Das Apfelkuchenwunder oder Die Logik des Verschwindens

Das Apfelkuchenwunder von Sarah Moore Fitzgerald - Astrolibrium

Das Apfelkuchenwunder von Sarah Moore Fitzgerald

„Eine liebevolle und zarte Geschichte – mit geheimen Kräften.“ The Telegraph

Dies ist dem Klappentext eines aktuellen Jugendbuchs zu entnehmen, das ich für wichtig halte, das für mich unverzichtbar ist, das mich beim Lesen als Erwachsener wütend, traurig und glücklich gemacht hat und das wohl noch lange in mir nachhallen wird. Wenn ich allerdings den Verfasser der obigen Zeilen in meine Finger bekommen würde, ich wäre versucht, ihm zu erklären, was diese krasse Fehlbewertung mit der Erwartung von Lesern macht, die dieses Buch selbst kaufen oder es gar an Jugendliche verschenken wollen.

Ich würde ihm gerne erklären, dass er dieses Buch von Haus aus entwertet und ihm eine Verharmlosung zur Überschrift gibt, die keiner Zeile des Romans gerecht wird. Ja – dieses Prädikat ist gefährlich. Denn es kann dafür verantwortlich sein, dass man beim Lesen zurückschreckt, weil man nicht erwartet hat, was auf einen zukommt. Ein tiefer Roman voller Botschaften, voller Warnungen vor Falschheit, voller Teufelskreise und letztlich ein bewegender Roman über die zerstörerische Wirkung von Mobbing und einen einzigen Weg, der das eigene Leben retten kann. Wie ich bereits sagte: Für mich ein sehr wichtiges Buch, lieber „The Telegraph – Wörterschmied“.

„Ich bin nicht gestorben. Ich bin nicht tot. Überhaupt nicht. Zugegeben, ich komme mir ziemlich blöd vor wegen der ganzen Sache – ich bin mitten in der Nacht verschwunden, ohne irgendjemandem zu sagen, wo ich hingehe, und alle denken jetzt, ich bin tot, und ich lasse sie in dem Glauben… Ich habe es nicht geschafft, mich umzubringen.“

(Liebevoll und zart…Hallo – Geht´s noch?)

Das Apfelkuchenwunder von Sarah Moore Fitzgerald

Das Apfelkuchenwunder von Sarah Moore Fitzgerald

Sätze eines 14-jährigen Jungen, der wohl keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich selbst verschwinden zu lassen. Sätze eines Jugendlichen, der es nicht geschafft hat, sich umzubringen, obwohl Gründe genug existiert hätten, weil ihm alles über den Kopf gewachsen ist. Sätze, die sehr viele junge Menschen in ihren kurzen Leben schon mal gedacht oder gefühlt haben und deshalb auch Sätze aus einem wichtigen Buch für genau diese Altersgruppe, da es einen Ausweg zeigt.

Aber immer nach dem Motto: Man muss ganz unten sein, und gute Freunde haben, um wieder aufstehen zu wollen. Folgt mir in dieses Buch und lernt Oscar Dunleavy kennen. Aber erst nach der Trauerfeier für ihn, denn Oscar gilt als tot. Und jeder trauert um ihn. JEDER? Nein… nicht wirklich. Es gibt zwei Menschen, die diesen Tod nicht wahrhaben möchten und auch nicht akzeptieren. Fangen wir einfach dort an, wo auch der Roman beginnt… Auf der Trauerzeremonie für Oscar…

Das Apfelkuchenwunder oder Die Logik des Verschwindensvon Sarah Moore Fitzgerald (Fischer KJB) beginnt dort, wo Bücher eigentlich nicht beginnen sollten. In einem hoffnungslosen Jammertal eines Abschiedes. Freunde, Klassenkameraden und die Familie von Oscar haben sich versammelt, um Abschied zu nehmen. Abschied von einem spurlos Verschwundenen. Und doch treffen wir hier auf zwei Menschen, die ihre gesamte Energie darauf verwenden, daran zu glauben, dass Oscar lebt. Die nicht an seinen Tod glauben, weil sie den Jungen spüren, der bei anderen Menschen mit seinen kleinen Liebesbeweisen wahre Wunder bewirkt hat. Seine beste Freundin Meg und sein Bruder Stevie – die einzigen beiden Menschen, die Oscar nicht verloren geben.

Das Apfelkuchenwunder von Sarah Moore Fitzgerald

Das Apfelkuchenwunder von Sarah Moore Fitzgerald

Und Oscar verloren geben wäre so, wie das Leben selbst verleugnen, denn Oscar ist ein ganz besonderer Junge:

„Oscars Hobby war es, Menschen zu retten. Ständig rettete er irgendjemanden. Er… fing Leute auf, die hinfielen. So ein Talent bemerkt man nicht sofort. Stevie meinte, dass Oscar eine Spezialbegabung besitzt und Dinge riechen könne, bei denen man gar nicht denken würde, dass sie einen Geruch haben. Dinge wie Trauer und Verzweiflung, Angst und Hoffnungslosigkeit.“

Und dabei machte Oscar nicht viel Tara. Er handelte aus sich heraus, leise und in völligem Einklang mit der aufrechten Selbstverständlichkeit, seine besondere Begabung immer genau dort einzusetzen, wo sie gerade mehr als dringend erforderlich war. Und Oscar hatte ein ganz besonderes Hilfsmittel, wenn es darum ging, andere zu retten.

Apfelkuchen. Selbstgebackene ganz einfache Apfelkuchen, die aber so viel mehr in sich tragen, als nur reine Symbolkraft. Sie sind warme Zeichen seiner Empathie, seines Vermögens, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ihnen Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu schenken. Diese Apfelkuchen waren, ebenso wie Oscar selbst mehr als legendär. Aber irgendwo musste alles versagt haben, als es darum ging, ihn selbst zu retten. Sein Geruchssinn hatte wohl versagt, weil Meg nicht mehr da war..

Das Apfelkuchenwunder von Sarah Moore Fitzgerald

Das Apfelkuchenwunder von Sarah Moore Fitzgerald

Meg war mehr als nur seine allerbeste Freundin. Sie wohnten Fenster an Fenster, erzählten sich abends alles aus ihrem Leben und waren durch ein unsichtbares Band aus Vertrauen miteinander verbunden. Als Meg für einige Monate mit ihren Eltern ins Ausland muss und ihr Haus vermietet wird, bricht für beide die bekannte Welt ein wenig in sich zusammen. Ein Apfelkuchen mit einem Flugzeug, ein paar Wolken und einem Smiley zeigt auch Meg, dass sie die Trennung von Oscar überleben wird.

Nun ist sie wieder zuhause. Aber alles hat sich verändert. Oscar ist fort, die Welt um sie herum versinkt in tiefer Trauer und sie selbst kann nicht fassen, was in den letzten Monaten nur passiert sein kann, um diese Situation zu erklären. Gemeinsam mit Stevie macht sie sich auf die Suche. Nicht nur auf die Suche nach ihrem besten Freund, sondern viel mehr auf die Suche nach dem Grund für sein Verschwinden. Sie versucht das Puzzle ihrer Freundschaft zusammenzufügen um Oscar wiederzufinden.

Denn, dass Oscar lebt steht für sie außer Frage. Alles andere würde sie spüren, da Oscar viel mehr für sie ist, als nur ein Freund. Das hatte sie ihm zum Abschied auch geschrieben, diese sehr persönlichen Zeilen aber nicht abgeschickt. Vielleicht wollte sie sich ihre Gefühle von der Seele schreiben, hatte damit letztlich aber alles verdorben, denn dieser Brief hat Oscar über einen Umweg erreicht. Und dieser Umweg ist das Mädchen, das nun in ihrem Zimmer wohnt und mit dem alle Veränderungen begannen. Paloma Killealy. Was hat sie nur getan?

Das Apfelkuchenwunder von Sarah Moore Fitzgerald

Das Apfelkuchenwunder von Sarah Moore Fitzgerald

Wer schon mal selbst erlebt hat, dass sich das ganze Leben plötzlich verändert. Wer selbst erlebt hat, wie sich das gesamte Umfeld plötzlich schmallippig verhält und den Kontakt scheut. Wer schon mal erlebt hat, dass hinter den Kulissen von einem anderen Menschen an den Stellschrauben des eigenen Lebens gedreht wird, der kann sehr gut nachempfinden, was mit Oscar geschah. Wer in seinem Leben selbst zum Opfer „Übler Nachrede“ und gezielten Mobbings wurde, weil er einem Mädchen die Wahrheit sagte und damit seine krankhafte Eitelkeit verletzte, wird schnell erkennen, wie tödlich diese Waffen sein können.

Sarah Moore Fitzgerald schrieb mit ihrem „Apfelkuchenwunder“ einen absoluten „Augenöffner“. Sie beschreibt die Wege in die man getrieben werden kann, erzählt davon, was passiert, wenn Freunde den Erzählungen und Gerüchten mehr Glauben schenken als den Taten des Menschen, der gezielt vernichtet werden soll. Sie zeigt die absolute Ausweglosigkeit dieser Situation und lässt Oscar das Stahlbad seiner Jugend durchleben. Es fehlte wirklich nicht viel. Es ist verdammt knapp. Aber „Die Logik des Verschwindens“ erschließt sich den wahren Freunden, die alles unternehmen, um Oscar wiederzufinden.

Ich habe mich Oscar sehr nah gefühlt. Das Lesen hat mich wütend gemacht, es hat mit Tränen in die Augen getrieben und tiefe Hassgefühle aufkommen lassen. Man darf dieses Buch nicht unterschätzen. Man darf dieses Thema nicht unterschätzen. Paloma mutiert zum Synonym für ein Mädchen, das in der Lage und gewillt ist, jemanden zu zerstören, der eigentlich immer nur eines wollte: ganz kleine Wunder vollbringen und Apfelkuchen backen. Ein wichtiges Jugendbuch und für mich ganz persönlich ein starker All-Age-Roman, der Spuren hinterlässt. Und ganz viel Hoffnung, wenn man selbst Freunde hat, die sich auf die Suche begeben.

das apfelkuchenwunder_sarah moore fitzgerald_astrolibrium_7

PS: Heike hat auf Irve liest ebenfalls vom „Apfelkuchen“ genascht. Lecker…

„Als ich den Rückentext gelesen habe, glaubte ich, mich auf ein nettes, unterhaltsames Jugendbuch freuen zu können…“ (hier geht`s weiter…)

Anja hat auf Zwiebelchens Plauderecke Apfelkuchen gebacken und dabei einen sehr treffenden Vergleich zwischen Eisbären und diesem Buch angestellt. Was? Eisbären? Ja… lest selbst...

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5 Gedanken zu „Das Apfelkuchenwunder oder Die Logik des Verschwindens

  1. Pingback: *+* Sarah Moore Fitzgerald: „Das Apfelkuchenwunder“ *+* | Irve liest...

  2. Das klingt wirklich nach einer wundervollen Geschichte aus der man in jeder Lebenslage lernen kann und die tief ins Herz geht. Gerade auch für die jungen Leser, die oftmals mit diesen Problemen in der Schule zu kämpfen haben. Aber auch für Erwachsene – denn auch im Arbeits- und Privatleben macht das Mobbingmonster nur selten Halt….

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