[Gegen das Vergessen] – Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen - AstroLibrium

Der Finsternis entgegen – AstroLibrium

„Diese Frau wusste, dass sie mit jedem, der Hosen trug, fertigwerden würde.“

SOE-Agent George Millar über Vera Atkins.

Wenn ich heute an Konzentrationslager denke, dann sehe ich unzählige Geschichten von Opfern des Holocaust vor mir. Wenn ich die KZ-Gedenkstätten besuche, versuche ich mich in die Lage derer zu versetzen, die an diesen Orten vor gar nicht allzu langer Zeit unter qualvollen und menschenverachtenden Umständen den Tod fanden. Und ich denke an diejenigen, die als Überlebende dieses Genozids bis zum heutigen Tag kaum zu heilende Wunden und Traumatisierungen mit sich tragen.

Ich denke an jüdische Menschen, Behinderte, Sinti und Roma, Kriegsgefangene und all jene, die durch das ideologische Raster der Nazis gefallen waren und als unwertes Leben der gezielten Massenvernichtung zugeführt wurden. Hinter all diesen Menschen stehen große und kleine Geschichten. Hinter jedem Namen verbirgt sich ein Schicksal und mit jedem Verschwinden geht für mich die Verpflichtung einher, dafür einzutreten, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Gegen das Vergessen lesen und schreiben – eine meiner Lebensmissionen.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

Und doch denke ich manchmal nicht vollständig, sondern versehentlich lückenhaft, übersehe manche Details und Nuancen im Grauen, die bemerkenswert sind und den ganzen Schrecken eines solchen Systems auch aus anderen Perspektiven beleuchten können. Allzu fokussiert ist oft der Blick und so kommt es, dass man sogar vor Ort bei einem Besuch des Krematoriums der KZ-Gedenkstätte Dachau eine große Gedenktafel übersieht, die eigentlich nicht zu übersehen ist.

Und selbst wenn man sie bemerkt, dann fügt sie sich nicht in den Kontext dieses Lagers, sondern scheint isoliert und für sich zu stehen. Vielleicht, weil die Geschichten, die sich hinter ihr verbergen auf den ersten Blick exotisch wirken. Auf den zweiten Blick jedoch öffnen sie die Tür zu einer bisher fast völlig unbekannten Facette des Zweiten Weltkriegs. Einer Facette, die viele Menschenleben gekostet hat, die es aus Sicht aller am Krieg beteiligten Nationen schon aus völkerrechtlicher Sicht nie hätte kosten dürfen.

Die Gedenktafel in der KZ-Gedenkstätte Dachau erinnert an weibliche Angehörige des britischen Geheimdienstes, die bei ihrem Einsatz hinter den feindlichen Linien von der Gestapo festgenommen, brutal verhört und über das ganze Deutsche Reich verteilt wurden, um sie in einer sogenannten „Nacht-und-Nebel“-Aktion für immer verschwinden zu lassen.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

Von diesen weiblichen Agenten, ihren tapferen Einsätzen, ihrem Untergang und der Frau, die diese wagemutige Aktion koordinierte, handelt das gerade erschienene Buch von Arne Molfenter und Rüdiger Strempel, die sich durch wahre Aktenberge bisher streng geheimer Dokumente recherchieren mussten, um die ganze Komplexität dieser scheinbaren Randgeschichte des Zweiten Weltkrieges greifbar zu machen. Und doch ist sie viel mehr. Für die Betroffenen und Angehörigen ist sie DIE Geschichte von tapferen Frauen im Kampf gegen den Nationalsozialismus.

Die spannende Dokumentation Der Finsternis entgegen – Die wahre Geschichte der Vera Atkins und ihrer wagemutigen Agentinnen (DuMont Buchverlag) wird dem Titel des Buches absolut gerecht. Es ist der Wahrheit verpflichtet, methodisch in jedem einzelnen Kapitel nachvollziehbar und schmerzhaft authentisch. Veröffentlicht werden ausschließlich gesicherte Details, die im Crossover-Verfahren durch mehrere Quellen belegt werden konnten und es spart Interpretationen und reine Spekulationen aus.

Akribisch könnte man es nennen. Ein reines Sachbuch könnte man sagen, und doch gelingt den beiden Autoren eine Konstruktion, die den Atem mehrmals stocken lässt. Sie beleuchten absolut alle Aspekte, die letztlich zur Etablierung der weiblichen Agenten im britischen Geheimdienst führten, analysieren perfekt die Entwicklung bis zum Ausbruch des Krieges und werfen dabei ein ganz besonderes Augenmerk auf die Gratwanderung, die das sogenannte Ministerium für unfeine Kriegsführung in einem Land zu bewältigen hatte, das vom „Fairplay-Gedanken“ geleitet wird. Sabotage und Unterwanderung waren in den offiziellen Führungskreisen der Armee verpönt.

Und dann noch Frauen. Unvorstellbar.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

„Der Finsternis entgegen“ ist im eigentlichen und tiefen Sinn die Geschichte der Vera Atkins, ihrer weit verzweigten Lebensgeschichte und ihres Aufstiegs im Geheimdienst seiner Majestät. Sie wird zur Koordinatorin und zum Führungsoffizier für insgesamt 39 Agentinnen, die angeworben wurden, um in den Reihen der französischen Resistance die Landung der Alliierten am D-Day 1944 vorzubereiten. Dabei öffnen die Autoren alle verfügbaren Akten, Vernehmungsprotokolle und Dokumente, die Zeugnis über die harte Ausbildung, die Motivation und den Einsatz dieser Frauen ablegen.

Und hier beginnt dieses Buch sich deutlich zu wandeln. Es wird höchst persönlich. Es schafft eine sehr emotionale Bindung, weil wir einige dieser Agentinnen auf ihrem langen Weg begleiten dürfen. Von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Einsatz hinter den feindlichen Linien. Wir werden Zeugen von aufopferungsvollen Kämpfen, schweren Fehlern, Verrat und einem heftigen Schlagabtausch mit der Spionageabwehr der Nazis. Und immer mittendrin, Vera Atkins, die alles versucht, um ihre „Mädchen“ aus der Ferne zu beschützen. 13 von ihnen werden nie wieder nach Hause zurückkehren.

13 junge Frauen werden enttarnt, verhaftet, gefoltert, verhört und als illegale Agenten einer sogenannten „Sonderbehandlung“ zugeführt. Man lässt sie spurlos verschwinden. Vera Atkins begibt sich nach Kriegsende auf die Suche nach diesen Frauen, die bei Nacht und Nebel der Finsternis entgegen getrieben wurden. Ihre Spuren führen von Gefängnissen der Gestapo über Transportlisten der Bahn bis zum unvorstellbarsten Ort, den sich Vera Atkins auch nur ausmalen konnte. Konzentrationslager.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen – Vielschichtiger Blick in die Vergangenheit

Weit entfernt und entrückt scheint die Geschichte dieser Frauen. Weit entfernt und vor 70 Jahren kämpften sie mit allem was sie hatten, um ihren Soldaten den sicheren Weg an die Strände der Normandie zu ebnen. Und doch wird Geschichte greifbar und rückt nah an den Leser heran, wenn man bei der Zugfahrt nach München plötzlich von einer Zugfahrt nach München liest. Wenn man dann ein letztes Umsteigen bezeugen kann und die letzten Kilometer nach Dachau verfolgt. Hier endet der Weg einiger dieser Agentinnen. Hier endet auch die Spur von Noor Inyayat Khan, einer jungen Frau mit indischen Wurzeln, die als britische Agentin von der Gestapo in Frankreich enttarnt wurde und nun Der Finsternis entgegen fährt.

Hier fühle ich die Geschichte, hier verführt sie mich, meine Augen zu öffnen und wahrzunehmen, was ich vorher übersah.

Eine Gedenktafel im Krematorium der KZ-Gedenkstätte Dachau, die an drei dieser Agentinnen erinnert, die in einer Septembernacht des Jahres 1944 hier auf brutale Art und Weise hingerichtet wurden. Bei Nacht und Nebel. Ganz in meiner Nähe. An einem Ort, an dem man nie nach Opfern suchen würde, die diesen Weg hinter sich haben. In England ausgebildet, in Frankreich eingesetzt, verraten und an die schrecklichsten Orte der Finsternis deportiert.

Vera Atkins bleibt nur, all diese Wege nachzuvollziehen, um den Angehörigen ihrer Agentinnen traurige Gewissheit zu verschaffen. Ihr bleibt nur, immer wieder darüber nachzudenken, welche Fehler im Einsatz gemacht wurden und sich pausenlos die Frage zu stellen, was eigentlich Gerechtigkeit ist. Besonders angesichts der Prozesse gegen das Personal der Konzentrationslager, die sie mitverfolgen muss. Uns bleibt nur zu lesen und mit wachem Auge für die Vergangenheit Wahrheiten im wahrsten Sinne des Wortes wahrzunehmen.

Ach Noor….

Eine literarische Spurensuche

Eine Spurensuche in Dachau für Literatur Radio Bayern. Hören Sie selbst

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Recherchieren Sie selbst. Erstaunliches bleibt erhalten, was sonst vergessen würde.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

Auch hier sprechen Bücher miteinander. Der Weg nach Ravensbrück, die Folter in den Kellern der Gestapo in Fresnes und die markerschütternden Schreie, die sie hörte, verbinden Mopsa Sternheim mit den deportierten Widerstandskämpferinnen aus dem Buch Der Finsternis entgegen“. Sie waren zur gleichen Zeit am gleichen Ort und es ist wahrscheinlich, dass sie sich nur durch ihre qualvollen Schreie begegneten.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer – Hoffmann und Campe

Die Poesie der Hörihkeit von Lea Singer – Mopsa Sternheim mit 12

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3 Gedanken zu „[Gegen das Vergessen] – Der Finsternis entgegen

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