„Planet Magnon“ von Leif Randt

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Die kleine literarische Sternwarte ist seit Anbeginn der Zeitrechnung auf der Suche nach neuen Fixsternen am Bücherhimmel. Dies ist schon lange kein Geheimnis mehr. Als ich beim aufmerksamen Blick durch mein buchiges Teleskop allerdings ein völlig neues Sonnensystem mit eigenen Planeten und Monden entdeckte, war ich natürlich mehr als fasziniert. Viele Fragen schossen mir durch den Kopf. Gibt es ein Leben da draußen und wenn ja, wie mag sie aussehen, die Gesellschaft, die in diesem kleinen Universum lebt?

Planet Magnon“ von Leif Randt (Kiepenheuer und Witsch) bringt uns mit einem sehr exklusiven Shuttle direkt mitten ins Herz dieser bisher unentdeckten Galaxie und bereits die ersten Kapitel des Romans zeigen deutlich, dass wir tatsächlich Leben außerhalb unserer vorstellbaren Welt gefunden haben. Und nicht nur das. Menschen bevölkern die Planeten, die sich auf der immer gleichen zyklischen Umlaufbahn um die Sonne im Mittelpunkt des Systems bewegen.

Zeitlos und utopisch mutet dieses Sonnensystem an. Die Menschen scheinen in völligem Frieden miteinander zu leben und alle Planeten des Sonnensystems sind mehr oder weniger kultiviert. Lebensraum ohne Ende und soziale Gemeinschaften, die mit ihren unterschiedlichen Philosophien eine harmonische Gesellschaft etabliert haben. Sechs Planeten und zwei Monde umkreisen einander in stiller Eintracht und dienen dabei unterschiedlichen Bestimmungen. Vom Metropolenplaneten „Blossom“ über den Ferien-Himmelskörper „Cromit“ bis hin zur stinkenden Müllhalde der Galaxie, dem Planeten „Toadstool“ reicht das Spektrum unterschiedlicher Heimaten für die großen Kollektive der neuen Zeitrechnung.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Die Kollektive der Bewohner haben alles hinter sich gelassen, was in der „alten Zeit“ für Konflikte verantwortlich war. Sie haben sich post-demokratisch von fast allen Ansprüchen auf Macht oder Entscheidungsbefugnis verabschiedet und befinden sich trotz aller Unterschiede auf der beharrlichen Suche nach dem innovativen Potenzial von Glück. Bei aller Eintracht im Vorleben ihres individuellen Lebensstils konkurrieren die Kollektive nur noch um mögliche neue Mitglieder, um bloß nicht von der Bildfläche zu verschwinden.

Die Regierung und Steuerung ihrer kompletten Welt haben sie alle einem weisen und allmächtigen Computersystem übertragen, das immer in der Lage ist, die gesamten Abläufe des Sonnensystems auf der Grundlage perfekter Statistiken und im Sinne von Wohlstand für alle ausgewogen und fair treffen zu können. ActualSanity heißt das technische Wunder, das alle Wahlen abgeschafft hat, Missverständnisse zwischen den Kollektiven beseitigt und die bestehenden Gesetze dynamisch und fair den aktuellen Erfordernissen anpasst.

Und so können sie sich ganz auf sich selbst konzentrieren und die Suche nach dem perfekten Glück zum unanfechtbaren Mantra des Alltags erheben. Losgelöst von Verpflichtungen und Verantwortung geben sich die Menschen den unterschiedlichen Lebensmodellen hin. Sie unterscheiden sich in Nuancen und doch fühlt man sich nur geborgen, wenn man inmitten eines speziellen Kollektivs mit den anderen verschmilzt.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Dolfins, Fuels, Purpurs, Shifts, Zeldas und Westphals dominieren in ihren Ansichten und Stilen das Leben in diesem komplexen System. Und für jedes Kollektiv hat sich ein Planet gefunden, der den jeweiligen Vorlieben ganz besonders entspricht. Liebe und Beziehungsmodelle sind überholt. Man probiert sich gegenseitig aus. Trennt sich, sucht neue Partner und ist völlig losgelöst von täglichen Pflichten traditioneller Beziehungen. Selbstverwirklichung steht im Mittelpunkt und der Kontakt zwischen den Kollektiven ist harmonisch und von gegenseitiger Toleranz geprägt.

Das Streben nach Glück und die Suche nach dem Inhalt für die Leere, die durch fehlende Verantwortung entstanden ist, führen zu ausschweifenden Sinnsuchen. Pure Unterhaltung, reine Lustbefriedigung und Drogenkonsum sind die tragenden Säulen der individuellen Bewusstseinserweiterung und dabei gesellschaftlich hoch angesehen. Das Kollektiv der Dolfins zum Beispiel hat sich durch die Entwicklung der Droge „Magnon“ in diesem Bereich einen großen Vorteil verschafft. Eine Droge, deren Wirkung wie eine Erweckung beschrieben wird. Größte Objektivität und Emotion. Eine Wunderdroge.

Alles könnte so schön sein, müssten die Dolfins nicht um Nachwuchs bangen. Und wenn der Nachwuchs der Gemeinschaft fehlt, könnte ActualSanity zu der Entscheidung gelangen, das Kollektiv sofort aufzulösen. Also entscheidet man sich dazu, zwei absolute Vorzeige-Mitglieder auf Werbetour durch das Sonnensystem zu schicken. Marten Eliot und Emma Glendale besuchen die anderen Gemeinschaften und ihre Wahl-Planeten, kommen selbst dabei in Versuchung und entdecken das Unglaubliche. Abtrünnige ihres eigenen Kollektivs suchen nach neuen Wahrheiten und spalten sich ab. Gefahr ist im Verzug.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Als gleichzeitig Explosionen und Giftgasangriffe das System erschüttern wird klar, dass erstmals in der Geschichte der „Neuen Zeit“ ein Kollektiv gegen die allgemeine Abstumpfung kämpft und bereit ist, Gewalt einzusetzen. Die „Gebrochenen Herzen“, wie sie sich selbst nennen, wenden sich von der Oberflächlichkeit des Lebens ohne Verantwortung und wahres Gefühl ab. Lebensgrundlage wird die Verletzung der eigenen Gefühle, die jedes Mitglied des Kollektivs bewusster leben lässt als die Vision der Dolfins von einem Planeten unter Drogen. Dem „Planeten Magnon.“

Eine geheimnisvolle Frau mit Tigermaske führt die Bewegung an und die beiden Reisenden in Sachen Kollektiv-Nachwuchswerbung geraten zwischen die Fronten. Sie kommen den „Gebrochenen Herzen“ bedrohlich nahe und beginnen zu verstehen, dass die Anschläge nichts anderes sind als bewusste Schmerzimpulse, um die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Können Marten und Emma sich selbst treu bleiben, den Umsturz verhindern und die große Vision ihres Kollektivs realisieren? Oder werden sie zu Opfern ihrer eigenen Herzen, die gerade gebrochen werden?

Leif Randt entwirft in seiner packend und geistreich verfassten Utopie „Planet Magnon“ eine Szenerie, die uns vor Augen führt, was es heißt, ein anscheinend völlig befreites, jedoch gänzlich vom Lebenssinn entleertes Leben zu führen. Die Sucht nach purem Genuss und Ablenkung, Drogenkosum zur Erweiterung der Wahrnehmung und die völlige Loslösung von sozialen Werten wie Verantwortung, Pflicht und Empathie bei gleichzeitiger Akzeptanz einer technischen Ebene für alle Entscheidungen macht aus den Menschen aller Kollektive Abziehbilder ihrer Selbst.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

Die Gesellschaft verlässt sich auf ein Navigationssystem und sorgt sich nicht mehr um eigene Wegmarkierungen oder Orientierungspunkte. Die Fahrt ist zwar rasant und scheinbar zielgerichtet. Man verfährt sich nicht und verlässt sich blind auf das Navi. Der Autopilot verursacht ein Ausmaß an Abstumpfung, das zu immer größerer Blindheit führt. Eine Tendenz, die in jeder Gesellschaft vermehrt wahrnehmbar ist. Berieselung durch Massenmedien und Abkehr von der Realität des Lebens. Kommt das nicht schon jetzt bekannt vor?

Der Gegenentwurf ist der reale Erfahrungshorizont des „Gebrochenen Herzens“. Schmerz als Indikator für das eigene Gefühl macht empathisch für die Gefühle anderer. Er öffnet Augen für Mitmenschen und für sich selbst. Die Tigermaske steht uns allen gut. Gebrochene Herzen maskieren sich und verdrängen das Ausmaß des eigenen tiefen Leidens. Aber um welchen Preis?. Man lügt sich selbst an und beginnt andere mit Eifersucht zu zerstören. Das Lesen verzweifelt verfasster Liebesbriefe dient als Quelle der Inspiration und ist wirksamer als der Konsum der Droge „Magnon“. Probiert es aus. Es funktioniert.

Dabei trägt die Reise von Marten und Emma viel von der Botschaft des „Kleinen Prinzen“. Sie lernen abgestumpfte, fehlgeleitete und oberflächliche Menschen kennen und die Angst vor der Verletzung des eigenen Herzens lässt die Gesellschaft gefühllos werden. Lieber stumpf als schmerzvoll zu leiden. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Dieses Zitat von Antoine de St. Exupéry vollendet Leif Randt durch den Zusatz „Das Herz muss zuvor gebrochen sein!“. Das Lesen dieser großartigen sozialen Utopie hat mich verändert. Es hat mich in mein gebrochenes Herz blicken lassen. Ich sehe nun besser. Auch ohne Maske und Magnon. Ein Buch wie ein Herzensspiegel.

Planet Magnon von Leif Randt - Eine Gesellschaftsutopie

Planet Magnon von Leif Randt – Eine Gesellschaftsutopie

„Planet Magnon“ hat die utopische Strahlkraft eines Dave Eggers, ist dabei jedoch bewegender, verfügt über die literarische Brillanz eines David Foster Wallace, ist aber strukturierter und besticht durch die Gedanken, die sich im Leser festsetzen, während er selbst darüber nachdenkt, auf welchem Planeten er gerne einfach nur das lockere Leben genießen würde. Denkanstöße, die mehr als wichtig sind.

Leif Randt erweitert die Umlaufbahn unserer Empfindung. LESEN!

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3 Gedanken zu „„Planet Magnon“ von Leif Randt

  1. Eine sehr interessante und nachdenkliche Buchbesprechung. Gefällt mir sehr…deine Worte muss ich nun erstmal wirken lassen und gedanklich vertiefen… vielen Dank dafür!
    Ich erinner mich noch genau daran, wie du mir in Leipzig von dem Buch erzählt hast und vor allem das glänzende Cover. Konntest du es denn jetzt lesen ohne Fingerabdrücke auf Planet Magnon zu hinterlassen?

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