„Verlust“ – Pulitzerpreisträger Paul Harding ist wieder da

Verlust von Paul Harding

Verlust von Paul Harding folgt auf Tinkers

“Für meine Urenkel werde ich nicht viel mehr sein als das vage Gefüge einer Ansammlung von Gerüchten und für ihre Urenkel werde ich nicht mehr sein als der Ton einer undeutlichen Farbe und für deren Urenkel wiederum nichts, wovon sie je erfahren werden, und genauso hat ein Heer aus Fremden mich geformt und gefärbt bis zurück zu Adam….

Es ist ein fertiges Muster, das am Ende vollkommen übergangslos zerfällt, an welchem Ende, an diesem Ende.”

Wie man sich doch täuschen kann.

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Im Roman „Tinkers“ von Paul Harding lag George Washington Crosby im Sterben. Umgeben von seinen Verwandten und aufgebahrt in seinem Wohnzimmer verbrachte er seine letzten Stunden im Kreise seiner Lieben. Nun, am Ende seines Lebens im kleinen Örtchen Enon, begann er schließlich zu halluzinieren und seine Gedanken drifteten in wilden Zeitsprüngen aus der Vergangenheit ins Jetzt. Dabei verschmolz letztlich alles in einem finalen Atemhauch zu einer einzigen Ebene.

George Washington Crosby und sein Vater Howard, der Tinker, wurden in diesem Erinnerungssturm zu dem, was sie zeitlebens niemals sein durften. Sie wurden zu “Zwei Erbsen in einer Schote…” Sie wurden im kollektiven Gedächtnis des Sohnes beide zu “Tinkers“. Zu Bastlern an ihren eigenen Leben. Ein Kreis der sich behutsam taumelnd schloss. Endgültig.

Verlust von Paul Harding

Verlust von Paul Harding  – Enon im Original

Und doch war George fest davon überzeugt, dass nicht mehr als ein paar Gerüchte von ihm die Zeit überdauern und sein Enkel Charlie sich nur noch verschwommen an die Stunden am Sterbebett seines Großvaters erinnern würde. Und letztlich wäre er für seine Urenkel nur noch das vage Gefüge einer Ansammlung von Gerüchten, bevor dann letztlich alles zerfällt. Mit diesen Gedanken starb George Washington Crosby und wurde, wie so viele seiner Vorfahren, auf dem Friedhof von Enon beigesetzt.

Und genau dieses kleine Örtchen Enon, am gleichnamigen Fluss gelegen, bildet den Erzählraum für das neue Buch von Paul Harding, der für sein Roman-„Tinkers“ im Jahr 2010 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde.Verlust, gerade erschienen im Luchterhand Literaturverlag, trägt bezeichnenderweise den Originaltitel „Enon“ und schon vor vier Jahren hat mir Paul Harding in einem exklusiven Interview verraten, wie beide Bücher miteinander in Verbindung stehen:

„Enon ist natürlich nur die rein fiktionale Version des kleinen Ortes in dem ich selbst aufgewachsen bin. Mein nächster Roman wird diesen Namen tragen: “Enon”. Es wird der gleiche Rahmen sein wie bei Tinkers. Ich kenne die Atmosphäre dort, die Stimmung und die Menschen und kehre gerne dorthin zurück. Die Hauptperson ist einer der Enkel von George Washington Crosby. Dieser Roman wird allerdings nicht die Fortsetzung zu “Tinkers” sein. Es ist eine eigenständige ganz neue Geschichte.(weiter zum Interview mit Paul Harding)

Tinkers von Paul Harding - Pulitzerpreis 2010

Tinkers von Paul Harding – Pulitzerpreis 2010 – Paul Harding im Gespräch

20 Jahre nach dem Tod seines Großvaters George lebt dessen Enkel Charlie die Familientradition in Enon fort. Er saß damals lange am Sterbebett und hat als kleiner Junge selbst miterlebt, wie der Mann starb, an den er noch heute so viele prägende Erinnerungen hat. Die Landschaft, der Fluss und der Ort haben für Charlie nur deshalb eine so große emotionale Bedeutung, weil sie ihm schon damals in die Wiege gelegt wurde. Und er hat nie zugelassen, dass von seinem Großvater nur das vage Gefüge einer Ansammlung von Gerüchten geblieben ist.

Charlie hat seiner Tochter Kate so viel von ihrem Urgroßvater erzählt, dass sie manchmal meint, ihn wirklich zu kennen. Kate weiß, wie es sich angefühlt haben muss, gemeinsam mit George Washington Crosby die Vögel zu füttern, am still vor sich hin treibenden Fluss spazieren zu gehen und dabei seinen Erklärungen zur Geschichte der Familie zu lauschen. In der kleinen Erbsenschote von einst befinden sich heute viele kleine Erbsen, die ihre eigene Geschichte im Kokon der Crosbys verstehen. Charlie, seine Frau Susan und ihre 13-jährige Tochter Kate sind die Crosbys von heute. Eine glückliche Familie, bis…

„Charlie, Kate ist tot. Sie war auf dem Fahrrad, nicht weit vom See, und ist von einem Auto angefahren worden. Charlie, sie ist tot….“

Unvermittelt zerbricht eine ganze Welt, in der bis dahin eher die Männer ihre Frauen zu Witwen und ihre Kinder zu Waisen gemacht haben. Unvermittelt zieht es Charlie den Boden unter den Füßen weg und ebenso unvermittelt verstehen wir als Leser, warum sich der Verlag dazu entschlossen hat, diesem Roman den ganz schlichten und doch so bezeichnenden Titel Verlust zu geben. Wer in seinem Leben auch nur einen Satz aus der Feder von Paul Harding gelesen hat, der hat den Hauch einer Ahnung, in welchem Stimmungsbild der Schriftsteller sich selbst, seinen Protagonisten und letztlich auch den Leser versinken lässt.

Verlust von Paul Harding

Verlust von Paul Harding – Ungefilterte Emotionen

Ich musste mich am Buch festhalten, als ich Charlie ins Zimmer seiner gerade erst verstorbenen Tochter folgen musste. Ich suchte Halt, als ich ihn dabei beobachtete, wie er von Gefühlen überwältigt versucht, die Kleidung auszusuchen, die man Kate im Sarg anziehen sollte. Und ebenso unvermittelt saß ich neben Charlie auf dem Boden des Kinderzimmers, weil es mir beim Lesen die Beine weggezogen hat. Regungslos blieb ich neben ihm liegen. Nicht mehr in der Lage, auch nur eine Zeile weiterzulesen, so wie er nicht mehr in der Lage war, Kates Socken, ihr T-Shirt oder ihre weichen Hausschuhe auch nur anzufassen. (Meine Gedanken an diesem Tag des Lesens… hier)

Ich spüre die aufziehende Leere beim gemeinsamen Betrachten der Familienfotos. Eine kleine Gedenktafel mit Bildern von Kate soll bei der Beerdigung aufgestellt werden. Diese Schnappschüsse auszuwählen ist nun die Aufgabe der Eltern, während sich die anwesende Verwandtschaft um die Organisation der Trauerfeier kümmert. Dabei ist jedes einzelne Bild eine Geschichte und jede Geschichte ist nichts mehr weiter als ein Schmerz, der alles überdeckt. Mit Tränen in den Augen zu lesen, daran sollte man sich in diesen Momenten gewöhnen. Zu nah, zu tief, zu intensiv… So dicht schreibt uns Paul Harding in dieses Bild hinein.

Es war, als hätten sie einen dürftigen Vorhang aus Lärm vor die Stille gezogen, wo früher Kate war.“

Lähmende Hilflosigkeit macht sich breit und Farben der Trauer bahnen sich ihren Weg in das ehemals harmonische bunte Leben der Familie, die nun keine mehr ist. Kontrollverlust, Resignation und Verzweiflung werden greifbar. Nicht jedoch für Charlie, der sich selbst die Hand bricht, um den Schmerz zu verlagern. Erfolglos und doch für uns Leser mehr als nachvollziehbar, dass die Wut sich ein Ventil sucht. Charlie beginnt sich aufzulösen, während seine Frau ihren eigenen ganz isolierten Kampf zu führen scheint. Und da beide ihre einsamen Kämpfe führen ist für einen gemeinsamen Weg kein Platz. Die Trauer trennt viel mehr als die Lebenden von den Toten. Sie ist sogar in der Lage, die Lebenden voneinander zu trennen.

Verlust von Paul Harding

Verlust von Paul Harding

Paul Harding hat einen intensiven Roman über den Totalverlust eines Vaters geschrieben. Sein Protagonist fällt durch alle Maschen des Netzes, das er für sich und seine kleine Familie gewoben hat. Im Rückblick auf die gemeinsame Zeit mit seiner Tochter öffnet sich eine doppelt gelebte Jugend in Enon. Indem er sich an ihre Kindheit erinnert legt sich die Erinnerung an die eigene wie ein Schutzfilm über seine Trauer. Und doch fällt er tief und tiefer. Haltlos versinkt er in Drogen, um seinen Schmerz zu betäuben. Und immer wieder begegnet er seinem Großvater George in der Tiefe der Gedanken.

Die Erzählung treibt manchmal so langsam und unaufhaltsam, wie der Fluss selbst, der diese Landschaft durchzieht. Unaufhaltsam stürzt auch Charlie Crosby selbst dem scheinbaren Untergang entgegen. Ob es ihm selbst gelingt, die Notbremse zu ziehen, oder ob das in ihm verankerte kollektive Gedächtnis seiner Vorfahren in Verbindung mit der Naturverbundenheit gegenüber dem Enon ein Wunder bewirken kann, das sollte man sich in seinem ganz eigenen Tempo erlesen.

Was bleibt ist die tiefe Erkenntnis, wie unbedeutend unsere kleinen Alltagssorgen im Vergleich zu einem solch tragischen Verlust doch sind. Harding weckt ein Gefühl in seinen Lesern, das in unserer Zeit so häufig vermisst wird. Nicht Mitleid empfinden wir. Es ist große Empathie, da wir tief in die Innenansicht von Charlie Crosby eindringen und seine Gefühle in uns aufsaugen. Er lässt uns nah an sich heran. Wir verstehen was er meint, wenn er sagt:

„Wie schön das wäre: Mir ums Geld sorgen machen, während meine Tochter schlief!“

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6 Gedanken zu „„Verlust“ – Pulitzerpreisträger Paul Harding ist wieder da

  1. Pingback: Paul Harding – Auf Tinkers folgt Verlust – Ein Interview | AstroLibrium

  2. Ich habe damals Tinkers gelesen und war von der Erzählweise fasziniert. Ich werde mir heute Verlust besorgen und freue mich sehr darauf. auch dank deiner Einordnung des Buches mit dem Interview. Das kriegt man sonst nicht geboten. Danke dafür.

  3. Ein Artikel, der bei mir Gänsehaut verursacht. Ein Buch, bei dem ich garantiert aus dem Heulen nicht wieder rauskommen würde. Viel zu oft habe ich schon erlebt, was passiert, wenn Töchter oder Söhne sterben. Und was die Trauer aus den Eltern macht. Schockierendes erlebt, dass mir hier an dieser Stelle fast die Worte fehlen und ein paar Tränchen die Wangen runterkullern. Gedanken kommen wieder hoch, die mich oft begleiten. Gedanken, die ich teilweise mit dir teilen kann und teilweise viel zu tief sind, weil es sehr enge Freunde oder Bekannte von mir gewesen sind, die einfach verschwunden sind….eine Mutter, die ihren einzigen Sohn verliert, weil sie zwar überall nach Hilfe fragte, aber keine bekam. Sie bat selbst das Jugendamt um Hilfe, um einen geeigneten Therapeuten usw. Doch das Jugendamt hat nichts getan – sie und ihr Mann konnten ihrem Sohn nicht helfen, ihn nicht auffangen…und eines Tages hat er sich einfach entschieden diese Welt zu verlassen. Inzwischen haben sie nicht nur das Jugendamt verklagt und Recht und Schmerzensgeld bekommen. Aber alles bringt ihren einzigen Sohn nicht wieder zurück….. Manchmal bin ich ein bisschen Ersatztochter – auch für mich nicht einfach…
    Ein Jahr ist es her…ein Hubschrauberabsturz, eine viel zu junge Tochter, eine Mutter, die seitdem nicht mehr richtig leben will und sich durchs Leben quält. Eine Mutter, die in Tagen größter Trauer folgende Sätze an den Kopf geworfen bekam: „Bist doch noch jung und kannst noch eine Tochter bekommen!“….“Hast doch noch eine Tochter!“
    Die Vorstellung, wie du dieses Buch gelesen hast, macht mich schon sprachlos und verdeutlicht, wie tief diese Worte gehen. Gerade bei dem, was ihr durchgemacht habt…alles ist gut ausgegangen und doch ist einem immer bewusst, dass alles leicht zerbrechlich ist…das Wissen eben doch nicht alles in der eigenen Hand zu haben…
    Danke für deine Worte, die Einblicke in deinen Lesensweg, der sicher nicht einfach war, sich tief verinnerlicht und Spuren hinterlassen hat…
    Ich drück dich fest aus der Ferne. Fühl dich umärmelt!

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