. Lungenkrank. An der Schwelle zum Tod mit einem Schiff als Flüchtling nach Schweden gebracht und in einem Krankenhaus behutsam aufgepäppelt, bis er ein Gewicht von siebenundvierzig Kilogramm erreicht hatte und man mit ihm über seinen weiteren Weg sprechen konnte.

Fieber am Morgen von Péter Gárdos

Fieber am Morgen von Péter Gárdos

Miklós: Körperlich gebrochen? Ja! Geistig gebrochen? NEIN. Das macht er seinem Arzt sehr schnell klar, als er erfährt, dass er nicht mehr allzu lange zu leben hat. Sechs Monate gibt man ihm noch. Kurze sechs Monate des Überlebens räumt man ihm in Schweden ein, bevor die vom Fleckfieber verursachte Tuberkulose das Kapitel Miklós für immer beenden würde. Aber das passt nicht zum Plan des schelmischen Ungarn.

Er beschäftigt sich mit anderen Dingen. Mit wirklich wichtigen Dingen, die ihm seit Jahren gefehlt haben. Er ist bereit für ein neues Leben. Für eine neue Liebe und er ist bereit, ungewöhnliche Wege einzuschlagen, um seine Träume zu verwirklichen. Miklós beginnt mit einer besonderen Recherche, von deren Ergebnis sein Leben abzuhängen scheint.

Er macht 117 ungarische Frauen ausfindig, die, wie er selbst, als Überlebende der Konzentrationslager vom Roten Kreuz nach Schweden gebracht wurden um gepflegt zu werden. Alle unter dreißig Jahre alt und aus der Gegend seiner Heimatstadt. Und damit nicht genug. Er schreibt genau 117 Briefe. 117 Versuche der Kontaktaufnahme mit Frauen aus seiner Heimat, die sein Schicksal teilen und sich in Schweden befinden. 117 Lebenszeichen. 117 Überlebenszeichen. 117 Briefe mit nur einem Ziel:

„Ach so, Sie suchen nach Bekannten!“

„Sie missverstehen mich. Ich suche eine Frau. Ich möchte heiraten.“

Fieber am Morgen von Péter Gárdos

Fieber am Morgen von Péter Gárdos

Einer dieser Briefe erreichte die achtzehnjährige Lili Reich. Ebenso gezeichnet von ihrer Leidenszeit im Konzentrationslager. Von Nierenkoliken geschüttelt, aber ebenso wenig bereit aufzugeben, wie Miklós. Sie liest den ungewöhnlichen Brief immer wieder und entschließt sich zu antworten. Einerseits aus Neugier, andererseits um der neuen Krankheit zu entfliehen, die sie ans Bett fesselte.

„… ich fand den Ton in ihren Zeilen so sympathisch, dass ich die Korrespondenz mit ihnen gerne fortsetzen würde.“

Als Miklós 18 Antworten auf seine 117 Briefe erhält, dauert es nicht lange, bis sein Gefühl den weiteren Weg vorgibt. Lili soll es sein. Sie ist die Richtige, sie hat genau den Ton getroffen, und die Saiten in ihm zum Schwingen gebracht, die er jetzt so dringend benötigt, um weiterzuleben. Sein morgendliches Fieber lässt nicht auf Besserung hoffen und doch beginnen Miklós und Lili einander zu schreiben. Und was zart tastend beginnt entwickelt sich zu einem der hoffnungsvollsten Briefwechsel in schwersten Zeiten. Nun müssen sich die beiden Überlebenden nur noch treffen, denn für Miklós steht fest:

„Es gibt keine andere. Entweder sie – oder ich sterbe.“

In beiden Krankenlagern beginnt ein verwegenes Katz- und Mausspiel mit Ärzten und Pflegern, denn ein Rendezvous zweier offensichtlich todkranker Menschen ist nicht vorgesehen. Nun muss ein Plan her. Es müssen Helfer her und es muss schnell gehen. Und natürlich darf eines nicht passieren. Miklós darf nicht sterben, obwohl sein Fieber am Morgenkeinen Spielraum für Hoffnung lässt.

Fieber am Morgen von Péter Gárdos

Fieber am Morgen von Péter Gárdos

Ob Miklós und Lili einen Weg finden, sich zu treffen? Ob es ihm gelingt, zumindest so lange am Leben zu bleiben, bis er Lili einmal im Leben zu Gesicht bekommt? Ob es ihnen vergönnt ist, diesen einen Moment der gegenseitigen Zuneigung leben zu dürfen, nachdem sie die dunkelste Zeit ihres Lebens hinter sich gebracht haben? Diese Fragen klingen zwar recht interessant, aber ehrlich gesagt sind sie vor dem Hintergrund des Romans eher nebensächlich.

Ja. Ganz richtig gelesen. InFieber am Morgen geht es nicht um diese magischen Momente. Es geht nicht um das Wie, Wo und Wohin. Dieser Roman, wenn man ihn denn als solchen bezeichnen kann, lebt auf einer völlig anderen Ebene. Er existiert in einer Dimension, die ihrem Leser in jeder Sekunde vor Augen hält, was er hier lesen darf. Eine Dimension, die allein durch den Namen des Autors und die von ihm gewählte Perspektive eine Wirkung erzielt, die dem Inhalt des Romans ein Leben verleiht, das in seiner Ausstrahlung einzigartig ist.

Péter Gárdos ist der Name des ungarischen Autors und er erzählt in „Fieber am Morgen“ (Hoffmann und Campe Verlag) die wahre Geschichte seiner Eltern. Eine Geschichte, die er selbst erst kurz nach dem Tod seines Vaters erfahren hat. Eine Geschichte, über die zuhause niemals gesprochen wurde und die sich ihm anhand der damaligen Briefe erschlossen hat. Briefe seiner Eltern und Fragen an seine Mutter, die sich an alles erinnern konnte, als sei es erst gestern geschehen, haben ihm den Weg zu diesem Buch geöffnet. Ein Roman ist es dennoch, da Gárdos einige Randpersonen erfinden und sich in die Denkweise seines Vaters hineinversetzen musste, ohne ihm persönlich Fragen stellen zu können.

Fieber am Morgen von Péter Gárdos

Fieber am Morgen von Péter Gárdos

Er schreibt aus der Perspektive des Sohnes. Er spricht von Miklós immer als „Mein Vater“ und durchbricht damit im eigentlichen Sinn den Spannungsbogen des Romans. Als Leser realisiert man in einem unglaublich intensiven Moment, dass Miklós und Lili ihren gemeinsamen Weg gefunden haben müssen, wenn es einen Sohn gibt, der von ihrer Liebe erzählen kann. Die Wirkung dieser Erkenntnis reicht weit über das Buch hinaus, weil Péter Gárdos kein sentimentales Rührstück schreibt, dessen Happy End das Ziel ist.

Gárdos verleiht in diesem unglaublich menschlichen Kraftakt zwei Suchenden eine Stimme, die mit aller Macht und allem Lebenswillen dagegen angekämpft haben, sinnlos überlebt zu haben. Es ist ein wahres Schelmenstück, wie die Beiden dem Schicksal ein Schnippchen schlagen, wie sie aneinander Halt und Zuversicht finden, welche Wege sie finden um einander begegnen zu können und wie sehr sie voller Lebensfreude in ihre Zukunft blicken können.

Facettenreich, authentisch, skurril und aberwitzig, sentimental und erschreckend. All dies ist „Fieber am Morgen“. Es ist eine der unglaublichsten Liebesgeschichten aus dem reinen Antrieb der Selbsterhaltung. Er ist Fingerzeig der Hoffnung und Symbol des Willens. Und er ist zutiefst romantisch, verliebt, verzweifelt und fragend. Die Reise von Péter Gárdos zu seinem Vater ist eine literarische. Eine wahre Geschichte zu erzählen, aus der er selbst als Zeuge hervorgegangen ist – genau das ist ihm gelungen.

Fieber am Morgen - Mit einem Klick zum Interview mit Daniel Kampa

Fieber am Morgen – Mit einem Klick zum Interview mit Daniel Kampa

Ich traf den Verleger von Hoffmann und Campe, Daniel Kampa auf der Frankfurter Buchmesse und interviewte ihn für Literatur Radio Bayern auch zu diesem Roman. Es lohnt sich, dem Gespräch zu lauschen. Es verrät viel darüber, wie er auf diesen Roman aufmerksam wurde, was er ihm als Verlagsleiter und Mensch bedeutet, warum er ihn unbedingt publizieren wollte und auch warum wir beide „Fieber am Morgen“ niemals als Holocaust-Kitsch bezeichnen würden.

Lesen Sie „Fieber am Morgen“, folgen Sie uns dann in ein besonderes Gespräch und machen Sie sich selbst ein Bild davon, was die wahre Liebe bewirken kann, wenn man schon fast am Ende ist.

Für Lili…. (in doppelter Hinsicht)

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6 Gedanken zu „[Gegen das Vergessen] Fieber am Morgen von Péter Gárdos

  1. Pingback: [FBM 15 Interview] Daniel Kampa – Ein Verleger stellt sich | AstroLibrium

  2. Ich hab inzwischen bestimmt sechs- oder siebenmal das Interview mit Daniel Kampa gehört. Es ist einfach sooooo toll, wie ansteckend er über Bücher und die Liebe zu ihnen spricht. Ein außergewöhnlicher und sehr sympathischer Mann. Könnte ihm noch stundenlang lauschen! Und dir natürlich auch! 🙂 Auf jeden Fall war ich nach dem Interview schon überzeugt vom Fieber am Morgen, aber deine Rezension tut nochmal ihr Übriges! Vielen Dank für deine Worte. Irgendwann muss ich das auf jeden Fall auch noch lesen! 🙂

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