Eine NullNUMMER von Umberto Eco – oder doch viel mehr?

NullNUMMER von Umberto Eco

NullNUMMER von Umberto Eco

„Heute morgen ist kein Wasser mehr aus dem Hahn gekommen. Plop, plop, zwei Rülpserchen eines Neugeborenen, dann nichts mehr.“

Huch, dachte ich. Welch bedeutungsschwangere erste Sätze aus der legendären Feder des großen Umberto Eco, der mich nun wirklich schon lebens- und lesenslang begleitet. Immer wieder ist es ihm gelungen, mich zu begeistern. Immer wieder hat er es geschafft, dass ich mit Bergen von Sekundärliteratur neben und in seinen Werken saß, um den Anspruch zu erfüllen, den er an seine treuen Leser stellt. Ja, wenn ich eines verstanden habe, dann, dass man sich seinen Umberto Eco erarbeiten muss. Und, dass man sich seiner würdig erweisen sollte, um ihn zu verstehen.

Mittelalterliche Geheimgesellschaften, Ordensritter, vatikanische Ränkespiele und politisch-religiöse Verwirrspiele hat mir der große Mythomane um die Ohren gehauen und genau aus diesem Grunde war ich zumeist gefesselt, weil aktives Lesen für mich mit Eco-Lesen gleichzusetzen ist. Hellwach muss man sein und Stehvermögen sollte man besitzen, dann erlebt man in den unglaublich facettenreich angelegten Romanen sein literarisch buchiges Wunder.

Und nun dies. Es kommt kein Wasser mehr aus dem Hahn. Wäre es nicht Umberto Eco, ich hätte wohl bei jedem anderen Schriftsteller laut aufgelacht und dieses absolute unglaubliche Neuigkeit, die mich wohl in einen Roman ziehen soll mit „plop, plop, zwei Rülpserchen“ ins Kuriositätenkabinett der Literatur eingeordnet. Wenn es nicht Eco wäre, der mit dieser kleinen Alltäglichkeit seinen gerade im Hanser Verlag erschienenen Roman NullNUMMER einleitete. Schmunzelnd wurde mir schnell klar, dass ich es hier mitnichten mit einer Nullnummer aus seiner Feder zu tun habe. Sehr schnell.

NullNUMMER von Umberto Eco

NullNUMMER von Umberto Eco

Denn es gibt einen guten Grund dafür, diese Einleitung sehr ernst zu nehmen. Ihr Gehalt beizumessen und ihr Glauben zu schenken, denn die oberflächliche Banalität der Tatsache ist der Startpunkt eines Plots, der unserer Medienlandschaft den Spiegel vor Augen hält. Genau hier, an einem Samstag im Juni des Jahres 1992 lernen wir den Journalisten Colonna kennen. Es ist gerade einmal 8 Uhr und wir beobachten ihn dabei, wie er das Fehlen des Wassers beängstigt zur Kenntnis nimmt.

Irgendetwas stimmt nicht an diesem Morgen. Irgendetwas läuft hier völlig falsch. Es ist genau dieses Wasser, das Colonna schlaflose Nächte verursachte. Der Hahn tropfte beharrlich und brachte ihn schon fast um den Verstand und nun? Ruhe. Die Leitung ist abgedreht und Colonna realisiert sehr schnell, dass dies kein Zufall ist. Kein Zufall sein kann. Es liegt auf der Hand, dass bei ihm eingebrochen wurde, und dass die Diebe, ebenfalls genervt vom stetigen „Plop, Plop“, kurzerhand den Zufluss unterbanden, um ihr schlafendes Opfer besser beobachten zu können.

Und um ihren Raubzug erfolgreich zu vollenden! Man fragt sich schnell, was es bei Colonna zu holen geben könnte. Einen echten Verlierer könnte man ihn nennen. Einen wohl begabten Sprachkünstler, der es aber nie weiter als bis zum Übersetzer gebracht hatte. Der Traum vom eigenen Buch – die Vision vom Doktortitel – lange ausgeträumt. Colonna hatte gerade begonnen, kein einziges Wort mehr zu schreiben, als er einen Auftrag erhält, der ihm für kurze Zeit ein angenehmes Einkommen bescheren sollte.

NullNUMMER von Umberto Eco

NullNUMMER von Umberto Eco

Er sollte dabei helfen, eine Tageszeitung aus der Taufe zu heben, die niemals erscheinen durfte. Richtig gelesen…! Und nicht nur das. Er sollte auch die einzelnen Schritte dieses Nicht-Schaffensprozesses in einem geheimen Buch dokumentieren, das er allerdings auch nicht unter seinem Namen veröffentlichen dürfe. Ein Ghostwriter im doppelten Sinne sollte er werden. Und genau an dieser Stelle beginnt in Rückblenden die eigentliche Geschichte, die Umberto Eco in seiner „NullNUMMER“ erzählt.

Genau hier beginnt mit einem versiegenden Wasserhahn die Kausalkette, an der alle kleinen Handlungsfäden aufgereiht sind, die unseren Antihelden Colonna nun auch noch zum Opfer eines Überfalls machen. Denn ihm ist völlig klar, wonach die Räuber gesucht haben. Nach seinen Aufzeichnungen. Nach seinem geheimen Buch über eine Zeitung namens „Domani“ (Morgen), die in gewissen Kreisen in aller Munde war, ohne auch nur jemals erschienen zu sein. Das neue Gesicht der Lügenpresse.

Eine Zeitung, die als journalistisches Experiment angelegt war, um den Mächtigen der Welt zu zeigen, was eine moderne Zeitung anrichten kann, wenn ihre Macher nur gewillt sind, ganz neue Wege und gewagte Wege zu gehen. Eine Tageszeitung, deren Nichtexistenz bereits Drohung genug war, um ihr Erscheinen endgültig zu verhindern. Denn nichts ist erschreckender als ein Journalismus, der sich von der Verpflichtung zur Wahrheit befreit und die Spekulation zum Mantra erhebt.

NullNUMMER von Umberto Eco

NullNUMMER von Umberto Eco

Wie das gehen soll? Welchem höheren Ziel dieses journalistische Fake dienen soll? Und wen man letztlich mit einer nicht existierenden Zeitung erpressen kann? Das darf und kann man nicht verraten. Das sollte man nur Umberto Eco überlassen, der hier in einem gewagten Balanceakt aus Persiflage, medialer Situationskomik und gelungener Analyse der Wirkung einer „Tageszeitung ohne Leser“ ein Bravourstück der Realsatire liefert.

Seine Analyse der Zeitungsmacher, Redakteure und ihrer potentiellen Leser ist dabei so treffend, dass man sich beim Blick in unsere Zeitungen zu wundern beginnt, ob nicht ein gewisser Herr Colonna in der Chefredaktion sitzt und sich ins Fäustchen lacht. An mehr als plastischen Beispielen erläutert Umberto Eco in seinem fulminanten Ausflug in die freie Pressewelt alle Automatismen, die sich aus der Wechselwirkung aus der Nachricht und ihrer Interpretation ergeben. Worthülsen und Nebelkerzen, Aussagen ohne jeden Nährwert und Verunglimpfungen der einfachsten Art erreichen bei ihm das Ziel aller Ziele. Die Angst der Mächtigen vor dem Erscheinen des „Domani“.

Eine Zeitung, die Morgen heißt, jedoch niemals ein Morgen erleben wird ist eine wahre „NullNUMMER“. Eco kultiviert den Glauben an dieses neue Medium in einer so rasanten Geschwindigkeit, dass alle Ereignisse der Weltgeschichte durch geschickte Berichterstattung mit ein klein wenig Manipulation ins Reich der Fabel rücken können. Und letztlich gibt es absolut keine Neuigkeit, die man nicht mit Verschwörungstheorien in Verbindung bringen kann. Von der ersten Mondlandung bis zum plötzlichen Tod eines Papstes. Alles ist miteinander verbunden. Alles hängt zusammen und über allem steht der große Wurf eines Schriftstellers, der seine Leser an einigen Stellen seines Romans in ihre Schranken weist.

NullNUMMER von Umberto Eco

NullNUMMER von Umberto Eco

Ich liebe es, von einem intelligenten Schriftsteller in einem ebenso intelligenten Roman ernstgenommen, und schon am frühen Morgen zu geistigen Höchstleistungen verführt zu werden. Da lässt sich mein italienischer Herzensautor noch fleißig darüber aus, dass die Korrektoren in allen Tageszeitungen so unzeitgemäß geworden sind wie die alten Druckerpressen von Gutenberg. Und meint:

Man könne Fehlerhaftes einfach so veröffentlichen, weil der IQ der Leser sowieso nicht ausreicht, um die kleinen Makel zu finden. Also immer frei raus mit den Stilblüten:

* Simone de Beauvoire
* Beaudelaire und
* Präsident Rooswelt

Merkt ja sowieso keiner. Und kaum hat man sich als Leser darüber herzlich amüsiert, die augenscheinlichen Fehler bereits im Geiste korrigiert, da schiebt einem der Fabulist im gleichen Kapitel und in anderem Zusammenhang den Vergleich eines Protagonisten mit einem US-Schauspieler unter:

„… aber mit einem Gesicht wie Teddy Savalas als Lieutenant Kojak…“

Nun hat Umberto Eco seinen eigenen Lektor aber so richtig vorgeführt. Und seine Leser hat er auf eine richtige Probe gestellt. Wie mit dem ganzen Roman. Persiflage als Stilmittel… Daumen hoch… Ich bin versöhnt, nachdem ich zuletzt auf dem „Friedhof in Prag verzweifelt die Waffen gestreckt habe. Alles,nur keine „NullNUMMER„!

nullnummer_umberto eco_astrolibrium_4

Nur so am Rande, die richtige Schreibweise der verstilblüteten Personen:

* Simone de Beauvoire
* Beaudelaire und
* Präsident Roosewelt

Dafür aber selbstverständlich: TELLY Savalas. Mit uns kann man das nicht machen!

Umberto Eco - 5.1.1932 bis 19.02.2016

Umberto Eco – 5.1.1932 bis 19.02.2016

Dreißig Jahre sind viel für einen gemeinsamen Leseweg. Umberto Eco pflasterte ihn mit seinen Worten. Ich folgte ihm mit meinem Herzen. Heute sitze ich vor dem ersten Satz aus seiner Feder und dem letzten Wort, das ich vor wenigen Wochen las. Umberto verstarb am 19. Februar 2016 im Alter von 84 Jahren.

Umberto… riposa in pace…

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32 Gedanken zu „Eine NullNUMMER von Umberto Eco – oder doch viel mehr?

  1. Guten Morgen!

    Da hat sich die Eule aber einen ganz großen Schriftsteller ausgesucht. Bin ja mal gespannt, ob ihr das Buch mittlerweile besser gefällt?

    Wünsche Dir einen schönen Tag!

    Lieben Gruß
    Mone

  2. Guten morgen,

    Schnell gesprungen.. Und jetzt muss ich wieder los.. hinterlasse heute auch nur schnell einen kleine Spur… Wie die eulchen 😉

  3. Guten Morgen, ich springe auch schnell … Und dann wieder zurück, der erste Ferientag muss genutzt werden 😉 Ausserdem muss ich Herr von Hohenstein davon überzeugen, wieder zurück in seinen Buchstaben zu ziehen, so ein Weihnachtsbaum ist ja keine Dauerlösung. (Er ist ein bisschen knatschig, weil es einen neuen Buchstaben gibt und dieser noch nicht als Schlafplatz zur Verfügung steht, woher er diese Bockigkeit wohl hat? Ist das Eulenüblich?)

  4. Liebes Ren-Flügeltier,

    Da hast du dir aber wirklich ein sehr spannendes und interessantes Buch ausgesucht. Ich selbst kenne es noch nicht, aber jetzt bin ich wirklich neugierig geworden. Ich mag Eco auch ganz gern. 😉 ich hoffe du kannst dich doch auch noch damit anfreunden, denn ich glaube der Raily hat nicht unrecht.

    Liebe Grüsse schicke ich dir und dem Hüter aller Eulen, ich hoffe du findest ein Zuhause wo du dich wohl fühlst ☺

  5. Agent Nullnullrülpserchen *trommel* Das Reneulchen muss noch viiiiiel lernen!!!! Geduld, sich ein Buch zu erschließen und nicht nach dem ersten Satz schon die Flinte ins Korn oder das Rülpserchen in den Wasserhahn oder so zu werfen! Aber ich bin da guter Dinge! So, wie ich die Artikelspringer hier einschätze, haben sie alle ein sehr bunt und aufregend gemischtes Bücherregal, da kann es viiiiiiiel lernen! Ich bin gespannt, wohin sein Weg führt!!!!

    Auf auf, in den Tag!!!

  6. ECO benutzen wir als Spülgang in unserer Spülmaschine – läuft meistens in einem Abwasch. Was machen wir nun, wenn der Lesespülgang mangels Wasserziehen eine Nullnummer ist, die Wörter nicht sauber werden und Umberto die ganze Ladung bereits am Anfang mit Rülpserchen blogiert?

  7. „Um tolerant zu sein, muß man die Grenzen dessen, was nicht tolerierbar ist, festlegen.“
    U. Eco
    Deine Grenzen sind, da Du aus einer literarischen Umgebung kommst, weiter, als Du denkst!
    Manchmal muss man ein Buch zur Seite legen und vielleicht auch erst nach Jahren einen zweiten Angang wagen Also Geduld und in Deiner neuen Umgebung warten auf die zweite Gelegenheit. Oder dazu stehen, dass es einfach nicht Dein Buch ist – denn das gibt es!

  8. Die Artikelspringer-Lehre des Tages: Beurteile nie ein Buch nach seinem ersten Satz.

    Sonst wäre uns nämlich der neue Umberto Eco „NullNUMMER“ entgangen. Wer liest schon freiwillig weiter, wenn gleich zu Beginn ein Rülpserchen einen Wasserhahn verlässt. Und wie passt diese Einleitung zum Großmeister der Literatur? Nun, er hat die Kurve gekriegt und der Roman ist mir nicht mehr aufgestoßen.

    Da habt ihr dem lachenden Rentier-Eulchen ganz toll weitergeholfen und nun sitzt es ganz ruhig über dem Buch und schüttelt den Kopf, weil es sonst wohl nie erfahren hätte, warum man eine Zeitung ins Leben ruft, die niemals veröffentlicht werden soll. Darüber wird sich der kleine Flatterkerl mit Cindy Kleinschmidt unterhalten, wenn er sich in sein neues Zuhause aufmacht.Vielleicht lesen die beiden Bücherwürmer ja mal gemeinsam einen Eco und erzählen uns davon.

    Liebe Cindy… der Versand der Rentier-Eule würde morgen nur dazu führen, dass sie tagelang in einer Posthalle liegen würde. Dein Einverständnis vorausgesetzt schicken wir sie am 28. Dezember los. Dann ist sie pünktlich zu Silvester bei dir und ihr könnt gemeinsam die Raketen starten lassen.

    Was am 28. Dezember noch auf die Reise geht, zeigt der letzte Artikelsprung dieses Jahres, wenn es morgen durch das tollste aller Türchen geht. Springt leise… es ist Heiligabend…der 24. und letzte Kalendertag.

    https://astrolibrium.wordpress.com/railway/advent-2015/

  9. Schön das die Eulen Rettung keine Bull Nummer war.
    Du wirst Dich wundern aber in meinem -nein unserem – schon gut Günter 😀
    gibt’s ein „Buch ohne Staben “
    – wo ?
    Im Eckregal wenn man davor steht rechts
    So ziemlich auf Augenhöhe
    – hä 👀
    -wo ist denn bei Dir rechts ?
    Ich zeig es Dir wenn wir wieder Zuhause sind
    Obwohl ich weiß nicht ob das die rechte Abendlektüre für Dich ist.
    -ach Männo aber nicht schon wieder Puh der Bär. Ich bin schon GROSS !
    Mann Günter hier geht’s nicht um Dich !
    Grrr
    Also Dir liebe Ren-Eule ein schönes Weihnachtsfest im alten Nest und eine tolle Silvesterparty im neuen!
    – machen wir auch ne Party ?
    Ja ne Mottoparty
    -was ?
    Ach Günter gleich.
    Der hält mich ja so auf Trab
    also noch mal
    Alles Gute

    Schluss is !

  10. Pingback: Michael Köhlmeier: „Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“ | AstroLibrium

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