In Memoriam – Günter Grass

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In Memoriam Günter Grass – Der Stuhl bleibt leer

Muss man erst sterben in diesem Land? Das fragte ich mich im September 2010. 

Gemeint war Günter Grass. Muss er unter der Erde liegen, um die Wertschätzung zu erfahren, die einer der größten deutsche Schriftsteller unserer Zeit mehr als verdient? Was hebt dann das Geschrei an vom Verlust “unseres” großen Nobelpreisträgers, vom Fehlen des letzten und wohl größten zeitgenössischen Gesellschaftskritikers und vom Verstummen der gewaltigsten literarischen Stimme einer Generation. Kritiker gäben sich die Klinke in die Hand beim schluchzenden Eintrag in das Kondolenzbuch einer frisch geborenen, obschon gerade erst verstorbenen Legende.

Deutschland ein Jammertal – die Blechtrommel hat ihren letzten Schlag getan” – so oder so ähnlich würden die Schlagzeilen des BILDungsbürgertumblättchens lauten.

Das schrieb ich 2010, als die Kritikerwelt sich wieder einmal über ihn hermachte. Über jenen Schriftsteller, der mein Lesen geprägt hat wie kaum ein zweiter. Und doch war er von der Kritik nicht immer verwöhnt, stand oft selbst verschuldet gesellschaftlich teilweise dauerhaft im Abseits und gehörte trotzdem zu den ganz Großen der Weltliteratur. Seine Rückzüge zu den kreativen Wurzeln haben deutliche Maßstäbe gesetzt. Fundsachen für Nichtleser legen Zeugnis von diesen Phasen ab.

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In Memoriam Günter Grass – Die kleine literarische Sternwarte trauert

Ich begegnete ihm nicht oft in meinem Leben und doch waren es immer wieder ganz besondere Momente, die mich prägten. Nun sind all diese Augenblicke wieder präsent. Sie laufen ab, wie ein Film. Eine geschüttelte Hand, ein kurzes Gespräch. Bianca, die genau diesen Moment für immer festgehalten hat. Die Kamera ging verloren. Minuten später und sie fand den Weg zurück. Geschichten für sich. Geschichten für uns. Heute trauern wir gemeinsam und tief verbunden durch diese Erinnerungen. Auch Literatwo war die Heimat von Günter Grass. Und wie sie das war und ist. Lesenslang.

Unvergessen auch die letzte Begegnung in MünchenKristina und ich erlebten ihn agil, lebendig und eloquent. Der Saal war gebannt und seine kräftige Stimme hallt noch in mir nach, als er schmunzelnd und mit festem Blick bemerkte: „Ich weiß, dass viele gerne hätten, dass ich aufhöre, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.“ Das sagte er und doch war mir klar, dass ich ihm wohl zum letzten Mal gegenüber stehen würde. Die Aufnahme vom leeren Stuhl auf der Bühne entstand genau in diesem Moment der Erkenntnis. Den November 2014 werden wir ebenfalls nicht vergessen. Hundejahre. 

Nun ist die Blechtrommel verstummt. Ich sitze inmitten seiner Werke und gönne mir meine Emotionen. Ja, ich erlaube mir zu weinen. Ein Weinen auch der Dankbarkeit und des Respekts. Ich halte inne und denke zurück. An so vieles, was für immer untrennbar mit ihm verbunden sein wird. An Nachrichten und Anrufe, die ich heute erhielt und an Menschen, die jetzt fühlen wollen und können, was dieser Verlust bedeutet. Die kleine literarische Sternwarte trägt heute Trauer. Und jetzt fehlen die Worte… einfach so…

Das darf auch mal sein. Danke für ein Leben. Ach….

Günter Grass (*16.10.27 – †13.04.2015)

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In Memoriam Günter Grass – Die kleine literarische Sternwarte trauert

“Zum Abschied
habe ich meine Tinte umgestürzt.
Soll doch jemand der mir nachkleckert,
das Fäßchen auffüllen
und sich die Finger schmutzig machen.
Schreiben färbt ab.”

Leb wohl Günter Grass - Eine Hommage - Kristina Puck und AstroLibrium

Leb wohl Günter Grass – Eine Hommage – Kristina Puck und AstroLibrium

Sein Vermächtnis: „Vonne Endlichkait – Posthum erschienen und für mich viel mehr als nur ein Buch. Er arbeitete bis zuletzt und mit aller Kraft an diesem Werk.

Auf Bucfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Bucfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

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11 Gedanken zu „In Memoriam – Günter Grass

  1. Pingback: “Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen” – Die 55. Münchner Bücherschau mit Günter Grass | AstroLibrium

  2. Pingback: Günter Grass – Fundsachen für Nichtleser – Aquadichte | AstroLibrium

  3. Ich fühle mit dir, obwohl ich keins seiner Werke bislang gelesen habe. Einzig und allein „Die Blechtrommel“ ist mir bekannt. In deinen Zeilen kommt ganz klar zum Ausdruck, welche Spuren dieser Mensch in deinem Leben hinterlassen und wie er dein Lesen geprägt hat. Doch auch großartige Menschen müssen irgendwann von uns gehen. Aber im Herzen, da leben sie ewig weiter.

    • Es ist eine ungewöhnliche Beziehung, die sich über Jahre entwickelt hat. Schullektüre mit Widerstand gelesen. Jahre später, die Blechtrommel. Und erneut die Blechtrommel. Da begann die Leidenschaft. Viele Bücher gekauft, eine limitierte Ausgabe der Blechtrommel erstanden. Kurz danach der Nobelpreis. Dann die erste Begegnung und Augen, die mich einfach nicht mehr verlassen haben. Schwer zu erklären. Der Tag, an dem er mir das Buch signiert und der Abend in München. Sein Lebenswerk steht gelesen bei mir. Ich habe ihn kritisiert und geliebt. Mich an ihm gerieben. Ihn verteidigt… mein Lesen lang.

      Und jetzt verneigen sich alle, die ihn zuvor beschimpft haben. Wie ich es vorausgesehen habe. Nationaldichter nennen sie ihn, wo sie vor wenigen Monaten noch Verräter zu ihm sagten.

      Ich bin ihm treu geblieben. So wie er sich treu blieb. Schreiben nach Auschwitz… ein kleiner Band von ihm, der mich veränderte. Mehr als die großen Werke, vielleicht. Gestern in seinen Büchern zu sitzen war schwer.

      Besonders weil ich von seinem druckreifen Projekt weiß, in dem er Lyrik und Prosa zusammenschmieden wollte. Der Bildhauer ist er immer geblieben. Und er sagte: „Ich muss mich damit abfinden, mitten aus etwas Unvollendetem herausgerissen zu werden“…

      Entschuldigung… ich beginne zu monologisieren… der Kopf ist zu voll…

  4. Danke für diese Zeilen hier und auch da. Ich musste dir schreiben, als ich die Nachricht hörte und ich wurde überspült von einer Welle der Erinnerungen. Alles war wieder lebendig. Alles. Alles und noch viel mehr.

    • Hier und da! Wo auch immer!

      Die Welle spürte ich auch. Das Hochgefühl allerdings auch, denn der gestrige Tag wäre eine noch größere Katastrophe gewesen, wenn deine Kamera nicht den Weg zurückgefunden hätte. Die wichtigste Aufnahme meines Lesens. Ohne dich gäbe es das Bild nicht. Es wäre gestern zum vielfachen Verlust aufgestiegen. Nun ist es umso wertvoller.

      Alles und noch viel mehr. Es war nicht nur der Moment der Begegnung. Es war der gesamte Kontext. Die Buchmesse in Frankfurt. Menschenmassen um ihn herum. Die Resignation, sich nicht durchdrängeln zu können. Das Aufgeben. Und dann die unerwartete Begegnung im Freien. Dieser eine Moment und das alles ungestört, weil unverhofft.

      Und dann wieder die Buchmesse. Der Fotoapparat. Alle Gefühle. Alle.

      Ich saß gestern in seinen Büchern. Sehr lange. Ich saß dort nicht allein. Glaub mir das. Ich saß dort nicht allein.

  5. Pingback: [Auf Buchfühlung] Günter Grass – Vonne Endlichkait | AstroLibrium

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