„Der Illusionist“ – Steven Galloway und der große Houdini

Der Illusionist von Steven Galloway

Der Illusionist von Steven Galloway

Es gibt sehr viele verschiedene Wege, ein Buch zu lesen und es gibt verschiedene Möglichkeiten, nach dem Lesen darüber zu schreiben. Man kann den intellektuellen und feuilletonistischen Stil wählen, versuchen hinter jedem einzelnen Kapitel den Sinn des Lesens zu suchen um anschließend auf ebenso abgehobenem Niveau einen Roman zu beschreiben, ohne dass irgendjemand das erzeugte Bild versteht. Oder man liest ein Buch ganz einfach. Man folgt dabei dem Handlungsstrang, der am tiefsten beeindruckt und vernachlässigt die Versuche des Schriftstellers, in Ab- und Ausschweifungen vom Königsweg des Lesens abzulenken.

Ich habe „Der Illusionist“ von Steven Galloway ganz einfach gelesen und ich werde diesen Roman aus dem Luchterhand Verlag auch ganz einfach vorstellen. Dabei ist mir klar, dass ich mir über bestimmte Ebenen der Geschichte vielleicht zu wenig Gedanken mache, aber eines ist sicher. Die Hauptstory bleibt mir unvergesslich in Erinnerung. Denn es handelt sich hierbei um die magische und fesselnde Geschichte des größten Entfesselungskünstlers aller Zeiten: Harry Houdini.

Die perfekte Illusion war sein Talent. Ihre Inszenierung, sein Geschäft. Houdini ließ sich auf offener Bühne mit Handschellen jeder erdenklichen Bauart fesseln, kopfüber in wassergefüllte Gefäße tauchen, an Armen und Beinen fixiert von Brücken werfen. Und, was für eine Sensation, er konnte sich aus jeder misslichen Lage befreien. Todesmutig schien er zu sein, riskant und absolut lebensgefährlich waren seine Kunststücke und die Massen wurden magisch angezogen von einem Illusionisten, dessen Weltruhm bis heute überlebt hat.

Der Illusionist von Steven Galloway

Der Illusionist von Steven Galloway

Wenn es hieß „Vorhang auf für Harry Houdini“, dann betrat ein sehr muskulöser und doch recht kleiner Mensch eine riesige Bühne und bediente sich aller Mittel moderner Psychologie, einer sehr ausgefeilten Technik und Täuschungsmanövern, die ein normal sterblicher Mensch niemals durchschauen konnte. Houdini war zu schnell, zu versiert, zu geschickt. Und wenn er sich dann völlig entfesselt präsentierte, standen den Massen die Münder offen. Harry Houdini. Eine Legende bis in unsere Zeit. Der Urvater aller Illusionisten und der Wegbereiter aller Copperfields und Glocks unserer Tage.

Und genau diesen großen Illusionisten bringt uns Steven Galloway auf fast schon magisch anmutende Art und Weise näher. Wir lernen den aus armen Verhältnissen stammenden Mann am Beginn seiner Karriere kennen und staunen über jede einzelne Illusion, jeden Kartentrick und jedes Kunststück, mit dem er sein Publikum fasziniert. Galloway entführt uns in die Vereinigten Staaten der 1920er Jahre, bettet die Karriere von Houdini in die geistigen Strömungen der Zeit ein und hebt einen Künstler hervor, der in seiner edlen Gesinnung und getrieben von untadeligen Motiven so bis heute im Verborgenen blieb.

Spiritismus durchzieht das Land und schamlose Betrüger treiben in geheimnisvollen Séancen ihr Unwesen. Sie stellen angeblich Kontakt mit den Geistern der Verstorbenen her und untermauern ihre Pseudo-Gabe mit scheinbar fliegenden Gegenständen, durch Tischerücken und verzerrte Stimmen aus dem Jenseits. Bis in die höchsten Kreise der Politik haben die Spiritisten an Einfluss gewonnen und so manche Entscheidung für das ganze Land wird in einem solchen spiritistischen Kreis getroffen.

Der Illusionist von Steven Galloway

Der Illusionist von Steven Galloway

Houdini ist anders. Er spielt auch als Illusionist im wahrsten Sinne des Wortes mit offenen Karten und versichert dem geistergläubigen Land, dass er zwar sehr begabt sei, aber alle Tricks die auf der Bühne zur Anwendung kommen nicht auf paranormalen Fähigkeiten beruhen. Er kennt sie alle: die Wechselwirkungen zwischen Technik, Trick, Ablenkung und weiß, wie sie sich auf das Opfer der Illusion auswirken. Houdini will unterhalten. Er will begeistern, nicht Geister erzeugen. Er geht sogar so weit, dass er es sich zur Aufgabe macht, die Spiritisten zu enttarnen, ihre Tricks offenzulegen und damit macht er sich natürlich nicht nur Freunde.

Selbst den britischen Autor Sir Arthur Conan Doyle bringt er gegen sich auf, als er die Ehefrau des Sherlock-Holmes-Vaters öffentlich als spiritistische Betrügerin und als falsches Medium für Jenseits-Begegnungen outet. Houdini weiß aus eigener Erfahrung, wie traumatisierend Erlebnisse sein können, die dafür sorgen, dass man sich nicht von einem verstorbenen Menschen trennen kann. Und genau mit diesem Trauma machen die Scharlatane ihrer Zeit mehr als ein Vermögen. Auf Kosten ihrer Kunden

Houdini hat jedoch auch mächtige Verbündete. Er unterrichtet Polizisten in seiner Technik, alle Handschellen der Welt mit nur ein paar gezielten Schlägen zu öffnen. Er zeigt ihnen, wie zwanglos man sich aus Zwangsjacken befreien kann und entzaubert für die Ermittler alle Tricks von Spiritisten. Houdini bringt Licht ins Dunkel und Galloway beleuchtet diese schillernde Figur in einem Licht, das einem großen Bühnenmeister alle Ehre macht.

Der Illusionist von Steven Galloway

Der Illusionist von Steven Galloway

Und doch spart auch Steven Galloway nicht mit Geheimnisvollem. Auch er weiß mehr als brillant mit seinen literarischen Möglichkeiten umzugehen und beginnt die reine Geschichte von Harry Houdini in eine komplexe Bühnenshow einzubetten. Wenn schon das ganze Leben von Harry Houdini darauf aufgebaut war, den richtigen Trick nach der perfekten Ablenkung zu zelebrieren und die Zuschauer zum Ausruf „Wie hat er das gemacht?“ zu bewegen, warum sollte das denn nicht auch einem Buch gelingen.

Genau an dieser Stelle muss man darüber reden, wie Steven Galloway seinen Roman „Der Illusionist“ konstruiert hat, genau an dieser Stelle kommen wir zu dem Punkt, der die Geister zu scheiden vermag. Die Erzählperspektive ist niemals die von Harry Houdini. Seine Geschichte wird von einem anderen Protagonisten geschildert. Denn Galloway präsentiert seinen Lesern von Beginn an einen Charakter, der für den Originaltitel der amerikanischen Ausgabe verantwortlich ist.

„The Confabulist“. Was für ein Titel und welch eine Verheißung für den versierten Leser.

Und jetzt heißt es „festhalten“. Ein Konfabulist ist ein Mensch mit Erinnerungslücken. Diese Lücken füllt er mit objektiv falschen Begebenheiten oder Informationen, die er in dem Moment aber für wahr und real hält. Einen besseren Erzähler kann man fast kaum aufbieten. Und eben jener Martin Strauss begleitet das Leben von Harry Houdini auf allen relevanten Zeitebenen. Und mehr als das. Er erzählt die Geschichte aus gutem Grund, da er der felsenfesten und unabänderlichen Meinung ist, Houdini persönlich ermordet zu haben. Zweimal sogar!

Der Illusionist von Steven Galloway

Der Illusionist von Steven Galloway

Keine Sorge. Die Verwirrung ist Programm in diesem Roman, aber er ist, wie ich Eingangs ausführte leicht zu lesen. Steven Galloway tritt als schreibender Houdini auf, seine Worte spielen mit uns, gaukeln uns Realitäten vor, die letztlich doch nur reine Illusionen sind. Wenn Galloway die linke Hand hebt, sollte man auf die rechte achten. Wenn er nach oben schaut, sollte unser Blick sich nach unten wenden. Doch Galloway ist ebenso aufrichtig wie Houdini.

Er weiß, wie wir lesen und wie seine Tricks funktionieren. Er kennt unsere Neugier und ahnt, an welchen Stellen des Romans wir dazu bereit sind, hinters Licht geführt zu werden. Galloway spielt mit Identitäten und Ereignissen. Einem Konfabulisten kommt man nur auf die Spur, indem man ihm mehrmals aufmerksam zuhört. Dann erkennt man Widersprüche in einzelnen Details. Auf dieses Spiel darf man sich einlassen und auch freuen. Es macht Freude, einem unzuverlässigen Erzähler zu folgen, falls er denn einer ist. Das hält die Lesesinne wach.

Auf die Geschichte von Harry Houdini muss man sich jedoch einlassen. Sie ist herausragend erzählt und bleibt lange im Gedächtnis verhaftet. Dem gesamten Buch gegenüber sollte man seine kindlich naive Fähigkeit bewahren, einfach nur staunen zu können. Ich will einfach nicht jeden Zaubertrick verstehen, nicht desillusioniert werden. Ich staune gerne und man möge mir glauben: Staunen ist in Der Illusionist völlig real. Kein Buch mit doppeltem Boden. Oder vielleicht doch? Entfesselnd fesselnd.

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