Gestatten, Buck Schatz. [Der Alte, der die Rache liebte]

Der Alte, der die Rache liebte - Buck Schatz - in Portrait

Der Alte, der die Rache liebte – Buck Schatz – Ein Portrait

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Kennen Sie das? Sie bewundern den Helden einer Krimireihe, folgen ihm durch seine Abenteuer, beneiden ihn für seine katzenhafte Schnelligkeit, seinen Ideenreichtum oder seine unglaubliche Stärke? Wem fällt da nicht James Bond ein, dem im Auftrag seiner Majestät schon der Ruf der Unverwundbarkeit vorauseilt?

Und wer schnauft nicht erleichtert durch, wenn es der viel umjubelte Kommissar am Ende des Falles wieder einmal allen so richtig gezeigt hat. Natürlich gibt es auch eine Vielzahl weiblicher Agenten oder mutiger Detectives, denen weder ihre männlichen Kollegen, noch die Ganoven der Neuzeit das Wasser reichen können. Denken wir doch nur an die legendäre Smoky Barrett von Cody McFayden.

An diese wackeren Aufrechten im Kampf gegen die Kriminalität oder den Terrorismus haben wir uns gewöhnt. Mit ihnen können wir uns stets identifizieren, sie beneiden und mitfiebern. Und doch gibt es sie: Diese vereinzelten Charaktere, die einen ganzen Kosmos an Lebenserfahrungen in sich vereinen, durch ihre absolute Kaltblütigkeit und Kompromisslosigkeit bestechen und deren Gerechtigkeitssinn die gesamte Menschheit wie ein Grenzzaun beschützen soll. Koste es was es wolle.

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Buck Schatz – Ein Portrait – AstroLibrium und Literatur Radio Bayern

Ich möchte ihnen heute eine dieser mehr als schillernden Figuren vorstellen. Einen Protagonisten, der in seiner aktiven Zeit einer der populärsten Polizisten in den Straßen von Memphis war. Einen Detective, der zahllose Verbrechen im Alleingang und mit unkonventionellen Methoden aufklärte und nicht nur deshalb im entsprechenden Milieu gefürchtet war. Einen Polizisten, der seinen Schlagstock liebevoll „Feingefühl“ nannte und der von sich selbst sagt, dass er sein Feingefühl immer sehr großzügig zur Anwendung brachte.

Ich rede hier von Buck Schatz, dem Roman-Protagonisten aus der Feder von Daniel Friedman. Die Rede ist von jenem Buck Schatz, der nicht nur durch seine Kauzigkeit oder seine unnachahmlichen Sprüche Kultstatus erreicht hat. Nehmen wir zum Beispiel diesen hier:

“Ich mag meine Mitmenschen. Ich kann sie nur nicht ausstehen.”

Allerdings… um ehrlich zu sein… fällt Buck Schatz ein ganz klein wenig aus dem Raster der oben aufgeführten Ermittler, Agenten oder Polizisten, denn seine aktive Laufbahn liegt ein paar Tage hinter ihm. Er ist auch nicht mehr ganz so schnell, wie früher, aber man darf ihn einfach nicht unterschätzen.

Wenn er sich selbst beschreibt, kommen wir dem Menschen Buck Schatz schon ein wenig näher. Eigentlich kommen wir einer Persönlichkeit näher, die wir in einem Krimi so nicht erwartet hätten:

„George Orwell hat gesagt, dass jeder Mensch mit fünfzig das Gesicht hat, das er verdient. Er versäumte zu sagen, dass jeder Mensch mit achtzig ein Gesicht hat, das niemand verdient. Ich sah aus wie eine Wachsfigur nach meinem Vorbild, an der sich jemand mit einer Lötlampe versucht hatte.“

Der Alte, der die Rache liebte - Buck Schatz - Ein Portrait

Der Alte, der die Rache liebte – Buck Schatz – Ein Portrait

Es handelt sich um den wohl erstaunlichsten Ermittler, dem Leser in den letzten Jahren begegnen durften: BUCK SCHATZ.

Kettenraucher (Lucky Strikes stangenweise), ehemaliger Detective im Morddezernat und lebende Legende in der Stadt, die er vom organisierten Verbrechen befreit hat. Etwas nörglerisch, ein wenig zynisch und immer mit einem Fuß im Gefängnis, wenn er die Kriminalität mit ihren eigenen Waffen schlug.. ABER…

Nur… ähm… das ist nun vierzig Jahre her und Buck Schatz ist bereits 87 Jahre alt, als wir ihn im ersten Buch von Daniel FriedmannDer Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten kennenlernen und die einzige Angst, die ihn umtreibt lautet:

„Wie viel Zeit bleibt mir noch, bis ich einer dieser Zombies werde, die unten ohne durchs Pflegeheim tapern?“

Galt er früher als das lebende Vorbild für Clint Eastwood als „Dirty Harry“, so wird er in seinen zugegeben etwas langsameren Verfolgungsjagden heute nur noch von der Angst vor Alzheimer und Parkinson gejagt. Buck Schatz hat sich eigentlich zur Ruhe gesetzt… endgültig (aber nicht gänzlich unbewaffnet – das war er nie) und genießt den Lebensabend an der Seite seiner Frau. Ob seine Frau das auch so sieht könnte man angesichts seiner äußerst liebevollen Umgangsformen schon ein wenig bezweifeln:

“Wenn du wüsstest, Darling, was ich alles missachte. Missachtung hat bei mir nämlich Tradition.”

Allerdings hat sich Buck Schatz nicht selbst zu dem gemacht, was er heute ist. Hinter der Fassade des Zynikers verbirgt sich eine tiefe Lebensgeschichte, die andere Menschen schon lange gebrochen hätte. Kriegsgefangenschaft in einem deutschen Todeslager. Misshandlung. Folter. Qualen. Grauen und das endlose Entsetzen, als die Bewacher realisierten, dass der Vorname Buck von Baruch abgeleitet ist.

Er ist Jude. Buck überlebt die Misshandlungen durch den SS-Offizier Heinrich Ziegler nur durch Zufall. Unvergessen und auf ewig eingebrannt in seinem „MERKBUCH“ unter der Überschrift WAS ICH NICHT VERGESSEN WILL.

Der Alte, der die Rache liebte - Buck Schatz - Ein Portrait

Der Alte, der die Rache liebte – Buck Schatz – Ein Portrait

Ein Mann, getrieben von seinen Alpträumen, gepeinigt von der niemals bewältigten Vergangenheit und bewaffnet mit der Raffinesse eines explosiven Lebens kokettiert nun mit seinen Ausfallerscheinungen, öffnet Schließfächer nicht mit Sprengstoff sondern mit der Androhung einer Parkinson-Attacke und weiß in jeder Lage zu überraschen. Und doch trägt er innerlich schwer an seinem Leben. Und war der erste Roman aus der Feder von Daniel Friedman noch dominiert von der überraschenden Wirkung von Buck Schatz auf seine Leser, so erlaubt uns der Autor im gerade erschienenen Krimi Der Alte, der die Rache liebteeinen tiefen Einblick in das gepeinigte Seelenleben eines alten Mannes, der nichts mehr hasst, als erzwungenen Stillstand.

Daniel Friedmans Romane sind gespickt mit tiefen Hintergründen, die viel über die lebenslange Traumatisierung eines Mannes aussagen. Der Krieg hat Menschen zu dem gemacht, was sie heute sind… Das könnte auch für Buck gelten, aber es ist viel mehr der Verlust der Selbstbestimmung, der hier seinen langen Lebensweg brandmarkt. Er arrangiert sich nicht mit dem Älterwerden – das Leben selbst hat sich mit Buck Schatz zu arrangieren und unter der rauen Schale entdecken wir von Seite zu Seite einen tiefgründigen Grantler, der ans Leserherz wachsen muss.

Die kriminalistischen Hintergründe beider Bücher reichen ebenso weit zurück, wie die besten Tage des ehemaligen Polizisten, der in seinem Herzen immer noch auf der Jagd nach den ungeklärten Fällen seiner Vergangenheit ist. Die Fälle reichen zurück bis in die Konzentrationslager der Nazis. Sie holen ihn jetzt in der Gegenwart wieder ein und überraschen einen bettlägerigen Pflegepatienten, der nur mit Rollator langsam vorwärts kommt und der seine Physiotherapeutin mit einem diktatorischen Folterknecht vergleicht, in seinem Pflegeheim Walhalla. Wie bezeichnend. Und wenn sich Buck Schatz aus dem Bett erhebt, seine Daunenjacke anzieht um das Heim bei 40 Grad im Schatten zu verlassen, dann wissen nur wir, dass er diese Jacke nur deshalb trägt, weil er darunter bewaffnet ist, wie ein Sondereinsatzkommando der Elite-Polizei.

Nur: Buck Schatz ist gefährlicher und unberechenbarer.

Der Alte, der die Rache liebte - Buck Schatz - Ein Portrait

Der Alte, der die Rache liebte – Buck Schatz – Ein Portrait

Dirty Harry ist schon lange tot und Chuck Norris ist langweilig… Buck Schatz ist der Alterspräsident aller Ermittler. Klatschen Sie schön laut, wenn Ihnen die Bücher gefallen haben, der Knabe hört nicht mehr so gut! Und wundern Sie sich nicht, dass es zum Finale hin ein wenig brutaler wird. Dieses Leben ist nichts für Amateure. Es ist eins für einen knallharten Profi, der nicht mehr Autofahren darf, dem das Rauchen verboten wurde und für den Treppen unüberwindliche Hindernisse sind.

Und doch ist man ganz auf Seite, wenn er einen lange ungeklärten Fall gelöst hat und in seiner unnachahmlichen Art und Weise eine Krankenschwester um Hilfe bittet, und sagt:

Ich glaube, ich habe hier eine Schweinerei angerichtet!”

Daniel Friedman legt mit Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten und Der Alte, der die Rache liebte zwei in sich geschlossene und überzeugende Krimis in unsere Hände. Sollte man den Eindruck gewinnen, hier ginge es nur um einen etwas schrulligen Klugscheißer, der in hohem Alter noch mal so richtig durchstartet, dann liegt man falsch. Die Wirkung dieser Romane ist nachhaltiger. Die Intention des Autors ist komplexer und sein Protagonist ist einfach erfrischend anders. Buck Schatz – eine absolute Ausnahmeerscheinung auf dem Buchmarkt.

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7 Gedanken zu „Gestatten, Buck Schatz. [Der Alte, der die Rache liebte]

  1. Pingback: Daniel Friedman – Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten | Archiv_AstroLibrium

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