Harper Lee – Gehe hin, stelle einen Wächter – Eine Annäherung

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Wer die Nachtigall stört“ galt bisher als der einzige Roman von Harper Lee. Ein literarisches „One-Hit-Wonder“, das 1961 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Die Verfilmung mit Gregory Peck in der Hauptrolle ist legendär und Oscar-prämiert.

Der aufrechte Protagonist Atticus Finch kämpft hier als engagierter Anwalt gegen die Verurteilung eines Schwarzen, der beschuldigt wird, eine Weiße vergewaltigt zu haben. Atticus gibt seinen Kindern Werte mit auf den Weg, die in den Vereinigten Staaten der 1930er Jahre absolut nicht selbstverständlich waren. Ganz besonders nicht im Süden. Schon gar nicht in Alabama. Diese Romanfigur gilt bis heute als Vorbild für viele junge Menschen, selbst gegen Diskriminierung einzutreten, Jura zu studieren und mit wachem Blick gegen Rassismus zu kämpfen. Ein nationaler Mythos.

„Wer die Nachtigall stört“ erschien bereits 1960. Seitdem ist es ruhig um die heute 89-jährige Autorin. Bis man 2014 ein Manuskript entdeckte, das gerade unter dem Titel Gehe hin, stelle einen Wächterveröffentlicht wurde und seitdem die Buchwelt in Atem hält. Das Urteil der Kritiker und Leser reicht von „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll“ über „Die Nachtigall ist aber viel besser“ bis zu „Eine literarische Sensation“.

Womit haben wir es wirklich zu tun? Wie kann man sich dem Wächter nähern und was macht aus einem bisher unveröffentlichten Manuskript aus dem „Giftschrank“ einer zurückgezogen lebenden alten Dame das fehlende Puzzlestück im Gesamtbild eines inzwischen aus zwei Bücher bestehenden Lebenswerks? Meine Annäherung an dieses Phänomen kann und soll mögliche Lesewege aufzeigen, die letztlich dazu führen, dass beide Bücher unter Berücksichtigung ihrer besonderen Entstehungsgeschichte, ihrer literarischen Relevanz und ihrer zeitlosen politischen Brisanz für mich persönlich zu den größten Lese-Erlebnissen meines Lebens gehören.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Das eigentliche Debüt von Harper Lee ist „Gehe hin, stelle einen Wächter“. Dem Verlag war das Thema dieses Romans damals zu brisant. Er ist in den 1950er Jahren angesiedelt und der Rahmen für die Handlung wird durch die damalige Rechtsprechung des obersten Gerichtshofes der USA definiert. Die Rassentrennung an Schulen wurde verboten und erhebliche Eingriffe in die Eigenverantwortung der Bundesstaaten sorgten für erhebliche Widerstände und Unruhen, die noch immer spürbar waren.

Der Verleger empfahl Harper Lee die Handlung in die 30er Jahre vorzuverlegen und die Geschichte der Finchs mit der Kindheit von Jean Louise (Scout) und ihrem Bruder zu beginnen. Der situative Rahmen wird durch konsequente Rassentrennung im bürgerlichen Leben und an Schulen definiert. Und doch war man rein juristisch in den dreißiger Jahren so weit, alle Menschen, gleich ihrer Herkunft vor dem Gesetz gleich zu behandeln. Allerdings nur im eng gesteckten Rahmen der geltenden Konventionen der Trennung von Schwarz und Weiß.

So entstand „Wer die Nachtigall stört“, ein Destinations- und Kindheitsroman über Freundschaft, das Aufwachsen im guten alten Süden und ein großes sozial-juristisches Lehrstück über die Anfänge einer Gleichbehandlung von Schwarzen vor dem Gesetz. Atticus Finch wird zum Verfechter und Vorreiter der Rolle des „Menschenrechtlers“ und zum vorbildlichen Verteidiger eines schwarzen Angeklagten, dessen Schicksal ohne ihn durch Lynchjustiz entschieden worden wäre. Und obwohl er den Prozess trotz massiver entlastender Indizien verliert, prägt Atticus Finch das Bild des modernen Anwalts.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Dabei wird seinen Kindern klar, dass er diesen Prozess aus tiefster Überzeugung führt und sich selbst nicht mehr im Spiegel anschauen könnte, wenn er kneifen würde. Seinen Kindern könnte er dann kein Vorbild mehr sein und diese Lehren werden zum prägenden Kindheitsbild ganz besonders für die junge Scout, die ihren Vater abgöttisch liebt und ihn mutig vor aller Welt verteidigt. Er stellt sich als Pflichtverteidiger gegen die meisten Menschen in Maycomb. Er riskiert viel und bleibt seinen Prinzipien treu.

„Ich könnte nicht mehr mit erhobenem Kopf durch die Stadt gehen…“

„Diesmal kämpfen wir nicht gegen die Yankees, sondern unsere Freunde“

„Das ist mein Fall. Dass wir schon 100 Jahre vor Prozessbeginn besiegt wurden, ist kein Grund untätig zu bleiben!“

Und genau diesen Prozess beobachten die Kinder, erleben, wie sich ihr Vater für die Rechte der Schwachen einsetzt und erheben ihn fortan zum leuchtenden Vorbild ihres eigenen Lebens. Auch wenn er ein tragischer Held bleibt, er ist ein Held und sein Wort ist Dogma und Gesetz zugleich. Und doch tritt Atticus Finch zu keinem Zeitpunkt als Vordenker für die Gleichberechtigung der Schwarzen in seinem Staat ein. Ganz im Gegenteil

Er bezeichnet die sexuelle Annäherung zwischen dem Angeklagten und der weißen Klägerin, egal von wem sie ausging, als schlimmen Verstoß gegen ein tief verwurzeltes Recht und Gesetz und einen erheblichen Schlag gegen alle moralischen Vorstellungen. Er tritt für abstraktes Recht ein, wie so viele Anwälte, denen es nur wichtig scheint, ihren Fall zu gewinnen. Die gesellschaftlichen Ursachen für Straftaten sind egal oder werden schweigend akzeptiert. Doch das erkennt man erst auf den zweiten Blick. „Wer die Nachtigall stört“ ist ein hintergründiger Roman der im zutiefst von Rassentrennung gekennzeichneten Süden spielt und dessen Protagonist diesen Rahmen zu keiner Zeit sprengt.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Ich werde niemals vergessen, wie ich damals mit Scout aufgewachsen bin, mit ihr gemeinsam ihren Vater bewundert habe. Ich habe an ihrer Seite Freundschaft um jeden Preis erlebt und hatte Angst vor dem gesichtslosen Boo Bradley in der Nachbarschaft. Ich sehe noch immer das Versteck im Baum und fühle das tiefe Band der schwarzen Gemeinde in Maycomb. Ich habe diesen großen Roman geliebt, liebe ihn noch immer und habe ihn erneut gelesen, unmittelbar bevor ich den „Wächter“ begonnen habe.

Ich kann nur jedem Leser raten, die Nachtigall erneut zu lesen, oder sich den Film anzuschauen und in Gedanken tief in den Maycomb-Mikrokosmos einzutauchen, um im „Wächter“ auf der Höhe der tiefen persönlichen Verbindungen zur Vergangenheit zu sein. Dieser Roman sollte nicht isoliert betrachtet werden. Er ist die zweite Seite der Medaille, ohne die alles keine Bedeutung hat. „Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist, wie der Titel schon sagt, eine ganz genau definierte Beobachtungsposition, aus der die Vergangenheit neu bewertet wird und man sich in der Zukunft besser auf sein Urteil verlassen kann.

Der „Wächter“ also, das eigentliche Debüt, der Roman der zuerst da war, bringt uns nun in die 1950er Jahre zurück in unser Maycomb. Scout (Jean Louise) ist inzwischen 26 Jahre alt und kehrt an den Ort ihrer Kindheit zurück, um ihren inzwischen über 70-jährigen Vater Atticus zu besuchen. Von New York in den Süden. Auch in den fünfziger Jahren fast eine Weltreise, ganz besonders in diesen unruhigen Zeiten für den guten alten Süden. Mit der Aufhebung der Rassentrennung an Schulen stehen die schwarzen Mitbürger nun fast vor der Tür der vollwertigen Bürgerrechte.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Und das ausgerechnet in Alabama, wo sie, die ehemaligen Sklaven, auch noch in der Überzahl sind und der Widerstand in der Bevölkerung wächst beharrlich. Es ist die pure Angst vor der Rache für Jahre der Knechtschaft und die Angst vor der Beteiligung von Schwarzen an öffentlichen Ämtern und vielleicht sogar an der Regierung. Unvorstellbar. Aber Jean Louise weiß ihren Vater auf der richtigen Seite. Als aufrechten Kämpfer und Volksvertreter für Gleichberechtigung. Auch der Mann, den sie vielleicht einmal heiraten würde entspricht diesem Bild. Nicht umsonst arbeitet er in der Kanzlei ihres Vaters und ist der geborene Nachfolger im Amt und im Leben.

Was Scout allerdings dann erleben muss, schlägt nicht nur dem Fass den Boden aus, sondern wirft ihr Weltbild durcheinander, lässt alles aus den Fugen geraten und macht aus dem kleinen naiven Wildfang von einst eine Furie im Kampf um die eigene Weltanschauung. Ihr Vater auf Seiten der Befürworter der Rassentrennung? Ihr Vater als Vorsitzender eines der berüchtigten Bürgerräte, die alles in Bewegung setzen, die Diskriminierung der Schwarzen fortzusetzen? Ist das ihr Vater, der nun im Besitz von Hetzschriften ist und seiner Tochter zu vermitteln versucht dass es keinen anderen Weg für den Süden gibt? Die Erkenntnis reift um 14:18 Uhr an diesem Tag. Danach ist alles anders. Alles.

Denn auch ihr Freund ist auf der falschen Seite! Sich opportunistisch anpassend an die lokalen Gegebenheiten, weil er ja in dem kleinen Ort leben und arbeiten will? Alle auf der falschen Seite, nur nicht Jean Louise, die den Idealen ihres Vaters bisher ebenso sklavisch folgte, wie er nun zu versuchen scheint den Großteil der Bevölkerung klein zu halten? Nur aufgrund der anderen Hautfarbe? Jean Louise Finch steht am Scheideweg ihrer eigenen Existenz und beschließt zu handeln. Ganz im Stile ihres Vaters und dabei macht sie intellektuell kurzen Prozess mit ihm. Eine ganz eigene Verhandlung in Sachen Finch gegen Finch. Und ihr Schlussplädoyer wird noch lange nachhallen. Das kann ich versprechen.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

„Gehe hin, stelle einen Wächter“ ist mehr als ein Manuskript. Es ist die Fortsetzung einer großen Geschichte, die schon geschrieben war, bevor die Geschichte begann. Schwungvoll geschrieben, voller Ironie, Humor und unglaublichem Tiefgang führt uns Harper Lee zurück in die Kindertage der „Nachtigall“ und bringt uns klarsichtiger als zuvor in die Gegenwart der fünfziger Jahre zurück. Farbenblind – nur so kann man den Zustand bezeichnen, der Scout damals gefangen hielt. Die Bewunderung weicht dem Zorn und sie fühlt sich völlig verloren in einer Fremde, die einst ihre Heimat war.

Die großen Aussagen kommen nun von ihr. Der wehmütige Blick zurück führt uns in einen Roman, den man einfach lieben musste. Und doch liebte ich viele Jahre lang nur eine Seite eines Reißverschlusses. Nun habe ich die zweite Seite gefunden und Scout Finch ist der Verschluss, der alles verbindet. Harper Lee hat es sich auch mit diesem Roman sicher nicht leicht gemacht. Ihre Schwarz-Weiß-Zeichnung vermag man nur zu verstehen, wenn man mit offenem Herzen liest. Besonders gegen Ende des Wächters schillern diese beiden Nichtfarben in allen Nuancen, die nur vorstellbar sind.

Für mich eine literarische Sensation. Für mich ein außerordentlich intensives Lesen und das Gefühl, nach Hause zu kommen und dann mit Scout plötzlich am Rand der Gesellschaft zu stehen. Für mich ein sehr politisches Lesen, angesichts der rassistisch motivierten Vorfälle unserer Zeit. Für mich zwei hell leuchtende Bücher, die verstehen helfen, was es für die USA bedeutet einen schwarzen Präsidenten ins Amt gewählt zu haben. Emotionales lesen, weil ich schon immer ein wenig in Scout verschossen war. Und es ist ein grandioses Hörerlebnis, weil Sprecherin Nina Hoss diesem Roman in der Hörbuchfassung (Der Hörverlag) eine mehr als persönliche Note verleiht, die man sich anhörten sollte.

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee

Was ich persönlich von „Gehe hin, stelle einen Wächter“ in Erinnerung behalte? Einen verrutschten Gummibusen bei einem ausgelassenen Tanzabend; eine mehr als verstörende Wolke aus Gesprächsfetzen bei einem Kaffeekränzchen, das Scout zeigt, wie fremd sie sich in Maycomb fühlt; einen peinlichen Unfall im Schlafwagen, der zeigt dass man auch dort besser ein Höschen tragen sollte; das warme Wiedersehen mit der guten Calpurnia und den absolut dramatischen Perspektivwechsel auf dem Balkon des Gerichtssaals, der Scout ihren Vater von einst erleben lässt, während dieser nun, fast zwanzig Jahre später der Vorsitzende einer Versammlung radikaler „Negerhasser“ ist. Grandioses Gefühlskino.

Gehe hin, stelle einen Wächter (DVA Verlag) verbirgt weitere Geheimnisse, denen ich beim Harper-Lee-Abend des Verlages im Literaturhaus München auf den Grund gegangen bin. Interviews mit Verlagsmitarbeitern werden in der nächsten Woche als RadioPodcast bei Literatur Radio Bayern veröffentlicht, um das Bild abzurunden und Sie zum Lesen zu verführen.

Und dann gehen wir gemeinsam auf die Suche nach den ganz kleinen Häkchen, die den Reißverschluss des Lesens ein wenig zu stören scheinen, wie der Ausgang des Robinson-Vergewaltigungs-Prozesses, der in beiden Büchern unterschiedlich endet. Es ist noch viel zu entdecken. Die Reportage bringt weiteres Licht ins literarische Dunkel und wir gehen sogar der Frage nach, ob das Wächter-Zitat „Someone is walking over my grave“ in seiner wörtlichen Übersetzung „Jemand ist über mein Grab gegangen“ besser funktioniert, als die gute alte deutsche Gänsehaut.

Beginnen Sie doch bis dahin mit der Nachtigall (Rowohlt) und begegnen Sie dann dem Wächter. Dieser Roman hat das Potential, ein ganz individueller Wächter des persönlichen guten Gewissens zu werden! Es lohnt sich. Bis bald.

Mit einem Klick zur Radioreportage vom "Harper Lee Abend"

Mit einem Klick zur Radioreportage: Der  „Harper Lee Abend“ in München

Und nun eine kleine Vorschau auf unsere Literatur Radio Bayern Reportage, die hier zu hören ist.

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Hier geht es zu meinem literarischen Sternystem der verlorenen Mädchen!

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