„Bis heute“ – Für die Schönen und Geschundenen

Bis heute - Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan - Astrolibrium

Bis heute – Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Sein Name ist Shane Koyczan. Er bezeichnet sich selbst als „Spoken Word Poet“. Seine Kunstform ist die Lyrik und sein Medium ist das gesprochene Wort. Er trägt seine Gedichte in der ganzen Welt vor. Kleine Gedichte mit großen Inhalten. Er hat seine Stimme gefunden, weil er seiner Angst eine Stimme gegeben hat. Und Angst hatte er eine ganze Menge. In seiner Jugend.

Shane Koyczan eignete sich wohl sehr gut für die Rolle des Opfers. Aus Hänseleien wurde Schikanieren, aus Schikane wurde Mobbing. Die Grenzen verliefen fließend. Doch ebenso fließend, wie sie verliefen, waren sie in ihrem Grenzverlauf so präzise, dass sie zum Ausgrenzen taugten. Man machte sich über ihn lustig. Er hatte kaum Freunde. Er gehörte selbst zu den „Geschundenen“, die auf der anderen Seite der Grenze neidisch auf die „Schönen“ blickten.

Er begann zu schreiben. Lyrik. Kleine Texte mit großen Worten und er fand in diesen Texten Zuflucht in seiner Welt. „Bis heute“ trägt der Schmerz von damals. „Bis heute“ kann er nicht vergessen, aber sein Gedicht über die Anfänge und Auswirkungen seines eigenen Grenzgangs erzielte bei seinen Zuhörern Reaktionen, die er so nicht erwartet hatte. Er fand Menschen, denen es ebenso ging und aus einem kleinen Gedicht wurde ein Lied. Aus dem Lied wurde ein Video und aus dem Video wurde eine millionenfach angeklickte Botschaft an die „Schönen und Geschundenen“.

Das Besondere an diesem Weg: Shane Koyczan ist nicht mehr allein. Als hätte seine Botschaft wie ein Trompetensignal die Opfer vereint, fanden sich 86 Trickfilm-Zeichner und Videodesigner, die im Rahmen eines beispiellosen „Crowdsourcing“ diesen einzigartigen und vielfältigen Film entstehen ließen, der mit 14 Millionen Klicks auf YouTube die Welt eroberte. „Bis heute“.

Der Weg ist nicht an seinem Ende angelangt. Das Projekt hat sich verändert und erreicht auf vielen Wegen immer mehr Menschen, die selbst Opfer von Ausgrenzung wurden, oder diejenigen, die gerade erleben, was es für sie bedeutet. Und es erreicht Eltern und Freunde, also Menschen deren Antennen auf Empfang gestellt werden müssen, wenn sie die Sorgen ihrer Kinder verstehen sollen.

Bis heute – Für die Schönen und Geschundenen aus dem Aladin Verlag stellt die literarische Fortsetzung des Projekts dar. Was auf den allerersten Blick wie ein kleines buntes Bilderbuch für Kinder anmutet, verbirgt zwischen den gebundenen Buchdeckeln die wundervolle Botschaft des Gedichts von Shane Koyczan, das aber auch hier nicht für sich alleine steht. 30 Künstler aus aller Welt haben dazu beigetragen, dass die große Range des Videos nun auch in einem Buch zu spüren ist.

Bis heute - Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Bis heute – Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Jedem dieser Künstler wurde ein Teil des Gedichts zugeteilt und sie waren völlig frei in der Gestaltung „ihrer“ Textstellen, ihnen ein ganz unverwechselbares Gesicht zu geben und dabei den eigenen Stil und die Individualität des Künstlers zu erhalten. Was dabei entstand ist grandios. So, wie wir Menschen Ausgrenzung, Gewalt und Mobbing sehr unterschiedlich empfinden, so folgen wir nun den mehr als tiefen Gedichtzeilen von Shane Koyczan in völlig verschiedene Wahrnehmungswelten von Illustratoren und Zeichnern.

Auf jeder Seite öffnet sich ein neuer Kosmos, in dem Wort und Bild sich zu einer tiefen gemeinsamen Symbiose vereinen und den Betrachter und Leser nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Individualität der Darstellungen entspricht der Individualität der Menschen, gleich welchen Geschlechts und Alters, die sich diesem Buch hingeben. Was dabei mit uns selbst geschieht ist unvergleichlich, denn unabhängig von der Tiefe der Botschaft des Gedichts erkennen wir, wie leicht es doch ist, einen eigenen Weg zu finden.

Einen klaren Weg, der Shane Koyczan dazu brachte, für sich selbst einzutreten. Und genau auf diesem Weg kann man ihm folgen. Es gilt nur, das geeignete Medium zu finden, das einem Menschen dabei hilft, sich selbst auszudrücken. Sich selbst eine Stimme zu verleihen. Musik, Tanz, Fotografie, Schreiben, Zeichnen – wer seine Stimme finden will, muss danach suchen. Und wenn man sie gefunden hat, dann wird  man sich wundern, wie viele Menschen dieser ganz eigenen Stimme lauschen. „Bis heute“ ist ein strahlendes Beispiel im Großen, was jeder im Kleinen für sich bewegen kann.

„Aber denkt immer daran, dass die Welt nie von euch erfährt, wenn ihr eure Stimme nicht erhebt!“

Bis heute - Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Bis heute – Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

„Bis heute“ erzählt nicht nur von Shane Koyczan und seinem Weg in die Welt der „Geschundenen“. Das Gedicht lebt nicht nur durch den gekonnten Perspektivwechsel in die Wahrnehmungswelt von Kindern, sondern besticht in besonderer Weise dadurch, dass es die Folgen der Ausgrenzung und Hänselei von einst in die Gegenwart spiegelt und verdeutlicht, welche Spätfolgen durch psychische Gewalt in Schulen verursacht werden.

Ein dummer Zufall, eine wirklich blöde Geschichte – ein Missverständnis, das sich an der ganzen Schule wie ein Lauffeuer verbreitet, führt dazu, dass der kleine Shane fortan als „Schweinerippchen“ bezeichnet wird. Nur ein kleines Schimpfwort, das den Jungen trifft wie ein Hammerschlag. Ein Schimpfwort, das ihn durch die ganze Schulzeit begleitet, ein Spitzname, der für ihn so spitz wie eine scharfe Klippe wird.

Im Gedicht fühlen wir, dass Knochenbrüche weniger Schmerzen, als Stiche ins Herz. Wir fühlen und sehen in eindringlichen Bildern, wie es sich anfühlt, wenn ein Wort in einen Menschen hineingebrüllt wird. Die Folge: Vereinsamung, Abschottung und ein Verlust an Selbstwertgefühl.

„Also wuchsen wir in dem Glauben heran, dass niemand sich je in uns verliebt.“

Bis heute - Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Bis heute – Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Shane Koyczan erzählt von einem kleinen Mädchen, das als eklig bezeichnet wurde und zeigt es heute in seiner verunsicherten Rolle als Ehefrau und Mutter. Er zeigt und erzählt uns von dem Gefühl, jeden „elenden Tag“ in Unterzahl verbringen zu müssen. Zeigt uns junge Menschen, deren einziger Ausweg in einem Leben aus Drogen zu bestehen scheint. Er nimmt uns mit auf den Weg zu ersten Selbstmordversuchen von Opfern und dem inneren Aufschrei voller Gewalt, der „Bis heute“ hält. Er lässt uns in diese tiefdunkle Welt von Depressionen eintauchen, aus der es fast kein Entrinnen gibt.

Doch an dieser Stelle hört sein Gedicht nicht auf. Sein Bogen ist „Bis heute“ gespannt und genau hier beginnt das Wunder des Gedichts und der Bilder zu wirken. Seine große Botschaft beginnt an einem Punkt zu wirken, an dem man die Flinte schon fast ins Korn werfen möchte. Denn, wenn man immer noch da ist, wenn man all das überstanden hat. Wenn alle behauptet haben, man würde nicht existieren und man doch noch lebt!

„Sie müssen falsch liegen – Warum sonst sind wir immer noch hier?“

„Bis heute“ gibt Antworten auf die Fragen der Geschundenen. Dieses Projekt gibt den Opfern eine Stimme und appelliert an die Welt der Schönen, doch mal genau hinzuschauen, was sie verursachen. Bis heute ist keinesfalls nur Hilfeschrei. Es zeigt einen Ausweg und reicht seinem Leser die Hand. Gemeinsam aus dem Dunkel der Einsamkeit herauszutreten und sich diesem Weckruf anzuschließen. Ob Geschunden oder Schön, der Weg ist ein gemeinsamer Weg. Ein großes Projekt. Ein gemeinsames Projekt. Ein großes und wichtiges Buch. Ein Fixstern an meinem Bücherhimmel. Gemeinsam lesen ist Programm. In Schulen, Familien und mit Freunden. Das sind wir unseren Mitmenschen schuldig. Ein Versuch ist es wert.

„Wir sind keine liegengebliebenen Autos, die verlassen am Straßenrand stehen. Und sollte das doch mal der Fall sein. Keine Sorge. Wir sind nur kurz weg und besorgen neues Benzin!“

Bis heute - Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Bis heute – Für die Schönen und Geschundenen von Shane Koyczan

Sehr hilfreich ist die Sammlung von Hilfsangeboten im Nachwort des Buches. Vom Kinder- und Jugendtelefon über die Anti-Mobbing-Seite für Eltern und Kinder bis hin zum Webportal Schüler-Mobbing. Ein gutes Angebot.

Dieses Buch ist eine Tankstelle für alle Liegengebliebenen. LESEN!

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12 Gedanken zu „„Bis heute“ – Für die Schönen und Geschundenen

  1. „Aber denkt immer daran, dass die Welt nie von euch erfährt, wenn ihr eure Stimme nicht erhebt!“… Oh ja… Wie wahr…
    Die Spätfolgen sind im ersten Moment nicht ersichtlich, aber ein Kind empfindet anders und vergisst selten etwas, dass so sehr schmerzt, wie alleine dazustehen…
    In einem Lied heißt es, du weißt nicht, wie es ist, der eigene beste Freund zu sein…
    Unsere Gesellschaft sollte offener sein… Oft wird man ja auch für Dinge gehänselt, für die man gar nichts kann… Kinder können grausam sein.. Und die Wunden hinterlassen Narben, die ein Leben lang schmerzen…

    • Das Zitat aus dem Lied, liebe Ronja, könnte sehr gut in das Buch und das Projekt passen.

      Es ist eine so wichtige Botschaft, sich selbst zu mögen und sein eigener Freund zu sein.

      Dazu gehört alle Stärke der Welt und ein großer Wille, aber das strahl vielleicht auf diejenigen ab, die sich verschließen.Und das ihr Leben lang.

      Mir hat dieses buch so sehr die Augen geöffnet und die Sinne geschärft. Das gemeinsame Lesen mit meiner Tochter war ebenso wichtig, weil bei ihr gedanken freigesetzt wurden, die für mich sehr wichtig war.

      Es ist nämlich umgekehrt ein schönes Gefühl, zu wissen, dass ein Mädchen, das sehr lange sehr krank war nicht ausgegrenzt wird.

      Auch das muss man thematisieren und schätzen. Es spricht für die innere Schönheit ihrer Freunde.

  2. Während ich deinen neuen Artikel hier lese, kommen ganz leise ein paar Tränchen. Ein so schweres Thema in ein Bilderbuch verpackt – für mich unglaublich…ich habe lange in der Schule unter Mobbing gelitten. Es war eine verdammt harte Zeit und es gab für mich anfangs keinen Ausweg. Irgendwann wurde es zum Thema, es wurde lange darüber geredet, es gab Treffen mit den Tätern, es gab Entschuldigungen – doch all dies kann niemals das wieder gut machen, was angerichtet wurde. Die Seele bekommt einen kleinen Knacks, sich davon zu erholen ist sehr schwer und es hat sehr sehr lange gedauert, bis ich überhaupt wieder das Gute im Menschen sehen konnte…du kennst mich, weißt wie ich bin, doch lange war das nicht so….da war ich ganz anders. Ich bin froh, dass ich dahingend wieder zu mir gefunden habe, auch wenn ich noch heute oft unsicher bin und mein Selbstwertgefühl immer wieder mal im Keller ist…
    Meine Erlebnisse waren auch der Grund, warum ich fast 500km weit weg nach Bayern gegangen bin….dort war ich frei und konnte alles hinter mir lassen….jetzt, wo ich wieder hier bin, kommen manchmal auch die Gedanken und Erinnerungen zurück….ich kann mit ihnen umgehen – auch wenn es schwer fällt. Und es ist ja nicht für immer…
    Ich hätte dieses Buch bestimmt alleine nicht gefunden….daher Danke, auch für deine einfühlsamen Worte…bin sehr neugierig auf das Buch und habe es mir notiert…du weißt, dass ich mich melde, wenn ich es gelesen und verarbeitet habe…

    • Liebe Verena,

      ich habe erst durch dieses Buch richtig verstanden,welche Kriege später im Leben toben, wenn man früher Opfer von Ausgrenzung war.

      Dieses Buch geht so zartfühlend mit Menschen um… es definiert Schönheit aus anderer Scith… es ist einfach ergreifend und ein Weckruf zugleich.

      Dieses Projekt ist unglaublich. Ja, Verena, ich habe das Vergnügen Dich kennen zu dürfen.

      Ich kenne Dich als lebenslustigen aber eben auch sehr nachdenklichen Menschen. Du hast sicher einen Weg gefunden, auch wenn es schwer war und auch noch bleibt.

      Deine offenen Worte sind für andere vielleicht genau die Tankstelle, von der dieses Buch spricht.

      Finde Deine Stimme und erhebe sie…

      Danke… fühl Dich gedrückt

      Arndt

      • Mir war das auch lange überhaupt nicht klar, wie sehr mich das so lange begleiten wird…. Ich habe die Entschuldigungen akzeptiert, wollte vergeben und vergessen und es gelang mir nicht…es schwingt immer mit. Und das ist uns einfach nicht klar, wenn wir mal ein Witz auf Kosten anderer machen, andere ausgrenzen oder ignorieren. Wie oft habe ich den Satz gehört „Stell dich nicht so an. Es ist doch nur ein Scherz.“?!?…NEIN, ist es nicht und wird es nie sein!!!…toll, dass es dieses Buch gibt. Die Menschen müssen wachgerüttelt werden, was sie mit Worten anrichten….
        Lilly Lindner hat in einem ihrer Bücher geschrieben: „Schönheit ist das, was wir sehen, wenn wir aufhören, nach etwas zu suchen, das schöner ist.“…da ist was Wahres dran….
        Danke fürs Drücken – tut gut! Wünsche dir einen schönen Abend…

      • Viele Deiner Botschaften findest Du im Buch. Auch die Verharmlosungen… Kinder sind so und das ist nicht so schlimm…und dann wird eindringlich gezeigt, was es heißt, jeden Tag unter solchen „Scherzen“ leiden zu müssen…

        Wenn es gut tu, dann drück ich gerne erneut 😉

      • Ich sitze hier….und weine und du bist schuld 😉 …aber es tut gut und dann ist es in Ordnung. Das Buch ist der Wahnsinn…ganz ehrlich. Ich danke dir sooooo sehr….dieses Buch braucht Zeit und Aufmerksamkeit – jede Seite gibt`s so viel zu entdecken…..wow!

      • Ich lege dafür meine Hand ins Feuer… die Seite mit den beiden Kindern, die Schönheit als Mutter definieren und alle Verletzungen und ach… einfach alles.

        Es ist so außergewöhnlich… und eben sehr bewegend…

        Es geht mir nicht aus dem Kopf und aus dem Herzen erst recht nicht…

        Danke für deine emotionalen Zeilen…

  3. Hm, gelesen… nachdenklich. Ich hab ja gestern schon geschrieben, dass es genau mein Thema ist. Seit ich denken kann, immer und immer wieder. Dachte ich es ist endlich vorbei und geschafft fing es von vorn an. Alptraum… 😦

    • Genau das wird vom Buch aufgegriffen. Die lang anhaltenden Nachwirkungen dieser Ausgrenzung, aber ich finde, dass hier der Zauber verborgen liegt. Die Betroffenen sind noch da, sie können ihre Stimme erheben und anderen helfen…

      • Ich weiss nicht, ich glaube dazu müsste ich es erstmal selbst verarbeiten. Im Moment fühle ich mich dazu glaub noch nicht in der Lage, ein Thema das ich eigentlich nie angefasst hab in der Therapie, nicht weil ich nicht wollte, sondern weil es soviele Baustellen bei mir gibt.

  4. Pingback: “Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek” – David Whitehouse | AstroLibrium

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