[Klassiker] Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Warum lese ich in der heutigen Zeit Klassiker? Warum greife ich im Lesen zurück?Warum in Anbetracht sich überschlagender Neuerscheinungen in die alten Geschichten von einst abtauchen, die für die heutige Literatur kaum noch als relevant zu bezeichnen sind? Warum gebe ich 35 Euro für ein Buch aus, das vor fast 190 Jahren erschienen ist, und über das alles gesagt, geschrieben und gedacht wurde? Warum nur?

Nennt es Liebe. Ganz einfach. Und erwartet jetzt und hier bitte keine literarisch gefeilte Doktorarbeit, wenn ich den Versuch starte mir selbst zu erklären, was die Faszination eines solchen Klassikers für mich ausmacht. Ein gutes Beispiel habe ich ganz aktuell. Die Buchmesse Frankfurt 2014 erlebte einen Blogger, der sehr lange vor dem Klassiker-Regal des Hanser Verlages verharrte. Edel aufgemachte Bände, Romane gedruckt auf Seidenpapier und mit dem Prädikat „Neu übersetzt“ versehen hielten mich in Schach.

Und hier brannte er sich fest in mein Auge. Er verließ meine Gedanken nicht und ich musste an fast jedem Tag an ihn denken, an dem ich mich wieder zu entscheiden hatte, welches Buch als nächstes mein Lesen begleiten würde. Ich wünschte mir eine kleine Auszeit, völlig losgelöst von allen Erscheinungsterminen oder wundervollen Neuheiten. Ich wollte einfach zurück in eine Zeit, in die ich mich gerne zurückdenke. In die großen Romane meiner Jugend.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner“ von James Fenimore Cooper. Da stand er mit majestätisch anmutendem Cover und als wundervolle Prachtausgabe des Hanser Verlages. Er lachte mich an, flankiert von Moby Dick und der Schatzinsel. Er ließ mich nicht mehr los, weil allein der magische Klang des Autorennamens Erinnerungen in mir wachrief, die in der Tiefe meiner Jugend angelegt waren. Und wenn etwas so tief schlummert, dann plötzlich geweckt wird und sich in die tiefe Wunschliste meines Lesens hineinfrisst, dann kann ich nicht widerstehen.

Der eigentliche Wunsch, diesen Roman erneut zu lesen ist natürlich auch von vielen weiteren bibliophilen Triebfedern motiviert, weil ich mir darüber im Klaren bin, dass die wahren Klassiker niemals so geschrieben waren, wie wir sie eigentlich kennen. Weder die Schatzinsel, noch Die drei Musketiere oder Moby Dick waren als Jugendbücher angelegt. Das Dschungelbuch sollte definitiv keine jugendlichen Leser fesseln. All diese Bücher waren komplexe Romane für erwachsene Leser, die im 20. Jahrhundert durch dramatische Kürzungen und Vereinfachung zu den legendären Jugendbüchern wurden, die wir kennen.

Auch James Fenimore Cooper schrieb keinen Jugendroman. Er schrieb, wenn man seinen einleitenden Worten aus dem Jahr 1826 glauben darf einen „Bericht“. Er selbst sah seine Romane über Natty Bumppo, alias Falkenauge, alias Lederstrumpf, nicht als frei erfundene Fantasie-Geschichten an und wollte mit dem Prädikat „Ein Bericht“ den absoluten Wahrheitsgehalt dessen, was er über Indianer und das Land schrieb auf eine Ebene heben, die damals üblich war.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Und so verwundert es nicht, dass man neben seinem umfangreichen Vorwort sogar Warnungen an die Leserschaft von einst findet, die klar besagen, mit welcher Art von Literatur wir es zu tun haben. James Fenimore Cooper betont inständig, dass dieser Roman nichts, aber auch gar nichts für weibliche Leser des 19. Jahrhunderts ist… und er hat dafür gute Gründe:

„… empfiehlt er allen jungen Damen, deren Gedanken gewöhnlich innerhalb der vier Wände ihres behaglichen Wohnzimmers kreisen…, die Absicht (dieses Buch zu lesen) aufzugeben. Solchen jungen Damen rät er dies, weil sie das Buch, wenn sie es gelesen haben, gewiss als schockierend bezeichnen werden.“

Na bravo. Ich war bereit, in die Erinnerungen meiner Jugend einzutauchen und stieg in vollem Bewusstsein, eine reine Männerwelt zu betreten in diesen großen Klassiker der Weltliteratur ein. Und ich war von der ersten Seite an gefesselt und überrascht, welcher Erzählreichtum sich mir erschloss, weil ich James Fenimore Cooper eben bisher nur in den verknappten Fassungen meiner Jugendbücher erlebt habe. Nun wurde es mehr.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Er nimmt sich Zeit, ohne an Tempo zu verlieren. Er genießt es sehr, seine Leser in das Land einzuführen, ihnen die Seen zu beschreiben und den Lauf des Wassers zu erklären, um sie mit den Waldläufern der Mohikaner auf Augenhöhe zu bringen. Er lässt uns lauschen, fühlen, schmecken, wie der aufziehende Krieg zwischen den kolonialen Streithähnen Frankreich und England die gesamte Natur durcheinander bringt. Er lässt uns Pulverdampf riechen und erklärt das veränderte Leben der Irokesen, Mohikaner und Huronen im Nordosten Amerikas, der zum Schlachthof der Strebens nach der absoluten Vormachtstellung der europäischen Invasoren auserkoren war.

Erst dann führt er seine Protagonisten ein. Und auch hier genießt er es, sich Zeit zu lassen. Er wirft keine Namen in den Raum, er öffnet keinen Schrank voller Protagonisten und lässt sie wahllos in die Szenerie purzeln. Er lässt sie uns kennenlernen, bevor wir ihren Namen erfahren. Er lässt uns den ersten Eindruck eines Menschen erlesen und uns selbst ein Urteil bilden, mit wem wir es eigentlich zu tun haben. Erst dann schreibt er von Natty Bumppo, Magua, Unkas und Chingachgook und führt nach und nach die weiteren wichtigen Personen dieses wohl wichtigsten seiner Lederstrumpf-Romane ein

Er vermittelt ein präzises Bild des kriegerischen Konfliktes und bezieht persönlich Stellung auf Seiten der Engländer. Cooper lässt uns die englische Strategie erleben und platziert die Geschichte einer großen Flucht genau in das magische Fleckchen Erde um das legendäre Fort William Henry, seine tiefen Wälder, Wasserfälle, Seen und Flüsse. Verrat wird spürbar, wenn Cooper ihn andeutet. Angst wird fühlbar, wenn er sein Tempo verändert und in kaum einem Roman unserer Zeit würde man einem geheimnisvollen Geräusch fast fünfzehn Seiten einräumen, weil das einfach zu lang wäre. Hier ist es entscheidend und macht den Klassiker aus. Atmosphäre pur.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Alle Bilder der Vergangenheit tauchen beim Lesen vor meinem geistigen Auge auf. Ich sehe die Buchcover meiner Jugend, höre plötzlich die Musik des TV-Mehrteilers wieder und erinnere mich an jedes Wort aus den so schweigsamen Lippen von Hellmut Lange, dessen markante und vernarbte Gesichtszüge für mich dem Original von Natty Bumppo so sehr entsprechen, wie man es sich auch heute idealer nicht vorstellen kann. All diese Erinnerungen überfallen mich und doch spüre ich so viel mehr.

Die Übersetzung von Karen Lauer erlaubt es, der Sprache von einst zu lauschen. Begriffe, Satzkonstruktionen und Dialoge sind authentisch angelegt und überzeugen in ihrem leicht antiquarischen Flair, das zumeist flüssig umgesetzt ist. Hier stockt nichts. Hier muss man nicht stutzend mehrfach lesen, was kaum verstanden werden kann. Hier entwickelt sich eine zusätzliche Dimension zu einer Jugenderinnerung. Es wächst ein komplexer und vielschichtiger Roman mit tief angelegten Charakterzeichnungen heran, der von nun an immer mit meinen Bildern verwoben sein wird. (ABER: siehe Fußnote)

Nennt es Liebe. Ganz einfach. Ich konnte nicht anders und blicke ein wenig verändert zurück in die Zeit meines ersten bewussten Leseabenteuers. Es ist in sich gewachsen, so wie ich in mir seit jener Zeit gewachsen bin. Und doch ist es so sehr Kind geblieben, wie ich niemals erwachsen werden möchte. Wir haben gemeinsam einen Schritt in die Zukunft gemacht und ich denke wirklich, wer den echten Lederstrumpf erleben möchte, der sollte sich selbst diese Liebeserklärung an die Literatur gönnen.

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

Sehe ich da Moby Dick? Liegt da die Schatzinsel? Entschuldigt, ich muss weiter. Ich nenne es Liebe… Ein Klassiker eben…

der letzte mohikaner killdeer

Fußnote zur Übersetzung von Karen Lauer:

Wenn man die folgende Originalpassage übersetzt muss man einiges berücksichtigen:

„Keep him in play, boy, until I can bring ‚killdeer‘ to bear..“

„Killdeer“ – Der Wildtöter ist einer der Romantitel der Lederstrumpf-Reihe von James Fenimore Cooper. Natty Bumppo`s legendäres Gewehr gibt ihm hier neben Falkenauge und Lederstrumpf seinen dritten „Kampfnamen“. Hier wäre, auch vor dem Hintergrund der kompletten Buchreihe die Verwendung des Begriffes Wildtöter oder Hirschtöter für die Waffe kausaler, stimmiger und harmonischer gewesen, als:

„Lenk ihn ab, Junge, bis ich ‚Tötet-das-Wild‘ zum Schuss bereit hab…“

Dies jedoch nur als kleine Randnotiz, die mein Lesevergnügen nicht geschmälert hat, aber an dieser Stelle hat das Lesen ganz kurz und heftig gehustet.

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5 Gedanken zu „[Klassiker] Der letzte Mohikaner von James Fenimore Cooper

  1. Sehr schöner Artikel. Auch ich habe mittlerweile ein wenig die Nase voll von den vielen – bald zu vielen – Neuerscheinungen. Manche davon sind überaus lesenswert, aber ich habe auch gern ein Leseerlebnis auf den Spuren von einst 🙂

    • Ich denke, die Mischung machts… ich nehme mir ausgiebig Zeit für meine Lustkäufe und genieße dieses Lesen so sehr. Meine Schwerpunktthemen werden nicht immer durch Neuerscheinungen abgedeckt, so dass ich hier flexibel sein mag.

      Unter den neuen Schätzen sind allerdings auch immer wieder meine Highlights zu finden, da ich mir diese Bücher gezielt auf den Buchmessen zur Rezension auswähle.

      Kunterbunt und bibliophil… und immer weiter… Gruß, Arndt

  2. Hallöchen und danke für diesen Beitrag. Ich habe die Frage schon auf FB gepostet: Sind diese Neuausgaben denn länger als die alten? Ich habe einen alten Band mit allen Lederstrumpf-Erzählungen drin – aber das sind eben nur „Erzählungen“ und keine „Romane“. Die Neuausgaben würden sich also nur lohnen, wenn es wirklich etwas „Neues“ ist. 🙂

    • Sie ist auf jeden Fall länger und ausführlicher als die gekürzten Jugendbücher. Wenn du Romanausgaben hast müsste drinstehen… „ungekürzt“… ansonsten lohnt der Blick in eine Leseprobe und der Vergleich mit deinen Büchern. Ich kenne den Mohikaner als Jugendbuch und das ist völlig anders. Sprachlich und in seiner Verkürzung.

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