„Flügel aus Papier“ – Eine Zeitreise mit Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Vor 70 Jahren öffneten sich die Pforten der Konzentrationslager und die Alliierten befreiten die letzten Opfer des Holocaust aus den Fängen ihrer Nazi-Peiniger. Das volle Ausmaß des Grauens zeigte sich der ganzen Welt und atemlos betrachtete man die ersten Bilder, die von der Befreiung der vielen Todeslager gezeigt wurden. Auch vieles andere wurde schnell klarer. Hier also befanden sich die Menschen, die wenige Jahre zuvor aus der Gesellschaft verschwanden. Zuerst in die überfüllten Ghettos der großen Städte, dann mit unzähligen Zügen weiter. Hier endete der Weg der Deportierten.

Zumindest die wenigen Überlebenden konnten nun Auskunft darüber geben, welche grausamen Leidenswege sie an dieses endgültige Ziel der sogenannten Endlösung in einem Genozid geführt hatten. Der Junge auf der Holzkiste, Leon Leyson, hat das Leben im Krakauer Ghetto in bewegenden und eindringlichen Worten beschrieben. Er konnte seine Geschichte nur erzählen, weil er von Oskar Schindler vor der Deportation nach Auschwitz gerettet wurde.

„Es gab einmal keinen Krieg. Man konnte einmal aus der Stadt hinausfahren aufs Land, in den Wald, an den Fluss oder sogar ans Meer. Angeblich, ich kann mich kaum noch daran erinnern.“

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski – Das Warschauer Ghetto von Peggy Steike

Wenn man über den Holocaust schreibt, muss man über Ghettos schreiben. Wenn man jungen Lesern die Entrechtung und Erniedrigung der verfolgten Menschen nahe bringen möchte, dann sollte man ihnen die Tore eines solchen Ghettos öffnen, um zu zeigen was es bedeutet, alles zu verlieren. Privatsphäre, das gewohnte Leben und jedes Recht, das für uns so selbstverständlich ist. Hier war die Würde des Menschen nicht unantastbar. Genau das Gegenteil war der Fall: Sie wurde offen zu Grabe getragen.

Und wenn man über Ghettos schreibt, dann kann man versuchen, diese Eindrücke aus Kinderaugen zu vermitteln. Sicherlich ein mehr als schwieriger Weg, vielleicht sogar eine Gratwanderung, aber einer der vielleicht ganz wichtigen Versuche im Schreiben Gegen das Vergessen. Der polnische Autor Marcin Szczygielski lebt und arbeitet in Warschau. Ebenso wie Krakau, eine der großen polnischen Städte, die im Holocaust eine besondere und tragische Rolle spielten. Das wohl größte Ghetto für die jüdische Bevölkerung wurde dort errichtet und von der Stadt mit Mauern, Brücken und gut bewachten Toren abgetrennt.

Flügel aus Papier heißt sein viel beachteter Roman über einen achtjährigen Jungen im Warschauer Ghetto, der gerade im Sauerländer Verlag erschienen ist, und in seiner Konstruktion einen völlig neuen Erzählraum erschließt. Und diesen Erzählraum betritt er nicht alleine, sondern in Begleitung des legendären Autors H.G. Wells, dem Schöpfer der „Zeitmaschine“. Sie denken, das sei gewagt… Vielleicht, aber hier kann man ganz klar sagen: „Wer nicht wagt, …“

„Mit dieser Maschine gedenke ich die Zeit zu erforschen“, sagte der Zeitreisende und hielt die Lampe hoch.

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Wie sieht diese abgeschlossene Welt für den achtjährigen Rafal aus? Wie lebt man mit einem kleinen Jungen innerhalb der Mauern eines Ghettos und was lässt man an ihn heran? Besonders, wenn seine Eltern im Ausland sind und nur der Großvater alles in seiner Macht stehende unternehmen kann, seinem Enkel nicht allen Schrecken des Ghettos zu offenbaren? Er hüllt Rafal in einen Kokon ein, erklärt ihm die Dinge so, dass keine zusätzlichen Ängste entstehen und versucht einfach alle Eingriffe in das normale Leben so hinzunehmen, dass Rafal nicht am Leben zu zweifeln beginnt.

Eine wichtige Rolle nimmt die Bibliothek des Ghettos ein, in der sich Rafal Bücher ausleihen kann. In Zeiten des nagenden Hungers und des alltäglichen Kampfes ums Überleben schafft es der Großvater mit Straßenmusik, ein paar Kopeken zu verdienen, die Rafal das Lesen ermöglichen. Lesen in solchen Zeiten. Lesen in Jahren, in denen schwache Menschen auf offener Straße sterben. Ein Fluchtpunkt aus der Realität des Ghettos, den Rafals Großvater hier möglich macht.

Das Ghetto verändert sich täglich. Tausende neue Deportierte kommen an, während die Nazis die Mauern enger ziehen. Die Zustände dramatisieren sich von Stunde zu Stunde. Es gibt keinen sicheren Ort mehr und man muss ständig damit rechnen, eine neue Bleibe in diesem tödlichen Kreislauf zu finden. Als die Bibliothekarin Rafal ein dünnes aber sehr spannendes Buch empfiehlt, betrachtet er die Abbildungen auf dem Einband und erkennt, wie wichtig das Buch für ihn sein kann. „Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells. Ein Buch, das sein Leben verändert.

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Rafal liest und erkennt, erkennt und liest und er beginnt zu träumen. Wie es wohl wäre, durch die Zeit reisen zu können, ob man etwas verändern könnte und wohin er reisen würde, wenn er es selbst könnte. Zukunft oder Vergangenheit? In den Monstern des Romans, den Morlocken, sieht Rafal die SS-Soldaten, in den Eloi erkennt er das Schicksal seines eigenen Volkes. Seine Augen öffnen sich mit H.G. Wells und seinem Zeitreisenden. Jenem namenlosen Engländer, der in diesem zeitlosen Roman auf ewig verschollen ist.

Als die Nazis beginnen das Ghetto aufzulösen und die Juden zu deportieren, gelingt es dem Großvater, seinen Enkel aus dem Ghetto zu schmuggeln. Die Flucht führt ihn in den verlassenen Warschauer Zoo, in dem er nicht nur weiteren Kindern begegnet, die dem Schrecken entkommen sind. Er macht auch eine unglaubliche Entdeckung, die ihm vorkommt, als sei sie nicht von dieser Welt.

Er steht plötzlich vor der Zeitmaschine. Jenem legendären Wunderwerk aus dem Roman von H.G. Wells. Und sie funktioniert.

„Die Maschine ist vielleicht zwei Meter hoch und erinnert an einen goldenen Käfig. Ein Gestell aus Metall, Ebenholz, Elfenbein und durchscheinendem Quarz“

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Genau an dieser Stelle bringt Szczygielski seine Leser aus der Fassung, aber nicht nur das. Er lockt sie aus der Reserve und öffnet einer dramatischen Erzählung aus den dunklen Tiefen menschlicher Abgründe ein Portal, das Hoffnung heißt. Das Stilmittel der fiktionalen Verdichtung zweier Romanstoffe ist nur tragfähig, wenn ein Autor, gerade bei diesem sensiblen Thema ganz genau weiß, wofür er es einsetzt. „Die Zeitmaschine“ entspringt nicht nur dem gedanklichen Freiraum des Autors. Er fabuliert nicht, sondern lässt die große Kraft der Literatur auf uns wirken. Flügel aus Papier können nur zum Fliegen verleiten, wenn man sich der Dimensionen seines Romans bewusst ist.

„Flügel aus Papier“ wachsen Rafal, weil er keinen anderen Ausweg mehr weiß. Die Rettung in letzter Sekunde ist gerade in ihrer fantastischen Dimension kaum zu fassen, aber sie zeigt, wozu der menschliche Geist fähig ist. Der Baum der Erkenntnis ist oftmals ein schwer erreichbares Geäst, das in unerreichbarer Höhe die schönsten Früchte entstehen lässt. Marcin Szczygielski lässt seinen Protagonisten nur ganz kurz davon kosten und eigene Entscheidungen treffen. Man sollte sich nicht entgehen lassen selbst zu erlesen, wie Rafal handelt.

Und keinesfalls sollten wir es versäumen, die große Botschaft des polnischen Autors zu verinnerlichen. Er findet seinen Weg mitten in unsere Herzen, indem er seine eigene Philosophie zum Phänomen Zeitreise offenbart. Hier gilt es, nicht weiter vorzugreifen. Hier gilt es nicht zu viel zu verraten. Hier gilt es, selbst zu lesen und dem Staunen Raum zu geben. Und dieses Staunen wird mit einer Nachhaltigkeit einsetzen, die man lesend selten so klar vor Augen geführt bekommt. Reist ihr mit?

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Flügel aus Papier von Marcin Szczygielski

Buchhändlern sei ans Herz gelegt, einen kleinen Vorrat des Klassikers von H.G. Wells bereit zu halten, wenn man „Flügel aus Papier“ im Sortiment hat. Der tiefe Wunsch, in die „Zeitmaschine“ zu steigen und durch alle Ebenen des Denkbaren zu reisen, entsteht in einem logischen Automatismus. Zwei Bücher – eine Verbindung – Eine Botschaft.

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