Die Insel von Armin Greder – Ein Buch, das Leben retten kann

Die Insel von Armin Greder

Die Insel von Armin Greder

„Am Morgen fanden die Inselbewohner einen Mann am Strand,
da wo Meeresströmung und Schicksal
sein Floß hingeführt hatten.
Er stand auf,
als er sie kommen sah.

Er war nicht wie sie.“

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Diesen gestrandeten Mann, der vom Schicksal an den Strand „unserer Insel“ gespült wurde, sehen wir gerade tausendfach in allen Medien. Er ist alles: Kind, Bruder, Frau, Mann, Schwester, Greis und Baby. Aber vor allem ist er eines: Mensch. Unbewaffnet, nackt, abgemagert und fern seiner Heimat. Und sofort fühlt er sich wie ein Fremder, wie eine Gefahr auf der rettenden Insel. Diese Erkenntnis reift schnell.

Er war nicht wie sie.

Als ich das Bilderbuch „Die Insel“ von Armin Greder aufschlug, durchzuckten mich viele Gedanken. Ich fühlte sofort, dass mir die Geschichte dieses Mannes einen Spiegel vor Augen halten würde, der tagesaktueller und brisanter nicht sein kann. Ich spürte, wie sich das Schicksal aller Flüchtlinge dieser Welt zu einer abstrahierten Geschichte eines Einzelnen verdichtete, die das Geschehen der letzten Wochen derart eindringlich und emotionslos beleuchtet, dass ich mir immer wieder vorstellte, wenn es dieses Buch nicht gäbe, es müsste erfunden werden.

Er war nicht wie sie.

Die Insel von Armin Greder - AstroLibrium

Die Insel von Armin Greder – AstroLibrium

Wenn nur ein einziges Buch über Flüchtlinge jemals punktgenau im Bewusstsein des Lesers landete, dann dieses. Wenn ein Buch über das Schicksal eines Menschen in Not je den Kern der Realität abzubilden vermag, dann dieses. Wenn ein Buch über die glückliche Ankunft auf einer rettenden Insel jemals den Anspruch erheben darf, allen Flüchtlingen dieser Welt gerecht zu werden, dann dieses. Wenn es einem Buch gelingt, die soziologischen Automatismen von Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit so greifbar zu veranschaulichen, dass man sie beim Lesen aktueller Schlagzeilen immer vor Augen hat, dann diesem.

Er war nicht wie sie.

Dieses Anderssein reicht den Bewohnern der Insel aus. Es ist völlig ausreichend, sich hinter einer pauschalen Aussage und den gewachsenen Vorurteilen zu verstecken, um kollektive Ablehnungshaltungen zu erzeugen. Und doch gibt es in einer solchen verschworenen und geschlossenen Gemeinschaft immer wieder diese Gutmenschen, die an die Menschlichkeit ihrer Mitbewohner appellieren. Die versuchen, die Meinung zu ändern, Vorurteile abzubauen und dabei selbst riskieren, Kopf und Kragen zu verlieren.

Er war nicht wie sie.

Die Insel von Armin Greder

Die Insel von Armin Greder

Diese Gutmenschen sehen wir auch heute in allen Nachrichten. Sie sind es, die ebenso heftig beschimpft werden, wie die Flüchtlinge selbst. Sie sind es, die ebenso mit Vorurteilen konfrontiert werden, wie die hilflosen Menschen, die einfach nur Schutz und Essen suchen. Diesen Gutmenschen mag es gelingen, die Geschichte für einen kurzen Moment anzuhalten, ihr ein anderes Gesicht zu verleihen, eine Gemeinschaft davon zu überzeugen, einem notleidenden Menschen eine reale Chance zu geben. Doch letztlich haben sie immer das Gefühl, ebenso allein zu stehen, wie der Flüchtling für den sie sich einsetzen. Denn während der Gutmensch fast alles in die Waagschale wirft, um seine Menschlichkeit zu beweisen, werden im Hintergrund die Messer gewetzt.

Er war nicht wie sie.

Daran ändert der Gutmensch gar nichts. Integration und gemeinsame Wege müssen gewollt sein. Sie lassen sich nicht von humanistisch geprägten Minderheiten erzwingen. Im Hintergrund rasseln die Säbel, kursieren die üblen Gerüchte und werden die Bilder verbreitet, für die es zwar keinen Beleg gibt, aber Mobbing gegen Fremde ist so leicht. Und man steht so gut da in der tumben Masse.

Er war nicht wie sie.

Denn letztlich reichen die Vorurteile und der Querschnitt aller Ablehnungen, um zu zeigen, wie die ach so sozial geprägte Gemeinschaft denkt, wie sie sich Fremdkörpern gegenüber positioniert und warum sie sich hinter der Angst versteckt, selbst etwas zu verlieren, wenn man einem anderen hilft. Der Gutmensch und der Flüchtling haben fast keine Chance gegen das dauerhafte Geschrei der Masse. „Ich habe nichts gegen ihn, aber…“ und „Da wo der herkommt sind doch alle kriminell…“ – Sätze, die nichts aussagen. Sätze, die unschuldig klingen, wie „Man wird doch noch sagen dürfen…“

Er war nicht wie sie.

Die Insel von Armin Greder

Die Insel von Armin Greder

Aber es sind Sätze, die jene Gewaltbereiten aufmuntern, tätig zu werden, weil sie sich schließlich im Konsens mit der Masse wähnen. Bilder, die uns heute nur zu bekannt vorkommen. Dieses Buch über eine Insel ist so zeitlos, wie man es sich nur wünschen darf. Es zeigt uns deutlich, auf welcher Seite wir nicht stehen wollen, aber auch, wie schwer es ist, sich zu erheben und zu den Anständigen zu gehören. „Die Insel“ ist ein episches Mahnmal für alle Flüchtlinge in der Geschichte der Menschheit, weil Flüchtlingsschicksale niemals anders aussahen. Nie waren sie willkommen, immer bestand die Gefahr, dass es ihnen besser gehen könnte als den Menschen, die ihnen Schutz gewähren.

Und wenn kein Gerücht mehr half, wenn alle Vorurteile versiegten, dann blieb immer noch das ewig währende “Er war anders als sie“.

Die Insel“ von Armin Greder wurde bereits im Jahre 2002 erstmals veröffentlicht. Der Sauerländer Verlag kommt mit dieser Publikation zum einzig richtigen Zeitpunkt auf den Markt, denn dieses Buch kann dabei helfen, dass die Mauern auf der Insel nicht zu hoch in den Himmel wachsen. Es kann dabei helfen, dass sie überwindbar bleiben und die wenigen Aufrechten Mittel finden, gegen die Automatismen der blinden Ablehnung eigene Automatismen der Menschlichkeit zu entwickeln.

Er war nicht wie sie.

Die Insel von Armin Greder

Die Insel von Armin Greder

Das sollte der beste Grund sein, jemandem zu helfen. Selbstlos, ohne Vorbehalte und in aller Aufrichtigkeit. Lest „Die Insel“ und schaut euch die unglaublichen Illustrationen an. Sie spulen ihren eigenen Film vor eurem geistigen Auge ab. Einen Film, den ihr gerade täglich seht. Und allein das Erkennen dieses einzelnen Schicksals lässt uns verstehen, was wir Menschen zu tun haben.

HELFEN….

Blogger für Flüchtlinge - Zur Homepage

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Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Initiative „Blogger für Flüchtlinge„. Hier werden Hilfsangebote und -möglichkeiten aufgezeigt, koordiniert und veröffentlicht. Es ist so leicht, die Augen nicht zu verschließen und aus einer Insel voller Mauern eine wahre Rettungsinsel zu machen.

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PS: Menschen, die sich in den letzten Tagen für Flüchtlinge einsetzen und ihnen helfen, werden in der medialen Öffentlichkeit als „Gutmenschen“ beschimpft. Hierbei bedient sich der dumpfe Mob eines Begriffes, der genau das Gegenteil dessen aussagen soll, was der Wortsinn hergibt. Ich lasse mich jedoch gerne als Gutmensch beschimpfen. Ich trage den Begriff in seinem wörtlichen Sinn vor mir her und weiß, wer mich beschimpft. Es sind die Gleichen, die auf der Insel die Mauern errichten und Flüchtlinge vertreiben.

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2 Gedanken zu „Die Insel von Armin Greder – Ein Buch, das Leben retten kann

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