Paul Harding – Auf Tinkers folgt Verlust – Ein Interview

Nach Tinkers von Paul Harding fplgt Verlust

Nach Tinkers von Paul Harding folgt Verlust

Paul Harding wurde im Jahr 2010 für seinen Debütroman Tinkers überraschend mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und stieg auf Anhieb in den absoluten Olymp der US-Literatur-Gesellschaft auf. Wie hatte er das nur geschafft, was gab den Ausschlag, was war so besonders an diesem Roman aus der Provinz der Vereinigten Staaten und wie fühlte sich der Autor, als er von der Auszeichnung erfuhr?

Diesen Fragen bin ich bereits damals intensiv auf den Grund gegangen und habe mich tief in diesen ungewöhnlichen Roman fallen lassen. Mein Lesen öffnete mir die Tür zu einem großen Schriftsteller, dessen Schreibstil und Erzählrhythmus sich deutlich von dem unterschieden, was ich bisher lesen durfte. Die Buchvorstellung ist hier im Archiv der kleinen literarischen Sternwarte erlesbar. Dass ich damals auch noch ein exklusives Interview mit Paul Harding führen durfte, war in meinem noch sehr jungen Bloggerleben ein absolutes Privileg.

Mehr als vier Jahre nach unserer Begegnung in München erscheint im Juni der neue „Harding“. Der Luchterhand Literaturverlag ist seinem Autor treu geblieben und für mich ist die Veröffentlichung von Verlust (im Original „ENON“) Grund genug, das in den Tiefen des Internets endgültig verloren geglaubte Interview mit dem Autor zu rekonstruieren und zu veröffentlichen. Es bildet noch heute die Brücke zwischen beiden Büchern.

Tinkers von Paul Harding - Pulitzerpreis 2010

Tinkers von Paul Harding – Pulitzerpreis 2010

Harding betrat mit „Tinkers“ kein Neuland, er überschritt keine Grenzen und lieferte innerhalb des Romans nur wenig Raum für einfach gestrickte gute Unterhaltung. Was zeichnete ihn aus, was machte “Tinkers” so PREISwert?

Harding konfrontierte seine Leser schonungslos mit der Realität des Sterbens im Kreise der eigenen Familie. Harmonisch und im wahrsten Sinne des Wortes eingebettet, jedoch: Die Flinte lag bereits im Korn, der Sterbende wurde nur noch passiv begleitet. Und dies in einem Moment, in dem das Bewusstsein den finalen Dreisprung zelebriert. Vielleicht waren es ja nur Halluzinationen, die George Washington Crosby ins Jenseits begleiteten, vielleicht waren es lediglich lose Gedankenketten, die den Abgesang auf das eigene Leben anstimmten und nun vor dem geistigen Auge des Sterbenden wie ein Film abliefen. Niemandem in seinem Umfeld erschloss sich sein Zustand.

Nur uns – seine Leser – ließ Paul Harding teilhaben. Wir saßen in der ersten Reihe des Lebenskinos von George Washington Crosby, dessen Film zurückgespult schien und nun im schnellen Vorlauf Bilder produzierte, die es nicht geben dürfte. Voyeurismus und Empathie. Dieser bewegenden Paarung leistete Harding intensive Geburtshilfe. Nun erscheint „Verlust“ und setzt Hardings geschlossenen Zyklus fort. In unserem Interview hat er schon damals den Zusammenhang zwischen beiden Romanen beschrieben.

Tinkers von Paul Harding - Pulitzerpreis 2010

Tinkers von Paul Harding – Pulitzerpreis 2010

DAS INTERVIEW im Amerikahaus München (gemeinsam mit Kristina Puck):

Hemingway, Updike, Faulkner, Mailer und Paul Harding. Was für ein Gefühl ist das für Sie, in dieser ehrenwerten Reihe der Pulitzerpreisträger genannt zu werden?

Es ist ein solch außergewöhnliches Glück, diesen Preis gewonnen zu haben und ich denke, ich tue gut daran es so zu betrachten, als hätte ich in einer Lotterie gewonnen. Es ist so schwierig diesen Preis zu gewinnen und ich erinnere mich noch gut an jenen Nachmittag, als ich auf der Pulitzer-Webseite nachschauen wollte, wer der Gewinner ist. Niemand erzählt einem das – man muss sich schon selbst schlau machen und ich habe bestimmt nicht nach meinem Buch gesucht. Als ich die Seite dann mehrmals aktualisiert habe und immer noch “Tinkers” zu lesen war, da konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben meinen Augen nicht trauen.

Jeder der 50 bis 70 Schriftsteller, die im Gespräch waren und hervorragende Romane geschrieben haben, hätte diesen Preis verdient gehabt und ich hätte mich aufrichtig für ihn oder sie gefreut. Die einzig angemessene Reaktion darauf, diese Auszeichnung selbst erhalten zu haben ist Demut, insbesondere weil “Tinkers” mein erster Roman ist. Es gibt so viele Autoren, die mehrere gute Bücher geschrieben haben und den Preis niemals erhalten werden. Man sollte den Maßstab nie verlieren und bescheiden bleiben.

Man bekommt wirklich keinen Anruf vom Verleger oder der Presse, wenn man Pulitzerpreisträger wird? Keine Gerüchte im Vorfeld?

Nein! Sie gehen sehr streng mit dieser Bekanntgabe um und ich unterrichtete an diesem Montag meine Schüler in kreativem Schreiben, wusste, dass der Gewinner um 15:00 Uhr auf der Webseite veröffentlicht wird und wollte nur schnell nachschauen, damit ich in meiner nächsten Unterrichtsstunde um 16:00 Uhr über den Preisträger sprechen konnte. Meinen Roman auf der Startseite zu finden hatte ich nicht erwartet. Niemals.

Tinkers von Paul Harding - Pulitzerpreis 2010

Tinkers von Paul Harding – Pulitzerpreis 2010 – Raily, Harding und Kristina

Wissen Sie, dass viele Ihrer deutschen Leser gerne ihren Urlaub in Enon, dem Schauplatz von Tinkers verbringen würden? Dieser Ort strahlt so viel Ruhe und Idylle aus. Er muss erfunden sein.

Enon ist natürlich nur die rein fiktionale Version des kleinen Ortes in dem ich selbst aufgewachsen bin. Mein nächster Roman wird diesen Namen tragen: “Enon”. Es ist der gleiche Rahmen wie bei Tinkers. Ich kenne die Atmosphäre dort, die Stimmung und die Menschen und kehre gerne dorthin zurück. Die Hauptperson ist einer der Enkel von George Washington Crosby. Dieser Roman wird allerdings nicht die Fortsetzung zu “Tinkers” sein. Es ist eine eigenständige ganz neue Geschichte.

Was erwarten Sie von Ihren deutschen Lesern?

Es gibt keinerlei Erwartungshaltung. Ich hege nur die Hoffnung, dass ihnen das Buch gefallen wird. Ich versuche Lesern in jedem Land das zu geben, was ich selbst als Leser erwarte. Ich möchte nach jedem Wort, nach jedem Satz und jedem Kapitel den Blick aus dem Buch erheben und sagen können: “Das ist wahr. Ich wusste von Beginn an, dass es absolut wahr ist und ich habe so etwas noch niemals zuvor so gelesen!” Wiederekennungswert ist wichtig und in diesem Zusammenhang muss ich erwähnen, dass mir bewusst ist, wie treffend die deutsche Übersetzung von Tinkers gelungen ist. Ich kann Silvia Morawetz nur aufrichtig dafür danken.

Wie gefällt ihnen das Cover der deutschen Ausgabe?

Es ist absolut grandios. Im direkten Vergleich zur Originalausgabe ist diese Fassung die schönste Ausgabe, die ich mir jemals hätte vorstellen können. Es ist einfach ein Traum. Ich könnte nicht glücklicher sein!

Tinkers von Paul Harding - Pulitzerpreis 2010

Tinkers von Paul Harding – Pulitzerpreis 2010 – Impressionen

Welche Bedeutung messen Sie dem Internet zu? Wie einflussreich sind soziale Netzwerke und Internet-Communities für Sie als Schriftsteller?

Der Stellenwert ist hoch und er wächst beträchtlich. Ich habe dies selbst gespürt, als “Tinkers” auf dem amerikanischen Markt erschienen ist.

Es gab anfänglich lediglich eine recht “schmale” Presseresonanz, bis in einer dieser Communities mehr und mehr Rezensionen und positive Besprechungen veröffentlicht wurden, was „Tinkers“ extrem geholfen hat. Twitter, Facebook und ganz normale User haben dann weiter dazu beigetragen, dass „Tinkers“ auch im Internet immer populärer wurde. Wobei ich wirklich gestehen muss, dass ich selbst nur in geringem Ausmaß virtuell existiere.

Hat der Pulitzerpreis Ihr Leben verändert? Hat er Ihre Rolle als Autor beeinflusst?

Der Preis hat mein persönliches Leben verändert. Der Preis gibt mir die einzigartige Möglichkeit, mich eine Zeit lang nur dem Schreiben widmen zu können, ohne nebenbei als Lehrer arbeiten zu müssen. Wenn ich von dieser Reise durch Deutschland nach Hause zurückkehre, dann beende ich eine 18monatige Lesereise um die halbe Welt. Und das hat im wahrsten Sinne des Wortes mein Leben verändert.

Meine Rolle als Autor wird er auch verändern. Ich hatte erhebliche Schwierigkeiten, den Roman überhaupt in Amerika veröffentlichen zu können. Mehr als 30 Verlage haben das Manuskript abgelehnt. Schreibend verbrachte ich dann fünf bis sechs Jahre damit, den Gedanken zu kultivieren, ein unveröffentlichter Schriftsteller zu bleiben. Immer weiter zu machen, veröffentlicht zu werden und den Pulitzerpreis zu gewinnen bestätigt mich nachhaltig in meinem Weg!

Tinkers von Paul Harding - Pulitzerpreis 2010

Tinkers von Paul Harding – Pulitzerpreis 2010 – Signifikant

Gibt es eine Interviewfrage auf die Sie gerne einmal antworten würden, die Ihnen jedoch noch niemals gestellt wurde?

Tinkers gibt mir die Möglichkeit in gewisser Weise im “Rampenlicht” zu stehen und in Interviews über mein Buch und meine Intentionen zu reden. Ich werde jedoch nur selten darauf angesprochen, dass Tinkers alles andere als chronologisch oder linear verläuft oder dass er impressionistisch anmutet. Ich betone an dieser Stelle gerne, dass mein Schreiben viel mehr auf den Charakteren basiert als auf der reinen Dramaturgie. Die Handlung geht den Weg des Denkens und Erinnerns. Sie kann nicht linear verlaufen – aber glauben sie mir: Es steckt eine Methode hinter diesem Wahnsinn. Haben sie nur ein wenig Geduld und sie werden diese Methode erkennen.

Paul – vielen Dank für dieses Interview.

Tinkers und Verlust von Paul Harding

Tinkers und Verlust von Paul Harding – Hier geht es zu Verlust

Die Druckfahne zu „Verlust“ liegt seit wenigen Tagen in meinen Händen. Ich reise erneut nach ENON und fühle mich nach vier Jahren, als ob ich zuhause angekommen bin. Hier mehr..

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2 Gedanken zu „Paul Harding – Auf Tinkers folgt Verlust – Ein Interview

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