Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley

Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley

Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley

“Ein gutes Buch sollte etwas Einfaches an sich haben. Und wie Eva sollte es von irgendwoher aus der Nähe der dritten Rippe kommen: Es muss Herz in ihm schlagen. Eine Geschichte, die nur geistreich ist, zählt nicht allzu viel.“

Das Rezept scheint also recht einfach zu sein und stellt keine neue Zeiterscheinung dar. Herzensbücher werden von und für Herzensmenschen geschrieben. Alles andere wirkt manieriert und aufgesetzt. Aber Hand aufs Herz! Bei wie vielen Büchern spürt man dieses Herzblut? Bei wie vielen Büchern drängt sich der Verdacht auf, sie seien aus der Nähe der dritten Rippe gekommen? Es sind nicht viele. Zumindest nicht im Vergleich zu den exorbitant hohen Zahlen publizierter Werke.

Das Haus der vergessenen Bücher von Christopher Morley ist ein solches Buch aus dem Herzen für das Herz. Ein Werk aus dem Jahr 1919, das bibliophile Menschen im Kern ihres Lesens berührt. Eine Reise in das Brooklyn der Vergangenheit und eine Reise in eine Buchhandlung, die wir heute noch so gerne besuchen würden. Eine Reise zu Roger Mifflin, einem Buchhändler, der sich eher als Therapeut versteht und die Welt mit Büchern retten möchte. Unvergessen, seine Buchhandlung „Parnassus“.

Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley

Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley

“Hier spukt der Geist der großen Literatur. Wir verkaufen keine Fälschungen und keinen Schund. Bücherfreunde sind willkommen. Wir haben, was sie wollen. Auch wenn Sie nicht wissen, was sie wollen. Geistige Unterernährung ist ein ernstes Leiden. Wir haben die richtige Medizin für Sie.”

So haben wir die Mifflins kennengelernt. Roger und Helen, ein wenig skurril, aber durch und durch liebenswert, menschenfreundlich und als perfekt eingespieltes Team in der Welt der Bücher. Ab und an wird angedeutet, wie ihr gemeinsamer Weg begann. Ab und an blitzt ein wenig Wehmut an die alte Zeit durch, und in diesen emotionalen Momenten lebt der Traum von einer fahrenden Buchhandlung wieder auf. Ein Traum, den beide allerdings bereits gelebt haben.

Denn der Name ihrer Buchhandlung „Parnassus“ steht für nichts anderes, als für eine mit Büchern gefüllte Kutsche, mit der man über Land fährt, um die freie Welt für freie Bücher zu begeistern. Hier kommt der Berg zum Propheten, weit bevor Amazon darüber nachgedacht hat, seine Bücherlieferungen mittels einer Drohne durch die Welt zu schicken. Roger Mifflin ist auch hier der Pionier des modernen Buchhandels. Aber das war eine andere Geschichte, wie wir im „Haus der vergessenen Bücher“ leider akzeptieren mussten. Doch das hat nun ein Ende, denn Morley ist wieder da:

Eine Buchhandlung auf Reisen beginnt ihre bibliophile „Sentimental Journey“.

Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley

Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley

Und jetzt jauchzt das Herz, es setzt schrittweise aus und schlägt bibliophilen Alarm, denn wie aus dem literarischen Nichts meldet sich der schon lange verstorbene Autor Christopher Morley erneut zu Wort und erzählt uns eine Geschichte, auf die wir selbst bei größtem literarischen Optimismus nicht mehr zu hoffen gewagt haben. Er nimmt uns erneut an die Hand und reist zurück in die Vergangenheit, und mit unserer vom Atlantik Verlag fein sauber gebundenen Buch-Zeitmaschine landen wir an genau jenem Tag, an dem die Lebenswege von Roger und Helen sich zum ersten Mal berührten.

Und an genau diesem Tag prallen zwei Welten aufeinander, zumindest wenn es darum geht, den Stellenwert der Literatur für das eigene Leben zu bewerten. Für den Einen sind seine Bücher Lebensinhalt und –philosophie zugleich. Er fährt mit seinem „Parnassus“, einer fahrenden „Buchhandlungs-Kutsche“ von Farm zu Farm, um die Menschen mit ihrem zukünftigen Glück in Buchform zu konfrontieren. Roger Mifflin, ein Missionar in Sachen geschriebenes Wort.

Für die Andere jedoch ist die Literatur eher etwas Unpraktisches, zwar nicht völlig überflüssig, aber doch zumindest hinderlich, wenn es um die Erfüllung der täglichen Pflichten geht. Helen McGill leidet unter ihrem Bruder, der nicht nur Bücher schreibt, sondern dies auch noch zu allem Überdruss recht erfolgreich zu tun scheint. Dass er darüber hinaus die Arbeit auf der Farm vernachlässigt und seine Schwester einspannt, ist ihr ein zunehmender Dorn im Auge.

Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley

Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley

„Ich habe, wenn ich Zeit dazu hatte, selber ziemlich viel gelesen und will nichts gegen Leute sagen, die Bücher lieben, aber ich kenne viele Menschen, die einmal tüchtig und praktisch waren, aber durch zu viel feines Druckwerk verdorben worden sind.“

Nun steht plötzlich ein Parnassus im Hof und der kleine rothaarige Mann hat einen Plan, von dem Helen aber so gar nicht begeistert ist. Roger Mifflin möchte die Kutsche samt Inhalt an ihren Bruder, den Büchermenschen, verkaufen und dann nach Brooklyn ziehen um sesshaft zu werden. Gefahr im Verzug. Absolute Lesensgefahr sozusagen. Denn Helen ahnt, was ihr passiert, wenn ihr Bruder diese fahrende Buchhandlung mit ihrem Inhalt erwirbt.

„Soweit ich es beurteilen kann, braucht ein Mann, der Bücher gern hat, niemals zu verhungern.“

Das wäre es dann für die Farm – das wäre es dann für ihre Zukunft. Allzu düster ist diese Perspektive, aber Helen wäre nicht Helen, wenn sie nicht einen tollkühnen Plan hätte, um die Bedrohung abzuwenden. Sie schlägt selbst zu, kauft Roger Mifflin den prall gefüllten Parnassus samt Pferd und Hund ab, schreibt ihrem Bruder einen kleinen Brief mit praktischen Hinweisen für sein zukünftiges Leben ohne „Haushälterin“ und stürzt sich selbst in das Abenteuer ihres Lebens. Jetzt geht es nur noch darum, Roger Mifflin in der nächsten Stadt abzusetzen, bevor Helen das Land erobert. Wenn das nur so einfach wäre…

Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley

Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley

Ich meine, wenn es so einfach wäre, sich von Roger Mifflin zu trennen. Denn hier beginnt eine Geschichte, die aus der Nähe der dritten Rippe kommt. Christopher Morley schrieb seinen Lesern erneut mitten ins Herz. Dabei erzählt er eine einfache Geschichte. Eine, die man sich leicht vorstellen und in die man sich gut hineinversetzen kann. So, wie man sich lesend in den „Parnassus“ setzen kann, um die Klassiker der damaligen Literatur zu bestaunen. So, wie man unterwegs Zeuge werden kann, wie es Roger Mifflin gelingt, auch den größten Lesemuffel davon zu überzeugen, doch ein Buch zu kaufen.

Und letztlich verstehen wir, warum Roger und Helen Mifflin schließlich in Brooklyn gelandet sind, um dort gemeinsam… Aber das ist eine andere Geschichte. Es ist die Geschichte vom „Haus der vergessenen Bücher“, die auf ewig mit „Eine Buchhandlung auf Reisen“ verbunden ist. Frei nach meinem Motto: Was der Autor vereint, soll der Leser nicht trennen empfehle ich guten Herzens (also irgendwoher aus der Gegend der dritten Rippe) das Lesen beider Geschichten. In welcher Reihenfolge auch immer.

Sie reihen sich nahtlos in meinen Leseschatz unter der Überschrift „Bücher über Bücher“ ein, dem ich in meiner kleinen literarischen Sternwarte eine ganze Serie von Artikeln gewidmet habe. Wenn sie bisher nicht das Vergnügen hatten, Roger und Helen kennenzulernen, es ist nie zu spät. Sie werden beide lieben und es niemals bereuen, ihnen ein kleines Stück des gemeinsamen Weges gefolgt zu sein. Ein Buch, das ich von Herzen herbeigesehnt habe. Und das wird man ja wohl noch dürfen. Meint auch Roger Mifflin:

Mit einem Klick zur Kategorie Bücher über Bücher

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„Es gibt drei Bestandteile des guten Lebens: lernen, verdienen und sich sehnen. Ein Mann muss sein Leben lang lernen, er muss Brot für sich und andere verdienen, und er muss sich auch sehnen: Er muss sich danach sehnen, das Unergründliche zu wissen.“

PS: Und wer noch den leisen Hauch eines Zweifels an dieser Liebeserklärung hat, der möge sich doch bitte das Buch bei Julia auf Ruby`s Cinnamon Dreams bei Tageslicht zeigen lassen 😉 Hier geht´s lang…. 

Eine Buchhandlung auf Reisen_Christopher Morley_AstroLibrium_7

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22 Gedanken zu „Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley

  1. Pingback: “Das Haus der vergessenen Bücher” von Christopher Morley | AstroLibrium

  2. „Und jetzt jauchzt das Herz..“ JA! Und noch mal JA! Das wird ein Winterlesebuch für mich, ich brauch ein wenig mehr Zeit, aber es ist keine Frage, dass dieser Schatz mich wieder entführen darf!

    Ihr Parnassi, ich komme!!!

    Liebste Grüße
    Bine

  3. Nach kurzer pflichtgeschuldeter Abweichung vom Weg,in tiefster Angst vor Bären und heulenden, drängenden Wölfen hab ich nun doch meinen Weg hergefunden…. wer hätte gedacht, dass Bock seine Reise auf 10 Tage ausweiten würde, bevor er mich zum sicheren Zufluchtsort bringen würde (ja, das ist nun was für die Kenner des Decamerone *lach*, aber du hast es ja so gewollt, nun wird literarisch gemobbt….)

    Nein, Spaß beiseite… was soll ich sagen??? There’s nothing left to say! Lesen im EInklang, gleiche Meinung, Liebe zum Buch – einmaliges Erlebnis – eigentlich schon zum zweiten Mal mit Mr. Morley! Es war mir eine Ehre *knicks*

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