Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain - AstroLibrium

Lady Africa von Paula McLain – AstroLibrium

„Miwanzo ist das Suaheliwort für Anfänge. Aber manchmal muss erst alles enden und jedes Licht zischend erlöschen, und man muss den Boden unter den Füßen verlieren, ehe man wirklich etwas Neues beginnen kann.“

Ein Zitat, wie in Stein gemeißelt und große Worte, die das Leben einer besonderen Frau, die zu einer besonderen Zeit auf einem besonderen Kontinent lebte, so treffend charakterisieren. Beryl Markham hat ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen und doch benötigte sie so viele erloschene Lichter und Neuanfänge, um zu sich selbst zu finden. Die Bücher berichten noch heute über ihre Leistung als Pionierin der Lüfte. Als erster Mensch überfolg sie im September 1936 von England aus den Atlantik nonstop in Ost-West-Richtung. Eine Meisterleistung für die sie seither bewundert wird.

Wie sie dieses Durchhaltevermögen, die Zähigkeit und die Leidenschaft erlangte, eine solche Leistung zu vollbringen, entzieht sich jedoch der breiten Öffentlichkeit. Erst wenn man sich auf ihre Spur begibt, ihrem Leben folgt und dann in ihrer Biografie über Namen stolpert, die sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, beginnt man zu ahnen, mit wem man es zu tun hat, wenn man den Namen Beryl Markham ausspricht. Es ist weniger die Fliegerei, die ihr Leben dominiert. Es ist Afrika. Ein Kontinent, der sie prägte, verletzte, erlöste, zerstörte und befreite. Ihr endlos weites Afrika der erloschenen Feuer und lichthellen Anfänge.

Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain

Ein Afrika, das ihr nicht allein gehörte. Sie musste es teilen, sich ausliefern, anlehnen und lernen. Sie musste Vertrauen erwerben, investieren und Grenzen überwinden, die ihr allein schon aufgrund ihres Geschlechts gesteckt waren. Sie wuchs als Tochter von Pferdezüchtern in Kenia auf und hatte Land und Natur tiefer in sich aufgenommen als irgendeine Europäerin in dieser Zeit. Beryl war ein Kind Afrikas. Nicht mehr und nicht weniger. Sie war so wild wie das Land, facettenreich wie die Farben Nairobis aber eines war sie nie: Frei.

„Ich lernte beobachten, lernte auch, mich anderen Händen anzuvertrauen. Und ich lernte es, auf Wanderschaft zu gehen. Ich lernte, was jedes träumende Kind wissen muss – dass kein Horizont zu weit ist, um bis zu ihm und über ihn hinaus vorzustoßen. Diese Dinge lernte ich sofort.

Die meisten jedoch fielen mir schwerer.“

Lady Africa“ von Paula McLain (Aufbau Verlag) ist zugleich die aufrichtige Hommage und warmherzige Annäherung einer Autorin an eine Frau, deren Weg zur Lady mehr als dornig und gefährlich war. Ein Weg, der sie verzweifeln ließ und mehrfach wie eine Einbahnstraße ohne Perspektive wirkte. Ein Weg, der vom Scheitern ebenso bestimmt war, wie von der unglücklichen Liebe zu einem Mann, in den man sich nur unglücklich verlieben konnte. Paula McLain schreibt uns in ihrem neuen Buch nach Afrika und wagt dabei sehr viel, da sie uns in eine Zeit und eine Szenerie versetzt, die wir nur allzu gut kennen. Sie bringt uns nach Hause – Jenseits von Afrika.

Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain

Es ist das Afrika der frühen 1920er und 1930er Jahre. Das Afrika von Tania Blixen und Denys Finch Hatton. Im Gegensatz zu ihnen jedoch ist Beryl hier aufgewachsen und eins geworden mit den Menschen und Tieren des Landes. Sie ist nicht reich, lebt nicht in einer Villa und gehört nicht zur sogenannten Society unter den Kolonialherren. Sie überzeugt durch ihre Arbeit und geht eigene Wege. Als erste lizensierte weibliche Pferdetrainerin macht sie von sich Reden. In den Fußstapfen ihres Vaters versucht sie sich ein eigenes Leben aufzubauen, nachdem sie schon als junges Mädchen unverliebt heiraten musste, um überhaupt im Land bleiben zu können, nachdem ihre Eltern völlig abgebrannt alles verkaufen mussten.

Unverliebt bleibt sie, bis eine einzige Begegnung ihr Leben von heute auf morgen nachhaltig verändert. Und damit steht sie, wie wir als Kenner des Lebensberichts von Tania Blixen Jenseits von Afrika nur zu gut wissen, nicht allein. Denys Finch Hatton wäscht nicht nur die Haare verheirateter dänischer Ladies, er verdreht auch der jungen Beryl den Kopf. Für alle Zeiten. Paula McLain bringt uns zurück an den Fuß der Ngong Berge und erzählt aus einer völlig neuen Perspektive auch die Geschichte von Tania Blixen und bietet damit eine neue Sicht auf ein tragisches Leben, das uns in Buch und Film so sehr berührte. „Lady Africa“ ist eine literarische Heimkehr.

Doch in Denys trifft Beryl auf einen Mann, der sein Geld als Großwildjäger verdient, Afrika als sein eigenes Biotop betrachtet und alles sucht, nur keine Bindungen oder Verpflichtungen. Seine Freiheit ist ihm heilig. Seine unbändiger Wille, am Ende seines Lebens nicht am Ende des Lebensweges eines anderen Menschen zu enden ist sein Mantra. Daran scheiterte bereits Tania Blixen und auch die Gefühle von Beryl Markham scheinen daran zugrunde zu gehen. Er nimmt sie mit auf einen seiner Flüge über Afrika und entfacht in ihr die Leidenschaft fürs Fliegen. Das Einzige, was ihr von ihm bleiben sollte.

Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain

„Beinahe zehn Jahre hatte ich mir das hier gewünscht… genau das. Denys las weiter, seine Stimme hob und senkte sich, während ein Nachtfalter, der sich in den Vorhängen verfangen hatte, für einen Moment den Kampf aufgab und merkte, dass er frei war.“

Paula McLain hat mit ihrem Buch „Madame Hemingway bereits mit einer starken Charakterstudie überzeugt, in „Lady Africa“ ist sie aus meiner Sicht noch tiefer in die Frau eingetaucht, über die sie schreibt. Angst, Liebe und Verzweiflung werden spürbar und die Natur der Traumlandschaft baut sich spielerisch vor dem geistigen Auge des Lesers auf. Und doch ist es ein großes Wagnis, genau diese Geschichte zu erzählen, so wie jede Heimkehr an einen bekannten Ort ein Wagnis ist. Sie beschreibt Menschen und Orte, die wir kennen, sie beschreibt Gefühle, die wir bereits aus der Sicht von Tania Blixen erlesen durften und sie erzählt von einem Land, das wir aus dieser Phase seiner Geschichte so greifbar und fühlbar verinnerlicht haben.

Und doch gelingt es Paula McLain eine eigene Geschichte zu erzählen, die uns ein lang ersehntes Fenster in unser vergangenes Lesen öffnet. Sie scheint Beryl Markham nachzuleben, sie empathisch zu denken und zu fühlen. Und genau mit diesem Roman erweist sie der Frau, über die sie hier schreibt den wohl größten Liebesdienst, den eine Autorin erweisen kann. Das eigene Buch von Beryl Markham über ihre Zeit in Afrika „Westwärts mit der Nacht“ stand immer im Schatten der Erzählung von Tania Blixen. Es ist nicht mehr erhältlich und durch „Lady Africa“ bringt Paula McLain eine verlorene Geschichte in brillanter Form ins Gedächtnis der Leser.

Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain

„Westwärts mit der Nacht“ ist Teil meiner kleinen Afrika-Bibliothek und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass Paula McLain ihre Protagonistin so gezeichnet hat, dass es Beryl selbst heute gefallen würde, wie wir sie kennenlernen dürfen. Ihr eigenes Buch ist brillant zu lesen. Es ist unendlich weit, wo Tania Blixen ihren Fokus auf Details richtet. Es ist offen und Beryl schreibt mehr als direkt über ihre unglückliche Liebe, das Leben und ihre Leidenschaft für einen Kontinent, der ihr letztlich die Flügel verlieh, um über den Atlantik zu fliegen.

Lady Africa“ ist ein biografischer Roman von Format. Er brilliert mit den Momenten des Wiedererkennens und überzeugt durch seine frische Perspektive des Neuerlebens. Für Liebhaber von Tania Blixen ein MUSS. Für Freunde großer Gefühle unverzichtbar und für alle Fans des Films „Out of Africa“, die den Absturz von Denys Finch Hatton niemals ganz verwunden haben, eine wundervolle Liebeserklärung an einen Mann, der vor den ihm zufliegenden Herzen davonflog.

„Die Dornbäume kannten weder Kummer noch Angst. Die Sternbilder kämpften nicht oder hielten sich zurück, ebenso wenig wie die milchig schimmernde Mondsichel. Alles war vorübergehend und endlos zugleich. Diese Zeit mit Denys würde verblassen und für immer andauern.“

Beryl Markham - Westwärts mit der Nacht

Beryl Markham – Westwärts mit der Nacht – Ein Zitat über Denys Finch Hatton

Folgen Sie meiner Artikelserie unter der Überschrift Ich hatte einen Blog in Afrika und spannen Sie mit mir einen literarischen Bogen, der im kolonialen Afrika beginnt und bei Flüchtlingen endet, die vor Lampedusa ertrinken. Romane, Biografien, Reportagen und Kinderbücher sollen zeigen, wie Afrika heute in der Literatur wahrgenommen wird.

Lesen Sie gut.

Und wer das Buch noch bei Tageslicht anschauen möchte, der sollte bei Heike auf Irve liest vorbeischauen.Sie hat Beryl in ihrem Blogbiotop ein warmes Zuhause gegeben.

Ich hatte einen Blog in Afrika - Eine Leserreise

Ich hatte einen Blog in Afrika – Eine Leserreise

Der neue Roman von Paula McLain:

Und jetzt das. Glaubt man dem Klappentext (und ich kann vorwegnehmen, dass man dies schon aus Selbstschutz tun sollte) dann haben wir es bei „Nacht ohne Sterne“ mit einem literarischen Thriller zu tun, der sich mit vermissten Kindern, einer Ermittlerin mit einer dramatischen Vorgeschichte, mit den Folgen von Adoptionen und einer Reihe von Mädchen beschäftigt, die spurlos verschwunden sind.  Ein Genre-Sprung, den ich nicht erwartet hätte.

Nacht ohne Sterne von Paula McLain - AstroLibrium

Nacht ohne Sterne von Paula McLain