[Bilderbuch] Walross, Spatz und Beutelteufel – Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Bilderbücher, Bilderbücher, Bilderbücher… 

Ganz eigene Welten, ganz eigene Leser und Betrachter und eine bunte Vielfalt, die sich unaufhaltsam in unsere Herzen schleicht. Ja, die kleine literarische Sternwarte hat ein kleines, eigenes Universum der Bilderbuchwelten entdeckt und ich bin fest davon überzeugt, dass diese buchigen Fixsterne für „Noch-Nicht-, Erst- und Schon-Immer-Leser“ eine Bedeutung haben, die man einfach nicht unterschätzen darf.

Mein erstes Bilderbuch ist mir noch heute tief im Gedächtnis verankert und vielleicht hat damals meine große Liebe zur Literatur ihren Anfang genommen. Unvergessen sind die Momente des gemeinsamen Betrachtens, des Hinterfragens und des wilden Blätterns und Suchens, die mich noch heute zum Kind werden lassen, wenn ich die Märchen der Völker zur Hand nehme.

Doch oftmals stellt man leider beim gemeinsamen Lesen fest, dass die modernen Bilderbücher an der eigentlichen Zielgruppe vorbei geschrieben und illustriert werden. Allzu pädagogisch kommen einige von ihnen daher, allzu bunt und doch inhaltsleer oder einfach nur so unbedeutend, dass schon nach dem einmaligen Genuss nie wieder der Wunsch entsteht, dieses Buch erneut aufzuschlagen, oder darüber nachzudenken.

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman-

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Und dann gibt es die großen Geschichten, die uns Erwachsene faszinieren, die aber die Kleinen so sehr überfordern, dass die Enttäuschung groß ist, wenn die wertvolle gemeinsame Lesezeit mit endlos großen Fragezeichen in den neugierigen Kinderaugen verpufft. Und natürlich ist die Anschaffung eines Bilderbuches auch immer wieder eine finanzielle Frage, erhält man doch für einen recht stattlichen Preis ein Buch, das oft aus nicht mehr als 30 bis 40 Seiten besteht.

Hier will in jeder Beziehung abgewogen und mit viel Liebe entschieden werden, welches Bilderbuch das Allerheiligste im Kinderzimmer erobert. Mir persönlich ist immer wieder wichtig zu beobachten, was diese Kinderbücher mit ihren Lesern anstellen und ein absolutes Merkmal für einen absoluten Volltreffer in diesem Genre ist es, wenn nach dem Lesen das Buch nicht im Schrank verschwindet, sondern „gezündet“ hat. Ideen, Inspirationen, Gedanken und Träume.

Einen solchen Zündfunken habe ich zuletzt mit dem Bilderbuch Walross, Spatz und Beutelteufel“ von Adrienne Barman erlebt, und genau aus diesem Grund ist dieses Buch auf meiner literarischen Sternenkarte der Bilderbücher ein wichtiger Fixstern zur unterhaltsamen Selbstfindung und Erweiterung der noch ganz jungen Denkwelten. Und dies aus gutem Grund, den man sich einfach mal vor Augen halten sollte, da man dieses Buch ansonsten vielleicht unterschätzt.

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Nach einer Geschichte sucht man hier vergeblich und die wenigen Worte dienen nur als Überschriften für die einzelnen Kapitel. Was uns dort jedoch erwartet, ist nicht nur für kleine Entdecker spannend, sondern bringt auch das „ältere“ Bilderbuchherz zum Pochen und den eingerosteten Grips zum Dampfen. Tiere sind in wundervollen warmen Zeichnungen zu finden. Scheinbar wahllos sind sie angeordnet, da die einzelnen Tiere auf den einzelnen Seiten im wissenschaftlichen Sinn nicht viel gemeinsam haben.

Und doch ist es so ganz anders als man denkt, oder sieht. Diese ganz besondere Enzyklopädie bedient sich nicht der althergebrachten biologischen Kategorien, die man in der Schule vorgesetzt bekommt. Hier werden die Tiere unserer Welt in ganz eigenen und völlig neuen Kategorien vereint, die sich oft schmunzelnd und manchmal auch laut auflachend dem Betrachter sofort erschließen.

Schautafeln aus der Schule oder dem Kindergarten kann man bequem aus der Hand legen, denn nun gilt es, die „Ordnung der Tiere nach Adrienne Barman“ in sich aufzunehmen und sie einfach zu genießen. Wir finden Ordnungskriterien, wie:

  • Die Schneeweißen,
  • Die Himmelblauen,
  • Die Schlauen,
  • Die Schnellen,
  • Die Bergbewohner,
  • Die Nachtschwärmer,
  • Die Leisen,
  • Die Architekten,
  • Die Riesen
Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Und so geht es lustig immer weiter. Mehr als 40 Kriterien bilden die Kategorien für die Neuordnung des Tierreichs. Dabei sind es eben sehr kindliche Faktoren, die hier als Kriterien verwendet werden und da liegt schon der besondere Zauber des Bilderbuchs. Ohne große Erklärungen werden die Tiere in vereinfachter, jedoch sehr ansprechender Weise dargestellt. Sie fügen sich, wie der sich am Kopf kratzende Schimpanse, in die Ordnungskriterien (hier: „schlau“) ein und blicken dem Betrachter mit wachen Augen sehr lebendig entgegen.

Erklärungen findet man nur dort, wo sie aus Sicht der Autorin zwingend erforderlich sind. Zum Beispiel, wenn es um die Länge der Zungen von Tieren der Kategorie „Die Langzungen“ geht. Leicht verständliche Begründungen werden dem Leser an die Hand gegeben, warum das jeweilige Tier genau an dieser Stelle zu finden ist.. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Dieser bewusste Verzicht auf Sprache oder langatmige Hinweise regt zum eigenständigen Entdecken und zum Begreifen an. Und dieses Begreifen führt zum eingangs erwähnten magischen Zündfunken im Buch.

Denn während wir staunen, betrachten und uns dieser ungewöhnlichen Neuordnung erfreuen und uns darüber wundern, wie offen und frei man Tiere „unter einen neuen Hut“ bringen kann, setzt bei den Kleinen etwas ganz Besonderes ein. Ich durfte diesen Zündfunken schon mehrmals live erleben, wenn nämlich ganz plötzlich die Aufforderung kommt, einem Bild doch noch ein Tier hinzuzufügen, weil es eben auch dazu passt.

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Oder, wenn schon während des Betrachtens über neue Kriterien nachgedacht wird, die hier scheinbar vergessen wurden. „Die Stinkenden sind gar nicht drin – und da fallen mir ganz viele ein, die so richtig stinken“. Diesen Satz werde ich so schnell nicht vergessen. Und schon liegt das Bilderbuch mittendrin im Zentrum eines kindlichen Gedankensturms, der über das passive Anschauen und bloße Berieseln hinausgeht.

Hier wird die Kreativität der Kinder herausgefordert und das Kategorisieren nach eigenen Vorstellungen gefördert. Bei Waldspaziergängen tauchen auch Wochen nach dem ersten fröhlichen Betrachten immer wieder Fragen auf, ob denn die entdeckten Tiere im Bilderbuch seien, oder ob man tatsächlich eine neue „Art“ entdeckt habe. Und voller Stolz werden dann zuhause „Die Zutraulichen“ oder „Die Verschmusten“ oder „Die Nie-Alleine-Flieger“ gemalt und ins Buch gelegt.

Walross, Spatz und Beutelteufel – Das große Sammelsurium der Tiere“ von Adrienne Barman, – 2015 erschienen im Aladin Verlag – ist eines der viralsten und nachhaltigsten Bilderbücher, das ich in freier Wildbahn beobachten durfte. Es lebt, lädt ein zum „Spinnen“ und ordnet dabei ganz spielerisch die Tierwelt neu. Was ich noch nicht beurteilen kann, sind die Auswirkungen dieses Denkens auf die Biologielehrer in der Zukunft. Ich muss schon jetzt herzhaft lachen, wenn ich nur daran denke, wenn ein Schüler behauptet, dass im aktuellen Biologiebuch einige wichtige Kategorien einfach fehlen:

„Die Gladiatoren“ zum Beispiel… „Die habe ich nämlich selbst gefunden… damals, als ich noch Bilderbücher las…“

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Ein Wort zu den erwachsenen Fans dieses Bilderbuches: Darwin war gestern, Barman ist heute. Im Biologie-Unterricht haben wir vieles gelernt. Artenvielfalt, Genetik, Gattung oder den Unterschied zwischen morphologischem und biologischem Artbegriff. Diese Kriterien sind wissenschaftlich fundiert, historisch untermauert, korrekt und sicher auch extrem hilfreich, um Paarhufer von Einzelhufern zu unterscheiden. Aber es macht keinen Spaß! Probieren Sie es einfach aus. Am besten nicht allein und lassen Sie sich von diesem Sammelsurium verzaubern. 

Editorial:

Ich danke Adrienne Barman für die Überlassung der enzückenden Autorenfotos, die so schön zu diesem Buch und dem Artikel passen. Ganz besonders danke ich auch für die Geduld, meine holprigen französischen Fragen in aller Seelenruhe und mehr als freundlich zu beantworten!

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