Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

„Dann erzähle mir“, sagte er, „was als Nächstes geschieht…“

Bis ans Ende der Geschichtewollen wir uns immer gerne lesen. Bis ans Ende der Geschichte treibt uns die Neugier an, und doch stellen wir so oft in unserem Leben fest, dass genau dieses Unterfangen von trauriger Aussichtslosigkeit geprägt ist. Denn, wo fängt etwas an und wo endet es? Kaum glauben wir, eine kleine Spur zu jenem Tag gefunden zu haben, der den Beginn von allem darstellt, da entgleitet er uns auch schon wieder und wir reisen weiter.

Jodi Picoult möchte ihre Leser auf eine solche Lesereise entführen. „Bis ans Ende der Geschichte“ möchte sie uns tragen und dabei hat sie sich einen Rahmen für ihren neuen Roman, gerade erschienen im C. Bertelsmann Verlag, gewählt, der schon beim Lesen der ersten Kapitel verdeutlicht, dass die Aussichtslosigkeit des Unterfangens auch hier extrem spürbar wird. Wo fängt es denn eigentlich an, wenn wir uns bis zum Ende vortasten? Wie ein Damoklesschwert hängt eine Frage über dem gesamten Roman:

„Dann erzähle mir“, sagte er, „was als Nächstes geschieht…“

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Was bei Picoult einfach beginnt, ist lesend nicht zu unterschätzen. Eine greifbare und alltägliche Situation lädt zum Einsteigen in diesen Roman ein, doch wer denkt, an Bord eines Unterhaltungs-Passagier-Leseschiffs zu sein, wird schnell realisieren, dass sich über ihm die Luke eines U-Bootes schließt, das von der ersten Seite an sowohl an Fahrt als auch Tiefe gewinnt.

„Bis zum Ende der Geschichte“ tauchen wir tief in eine Handlung ein, die in ihrer Dynamik und Vielschichtigkeit alle Gefühle einer emotionalen Tauchfahrt der Erkenntnis aber auch des Schreckens erzeugt. Wir müssen in die Vergangenheit reisen, um das Hier und Jetzt in den Kontext einer ganz persönlichen Geschichte setzen zu können, die schon in der Gegenwart von Verletzungen und Verlust geprägt ist.

Unsere Lese-Reise beginnt im New Hampshire unserer Tage. Unser Ziel ist der Holocaust. Auschwitz. Ein Ziel von dem Sage Singer nicht den Hauch einer Ahnung hat, als sie einem Mann begegnet, der ihr Leben verändert. Sage ist gezeichnet von Verlust, vernarbt an Körper und Seele, traumatisiert und ihr ganzes Leben ist geprägt von ihren Verletzungen.

Den Vater früh verloren, die Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen, den Sage überlebte. Eine Narbe im Gesicht – die ewige Erinnerung. Ein Leben in der Dunkelheit, weil sie überlebte. Selbstvorwürfe.

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

„Dann erzähle mir“, sagte er, „was als Nächstes geschieht…“

Sage flieht in ihre selbst gewählten geschützten Räume. Sie wird Bäckerin, arbeitet, wenn andere schlafen und schottet sich privat völlig ab. Liebe findet sie nur gebraucht, aber nicht neu und exklusiv und drei Jahre lang versucht sie, die Schatten des Unfalls abzustreifen. Eine Gruppentherapie soll für sie zur Fluchttür ins normale Leben werden. Erfolglos. Zu tief ist der Schmerz verankert. Zu groß sind die Vorwürfe, die sie sich als Überlebende des Unfalls macht. Und doch lernt sie Menschen kennen, deren Verluste ebenso schwer wiegen. Nie zu verarbeiten sind und wie ewige Kriege in ihnen toben.

Über 90 Jahre alt ist der Mann, dem sie in diesen Sitzungen zufällig begegnet. Josef Weber spricht kaum, beteiligt sich nicht an den Gesprächen und doch kommt es zur ersten tiefen Begegnung zwischen der jungen Frau, deren Leben in jeder Beziehung aus dem Gleichgewicht geraten scheint und dem alten Mann, der Hilfe sucht. Und das genau bei ihr!

Sage Singer soll ihm beim Sterben helfen – AKTIV. Denn genau dazu scheint Josef Weber nicht in der Lage zu sein. Als sei das Leben seine Strafe. Als er Sage den wahren Grund für seine Bitte erklärt, wird sie in eine andere Zeit und in einen tiefen Gewissenskonflikt geschleudert, der ihr Leben noch mehr durcheinanderbringt. Sie sieht sich einem der leibhaftigen Monster des Holocausts gegenüber, das nun allen Ernstes von ihr erwartet, Vergebung und Erlösung in Form von aktiver Sterbehilfe zu erfahren. Ausgerechnet von ihr.

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

„Dann erzähle mir“, sagte er, „was als Nächstes geschieht…“

Jodi Picoult konfrontiert ihre Leser mit einem für die Autorin eher ungewöhnlichen Thema. Aus einer sehr persönlichen Geschichte über Trauer und den Umgang mit Verlust wird urplötzlich und ohne Vorwarnung ein tief angelegter Roman über die Schrecken des Holocausts. Und wer Picoult kennt, der weiß, dass sie Klartext schreibt, wenn sie schreibt. Die Grenzen des Unerträglichen werden greifbar und am Beispiel von Josef Weber schreibt sie sich in die Perspektive eines Nazis, der in Auschwitz alles auf sich geladen hat, was wir uns unter Verbrechen im Genozid vorstellen.

Picoult konfrontiert zwei Menschen miteinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide gezeichnet, beide von Narben lebenslang gezeichnet, nur, dass es bei Josef Weber die eintätowierte Blutgruppe der SS ist. Ihre Geschichten verbinden sich zu einer großen Geschichte. Sie mündet in eine Vergangenheit, die dieser Begegnung alles Zufällige raubt. Jodi Picoult wirft Fragen von Schuld, Verantwortung, Sühne und Vergebung auf und lässt uns tief in die gesellschaftliche Problematik eintauchen, wie man heute mit Nazi-Verbrechen moralisch und juristisch umgeht.

Und letztlich präsentiert sie einen Nazi-Täter, der sich in dieser abolut präzisen Schilderung auch im Roman von Jonathan Littell Die Wohlgesinnten wiederfindet. Den ganz normalen Menschen, der weder Monster noch brutaler Schlächter ist, sondern sich in einem System zu einem blutigen Zahnrad verwandelt, das funktioniert, ohne Empathie zu fühlen. Ein Zahnrad, das ewige Spuren hinterlässt und unheilbare Furchen im Leben der Opfer, ihrer Familien und Nachfahren schlägt.

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Picoult überrascht mit ihren Wendungen innerhalb der Geschichte. Sie bringt lose Handlungsfäden zusammen und webt aus ihnen einen Wandteppich der Geschichte. Dabei darf es auch nicht überraschen, dass ihre Beschreibungen der Verbrechen in Auschwitz mehr als drastisch sind. Dabei darf es nicht überraschen, dass sie tief in die Psychologie ihrer Protagonisten eintaucht, da nur diese erzählerische Empathie die Plausibilität der Geschichte trägt.

Es ist ein Risiko, einen Roman zu verfassen, der sich im Kern seiner Handlung mit dem Holocaust auseinandersetzt. Viele Schriftsteller, die dies wagen, passen den Schrecken des industriell organisierten Massenmordes an die Belange ihrer Handlung an und lassen ein KZ zur puren Kulisse verkommen. Picoult hat diese Gefahr gemeistert und legt einen Roman vor, der sich intensiv mit der Bewältigung dieses Ur-Schreckens auseinandersetzt und einzelne Schicksale beleuchtet. Sie schlägt eine Brücke bis in unsere Zeit. Und diese Brücke trägt.

„Dann erzähle mir“, sagte er, „was als Nächstes geschieht…“

Dieser Schlüsselsatz aus dem Roman sollte uns eigentlich „Bis ans Ende der Geschichte“ tragen. Man wird ihn so schnell nicht vergessen, weil er für alles steht, was wir in Picoults Geschichte erlesen und erleben. Wo ist ein Anfang und wo ist ein Ende? Kann man mit Schuld leben, kann man mit Verlust leben? Wo sind Grenzen und Gemeinsamkeiten und wie kann man jemals verarbeiten, was nicht zu verarbeiten ist? Picoult beantwortet diese Fragen und schreibt ganz nebenbei und doch nicht nebenbei ein Buch im Buch, das ein Leben gerettet hat, weil es diese Frage aufwarf:

„Was geschieht als Nächstes?“

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Ein Kritikpunkt richtet sich gegen den Klappentext und die Buchbeschreibung auf den offiziellen Verlagsseiten. Im Unterschied zur englischen Originalfassung wird hier etwas vorweggenommen, das der Leser erst kurz vor Ende des Romans erfährt.

Lest bitte das Buch. Lest auf keinen Fall den Klappentext. Er ist in der Lage, einen der wichtigsten psychologischen Wendepunkte des Romans zu spoilern!

(Siehe dazu auch meinen Beitrag und die Diskussion auf AstroLibrium-Facebook)

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Landezone der Artikelspringer im Advent 2015

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