„Ismaels Orangen“ – Eine zarte Buchpflanze von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ich bin seit einigen Wochen im Besitz eines kleinen Holzquaders. Er wirkt mehr als unscheinbar, Und doch verbirgt sich in seinem Inneren viel mehr als ein ganzes Leben. Ecken und Kanten nimmt man wahr und ebenso unveränderlich wie starr fühlt sich das Stück Holz an. Erst bei näherer Betrachtung entdeckt man eine kleine Ausfräsung an seiner Oberfläche, in der ein unscheinbares Tütchen mit Pflanzensamen und ein Pad mit Nährmitteln verborgen sind. Eine Banderole verziert das kleine Gebilde und ein Satz sticht sofort ins Auge:

„Kann Liebe wachsen, wo Hass gesät wird?“

Ich beginne sofort, die Samen einzupflanzen, sie vorsichtig zu bewässern und warte gespannt auf die ersten Zeichen von Leben. Ein ungewöhnlicher Begleiter für eine neue Lesereise steht nun neben mir und doch ist es ein mehr als reizvoller Gedanke, einem kleines Orangenbäumchen beim Wachsen zuschauen zu können, während der Roman mich mit seiner tiefen Botschaft wie einen trockenen Schwamm mit neuen Gedanken benetzt.

Ismaels Orangen“ von Claire Hajaj (Blanvalet) gleicht dem hölzernen Würfel, der meine Pflanzensamen aufgenommen hat. Ecken und Kanten weist das Buch auf und doch verspricht das atmosphärische Cover im Dialog mit der Banderole in aller Wärme eine sehnsuchtsvolle und tiefe Geschichte, in deren Mittelpunkt ein Orangenbaum zu stehen scheint. Für einen bibliophilen Menschen verspricht das Lesen dieses Romans in Verbindung mit dem Wachstum einer kleinen Pflanze ein besonderes Lesen zu werden.

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Man hat das Gefühl, dass etwas aus dem Roman herauswächst, das man bei guter Pflege noch sehr lange als sichtbare Metapher für eine Geschichte bewahren darf. Ein kleiner grüner Lesezeichen-Sprössling rundet dieses Gefühl ab. Mir gefällt diese Idee. Sie inspiriert und ich beginne mich schon von Beginn an sehr wohl in meinem kleinen Gewächshaus des guten Lesens zu fühlen.

Und doch beginnt manches Wachstum ganz langsam und oftmals ein wenig holprig. Auch in „Ismaels Orangen“ dauert es eine Weile, bis die ersten Zeichen von Leben ihre zarten Fühler nach der Sonne ausstrecken. Es will noch kein richtiger Lesefluss aufkommen, weil gerade in der Einleitung sehr viele Begriffe aus dem Arabischen im Text verankert sind, deren Bedeutung sich im Anhang zwar erschließt. Der ansonsten flüssige und melodische Rhythmus der Erzählung gerät ins Stocken. Als sich dann auch noch hebräische Begriffe durch den Text schlängeln beginnt etwas ganz Besonderes

Als die ersten Pflänzchen ganz grün und zart neben mir zu erkennen sind, habe ich mich auch daran gewöhnt, da genau dieses ständige Hin- und Herblättern etwas in mir bewirkt hat. Ich lese aufmerksam, hinterfrage und lasse mich nicht treiben, denn sehr schnell gewinnt der Roman in jeglicher Hinsicht eine Tiefe, die angesichts des Themas zu erwarten war. In diese unglaubliche Tiefe einzudringen hat nichts mit leichtem und oberflächlichem Lesen zu tun. Gar nichts.

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Wir befinden uns im Jaffa des Jahres 1948. Die Welt von Salim besteht aus dem wohlbehüteten Elternhaus mit einer kleinen Orangenplantage, in der er nun im Alter von sieben Jahren die ersten Früchte des Baumes ernten darf, der extra zu seiner Geburt gepflanzt wurde. Ihn interessiert absolut nicht, was es heißt Palästinenser zu sein. Ihn interessiert auch nicht, dass genau in diesem Jahr der Staat Israel gegründet wird. Ihn interessiert nur sein kleines Leben, das jedoch durch die Weltpolitik immer wieder aus den Angeln gehoben wird.

Er ahnt nicht, dass die ersten Panzer auf dem Weg nach Jaffa sind. Er ahnt noch nicht, dass seine Kindheit genau zu Beginn des größten Konflikts in der Geschichte des Nahen Ostens endet. Er spürt jedoch am eigenen Leib, was es bedeutet, in dieser Zeit als Palästinenser seine Heimat zu verlieren. Er erlebt, was es heißt, plötzlich auf der Flucht zu sein und er muss begreifen, dass sein Orangenbäumchen in immer weitere Ferne rückt. Während die ewige Gewaltspirale zwischen Israelis und Palästinensern in immer neue Dimensionen getrieben wird, schwört sich Ismael, eines Tages zu seinem Orangenbaum, und damit zu den Wurzeln seiner Familie, zurückzukehren. Ein Schwur, der nicht nur sein Leben verändern sollte.

Während die Nahost-Krise immer neue Eskalationsstufen erreicht, lernt Ismael im London der 1960er Jahre Judith kennen. Unterschiedlicher könnten zwei Lebenslinien nicht sein – unterschiedlicher können die Geschichten zweier Familien nicht verlaufen, denn während Israel für den Palästinenser Ismael zum Synonym für Vertreibung und Heimatlosigkeit wurde, hat dieses Land nur eine abstrakte Bedeutung für das jüdische Mädchen. Es ist ein Ort, an dem alle Welt verrückt geworden zu sein scheint.

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit und Holocaust gehören zu Judiths komplexer Familiengeschichte. Und doch fühlt sie sich in England nicht frei. Weder im Schulalltag, noch in ihrer Beziehung zu Freunden spürt sie Akzeptanz und Rückhalt. Sie fühlt sich anders, unverstanden und letztlich auch ungeliebt. All dies ändert sich, als sie Ismael begegnet und während meine kleine Pflanze neben dem Buch ausufernd zu wachsen beginnt, verlieben die beiden jungen Menschen sich unsterblich ineinander.

„Ich muss überhaupt nichts. Du bist ein Mensch, ich bin ein Mensch. Warum sollte ich dich hassen, ohne dich zu kennen?“

„Ich bin es nicht wert, gehasst zu werden“, erwiderte sie. „Ich bin nur ein Mädchen aus Sunderland, das gezwungen wurde, zum Hebräischkurs zu gehen.“

Der Kampf um ihre gemeinsame Liebe wird zur Bestimmungsgröße ihrer tiefen Leidenschaft füreinander. Und genau dieser Kampf beginnt auszuufern, erreicht das Hoheitsgebiet der beiden Familiengeschichten und führt zum einem Stellvertreterkrieg auf englischem Boden. Die Liebe siegt. Sie ist stärker als der gesäte Hass und allen Widerständen zum Trotz ist es plötzlich denkbar, dass ein Palästinenser und eine Jüdin in Liebe vereint sein können, während in ihrer Heimat die Welt in Trümmern liegt.

Alles könnte so verklärt romantisch sein. Alles könnte so leicht sein, aber da wo die reine Verantwortung füreinander endet und die gemeinsamen Kinder in ein tragfähiges Umfeld eingebettet werden müssen, brechen in der harmonischen Beziehung Fronten auf, die es zuvor nicht gab. Die eigene Geschichte beginnt übermächtig zu werden und der Schwur Ismaels lastet immer schwerer auf seinen Schultern. Israel wird für beide zum gefährlichen Trugbild und zur Gratwanderung ihrer Liebe, die Judith zu verlieren scheint:

„Wenn du für etwas kämpfen willst, dann für uns. Das ist ein Kampf, den du gewinnen kannst!“

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Claire Hajaj weiß wovon sie schreibt, wenn sie als Tochter eines Palästinensers und einer Jüdin eine Geschichte erzählt, die von Liebe unter fast unmöglichen Vorzeichen handelt. Sie weiß wovon sie schreibt, wenn sie den täglichen Schrecken des Konflikts zwischen zwei zutiefst verfeindeten Volksgruppen beschreibt. Und ihrer Herkunft ist es zu verdanken, dass sie hier unparteiisch und unvoreingenommen schreibt. Sie ist dazu berufen, die Wahrheit eines dauerhaften Krieges aus jeder Perspektive zu beleuchten.

Ihr Grenzgang zwischen zwei Religionen, Weltbildern, Kulturen und individuellen Geschichten gleicht den weitverzweigten Ästen des kleinen Bäumchens. Sie entfernen sich immer weiter vom Stamm und vergessen die größte Gemeinsamkeit, die sie noch miteinander verbindet. Den eigentlichen Stamm und die gemeinsamen Wurzeln. Die Liebe von Ismael und Judith wird zum Höllenritt einer Vergangenheit, die beide nicht zu verantworten haben. Ihre Sehnsüchte und Verletzungen sind die Folge von Einflüssen von außen, die ein unglaubliches Gewicht haben. Der gemeinsame Baum droht unter dieser Last zu zerbrechen. Kann man seiner eigenen Geschichte entfliehen oder wann holt sie einen wieder ein? Auf diese Frage gibt Claire Hajaj beeindruckende Antworten.

Claire Hajaj gelingt mit „Ismaels Orangen“ ein melancholischer, sehnsuchtsvoller und chirurgisch präzise erzählter Roman über eine große Liebe am Rande eines Konfliktes, den niemand wirklich ernsthaft beilegen möchte. Opferbereitschaft hat seine Grenzen, Selbstaufgabe ist selten Grundlage für einen Lebensweg und die Liebe nicht immer eine Lebensversicherung. Ob die Liebe dort siegt, wo der Hass gesät wurde – dies lohnt sich zu erlesen. Mein kleines Orangenbäumchen wächst und gedeiht. Ein Bäumchen der Hoffnung. Ein wundervoller Gedanke in Grün, der hoffentlich bald Früchte trägt.

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Auch Heike Dewald hat „Ismaels Orangen“ gepflückt und ich kann ihre Rezension nur mit dem guten Füller unterschreiben. Irve liest„. Dieser Roman geht für mich Hand in Hand mit dem großen Werk Judasvon Amos Oz, der uns ebenfalls einen tiefen Einblick in diesen immerwährenden Konflikt und seine Ursachen gewährt.

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13 Gedanken zu „„Ismaels Orangen“ – Eine zarte Buchpflanze von Claire Hajaj

  1. Hallo Arndt,

    ich bin etwas irritiert, auch bei dir die Behauptung zu finden, Judiths Familie sei vor dem Holocaust geflohen. Ihre Großmutter und der Großvater sind 1903 aus Russland nach England geflohen und haben sich auf dem Schiff kennen gelernt. Auch ihre Familie väterlicherseits lebte schon länger in England. Einzig Judiths Schwester Gretchen, die von der Familie adoptiert wurde, ist vor dem Holocaust geflohen.
    Mich hat Claire Hajajs Buch zu Tränen gerührt. Als Nachkommin von Palästinensern, die 1948 ihre Heimat Jaffa verlassen mussten, habe ich viele Parallelen finden können. Wie Claire Hajaj auf der Buchmesse zu mir sagte, unsere Familien haben eine gemeinsame Geschichte.
    Die arabischen und hebräischen Begriffe haben mich im Lesefluss nicht beeinträchtigt, dafür aber eine sehr authentische Stimmung erzeugt, was aber auch sicher mit daran liegt, dass mir einige Wörter und Redewendungen des palästinensischen Dialekts vertraut sind.

    Liebe Grüße
    Mona

    • Vielleicht habe ich mich hier nichtt so klar ausgedrückt, weil ich den Holocaust in Bezug auf die anderen Bücher zum Thema hier nur als einen Aspekt in der Familiengeschichte anreißen wollte. Er spielt im Denken eine Rolle, aber ich stimme dir zu, dass die Familiengeschichte komplexer ist, als man dies in einer Rezension zusammenfassen kann. Die Passage werde ich mir nochmal genau durch den Kopf gehen lassen. Danke für diesen Anstoß.

      Die Originalbegriffe haben mich auch nur zu Anfang gestört, danach setzte eben ein sehr bewusstes Lesen ein.

      Hajaj`s Geschichte ist insofern eine große Geschichte, die viele Flüchtlingsschicksale vereint und sie schreibt das einfach faszinierend. Mich hat ihr neutraler Standpunkt bewegt. Ein Zeichen schriftstellerischer Größe…

      • Ich glaube, es steht schon falsch im Klappentext. 🙂
        Der neutrale Standpunkt ist bewundernswert gelungen, aber auch geboren aus dem Dilemma der eigenen Familiensituation. Ich weiß, wie unglaublich schwierig es ist, für beide Seiten Verständnis aufzubringen und wie schwer und konfliktbehaftet, diesen Standpunkt innerhalb der eigenen Familie zu vertreten. Claire verdient meinen tiefsten Respekt. Ich habe zu dem Buch nach meiner Rezension, die ich versucht habe, neutral zu halten, einen sehr persönlichen Artikel geschrieben, der seit März unveröffentlicht ist. Ich bring es einfach nicht fertig.

        Liebe Grüße

      • Ich kann verstehen, dass es Zeit braucht, einen solchen persönlichen Artikel zu veröffentlichen und oft hilft schon das Schreiben selbst.

        Claire Hajaj hilft jedenfalls dabei die Augen zu öffnen, wie schwer es ist, einen eigenen Lebensentwurf zu finden, der durchhaltefähig ist, wenn unterschiedliche Einflüsse auf das eigene Leben einprasseln.

        Die Suche einer geeigneten Schule für die eigenen Kinder wird schon zur Belastungsprobe, die nach außen hin darstellt, wie eine Familie sich selbst einordnet. Nichts bleibt unbewertet, nichts der eigenen Entscheidung überlassen und so ist es schwer, aber eben auch verständlich, dass Konflikte entstehen, die es unter der Flagge der Liebe gar nicht geben dürfte.

        Judiths Haltung ist bewundernswert – Ismaels Veränderung und Wandlung vielleicht den eigenen Enttäuschungen geschuldet. Ein schmerzhafter Prozess, der mich in den Bann zog. Was entscheiden wir selbst und wo erliegen wir dem Druck… schwer.

  2. Hör bitte auf damit. Hör auf damit, mir immer wieder Bücher vorzustellen, von denen du weißt, dass ich nicht widerstehen kann. Grüße von einem, der gerade lernen muss und wenig zum lesen kommt.

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