„Dr. Tod“ – Die lange Jagd nach SS-Arzt Aribert Heim

Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Investigativer Journalismus ist die absolute Königsdisziplin für Reporter. Er setzt eine langwierige, umfassende und sehr genaue Recherche voraus und beschäftigt sich in den meisten Fällen mit der Aufdeckung mehr als skandalträchtiger Sachverhalte. Der Journalist wächst hierbei in eine besondere Rolle hinein, da er selbst zum verlängerten Arm der Staatsgewalt wird und die Aufgaben einer Ermittlungsbehörde erfüllt. Die auf diese Art und Weise recherchierten Geschichten sind von gesellschaftlicher Brisanz und sorgen für gehörige Knalleffekte in der Medienlandschaft.

Und dies besonders in solchen Fällen von großer Bedeutung, bei deren Aufklärung die eigentlichen Staatsorgane ihre Flinten und Handschellen schon lange ins Korn der Ermittlungen geworfen haben. Ein Journalismus der feinsten Art. Journalismus in seiner absoluten Reinkultur, da jeder Reporter sich über die absolute Tragweite seines Artikels oder Buches völlig im Klaren sein muss. Und genau deshalb ist es ebenso risikant für den etablierten Journalisten, da er sich hier auf ein Terrain begibt, das mit unzähligen Vorwürfen an die oft tatenlosen Exekutivorgane verbunden ist.

Investigativer Journalismus „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust ist ein unglaublich differenziert zu betrachtendes Feld, da man einerseits zum Anwalt der Opfer wird, selbst beginnt, Geschichte zu schreiben und den Nachfahren der Täter zum ersten Mal Seiten ihrer Eltern aufzeigt, die bisher im Verborgenen lagen. Unzählige NS-Täter sind durch bestehende Nazi-Netzwerke sofort nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geflohen. Rattenwege führten sie nach Argentinien oder in andere Länder, in denen sie aufgrund guter ehemaliger Beziehungen Unterschlupf fanden.

Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher - AstroLibrium

Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Die wenigsten Täter wagten es, in Deutschland abzutauchen. Die wenigsten Täter wagten es, einfach hier zu bleiben, ihre Vergangenheit als ungeschehen zu betrachten, normale Berufe auszuüben und dabei noch nicht einmal ihre Namen zu ändern, die sie als Angehörige der SS auswiesen. Eine Folge des Justizversagens der Alliierten? Folge des Unvermögens der jungen deutschen Justiz in einer aufstrebenden Republik? Oder einfach Glück? Unfassbares Glück gepaart mit haarsträubendem Zufall? Wie gelang es den Massenmördern, durch das enge Netz der Ermittler zu schlüpfen und was wurde aus ihnen?

Die Journalisten Nicholas Kulish und Souad Mekhennet sind dieser Frage anhand eines unglaublichen Beispieles der jüngeren Nachkriegsgeschichte nachgegangen. Sie begaben sich auf die Suche nach Dr. Aribert Heim, einem SS-Arzt aus Österreich, der in seiner Zeit als Lagerarzt im KZ Mauthausen mit so unvorstellbarer Brutalität mordete, mit solcher Kaltblütigkeit experimentierte und folterte und als „Dr. Tod“ oder „Schlächter von Mauthausen“ in vielen Zeugenaussagen Überlebender beschrieben wurde.

Investigativer Journalismus führte die beiden Reporter auf die Spur eines Monsters, dem es tatsächlich gelungen war, nach der deutschen Kapitulation unterzutauchen und wie vom Erdboden verschluckt zu bleiben. Kulish und Mekhennet haben am Ende ihrer langen und differenzierten Recherche ein Buch mit dem TitelDr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher geschrieben, das nun beim Verlag C.H. Beck in einer aufwendig verarbeiteten und bebilderten Ausgabe erschienen ist.

Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

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Wer nun allerdings einen reinen Journalismus-Krimi erwartet, der in reißerischer Erzählart von Klatschkolumnisten daherkommt, der wird enttäuscht sein, denn dieses Buch ist mehr als nur eine Jagd. Es ist eine zu anfangs große leere Fläche mit einem einzigen Namen im seinem Zentrum. Nach und nach fügen die beiden Journalisten einzelne und oft noch völlig unbedeutende Mosaiksteinchen hinzu. Namen, Gerüchte, Orte, Zeugenaussagen, kleine Details und mehr, die jeweils für sich nur einen kleinen Teil einer Geschichte erzählen.

Sie lassen ihre Leser auf diese besondere Art und Weise nicht nur an ihrer Methode teilhaben, sie machen auch die kleinen und großen Zufälle fühlbar und gehen sachlich und weitgehend emotionslos auf die Fährte eines wilden Tieres. Dabei wirbeln sie selbst keinerlei Staub auf, bleiben im Verborgenen und analysieren alle historischen Ketten, die dazu führten, dass NS-Verbrecher unerkannt fliehen oder sogar im eigenen Land leben konnten.

Schlaglichter werden zu herausragend recherchierten und fundierten Kapiteln über die nicht zu bewältigende Dimension potenzieller Nazi-Täter in der Masse der deutschen Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Sie beschreiben die perfekte Organisation des Massenmordes in den Konzentrationslagern und das schiere Chaos nach ihrer Befreiung. Der Schockzustand der Befreier und die unermessliche Freude der wenigen Überlebenden sorgten für das erste Ermittlungsvakuum für die Verbrecher, die in diesen Stunden alle Dokumente vernichteten, die sie belasteten.

Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

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Kulish und Mekhennet nehmen uns mit auf einen wichtigen historischen Exkurs, der die wechselnden Machtverhältnisse in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg beschreibt und erklären anhand mehr als greifbar aufbereiteter Abläufe das abflauende Interesse der Siegermächte, in weitgefächerten Prozessen wirklich jeden Täter finden zu wollen. Den „großen Tieren“ sollte es an den Kragen gehen. In Nürnberg und bei vereinzelten Prozessen gegen KZ-Aufseher wurde dies beharrlich umgesetzt. Ansonsten wollte man das soeben befreite Deutschland so schnell wie möglich entnazifizieren, um Wunden zu schließen und neue Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen.

Die Reporter zeigen auch die andere Seite der Verfolgung möglicher Täter durch die Überlebenden selbst. Simon Wiesenthal und Tuviah Friedmann machten sich als Opfer des Holocaust auf die lebenslange Suche nach den Tätern. Adolf Eichmann zählte zu ihren prominentesten Erfolgen. Der „Konstrukteur des Holocaust“ wurde nach Israel entführt, vor Gericht gestellt und hingerichtet. Aber viele der grausamsten Täter blieben unentdeckt. Die Spuren von Josef Mengele, dem „Todesengel von Auschwitz“ und Aribert Heim, dem „Schlächter von Mauthausen“ blieben im Verborgenen.

16 „Josef Mengeles“ dienten damals in der deutschen Wehrmacht. Wie sollten die Alliierten unmittelbar nach dem Krieg und in einer Zeit ohne jede Bürokratie hier fündig werden? Und selbst wenn es gelang, wie sollte man Beweise präsentieren, die juristisch haltbar waren? Hier nehmen wir zum ersten Mal die direkte Spur von „Dr. Tod“ auf. Aribert Heim gerät in britische Kriegsgefangenschaft, wird verhört, erklärt sich für völlig unschuldig, versteckt sich hinter seinem weißen Medizinerkittel und kommt damit durch.

Dr. Tod - Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

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Die Reporter zeichnen seine Spuren nach, machen uns klar, dass niemand zum jeweils richtigen Zeitpunkt auch nur den leisesten Verdacht haben konnte, Heim habe Juden im KZ systematisch ermordet. Beweise kamen immer dann auf den Tisch, als Aribert Heim gerade wieder einmal untergetaucht war. Und was für Beweise. Ein schwerer Weg des Lesens offenbart sich, wenn es darum geht, den Zeugen zuzuhören und sich vorzustellen, zu welchen Grausamkeiten ein Mensch fähig sein kann.

Und genau an der Stelle, an der sich Aribert Heims Spuren endgültig verlieren, als praktizierender Gynäkologe, treuer Ehemann und liebevoller Familienvater im jungen Nachkriegsdeutschland, beginnt auch das Interesse der Behörden nachzulassen. Doch Kulish und Mekhennet lassen nicht mehr locker. Das Mosaik aus Massenvernichtung, Flucht, Zeugenaussagen und Dokumenten ist zu einem großflächigen Bild geworden. Und doch fehlt ein einziger Stein, den ihnen der Zufall in die Hände spielt. Eine uralte Ledertasche in einem verlassenen Hotel in Ägypten. Der Inhalt: Private Dokumente, Operationspläne aus Mauthausen, Fotos und mehr. Der erste Beweis dafür, dass Aribert Heim bis zum Ende seines Lebens in Ägypten lebte.

Hier wird das Buch zum Recherchekrimi. Hier nehmen wir Fahrt auf und jagen durch die Jahrzehnte einer längst vergangenen Zeit. Hier werden die letzten Zeugen laut, im gleichen Ausmaß wie die Familie von Aribert Heim leise wird. Unsägliches öffnet sich vor ihnen wie der Abgrund zur Hölle der eigenen Geschichte. Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecherist selbst zu einem Mosaikstein geworden, durch den sich die oftmals erfolglose Verfolgung der Täter erklären lässt. Es ist Denkmal für die Unerbittlichen und Sühne für die Opfer. Ein Stück Gerechtigkeit wohnt diesem Buche inne. Investigativer Journalismus vom Feinsten. Chapeau….

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9 Gedanken zu „„Dr. Tod“ – Die lange Jagd nach SS-Arzt Aribert Heim

    • Es ist großer Journalismus und an keiner einzigen Stelle von Längen durchzogen oder auf Spekulationen aufgebaut. Klare Quellenangaben und straffe Methode.

      PS… danke für den letzten Satz… Made my day…

  1. Wie schwer ist es für die Nachfahren, davon zu erfahren? Wie geht es den Eltern des Germanwingspiloten? – Ich weiß, das gehört nicht zusammen. Aber ich stell mir beides ähnlich grauenvoll vor.
    Trotzdem wäre dies dann doch wieder mal ein Buch, dass mich interessieren könnte.

    • Wenn ein Leben sich vor den nächsten Angehörigen verbirgt, dann ist das Erkennen immer brutal… und deshalb passt auch dein Vergleich hierhin… nur eine Frage der Perspektive und des Tranfers auf andere Bereiche des Grauens…

  2. Wow, ein sehr interessanter Einblick in das Buch. Das muss ich auf jeden Fall lesen…

    Und ich muss Uwe zustimmen…der Vergleich kam mir nämlich auch in den Sinn….nicht in Bezug auf die Taten der Täter sondern die Gefühle, das Ausmaß für die Hinterbliebenden bzw. Angehörigen….und mir fiel auch gleich diese Hetzjagd in den Medien ein, die immer wieder sofort stattfindet, die mich über alle Maßen schockiert…wo Angehörige für alles verantwortlich gemacht werden sollen. Und nicht die Betroffenen sprechen da, sondern das allgemeine Volk, welches damit überhaupt nichts zu tun hat…da tun sich immer wieder Abgründe auf, die sprachlos machen. Da tun mir Angehörige oder eben Hinterbliebende immer sehr leid, die sind für ihr Leben gebrandmarkt und werden das auch nicht mehr los…..und sind in den meisten Fällen unschuldig…

      • Und es hilft uns ein bisschen besser alles zu verstehen und zu wissen, was genau passiert ist….lückenlose Aufklärung ist daher immer wünschenswert und sollte auch öffentlich stattfinden…nur hat das ja leider auch Schattenseiten. Trotzdem ist es der richtige Weg!

  3. Pingback: Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm [Schwarberg] | AstroLibrium

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