Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

“Jetzt ging er auf die Achtzig zu und lebte allein in Dorset. Seine Frau Betty war tot, aber zuhause plauderte er immer noch häufig mit ihr. Er hatte einen wachen Geist und wache Augen und war ein reizender Mensch. Immer gewesen.

Ein Mann, dessen vornehmes Leben gradlinig und glücklich verlaufen war.“

Ein untadeliger Mannalso, mit dem wir es hier augenscheinlich zu tun haben. Ein Mann ohne Fehl und Tadel, der umgänglich scheint und in seinem bisherigen Leben mit hellwachem Geist und reizender Gradlinigkeit gesegnet war. Untadelig im wahrsten Sinne des Wortes, und damit ein für mich in besonderer Weise beneidenswerter Mann, den mir die britische Autorin Jane Gardam in ihrem bei Hanser erschienenen aktuellen Roman vorstellt, und dem ich sehr bereitwillig durch die vielen untadeligen Jahre seines Lebens folge.

Und doch beginnt mich das „WAR“ in diesem Zitat zu stören. Der Blick ist in die Vergangenheit gerichtet, so als sei dies alles nicht mehr. Ist er noch untadelig? War er es je und nun drängt die verdeckte Realität der glücklichen Jahre ans Licht? Erlebe und erlese ich einen Mann, der mir als Vorbild dienen kann, oder zeigt uns der Blick in den Zerrspiegel des Lebens einen gänzlich anderen Charakter? Mit Spannung und Neugier begann ich mich aufmerksam durch einen tief angelegten Erzählraum zu bewegen, der mich in seiner Vielfalt begeistern sollte.

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

„Nach Bettys Tod hörte Old Filth auf zu kokettieren. Sein Leben stürzte ein. Es wurde umständlicher. Er begann, zunächst langsam, die Deckel von vergangenen Ereignissen zu heben, die er als vernünftiger Mann mit gebildeten Freunden (er war Anwalt… der Krone gewesen) bislang geschlossen gehalten hatte.“

Distinguiert, würde man ihn nennen. Jenen ehemaligen Kronanwalt und Richter des Britischen Empires, der in der Kronkolonie Hongkong deutliche Spuren hinterlassen hatte. Er blickt zurück auf eine bewegte Zeit, jener Edward Feathers, der nun seine Spuren in meinem Lesen hinterlässt. Old Filth – ein Spitzname, der ihm geblieben ist. Besonders in Anwaltskreisen und obwohl er eigentlich wenig schmeichelhaft scheint, Edward Feathers hat was draus gemacht.

„Failed In London Try Hong Kong“ – Wer in London versagt hat, konnte es ja noch in der Kronkolonie versuchen. Zumindest als Anwalt oder Richter kann man dort Karriere machen. Zumindest, wenn man das moralisch-geistige Erbe der Britischen Monarchie repräsentiert und Gesetze zur Anwendung bringt, die den Machtanspruch des Empire mit Zähnen und Klauen verteidigen. Recht sprechen hat damit nicht immer etwas zu tun. Und Old Filth hat sich dort durchgesetzt. Sich einen Namen gemacht. Sein Ruf war tadellos. Sein Innenleben erzählt uns eine andere Geschichte, wenn wir ihm nur gut genug zuhören. Sein Altersruhesitz in Dorset ist von innerer Unruhe geprägt!

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

“Filth hatte Menschen zum Tode verurteilt. Hatte miterlebt, wie Unschuldige verurteilt wurden. Als Kronanwalt schätzte er, dass die Hälfte seiner Fälle zu falschen Urteilen geführt hatte. In Hongkong lebten die Richter in einer Enklave von Palästen hinter Tag und Nacht bewachten Stadttoren.“

Ein untadeliger Mann also. Es scheint, wie in jeder Geschichte, auch hier nur auf die Perspektive anzukommen. Untadelig im Sinne seiner Majestät. Untadelig auch im Sinne der Unterdrückung einer Mehrheit von Menschen durch eine Minderheit an Autoritäten. Ohne Fehl und Tadel, zumindest was die berufliche Vita eines Richters in einer fremden Kultur betrifft. Das Bild von Old Filth beginnt schon in den ersten Kapiteln zu wanken. Und nicht nur der Leser beginnt hellhörig zu werden und zwischen den Zeilen zu lesen.

Auch Edward Feathers selbst gesteht sich in seiner Einsamkeit einen völlig neuen Blick auf sich selbst zu. Hatte seine geliebte Betty nicht alles fein sauber im Griff? Hat sie nicht sein Leben mitorganisiert und entsprechend der Erwartungen an seinen Beruf für ein makelloses Image gesorgt? Hatte nicht der andere Kulturkreis den beiden so viel abverlangt, dass man gar nicht realisierte, wie künstlich das eigene Leben aufgebaut war? Nun ist Betty nicht mehr. Die gute Seele an seiner Seite hinterlässt nicht nur ein Loch, sie hinterlässt ein ganzes niemals reflektiertes Leben.

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

„Jetzt ist es passiert“, „es ist geschehen“, „kühlen Kopf bewahren“, sagte die Seele zum Körper. Steif kniete er neben Betty nieder und sah sich selbst dort knien, ihre Hand nehmen, sie küssen und sie an sein Gesicht legen. Weder sein Körper noch seine Seele hatten den geringsten Zweifel, dass sie tot war. Weg. Passiert. Vergangen. Vorbei.“

Jane Gardam erzählt hier nicht von einem Hundertjährigen, der aus dem Fenster springt und verschwindet. Sie stellt uns einen eloquenten Menschen vor, der bis zu diesem Wendepunkt in seinem Leben dem eigenen Rollenbild allzu sehr entsprochen hat. All die offenen Fragen, die lange im Hintergrund loderten, wurden immer vom Alltag überdeckt. Alle Probleme, die auftraten, einfach durch gute schauspielerische Leistung übertüncht. So lange, bis sie nicht mehr spürbar waren.

Und es sind viele Fragen offen in diesem Leben. Die eigene Herkunft, die Kindheit und Jugend, seine strenge Erziehung und Prägung fern vom Elternhaus. Die fehlende Zuneigung des Vaters, der frühe Tod seiner Mutter im Kindbett, das Abschieben nach England, tiefe Bindungen und Leidenschaften, die dort entstanden. Die Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen, der Druck, immer entsprechen zu müssen, die Konventionen, denen er nicht entfliehen kann und die Leidenschaft, die nie erwidert wird.

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

Ein ganzer Kosmos der Vergangenheit öffnet sich Old Filth in diesen sehr lichten Momenten der Einsamkeit, in denen ihn die Trauer um „seine“ Betty übermannt. Als sein größter Feind und Kollege aus Hongkong plötzlich sein Nachbar wird, reift in ihm der Entschluss, seinem eigentlichen Leben auf die Spur zu kommen. Es ist nie zu spät, die eigenen Wurzeln auszugraben, auch wenn dies ein sehr schmerzhafter Prozess ist und Dinge ans Tageslicht bringt, die man nie vermutet hätte. Auch über Betty…

„Filth fuhr die Einfahrt hinunter und Richtung Zukunft.“

Ein untadeliger Mann“ besteigt unsicher sein Auto und beginnt die Reise zu sich selbst. Großartig erzählt, dicht und authentisch, versnobt und typisch britisch, bis der Vorhang fällt. Manchmal humorvoll und oftmals traurig, detailreich und bildhaft bringt uns Jane Gardam eine Epoche der Weltgeschichte und damit auch einen besonderen Mann nahe, mit dem wir allerdings an keiner Stelle dieses Romans tauschen wollen. Der uns aber verschmitzt anzulächeln scheint, als wolle er sagen:

Du bist auch nicht so untadelig, wie du scheinst… Oder?

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Und was kommt da auf uns zu? Na, ich bleibe am Ball….

Die Fortsetzung „Eine treue Frau“ lässt nun endlich Betty zu Wort kommen.

Eine treue Frau - Jane Gardam - AstroLibrium

Eine treue Frau – Jane Gardam – AstroLibrium

Das Finale folgt im Oktober 2016 mit einem Knalleffekt. „Letzte Freunde„.

Ein untadeliger Mann - Old Filth - Die Trilogie von Jane Gardam

Ein untadeliger Mann – Old Filth – Die Trilogie von Jane Gardam

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3 Gedanken zu „Ein untadeliger Mann von Jane Gardam

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