Buchschlusspanik – Oder wie ein Papierhaus mein Lesen rettete

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Es war einer der wohl schlimmsten Tage meines Lesens. Schon am frühen Morgen beginne ich in der SBahn nach München meine vielseitigen Lesereisen und ich freue mich schon auf lange Fahrten in, mit und zwischen den Seiten meiner Bücher. Es ist mehr als gewonnene Zeit, die ich in vollen Zügen genieße – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Aber an diesem Tag war alles anders. Ein gezielter Griff in den Rucksack beförderte meinen buchigen Begleiter zutage, aber was war das? Mein Lesezeichen zeigte mir schon auf den ersten Blick sehr deutlich, dass dieses Buch nicht für den Rest des Tages ausreichen würde.

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Ganz und gar nicht sogar! Ich geriet augenblicklich in helle Buchschlusspanik, ein unterschwelliges Zittern stellte sich ein und meine wilde Verzweiflung wuchs angesichts der Tatsache, dass die Buchhandlungen auf meinem Weg erst öffnen würden, wenn ich schon lange im Job bin. Also begann ich ganz langsam zu lesen. Fast in Zeitlupe. Wort für Wort, um nur keines zu verschwenden. So tastete ich mich auf Lese-Zehenspitzen durch die letzten Seiten meines Buches während die Vorboten des Buchentzuges schon deutlich zu spüren waren.

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

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Ich beäugte meine Mitreisenden. Nichts. Keine Bücher, die ich mir in der guten alten Tradition der Bücherdiebin hätte aneignen können. Keine Chance, da ich nur von MP3-Liebhabern flankiert wurde, deren Köpfe im Rhythmus wilder Heimatmusik zu zucken schienen. Und auch meine Bahnhofsbuchhandlung machte auf den ersten Blick, trotz einladender Auslagen, den Eindruck einer uneinnehmbaren Bücherfestung. Zumindest um 5 Uhr morgens. Ich überlegte fieberhaft, was ich sonst noch so lesen könnte, aber außer Quittungen, alten Rechnungen und meinen Ausweisen befanden sich nicht mehr sonderlich viele lesbare Dinge in meinem ansonsten prall gefüllten Leserucksack. Das Atmen fiel schwerer. Die buchlose Schlinge zog sich weiter zu.

Und dann kam es doch. Das letzte Wort im letzten Satz des letzten Kapitels von Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee. Und das genau in dem Moment, in dem ich so richtig in Fahrt war. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Tag im Job unruhig und fahrig zu verbringen, nur um den Gedanken zu verdrängen, dass ich nun nichts mehr zu lesen haben würde, wenn genau heute die Welt unterginge. Grausamer Buchtunnelblick. Der späte Nachmittag musste mich nun retten und eine unruhige, unbelesene Fahrt in der UBahn brachte mich zitternd und mit letzter Kraft in jene Buchhandlung, die am frühen Morgen (aus mir absolut unerfindlichen Gründen) noch fest verschlossen war.

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

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Mit letzter Kraft schaffte ich es noch, die Buchhandlung zu betreten und die Worte „Kein Buch mehr… Hilfe!“ zu stammeln, als mir die freundliche Buchhändlerin (oder war es ein Engel) ihre mitfühlende Hand auf die bebende Schulter legte. Mein T-Shirt hat mir auch in diesem Moment das Lesen gerettet, denn es zeigt meinen Mitmenschen deutlich, wer hier zitternd durch die Welt läuft. „A mind needs books“. Jene Worte von Tyrion Lennister aus der epischen TV-Serie Game of Thrones sind eindeutig. „Wie ein Schwert den Wetzstein, braucht ein Verstand Bücher, um seine Schärfe zu behalten“ Dieser Aufdruck und mein fahriger Zustand ließen die Bücherfee zu einer bibliophilen Notärztin mutieren.

Sie griff in den buchigen „Medikamentenschrank“ und reichte mir ein kleines aber sehr feines Buch und beruhigte mich mit den Worten „Nehmen Sie das… Es hilft über den ersten großen Schmerz und bringt Sie ganz sicher nach Hause.“ Völlig beseelt verließ ich die Leserklinik, nachdem ich das Buch bezahlt hatte und sog seinen Duft augenblicklich ein. Und es begann sofort zu wirken. Ich bekam wieder Luft. Das Zittern war weg. Der Klang der Stadt hatte sich verändert. Ich lebte.

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Als ich den Titel des Wundermittels las, war mir klar, dass ich gerettet war. Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez aus dem Insel Verlag war dazu ausersehen mir mit einer hochdosierten Buchinfusion den Lesensmut wiederzugeben. Wahrlich eine RettungsInsel, die ich nun sehnsüchtig betrat. Auf gerade einmal 90 Seiten entwickelt Dominguez einen eigenen Mikrokosmos bibliophiler Leidenschaft und bereichert meine Lesereihe Bücher über Bücher um ein wertvolles kleines Kunstwerk.

Es kommt nicht auf die Länge einer Geschichte an. Das war mir schon immer klar. Es ist viel mehr entscheidend, was der Autor auf den wenigen Seiten mit seinen Lesern veranstaltet und in welche Welt er sie entführt. So kommt auch Dominguez sofort zur Sache. Wir werden Zeugen eines schrecklichen Unfalls, als die junge Literaturdozentin Bluma beim Lesen eines Gedichtbandes von Emily Dickinson überfahren wird. Womit erwiesen wäre, dass Bücher das Schicksal ihrer Leser verändern können.

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

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Ihren Lehrstuhl in Cambridge übernimmt ein Kollege, der nicht nur die Liebe zur Literatur mit Bluma teilte, sondern auch das Bett. Als er kurz nach ihrer Beerdigung ein zerschundenes Buch erhält, in dem Bluma zwei Jahre vor ihrem Tod eine Widmung an einen unbekannten Mann hinterlassen hat, trifft er eine Entscheidung, die sein Leben verändert. Er reist nach Südamerika, um dem Absender die Nachricht von Blumas Tod und das völlig ramponierte und mit Mörtel verschmutzte Buch persönlich zu überbringen. Er kommt einem gewissen Carlos Brauer Schritt für Schritt näher und verstrickt sich dabei immer tiefer in das große Geheimnis eines Mannes, der zum Opfer seines Lesens wurde.

Privatbibliotheken, Ordnungssysteme, Kaufsucht, und bibliophiler Kontrollverlust kennzeichnen das Leben dieses geheimnisvollen Mannes. Platzmangel und ein schrecklicher Unfall führten letztlich dazu, dass er mit seinen Büchern verschwand. Kein Lebenszeichen wurde seither von ihm vernommen. Bis auf dieses völlig zerstörte Buch, dessen Geschichte eine große Parabel von der fatalen Liebe zur Literatur erzählt. Eine Geschichte, in der man sich selbst findet. Der Blick in einen literarischen Spiegel, der bewegend und erschreckend zugleich ist. Dominguez reichen die 90 Seiten völlig aus, uns in seinen buchigen Bann zu ziehen. Liebevolle Illustrationen machen diese kleine große Geschichte unvergesslich. Vielleicht können Menschen ja auch das Schicksal von Büchern verändern. Ein unverzichtbares Werk. Ein bibliophiler Genuss mit nachhaltiger Wirkung. Ganz besonders bei unheilbar erkrankten Buchsüchtigen.

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Ein Buch zum Lesen, Vorlesen, Zuhören und Nachdenken. Ich durfte das an einem magischen Nachmittag vorlesend erleben. Genießt das Leben im Papierhaus. Es wird die beste Entscheidung eures Lesens sein, diesem besonderen Werk eine Chance zu geben.

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8 Gedanken zu „Buchschlusspanik – Oder wie ein Papierhaus mein Lesen rettete

  1. Und für solche Notfälle habe ich mich extra dafür eingesetzt, das an meinem Wochenendarbeitsplatz ein Buchständer plaziert wurde. Ähm ja, zwar der Spiegelbestsellerständer, aber besser als nix. Und weil das so gut läuft, wurde auch noch ein Hörbuchständer daneben plaziert.

  2. Pingback: „Das Haus der zwanzigtausend Bücher“ von Sasha Abramsky | AstroLibrium

  3. Pingback: Aus Liebe zum Buch – The bookstore strikes back | AstroLibrium

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