[Bücher über Bücher] „Lieber Mr. Salinger“ von Joanna Rakoff

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff

Während wir lesen, denken wir oft darüber nach, wie ein Roman entsteht. Wer an diesem komplexen Prozess der Wortschöpfung in unserer Kulturlandschaft beteiligt ist und wie das Zusammenspiel dieser Akteure wohl funktionieren mag. Dabei denken wir oft an den Schriftsteller, als den ureigenen Gestalter und Gottvater unserer bibliophilen Leidenschaft. Die Rolle von Lektoraten und Verlagen ist uns natürlich auf Schritt und Tritt bewusst. Und doch gibt es einen Bereich, der fast im Verborgenen wirkt.

DIE AGENTUR. Was kann ein Literaturagent für den Autor bewirken, den er vertritt? Gelingt es ihm schneller, einen geeigneten Verlag für ein Manuskript zu finden? Ist er erfolgreicher, wenn er nur erfolgreiche Autoren in seinem Portfolio hat? Nach welchen Kriterien sucht eine Agentur aus, wie fühlt es sich an, wenn die Rolle des Lektorats schon eine Ebene vor dem Irrgarten in einem Verlag wahrgenommen wird?

Dunkelheit umschließt diesen Bereich unserer Literaturwelt. Und vielleicht können nur Agenten selbst, ihre Mitarbeiter und die vertretenen Autoren sich hier zu Wort melden, um Licht ins Dunkel zu bringen. Oder wir brauchen einfach ein richtig gutes Buch, das uns Zutritt verschafft und einen tiefen Blick in die Denk- und Gefühlswelt von Agenten des guten Lesens gewähren. Wäre das nicht spannend? Nun, wir müssen nicht lange suchen… Wirklich nicht.

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff

Lieber Mr. Salinger“ von Joanna Rakoff, gerade bei Knaus erschienen, schließt die belletristische Leselücke. In den letzten Jahren sind zwar wundervolle Bücher über Bücher erschienen, aber Literaturagenturen standen dabei selten im Fokus. Joanna Rakoff gelingt der Blick hinter die Kulissen und sie weiß worüber sie schreibt. Ihre eigenen Erfahrungen in einer solchen Agentur bilden die Grundlage dieses Romans (wenn es denn überhaupt einer ist).

Joanna beginnt unmittelbar nach dem Studium in einer alt eingesessenen Agentur zu arbeiten und freut sich sehr auf das spannende Leben als Assistentin einer echten Agentin. Große Ehrfurcht schwingt in jeder ihrer Bewegungen und Handlungen mit. Die Realität holt die junge Frau schnell ein! Aus Assistentinnen werden im wahren Leben schnell Sekretärinnen, aus Sekretärinnen werden Mädchen für alles und Mädchen für alles machen alles, nur eines nicht… Sie lesen keine Manuskripte.

Und was es bedeutet, in einer alteingesessenen Agentur zu wirken, wird auch Joanna schnell klar. Alt und eingesessen ist der Laden. Verstaubt und auch an der Schwelle zum 21. Jahrhundert noch ein absolut technikfreier Raum. PCs: Fehlanzeige! Fax: Fehlanzeige! Nur die Tradition wird groß geschrieben und Gedanken an die schier unerträglich langsamen Arbeitsabläufe und die schlechten Arbeitsbedingungen werden klein geredet.

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff

Wäre nicht der Atemhauch der großen Literatur, der in jedem Eckchen der Agentur zu spüren ist, es würde sich anfühlen wie ein ganz normaler Job für ungelernte Kräfte. Joanna verzweifelt schier an ihren Aufgaben, sie verzweifelt an ihrer gesamten Situation in Brooklyn. Alles ist zu teuer, ihr Gehalt zu gering, ihr Leben und ihre Liebe sind nicht in Balance und einen richtigen Zugang zu ihrer Chefin findet sie nicht.

Und wenn sie dann eigenständig arbeiten darf, dann unter so starren Vorgaben, dass ihr Spielraum der eines Mädchens für alles, nur eben für das nicht, bleibt. Völlig öde könnte man das nennen. Karteikarten ausfüllen, den Postversand von Verträgen regeln und auf Antworten warten. Diese aber bitte nicht lesen, sondern nur öffnen. Nein – das hatte sie sich anders vorgestellt.

Eigentlich alles gute Gründe zu gehen, wäre da nicht ein gewisser J.D. Salinger. Der ganz große Fisch der Agentur. Der große Autor, der es mit seinem legendären Roman „Der Fänger im Roggen“ zu Weltruhm brachte und dessen Glanz noch heute auf die gesamte Agentur ausstrahlt. J.D. Salinger, der völlig zurückgezogen lebt, nicht mehr schreibt und auch nicht die Spur daran denkt, seine immer noch zahlreich eintreffenden Fan-Briefe persönlich zu beantworten.

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff

Das darf Joanna erledigen. Aber wie sollte es anders sein. Sie darf nicht schreiben, was sie denkt. Standardfloskeln in die Schreibmaschine tippen, Umschlag drum und ab damit an den Absender. „Wir bedauern, aber… blabla… Es ist nicht gestattet Mr. Salinger seine Post zu schicken… bla bla… lebt sehr zurückgezogen… blabla. Ende Unterschrift.“ Wenig befriedigend, den Joanna spürt sehr schnell, wie tief die Bindungen der Leser an das Werk von J.D. Salinger sind, wie aufrichtig das Lob, wie schwerwiegend die Fragen, wie verzweifelt die Schreie um Antwort.

Das Mädchen für alles beginnt sich zu verändern. Joanna spürt, dass sie mehr tun kann, dass sie sogar mehr tun sollte und Zug um Zug beginnt sich die engagierte junge Frau freizuschwimmen. Schritt für Schritt bewegt sie sich in ein eigenständiges Leben und beginnt zu schreiben. Sie beginnt Antworten auf Fragen zu geben… So, wie es jener legendäre Autor vielleicht selbst getan hätte.

Bis J.D. Salinger für sie zum realen Menschen wird. Zu einem Schriftsteller aus Fleisch und Blut, mit dem sie eigentlich gar nicht reden darf, dem sie nichts erzählen soll… Maximal vergöttern ist erlaubt und die Weiterleitung seiner Wünsche an ihre Chefin ist Pflicht. Doch diese Chance kommt nur einmal im Leben und völlig fasziniert von der Ausstrahlung eines großen Schriftstellers durchbricht sie die Grenzen der Agentur.

Und damit auch die ihres eigenen Lebens. Joanna Rakoff beginnt zu wachsen.

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff

Joanna Rakoff nimmt uns mit auf ihre ganz eigene Zeitreise. Zurück in ihr ganz persönliches „Salinger-Jahr“. Sie verbindet dabei ihre persönliche Annäherung an die Arbeit in einer Literaturagentur mit ihrer Annäherung an einen Schriftsteller, von dem sie vorher keinen Satz gelesen hatte. Was der Autorin brillant gelingt, ist der liebevoll kritische Blick hinter die Kulissen der angeblichen Geldmaschine Literatur. Und dabei räumt sie einige der Klischees aus, die mit diesem Bild verbunden sind. Die Liebe zum Buch lässt sich nicht immer in Gewinn berechnen oder in Geld aufwiegen.

Aus einer kleinen Assistentin wird eine sich selbst bewusste Frau, die erstmals die Grenzen ihrer eigenen Scheu und damit auch die Grenzen der Agentur überwindet, um ihren Weg zu gehen. Dieser Weg ist eng an die Literatur gebunden. Sie verändert sich, je mehr sie sich mit dem schrulligen J.D. Salinger auseinandersetzt. Sie wächst im Erzählraum, den sie vorher nur mühevoll abgearbeitet hat. Die Leidenschaft zu ihrem Job ist übertragbar auf alle Berufe. Nicht abstumpfen. Wach sein und Verantwortung für sich selbst übernehmen. Diese Botschaften tragen weit und sie tragen buchige Stiefel.

Man muss J.D. Salinger nicht gelesen haben, wenn man „Lieber Mr. Salinger“ lesen möchte. Aber glaubt mir. Man verspürt den tiefen inneren Wunsch, ihn lesen zu wollen, wenn man dieses warmherzige und ein wenig nostalgisch anmutende Buch beendet hat. Dass es mir vergönnt war, meinem Herzensautor David Foster Wallace in dieser Geschichte zu begegnen, macht Joanna Rakoffs Liebeserklärung an die Welt des geschriebenen Wortes zu einem unverzichtbaren Schatz in meinem Bücherregal. Ihr allerdings zu glauben, dass sie Unendlicher Spaß an einem Tag gelesen haben will, fällt mir schwer. Ich lebte fast drei Monate in diesem „dicken Ding“…

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff

Lieber Mr. Salinger von Joanna Rakoff – Eine Begegnung mit David Foster Wallace

Und ich weiß sehr genau, dass die Augen mancher Leser an genau dieser Stelle einen feuchten Glanz bekommen, weil ihr Leben auf wundersame Weise mit David verbunden ist. Bücher beeinflussen das Leben und lassen Menschen an ihren tiefen Inhalten wachsen.

Lieber Mr. Salinger“ hat dieses Persönlichkeits-Wachstumspotential.

lieber mr salinger_joanna rakoff_astrolibrium_knaus verlag_buchhandlung calliebe

Advertisements

4 Gedanken zu „[Bücher über Bücher] „Lieber Mr. Salinger“ von Joanna Rakoff

  1. Irgendwann, vor ganz vielen Jahren, hab ich den FÄNGER IM ROGGEN gelesen. Der hat mich damals, als junger Erwachsener, glaub ich, nicht vom Sessel gehauen.
    Aber dieses Buch hier könnte mich vielleicht neu auf den Salinger einstellen.
    Ist das nun eigentlich ein Roman, oder ein autobiografischer Roman?

    • Es ist sicher sehr autobiografisch… Das eigene Agentur-Jahr der Autorin, aber sicher auch mit vielen fiktiven Elementen.

      Den Fänger im Roggen muss man nicht gelesen haben, wenn man es aber wirklich gelesen hat, dann dürfte hier der Blick auf Salinger neu justiert werden.

      Der Fänger steht hier im Mittelpunkt, aber eben so, dass man es auch als Nichtleser verstehen kann. Für dich wäre es, glaube ich ein besonderes Vergnügen… mit diesem Hintergrund…

      Ich mochte den Fänger nicht besonders… aber dieses Buch hat ein wenig davon begradigt…

  2. Nicht nur mancher Leser, sondern auch manche Leserin – danke für die Worte und dieses Buch wird ewig verbunden sein – mit wem? Rate mal 🙂

    Tiefgang ist, wenn man über David schreibt…und liest…und irgendwie mit ihm lebt.

    • Es ist manchmal so, dass „Mancher Leser“ das Synonym für eine Leserin ist, die keine Leserin, sondern alles ist, was mancher Leser nie ermessen kann…

      Danke für diese Zeilen, Bini….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s