[Thriller] „Girl on the Train“ von Paula Hawkins

Girl on the Train von Paula Hawkins

Girl on the Train von Paula Hawkins

Täglich pendle ich mit der Bahn aus der verträumten Buchenau nach München und damit ins städtische Zentrum meines Berufslebens. Täglich rauschen Bahnhöfe, kleine verschlafene Ortschaften und Häuser an mir vorbei, ohne dass ich ihnen große Beachtung schenke. Zumeist lese ich – und dies nicht nur zum Zeitvertreib, sondern um genau diese wichtige Zeit des Tages zu nutzen. Und doch sollte ich vielleicht einmal das Buch zur Seite legen und aus dem Fenster des fahrenden Zuges schauen. Einfach so… vielleicht würde ich ja etwas sehen, das spannender als jeder Roman ist.

So wie Rachel zum Beispiel, die ebenso regelmäßig wie ich und auch mit dem Zug aus den Randbezirken der Großstadt nach London pendelt. Zähe Fahrten sind es meist. Endlose Bauarbeiten am Gleisbett sorgen für unplanmäßige Verzögerungen und häufige Stopps mitten auf der Bahnstrecke. Signale sorgen für Unterbrechungen der Fahrt und Verspätungen. Rachel hat sich längst damit abgefunden und sogar eine eigene Methode entwickelt, diesen Störungen einen besonderen Reiz abzugewinnen.

Sie beobachtet die Menschen eines bestimmten Hauses in Witney, wo ihr Zug tagtäglich seine Fahrt unterbricht und mal länger, mal kürzer auf freier Strecke anhält. Sie genießt den freien Blick auf das schmucke Häuschen und malt sich aus, wie man darin lebt, liebt, lacht und weint. Sie beobachtet das junge Pärchen mal beim Frühstück im Garten, mal beim Gespräch auf der Terrasse und wenn die beiden nicht zu sehen sind, malt sich Rachel aus, womit sie gerade ihre Zeit verbringen.

Girl on the Train von Paula Hawkins

Girl on the Train von Paula Hawkins

Sogar Namen hat sie den unbekannten Bewohnern des Hauses gegeben, um sich Tag für Tag ein wenig mehr von ihrem Leben auszumalen. Jess und Jason gehören auf diese Art und Weise schon fast zum Leben von Rachel. Sie vergleicht den Tagesablauf des Pärchens mit dem eigenen Lebensmuster und den selbst erträumten Vorstellungen von Harmonie, Liebe und Selbstverwirklichung. Rachel ist das Mädchen im Zug. Das Girl on the Train in der Geschichte von Paula Hawkins. Oder sollte ich sagen… im Psychothriller der in London lebenden Autorin?

Ja – eindeutig. Ich sollte es so sagen und schreiben. „Girl on the Train“ ist ein Psychothriller der ganz besonderen Art, da er sich jedem Vergleich mit bekannten Strickmustern des Genres erfolgreich entzieht. Weder die Erzählperspektive, noch die „Timeline“ des Geschehens oder gar die Charakterzeichnung der Protagonisten führen zu dem Lese-Urteil: Das hab ich schon mal so ähnlich gelesen. Haben Sie nicht! Haben Sie sicher nicht, und wenn Sie den Verdacht langsam aufkeimen fühlen, sollten Sie ihn schnell vergessen. Er trügt. Wie so vieles.

Aber was macht aus dem fantasievollen Eingangsszenario einen Psychothriller, der seine Leser in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele stürzt? Was soll schon passieren, wenn man täglich mit der Bahn vor einem wundervollen Vorstadthäuschen stoppt und sich ausmalt, wie die Menschen darin leben? Und warum sollte ausgerechnet Rachel, das „Girl on the Train“ als passive Beobachterin in den tosenden Strudel von Ereignissen gezogen werden, die uns Leser über 446 Seiten nicht mehr aus ihren Fängen lassen?

Girl on the Train von Paula Hawkins

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Vielleicht, weil nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Vielleicht, weil an der harmlosen Szenerie einige kleine Details nicht dem entsprechen, wie wir sie als neutrale Beobachter wahrnehmen. Und vielleicht auch, weil Rachel, die unauffällige Berufspendlerin ebenfalls nicht dem stereotypen Bild entspricht, das wir uns gewöhnlich von Pendlern machen. Und vielleicht, weil etwas das gesamte Bild in eine Schielflage bringt, die nicht nur den Leser in den Wahnsinn treiben kann.

Vielleicht, weil ja nur ein kleines Detail die Vorstadtidylle aus dem Gleichgewicht bringt und eine Welle von Ereignissen lostritt, die sich wie ein Thriller-Tsunami in alle Richtungen ausdehnt. Und mit alle Richtungen meine ich alle Richtungen in zeitlicher als auch räumlicher Hinsicht. Es beginnt an einem schönen Sommertag mit einem der üblichen Stopps auf freier Strecke. Wieder einmal ein unfreiwilliger Halt genau vor dem kleinen Häuschen von Jess und Jason. Wieder ein Tag für ein neues Kapitel im Leben von Rachels Fantasiegestalten.

ABER… Die Seifenblase der heilen kleinen Welt zerplatzt in einem einzigen Augenblick. Schon in dem Moment in dem der Zug zum Stehen kommt entdeckt Rachel „ihre“ Jess im Garten des Hauses. Diesmal mit einem anderen Mann an ihrer Seite. Vielleicht einem Cousin oder einem Trauzeugen aus Australien, beginnt Rachel ihre Geschichte weiter auszumalen, als etwas geschieht, das alles verändert. Der Beginn der Katastrophe nimmt am 12. Juli 2013 Fahrt auf:

Girl on the Train von Paula Hawkins

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„Jess geht auf ihn zu, legt die Hände an seine Taille und küsst ihn lang und leidenschaftlich. Der Zug fährt wieder an. Ich kann es nicht glauben. Ich schnappe nach Luft… Warum sollte sie so etwas tun? Jason liebt sie… Ich kann nicht glauben, dass sie ihm das antut, das hat er nicht verdient!“

Rachels Weltbild von der großen Liebe im Vorstadthaus gerät ins Wanken und der Gedanke an die fremdgehende Jess lässt sie nicht mehr los. Als sie genau zwei Tage später in den Nachrichten die Schlagzeile „Große Sorge um vermisste Frau aus Witney“ wahrnimmt, ahnt sie, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Und sie ahnt, dass sie wohl die einzige Zeugin dieser Auffälligkeit gewesen ist, die der Polizei jetzt weiterhelfen könnte.

Je mehr sie den aktuellen Nachrichten folgt, je mehr verändert sich auch das selbst geschaffene Trugbild von Jess und Jason. Megan und Scott Hipwell ersetzen in der Realität das traute Fantasiegebilde in Rachels Kopf, und wie immer gerät der Ehemann der Verschwundenen sehr schnell ins Fadenkreuz der Ermittler. Doch wie soll Rachel der Polizei von ihren Beobachtungen berichten? Wie soll sie klarmachen, dass sie nur zufällig und ganz nebenbei ausgerechnet hier eine Beobachtung von solcher Tragweite gemacht hat? Man würde ihr kaum glauben, denn…

Girl on the Train von Paula Hawkins

Girl on the Train von Paula Hawkins

Denn… was… werden Sie jetzt fragen? Warum sollte man ihr nicht glauben, warum an ihrer Aussage zweifeln? Wieso könnte es sogar sein, dass Rachel sich selbst in eine mehr als unangenehme Situation bringt? Auf diese Fragen werde ich keine Antworten geben, da ich schon in sehr vielen Besprechungen zu diesem Psycho-Thriller viel zu deutliche Hinweise auf die komplette Handlung, die Protagonisten und die verborgenen Geheimnisse gelesen habe, die dem neugierigen Leser die echte Freude an „Girl on the Train“ nehmen können.

Ich wurde nur durch die Ausgangssituation neugierig auf den Roman von Paula Hawkins. Mir hat diese geheimnisvolle Eingangssequenz gereicht und ich hoffe, dass wahre Thrillerfreunde an genau der gleichen Stelle Blut lecken. In technischer Hinsicht arbeitet die Autorin mit wirklich allen verfügbaren Stilmitteln des Genres. Sie gestaltet eine Story-Timeline, die grundsätzlich linear verläuft, durch Rückblenden Verborgenes beleuchtet, sich von Kapitel zu Kapitel immer weiter nach vorne bewegt und dabei den Tag des Verschwindens von Megan Hipwell in den Mittelpunkt stellt.

Wer war an diesem Tag wo, wann, wie und warum? Fragen, auf die wir nach dem atemlosem Lesen Antworten in Hülle und Fülle erhalten. „Girl on the Train“ ist ein perfekt gestrickter Thriller, in dem uns psychologische Zerrbilder, verletzte Eitelkeiten, tiefe Beziehungsdramen und Kontrollverluste umgarnen, unzuverlässige Erzähler durch konstanten Perspektivwechsel Zug um Zug auf dem Seziertisch der Geschichte in ihre Bestandteile zerlegt werden und die Leser durch immer tiefere Einblicke atemlos in Hochspannung versetzt und bis zur letzten Seite gehalten werden. Dieser literarische D-Zug rast ungebremst auf ein furioses Finale zu, das mehr als plausibel ist und in sich geschlossen den gesamten Thriller zu einem funktionierenden Transrapid seines Genres macht.

Girl on the TRain von Paula Hawkins

PS: Einen Vergleich mit Gone Girl habe ich nebenbei auch noch angestellt. Girl on the Train ist facettenreicher, vielschichtiger und liest sich von der ersten Seite an im Eilzugtempo, während ich bei „Gone Girl“ schon sehr oft Leser ermutigen musste, bis zur Mitte des Thrillers durchzuhalten, da erst hier die ersten richtigen Fakten greifbar werden. „Girl on the Train“ ist ebenso geheimnisvoll und unvorhersehbar.

PPS: Es war eine irrige Annahme, dass mir der Blanvalet Verlag in seiner unendlichen Güte eine Nackenrolle und einen Koffergurt in Thriller-Optik geschickt hat. In die Rolle habe ich gebissen, wenn die Spannung nicht mehr zu ertragen war und der Gurt hat mich nachts im Bett fixiert, als die Albträume einsetzten. Praktisches Buchzubehör!

PPPS: Wenn ihr eine sehr aussagekräftige Hörbuch-Rezension lesen möchtet, dann gibt es nur einen Weg. Fahrt mit dem Thriller-Zug einfach bei Julia vorbei und besucht ihren Blog Ruby´s Cinnamon Dreams„. Da gibt`s was für die Ohren.

Girl on the Train von Paula Hawkins

Girl on the Train von Paula Hawkins

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19 Gedanken zu „[Thriller] „Girl on the Train“ von Paula Hawkins

  1. Wie kann man denn so eine grandiose Rezension schreiben?
    Ich dachte, das Buch interessiert mich ueberhaupt nicht, aber jetzt muss ich es haben, und wenn ich nicht auf der Stelle diesen Blog verlasse, habe ich heute Abend kein Stueck Arbeit geschafft, aber dafuer ein leeres Konto.

  2. Ich habe so viele Kritiken und Artikel zu diesem Buch gesehen und keine davon gelesen. Hier bin ich, wie so oft, hängengeblieben weil du nicht spoilerst und nicht verreißt. Gestern habe ich „Girl on the Train“ beendet. Danke, dass du mir so vorbehallos und ohne meine Lust an diesem Buch zu nehmen den Weg gewiesen hast.

    Deine Rezension ist alles. Darf ich ihr ein goldenes Schleifchen verleihen?

    Elli

    • Elli… ein Schleifchen nehme ich gerne… aber es ist selbstverständlich nicht zu spoilern. Mein Lesegefühl wollte ich weitertragen und so halte ich es, seitdem ich blogge.

      Und jetzt gehe ich mein Schleifchen bügeln… sowas bekommt man nicht alle Tage!

  3. Angekommen. Letzte Haltestelle. Hätte gerne eine Jahreskarte für diesen Zug. Da war Tempo drin und ich bin immer wieder überrascht worden. Und du hast dicht gehalten. Konnte es nach deiner Rezi nicht erwarten einzusteigen und wurde belohnt. Danke für deine neugierigmachende Zurückhaltung.

    Simi

    • Simi, danke für die Rückmeldung von deiner Lese-Endstation… Freue mich, dass mein Dichthalten dir ein paar tolle Lesestunden beschert hat.

      Solltest jetzt aber aussteigen und dich nach neuen Zügen umschauen. Jahreskarte rüberreiche… 😉

  4. Du hast mit mir im Zug gesessen und ich habe dir meine Eindrücke mitteilen müssen, habe diese niedergeschrieben und genau jetzt, habe ich gelesen, wie es dir ging.

    Danke für deine Worte die ich nur unterschreiben kann. Mein absoluter Lieblingssatz von dir:

    Dieser literarische D-Zug rast ungebremst auf ein furioses Finale zu, das mehr als plausibel ist und in sich geschlossen den gesamten Thriller zu einem funktionierenden Transrapid seines Genres macht.

    Gute Fahrt in den Sonntag.

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